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Helmut Schwalb, Georg Theunissen (Hrsg.): Inklusion, Partizipation und Empowerment in der Behindertenarbeit

Cover Helmut Schwalb, Georg Theunissen (Hrsg.): Inklusion, Partizipation und Empowerment in der Behindertenarbeit. Best-Practice-Beispiele: Wohnen - Leben - Arbeit - Freizeit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. 2. Auflage. 256 Seiten. ISBN 978-3-17-022530-5. 28,80 EUR.

Reihe: Heil- und Sonderpädagogik.
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Herausgeber und Adressaten

Die Herausgeber Helmut Schwalb (ehemals Hochschullehrer für Sozialarbeit/ Sozialpädagogik an der katholischen Fachhochschule Freiburg) und Georg Theunissen (Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik an der Universität Halle-Wittenberg) stellen einleitend fest, dass sich die Situation von Menschen mit Behinderungen in einem hochdynamischen Umbruch befindet, der durch die Begriffe Empowerment, Inklusion und Partizipation gekennzeichnet ist und wesentlich durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) neuen Auftrieb erhalten hat.

Ziel dieses Bandes ist es, die schon sehr elaborierten theoretischen Konzepte dem Wunsch von Praktikern entsprechend durch konkrete Beispiele gelungener Umsetzung („Best-Practice“) zu ergänzen.

Aufbau und Inhalte

Der Band ist nach einer Einführung der Herausgeber in vier Kapitel gegliedert:

  1. Wohnen und Leben in der Gemeinde
  2. Unbehindert am Arbeitsleben teilhaben
  3. Freizeit und Erwachsenenbildung für Menschen mit Lernschwierigkeiten
  4. Empowerment und Inklusion durch Positive Verhaltensunterstützung

Diese Kapitel beginnen jeweils mit einer theoretischen Einleitung, in welcher Konzeptionen und Handlungsansätze dargestellt werden. Diesen Einleitungen folgen in den ersten drei Kapiteln jeweils 4-6 praktische Beispiele, die von Mitarbeitern der jeweiligen Einrichtungen bzw. Initiativen vorgestellt werden.

Einführung – von der Integration zur Inklusion im Sinne von Empowerment

Den Unterschied zwischen „Integration“ und „Inklusion“ erläutern Theunissen und Schwalb durch einen Rückgriff auf die „Zwei-Welten-Theorie“ (behinderte und nichtbehinderte Menschen), die dem Integrationskonzept zu Grunde lag. Das Inklusionskonzept überwindet diese Sichtweise, indem es von einer Vielzahl heterogener Lebenswelten ausgeht, die ein gemeinsames Ganzes bilden. Eine wichtige Weiterentwicklung besteht außerdem darin, dass nicht mehr die individuelle Anpassung von Menschen mit Behinderungen verlangt, sondern strukturelle und institutionelle Änderungen gefordert werden, um allen Menschen eine uneingeschränkte Partizipation zu ermöglichen.

Inklusion bedarf zu ihrer Umsetzung des „Empowerment“ im Sinne einer Orientierung an Ressourcen und Stärken statt an Defiziten sowie einer aktiven Partizipationskultur, in der Menschen mit Behinderungen als „Experten in eigener Sache“ akzeptiert und aktiv in die Gestaltung ihrer Lebensbedingungen einbezogen werden.

1 Wohnen und Leben in der Gemeinde

in seinem einleitenden Beitrag stellt Theunissen den Wandel vom „Zwei-Klassen-System“ zu Konzepten der Normalisierung, Deinstitutionalisierung und Autonomie dar, die in Deutschland erst in den letzten 35 Jahren – ausgehend von Menschen mit Körper-und Sinnesbehinderungen – zu einem Wandel im Sinne selbstbestimmten Lebens in gemeindenahen Wohnungen geführt hat.

Die in Deutschland auch heute noch überwiegende Unterbringung in Heimen ist nicht mit der UN-BRK vereinbar, die in § 19 ausdrücklich feststellt, dass kein Mensch mit einer Behinderung gegen seinen Willen in einer Institution untergebracht werden darf. Deswegen werden im folgenden Best-Practice-Beispiele vorgestellt, welche die in Deutschland noch übliche Unterscheidung zwischen stationärer und ambulanter Betreuung durch kleinere Wohneinheiten obsolet machen und zudem für eine bessere Einbindung in die Wohnumgebung sorgen.

Zwei Beispiele aus Nordrhein-Westfalen zeigen, wie Einrichtungen aufgelöst und Menschen mit Behinderungen – unterstützt durch Beratungsangebote – dezentral untergebracht werden können.

Die evangelische Hephata-Stiftung mit zwei großen Heimen in Mettmann und Mönchengladbach hat mit diesem Wandel Mitte der 90er Jahre begonnen, sich von einer „totalen Institution“ mit Zentralküche, ärztlichem Dienst, Wohnhäusern und sogar eigener Kirchengemeinde und eigenem Friedhof verabschiedet und dezentrale Wohneinheiten mit ambulanten Angeboten geschaffen. Heute wohnen 1007 Personen in 17 Orten des Rheinlands in Häusern, in denen im Durchschnitt zehn Personen leben.

In einem besonderen Projekt hat die Stiftung zudem eine Elterninitiative unterstützt, die ihren Kindern die Abnabelung vom Elternhaus durch den Einzug in eigene Apartments ermöglichen wollte. Von der Idee bis zur Umsetzung für acht Personen vergingen sieben Jahren mit zahlreichen Auseinandersetzungen mit den zuständigen Behörden.

Ähnlich ist der Landschaftsverband Rheinland verfahren, der seit 2006 ein Netzwerk Heilpädagogischer Hilfen aufgebaut hat und damit Reformen vorangetrieben hat, die unter dem Leitprinzip „Enthospitalisierung“ (Ausgliederung von Behindertenbereichen aus psychiatrischen Krankenhäusern), Deinstitutionalisierung und Dezentralisierung stehen. Mit der Bereitstellung ambulanter Wohnplätze war auch Gemeinwesensarbeit durch Schaffung sozialer Kontakte verbunden, wodurch sich die Rolle der Mitarbeiter verändert hat. Sie sind zu Brückenbauern, Vorbildern und Anleitern geworden, die Kontakte in die Gemeinde vermitteln.

Einen etwas anderen Weg ist die „Aktion Menschenstadt“ (der Begriff wurde bewusst als Abgrenzung gegen die damalige „Aktion Sorgenkind“ gewählt, um die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen zu verdeutlichen) gegangen. Im Rahmen familienentlastender Dienste betreibt diese Aktion zwei Stadtteilcafés, die für eine Stadtteilkultur stehen, in der nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch Menschen aus der „Dritten“ Welt einbezogen werden.

Sie hat bewusst nicht nur Professionelle, sondern auch nicht-professionelle Hilfskräfte in der Arbeit eingesetzt, um dem Anspruch der Krüppelbewegung Rechnung zu tragen, als „Experten für den eigenen Hilfebedarf“ nicht durch Professionelle bevormundet zu werden. Zu diesen Hilfskräften zählen neben Mitarbeitern im Zivildienst und im Freiwilligen Sozialen Jahr auch Arbeitslose, Berufseinsteiger oder Flüchtlinge/Einwanderer, weil so durch Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen Brücken für Menschen mit Behinderungen gebaut werden können.

Die Wandlung eines großen Behindertenverbandes wird am Beispiel der Lebenshilfe in Baden-Württemberg dargestellt. Die Lebenshilfe hat nach ihrer Gründung in den fünfziger Jahren nach selbstkritischer Einschätzung der Verfasser zunächst Sondereinrichtungen in allen Lebensbereichen gegründet und damit eher „Inseln geschaffen als Brücken gebaut“ (S. 93). Ein deutlicher Wandel hat sich nach dem Kongress der Bundesvereinigung 2003 in Dortmund mit dem Titel „Wir wollen mehr als nur dabei sein“ vollzogen. Nach einigen Auseinandersetzungen wurden durch Satzungsänderungen für Betroffene Sitze in den Vorständen reserviert und damit Mitbestimmungsrechte erweitert.

Zahlreiche Aktivitäten auf lokaler Ebene haben die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen im Gemeinwesen verbessert: so bietet die Lebenshilfe Zollernalb in einem Imbisswagen regionale Küche unter der Bezeichnung „Kuli-CAP – ein kulinarischer Service von Menschen mit einem Handikap“ an. In Reutlingen wurde ein leicht verständliches Leitsystem für den öffentlichen Nahverkehr entwickelt. So ist z. B. auf der Anzeige der Linie 4 ein Fußball abgebildet, da dieser Bus in Richtung Stadion fährt.

2 Unbehindert am Arbeitsleben teilnehmen

Helmut Schwalb stellt einleitend fest, dass nicht die individuelle Behinderung ursächlich für den bisherigen Ausschluss vom ersten Arbeitsmarkt ist, sondern strukturelle Hindernisse bestehen, die u.a. durch folgende Maßnahmen überwunden werden können:

  • Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Menschen mit und ohne Behinderung durch Assistenz, Zusammenarbeitstraining und Entwicklung einer inklusiven Arbeitskultur
  • Abbau struktureller Hindernisse durch Arbeitsplatzentwicklung
  • Verstärkte Vorbereitung der Mitarbeiter in den Werkstätten für behinderte Menschen für den ersten Arbeitsmarkt durch Außenarbeitsplätze für Einzelpersonen oder Gruppen.

Praxisbeispiele, die diese Kriterien umsetzen, finden sich in unterschiedlichen Projekten:

in München wurde auf Initiative von Eltern, deren Kindern nach Besuch einer integrativen Montessorischule keine Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt hatten, 1985 der Verein „Cooperative Beschützender Arbeitsplätze“ gegründet, der Perspektiven für Menschen mit geistiger Behinderung sowie starker Lernbehinderung eröffnen wollte. Da trotz Beratung und Arbeitsassistenz viele Firmen Vorbehalte hatten, wurde sehr schnell klar, dass eigene Firmenprojekte entwickelt werden mussten. Begonnen wurde 1989 im Müllentsorgungsbereich, wo Containersammelstellen gereinigt und biologische Abfälle auf dem Gelände von Wohnhäusern fachgerecht kompostiert wurden. Später kamen eine Reinigungsfirma und Restaurants hinzu. Wichtig war neben einer Vermeidung von Überforderung vor allem die ortsübliche Bezahlung, die gewährleistet werden konnte. Diese Projekte haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Wahrnehmung der Leistungsfähigkeit von Behinderten in der Öffentlichkeit verbessert werden konnte.

Einen etwas anderen Weg konnte knapp 20 Jahre später die im Jahr 2004 in Saarbrücken als Bundesmodellprojekt für psychisch behinderte Menschen gegründete „Virtuelle Werkstatt Saarbrücken“ gehen, die über keine eigenen Produktionsstätten und Dienstleistungen verfügt. Sie ermöglicht diesem Personenkreis, der aus gesundheitlichen Gründen noch nicht wieder voll erwerbstätig sein kann, den Einstieg in reguläre Betriebe des ersten Arbeitsmarkts. Nach Prüfung der fachlichen und persönlichen Voraussetzungen arbeiten diese Menschen je nach Belastbarkeit zwischen zwei und sechs Stunden am Tag. Als positiv hat sich nach einer Evaluation vor allem der stabilisierende Effekt für die betroffenen Mitarbeiter herausgestellt.

Den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt geht auch die „Pirminius gGmbH“ im Raum Pirmasens-Zweibrücken, eine Tochtergesellschaft der Pirminius Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Am Beispiel von zwei Männern mit unterschiedlichen Einschränkungen und unterschiedlichem Sozialverhalten wird der Weg in einen Betrieb auf dem ersten Arbeitsmarkt dargestellt. Dieser verlief so erfolgreich, dass die beiden nach einem halben Jahr in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse übernommen werden konnten und den ortsüblichen Bruttolohn erhielten. Dadurch wurde ihr Selbstbewusstsein erheblich gestärkt.

Einen weiteren Weg der Einbeziehung stellen sozialwirtschaftliche Integrationsfirmen dar. So wurde 1999 in Herrenberg der erste „CAP-Lebensmittelmarkt“ eröffnet. CAP ist eine Verkürzung des Wortes Handicap. Inzwischen gibt es bundesweit 60 solcher Märkte.

Wesentlicher Bestandteil der Integration ist das Publikum des Marktes, das die mit Werkstätten oft verbundene Abschottung von der Öffentlichkeit beendet. Auch dies empfinden die Mitarbeiter als Aufwertung ihrer Person.

Ähnlich konzipiert ist das Projekt „Hofgut Himmelreich“ (Gasthof in Kirchzarten), wo seit 2004 13 versicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit geistiger Behinderung geschaffen wurden. Hervorzuheben ist hier das Konzept einer „Wertschätzenden Personalentwicklung“, das auch auf Gäste und Lieferanten ausstrahlt. Es beinhaltet, dass nicht in Schwierigkeiten, sondern in Möglichkeiten gedacht wird und Vertrauen, Förderung von Selbstvertrauen und Anerkennung des Erreichten im Mittelpunkt stehen und die Basis für eine Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten bilden. Dieses wertschätzende Konzept hat dazu geführt, dass auch die Mitarbeiter mit geistiger Behinderung dem Arbeitsstress standhalten konnten und nicht häufiger krank sind als ihre nichtbehinderten Arbeitskollegen.

Den Abschluss dieses Kapitels bildet ein Projekt der Malteserschlossschule Heitersheim, die nach Vorerfahrungen mit Betriebspraktika 2002/2003 das Projekt „Arbeitsplatzreife – Lernen im Leben“ begonnen hat, in welchem Schüler mit geistiger Behinderung und Schüler von Förderschulen in zahlreichen Unternehmen im Raum Freiburg mindestens sechs Monate lang für drei Tage in der Woche mitgearbeitet haben. An den verbleibenden zwei Tagen wurde der Theorieteil für jeden Schüler unterschiedlich angeboten. Dieser Unterricht fand nicht in den Schulen, sondern in Schulungsräumen eines Unternehmens statt, um die Teilnehmer mit nichtbehinderten Berufsschülern gleichzustellen.

Das Projekt war sehr erfolgreich, weil 66 % der Teilnehmer einen sozialrechtsversicherungspflichtigen Arbeitsplatz angeboten bekamen und alle dort noch immer beschäftigt sind.

3 Freizeit und Erwachsenenbildung für Menschen mit Lernschwierigkeiten

Freizeitbedürfnisse von behinderten und nichtbehinderten Menschen unterscheiden sich nach Reinhard Markowetz nicht. Für Menschen mit (geistigen) Behinderungen können jedoch Freizeitprobleme durch Mobilitäts-und Kommunikationseinschränkungen entstehen. In der Tourismusbranche hat dies dazu geführt, dass der Marktanteil mit nur 3 % deutlich unter dem Anteil an der Bevölkerung liegt. Abhilfe könnte eine Reiseassistenz schaffen, die jedoch zusätzliche finanzielle Mittel erfordert.

Die Situation in der Erwachsenenbildung war lange Zeit ebenso wie im schulischen Bereich durch Separation („Sondererwachsenenbildung“) bestimmt. Andere Modelle wie Kooperation von Behindertenhilfe und Einrichtungen der allgemeinen Erwachsenenhilfe, Kurse für Menschen mit Behinderungen (Zielgruppenmodell) in Einrichtungen der allgemeinen Erwachsenenbildung und integrative Angebote sind erst im Aufbau.

Die folgenden Best-Practice-Beispiele versuchen, die bisher dominierenden getrennten Angebote zu durchbrechen.

Das saarländische Projekt „Freizeit Inklusive“ der saarländischen Landesarbeitsgemeinschaft „Miteinander Leben Lernen e. V.“ wurde Anfang 2003 mit Unterstützung der Aktion Mensch gegründet. Ziel war es, die bereits vorhandenen Regelstrukturen im Freizeitbereich (Pfadfindergruppen, Musikschulen, Sportvereine und Ferienangebote für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) nutzbar zu machen, indem deren Mitarbeiter beraten und geschult und zusätzliche Honorarkräfte als Freizeitassistenten akquiriert werden. Die Bilanz nach sechs Jahren sieht so aus, dass Inklusion nur zum Teil erfolgreich war. Schwierigkeiten gab es insbesondere bei Ferienmaßnahmen, weil hier die Interessen häufig sehr unterschiedlich sind. So kann man nichtbehinderte Jugendliche kaum mit einem Aufenthalt in einem nahe gelegenen Schullandheim locken. Für einen Flug nach York bedarf es dagegen eines hohen Maßes an Überzeugungsarbeit bei Müttern der behinderten Jugendlichen.

Über langjährige Erfahrungen mit der Integration von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen verfügt dagegen die Katholische Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg, die ihre Gruppen und Angebote schon in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts zunächst für Kinder mit körperlichen Behinderungen, später auch mit geistigen und Lernbehinderungen geöffnet hat. Schon der Gründer der Pfadfinder, Lord Baden-Powell hat mit seiner Forderung: „Look at the boy – look at the girl“ verlangt, dass jedes Kind für sich individuell betrachtet werden muss und nicht durch pauschalierende Denkmuster in Schablonen gepresst werden darf. Mit Unterstützung des Fachreferates Behindertenarbeit gelingt es in der Regel auch, häufig von Gruppenleitern gestellte praktische Fragen zu lösen wie: Kann ein Rollstuhlfahrer auf aufgeweichten Schlammwegen fahren?

Ähnlich positive Erfahrungen hat der Arbeitskreis Behinderte an der Christuskirche des Diakonischen Werkes Freiburg i.Br. gemacht. Dessen inklusive Arbeit geht auf eine Initiative von jungen Menschen mit geistiger Behinderung und ihren Eltern zurück, die den Konfirmandenunterricht für diesen Personenkreis öffnen wollten. Daraus entstanden in der Folgezeit offene Angebote für Menschen mit und ohne Behinderungen, an deren Durchführung sowohl hauptamtliche (Sozialpädagogen) als auch ehrenamtliche Mitarbeiter beteiligt waren. Neben Freizeitgruppen, die sich wöchentlich zum Spielen, Tanzen oder Basteln treffen, werden auch mehrtägige Gruppenfreizeiten organisiert sowie eine Theatergruppe und eine Band für Rock-und Popmusik angeboten. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Erfolge dann besonders groß sind, wenn die Gruppen sich über einen längeren Zeitraum regelmäßig treffen und so zusammenwachsen.

Dem Bildungszentrum (Volkshochschule) der Stadt Nürnberg, das als einzige Institution der Erwachsenenbildung in diesem Band aufgenommen wurde, ist es gelungen, zahlreiche Barrieren abzubauen, die den Zugang von Menschen mit Behinderungen zu Weiterbildungsangeboten erschweren:

  • Für Menschen mit Sehbehinderung wurde ein Internetauftritt mit auditiven Informationen geschaffen.
  • Ein unentgeltlicher Fahrdienst ermöglicht mobilitätseingeschränkten Personen die Teilnahme.
  • Durch Ermäßigung der Beiträge können auch Mitarbeiter von Werkstätten für Menschen mit Behinderungen teilnehmen.

Die Didaktik des inklusiven Angebotes orientiert sich an den unterschiedlichen Voraussetzungen der Teilnehmer und sieht Wahlmöglichkeiten und vielfältige Methoden vor. Durch Assistenten und Teamteaching ist eine Binnendifferenzierung des Angebotes möglich.

Dennoch werden die inklusiven Angebote überwiegend von Menschen mit Behinderungen angenommen. Für die Teilnahme von mehr Nichtbehinderten müssen offenbar noch „Barrieren in den Köpfen“ abgebaut werden.

4 Empowerment und Inklusion durch Positive Verhaltensunterstützung

Den Abschluss des Bandes bildet ein Beitrag von GeorgTheunissen, der das in den USA entwickelte Konzept des „Positive Behavioral Support“ vorstellt. Da bis zu 40 % aller Menschen mit Lernschwierigkeiten zusätzliche Verhaltensauffälligkeiten („herausforderndes Verhalten“) aufweisen, ist es notwendig, ein dem Inklusionsverständnis gemäßes Konzept zu finden, dass eine Lösung für diese Probleme bietet. Die „Positive Verhaltensunterstützung“, eine Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie, ist insofern geeignet, als sie auf aversive Methoden wie Bestrafung oder Time-out verzichtet und stattdessen an einem Menschenbild orientiert ist, dass die individuellen Stärken in den Mittelpunkt stellt und den Abbau von Verhaltensauffälligkeiten mit einer persönlichen Lebensstil- und Zukunftsplanung verbindet. Zum Konzept gehört auch eine Veränderung der auslösenden Bedingungen, damit störendes Verhalten nicht mehr auftritt. Am Praxisbeispiel eines autistischen jungen Mannes wird gezeigt, dass durch ein breit angelegtes Konzept zur Verbesserung von Lebensqualität Fehlverhaltensweisen abgebaut werden können.

Diskussion

Durchgängiges Muster in in den Praxisbeiträgen ist, dass

  1. die Initiative zu Veränderungen in den meisten Fällen von Sondereinrichtungen bzw. Behindertengruppen und -verbänden ausgeht (die Pfadfinder sind eine löbliche Ausnahme) und
  2. die Widerstände gegen eine Öffnung für Menschen mit Behinderungen in den Regeleinrichtungen nach wie vor groß sind.

Dies führt in vielen Fällen zu Zwischenlösungen wie der Gründung von sozialen Betrieben, die wie die CAP-Lebensmittelmärkte einer breiten Öffentlichkeit deutlich machen, dass Menschen mit Behinderungen leistungsfähige und sozial kompetente Mitarbeiter sind. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz von Menschen mit Behinderungen. Die Gefahr dieser Zwischenlösungen besteht jedoch darin, dass der Druck auf Regelbetriebe nachlässt, sich im Sinne des z.B. in den angelsächsischen Ländern üblichen „customized employment“ (Arbeitsplätze werden an die Fähigkeiten der Menschen mit Behinderungen angepasst) zu öffnen. Dieser Gefahr kann nur durch permanenten öffentlichen Druck auf Politik und Arbeitgeber begegnet werden.

Die Notwendigkeit von Öffentlichkeitsarbeit zeigt sich auch beim Bildungszentrum Nürnberg, dessen inklusive Angebote der Erwachsenenbildung von Nichtbehinderten nur unzureichend angenommen werden. Wenn Deutschland – wie die skandinavischen Länder – schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit Integration und Normalisierung begonnen hätte, wären Berührungsängste und Barrieren in den Köpfen sicher nicht mehr so stark ausgeprägt.

Positiv ist zu werten, dass Behindertenvereinigungen wie die Lebenshilfe ihren Widerstand gegen die Inklusion aufgegeben haben, die auch von ihnen die Auflösung ihrer Sondereinrichtungen verlangt. Auch hier muss der Prozess kritisch begleitet werden, wie die vom Landesverband Baden-Württemberg berichteten Widerstände gegen eine stärkere Repräsentanz von Menschen mit Lernschwierigkeiten in den Gremien zeigen.

Fazit

Der Band wird seinen Anspruch gerecht, theoretische Konzepte der Umsetzung von Inklusion durch gelungene Beispiele aus der Praxis zu ergänzen. Praktiker in inklusiven Projekten erhalten viele Anregungen zur Verbesserung ihrer Arbeit. Insbesondere umstellungswillige Geschäftsführer und Praktiker in Sondereinrichtungen (Heime und Werkstätten) können von den Beispielen gelungener Öffnung profitieren und Anstöße für strukturelle Änderungen erhalten. Die Praxisbeispiele zeigen, dass sich ihre Arbeit zwar ändert (mehr Assistenz und Gemeinwesenarbeit), sie aber keinesfalls überflüssig werden.


Rezensent
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 28.03.2013 zu: Helmut Schwalb, Georg Theunissen (Hrsg.): Inklusion, Partizipation und Empowerment in der Behindertenarbeit. Best-Practice-Beispiele: Wohnen - Leben - Arbeit - Freizeit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. 2. Auflage. ISBN 978-3-17-022530-5. Reihe: Heil- und Sonderpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9580.php, Datum des Zugriffs 19.09.2017.


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