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Sophia Schlette, Kerstin Blum u.a. (Hrsg.): Im Blickpunkt. Gesundheitspolitik in Zeiten der Krise [...]

Cover Sophia Schlette, Kerstin Blum, Reinhard Busse (Hrsg.): Im Blickpunkt. Gesundheitspolitik in Zeiten der Krise, Wettbewerb und Regulierung, Evaluation im Gesundheitswesen. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2009. 165 Seiten. ISBN 978-3-86793-060-4. 20,00 EUR, CH: 35,50 sFr.

Reihe: Gesundheitspolitik in Industrieländern - 13.
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Thema

Die Veröffentlichung zeigt am Beispiel ausgewählter Industrieländer, welche Gesundheitspolitik sie in den Zeiten der Krise ( Herbst 2008 bis Frühjahr 2009) auf verschiedenen Feldern verfolgt haben, um krisenhaften Entwicklungen in ihren Gesundheitssystemen zu begegnen und Reformchancen wahrzunehmen. Ziel einer solchen Übersicht (und natürlich der ganzen Publikationsreihe) ist es, die Neuigkeiten und Erfahrungen aus dem Ausland für die Reformdiskussion in Deutschland nutzbar zu machen.

Entstehungshintergrund

Seit dem Jahre 2002 existiert das von der Bertelsmann Stiftung betreute Internationale Netzwerk Gesundheitspolitik, in dem gesundheitspolitische Experten aus inzwischen 20 Ländern zusammenarbeiten und regelmäßig über aktuelle Themen und Entwicklungen der Gesundheitspolitik berichten. Durch einen kritischen Blick über den Tellerrand wird systematisch nach auf Deutschland übertragbaren Erfahrungen, Projekten und Modellen gesucht.

Aufbau

In 6 Kapiteln wird aus unterschiedlichen Ländern zu folgenden Themen berichtet:

  1. Krise oder Chance? Gesundheitspolitik oder Finanzdebakel
  2. Wettbewerb und Regulierung: Wie das Gleichgewicht finden?
  3. Evaluierung: Immer noch das Stiefkind
  4. Krankenhäuser: Wie mit dem Umfeld verknüpfen?
  5. Prävention? Na klar. Bloß wie?
  6. Gerechtigkeit im Gesundheitswesen-Lippenbekenntnis oder mehr?

Jedes Kapitel wird problemorientiert eingeleitet und gibt Literatur- und Linkhinweise. Auch die jeweils in den Kapiteln dargestellten Handlungsbeispiele haben solche Hinweise zu weiterführenden Informationen.

Es folgt eine umfassende Information über das Internationale Netzwerk Gesundheitspolitik (Mitglieder, Vorbereitung und Vorgehen der Berichterstattung, etc.)

Ein Reformverzeichnis, das eine Übersicht über die gesamte bisherige Berichtspraxis (Bände 1 bis 13) gibt, listet auf, aus welchen Ländern mit welchen Themen berichtet wurde und welche Themen aus welchen Ländern Gegenstand von Berichten waren.

Hinweis: Sämtliche bisher erschienenen Publikationen können auf der Website des Netzwerkes eingesehen werden:www.healthpolicymonitor.org

Inhalt

Im ersten Berichtsschwerpunkt -Krise oder Chance?- werden die Krisenantworten von Estland, Österreich und der USA vorgestellt:

Estland antwortet auf die Finanzkrise mit großen Einschnitten bei den öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitswesen. Vier Reformen sind es, die alle auf mehr Einkünfte oder weniger Ausgaben zielen und die sehr unpopulär sind:

  • höhere Arzneimittelpreise
  • Arbeitszeiterhöhung ohne Lohnausgleich
  • mehr unbezahlte Karenztage im Krankheitsfall
  • Kürzung der Mittel für die nationale Krankenkasse

Eine andere Antwort auf die Wirtschaftskrise zeigt Österreich: Bei gleichzeitiger Verfolgung einer Kostendämpfungspolitik wird ein mit 100 Millionen Euro ausgestatteter neuer Stiftungsfonds eingerichtet, mit dem das Gleichgewicht in den Krankenkassen-Etats unterstützt und unter anderem die integrierte Versorgung gefördert werden soll. Der Fonds dürfte letztendlich ein wichtiges Instrument der Bundesregierung werden, die vormals autonomen Krankenkassen zu steuern.

Abgesehen von der Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung geht die USA mit der Verabschiedung des „Genesungs- und Investitionsgesetzes“ in der Krise den Weg, neue Finanzmittel bereit zu stellen und die Gesundheitsinformationstechnologie und die vergleichende Nutzenbewertung –Nutzen oder Schaden einer Untersuchung oder Behandlung im Vergleich mit anderen Therapieformen- umfassend zu fördern.

Schon dieser kurze Überblick über die verschiedenen gesundheitspolitischen Möglichkeiten, auf ein globales Finanzdebakel zu reagieren, führt die Wichtigkeit und Fruchtbarkeit der vergleichenden Politikanalyse vor Augen: Von einer Politik der Leistungskürzungen über die finanzielle Konsolidierung und Steuerung der Krankenkassen bis hin zu gesundheitspolitischen Investitionsmaßnahmen reicht das Handlungsspektrum in den ausgewählten Industrieländern. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, Herausforderungen zu begegnen.

Ein anderer Berichtsschwerpunkt befasst sich mit der Evaluierung gesundheitlicher Reformmaßnahmen. Je komplexer und ambitionierter das Reformpaket, desto schwieriger ist das Erfassen von Wirkungen, so heißt es in der Einleitung. Vielleicht sind es diese in der „Sache“ liegenden Schwierigkeiten, die die Evaluation zum Stiefkind der Gesundheitsreform-Familie machen? In diesem Kapitel werden eine Reihe von Evaluationsmaßnahmen zur Wirkung von Reformen vorgestellt. Die ausgewählten Evaluationsthemen befassen sich mit integrierter Versorgung (Kanada), mit der Primärversorgung (Neuseeland), mit der Frage der Pflegeschlüssel (USA), mit einem Krebsplan (Frankreich) und mit der Qualität aufsuchender Primärversorgung (Israel).

Gerade das letztgenannte, mit guten Evaluationsergebnissen einhergehende Modell der aufsuchenden Primärversorgung mit seiner Identifizierung von Patienten mit Versorgungsbedarf zeigt einen Weg, wie einer Unterversorgung bestimmter Gruppen abgeholfen werden kann. Was allgemein die Frage nach der gesundheitlich ungleichen Versorgung und der sozialen Gerechtigkeit angeht, so sind in den einzelnen Kapiteln dieser Veröffentlichung noch weitere Projekte und Modelle vorgestellt und bewertet. So die in Frankreich eingerichteten urbanen Gesundheitsnetzwerke, die mittlerweile auf eine Zahl von 300 kommen und eine Richtung anzeigen, die eingeschlagen werden sollte, wenn man es mit dieser Frage ernst meint. Zur Verdeutlichung hier die Hauptziele dieser Netzwerke:

  • den örtlichen Gesundheitsbedarf und die ortstypischen Gesundheitsrisiken ermitteln,
  • die verschiedenen Akteure im Gesundheits- und Sozialwesen zu mobilisieren und zu medizinisch- sozialen Netzwerken zusammenfassen,
  • sicherzustellen, dass alle Bedürftigen Zugang zu medizinischen Diensten haben,
  • in allen Phasen des Projektes auf die aktive Beteiligung der örtlichen Bevölkerung zu achten, so bei der Feststellung des Bedarfs, der Festlegung von Prioritäten, beim Aufstellen von Plänen und bei deren Evaluierung.

Es werden natürlich in dieser Veröffentlichung in Bezug auf die einzelnen Themenfelder noch weitere interessante, zum Teil innovative gesundheitliche Initiativen dargestellt, deren Übertragbarkeit auf die deutschen Verhältnisse prinzipiell möglich, also bedenkenswert wäre und die hier nicht alle vorgestellt werden können.

Diskussion

Die Gesundheitsreformen in Deutschland sollten auf ein breites und solides Fundament gestellt werden, da sonst die Gefahr besteht, ausschließlich in den alten, durch Geschichte und Interessen vorgegebenen Pfaden zu verweilen und auf diesen Pfaden „Reformen“ zu machen; diese Befürchtung gilt nicht nur für die auf das gesamte Versorgungssystem oder auf wichtige Teilsysteme zielenden Reformbemühungen, sondern vor allem auch für die Reformierung einzelner Einrichtungen und Dienste. Hier hilft als Gegengift der systematische Blick auf die in anderen Industrieländern praktizierte Gestaltung der gesundheitlichen Verhältnisse und Institutionen, um eben die gedankliche und praktische Engführung von Reformen zu verhindern. Darin auch liegt die eigentliche Bedeutung dieser Veröffentlichung (und ihrer Vorläufer), dass sie aufgrund einer international ausgerichteten systematischen und themenorientierten Suche nach pragmatischen Lösungen für in Deutschland auf der Tagesordnung stehende Gesundheitsfragen forscht und dabei neue Perspektiven für die große Politik wie für den kleinen Verantwortungsbereich erschließt.

Fazit

Für alle diejenigen , die sich in ihrer Arbeit immer wieder gerne anregen lassen, die ehernen Verhältnisse nicht nur zum Reformtänzchen zu bringen, ist diese Veröffentlichung eine Lektüre wert.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 06.10.2010 zu: Sophia Schlette, Kerstin Blum, Reinhard Busse (Hrsg.): Im Blickpunkt. Gesundheitspolitik in Zeiten der Krise, Wettbewerb und Regulierung, Evaluation im Gesundheitswesen. Verlag Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) 2009. ISBN 978-3-86793-060-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9578.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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