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Christoph Markschies: Was von Humboldt noch zu lernen ist

Cover Christoph Markschies: Was von Humboldt noch zu lernen ist. Aus Anlass des zweihundertjährigen Jubiläum der preußischen Reformuniversität. Berlin University Press (Berlin, Köln) 2010. 220 Seiten. ISBN 978-3-940432-81-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Von Humboldt und dem Humboldt Mythos

Beim römischen Schriftsteller Titus Maccius Plautus heißt es in seinem Amphitruo: „Nicht recht tut, wer, was er lernte einst, verlernt”. Doch das Memorieren von Geschichte, und damit das Anwenden ihrer Lehren ist nicht einfach ein Hervorholen verloren geglaubter Schätze aus einem Fundus an Weisheiten. Eine historische Perspektive einnehmen heißt immer auch, eine gegenwärtige Perspektive zu haben …

Die Universitäten erfüllen unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen – sie qualifizieren junge Menschen für einen speziellen Beruf, heben den allgemeinen Bildungsgrad der Gesellschaft, fungieren als Forschungseinrichtung, sind für viele junge Menschen die erste wirkliche Gelegenheit sich politisch zu betätigen und sie sind selbst ein Politikum.

Dieses Politikum lässt sich an den öffentlichen Diskussionen darüber verdeutlichen, wie wenig und wie schlecht es diesen Universitäten gelingt, die erwähnten Funktionen adäquat zu erfüllen. Als Schlagworte dafür, was schlecht oder ganz schlecht läuft (die Krisenmetapher gehört zu den Universitäten als Einrichtung, fast wie bei den Geisteswissenschaften) kommen immer wieder folgende Begriffe prägnant in die öffentliche Aufmerksamkeit – Exzellenz, Elite, Forschungsstandort, Brain Drain, Massenuniversität, Einheit von Forschung und Lehre, die Wissenschaft ist frei, usw.

Das Buch von Christoph Markschies greift die vermeintlich Humboldt‘schen Phrasen auf und nimmt sie zum Anlass, über die Möglichkeiten und Grenzen der Universitäten zu diskutieren. Das Humboldt‘sche Wissenschaftskonzept muss transformiert werden, um den Universitäten in der gegenwärtigen Zeit einen brauchbaren Impuls mitgeben zu können. Dieses Konzept wird anhand dreier Phrasen immer wieder ins Spiel gebracht:

  1. „Einheit und Differenzierung von Wissenschaft“ (S.194)
  2. „Einsamkeit und Freiheit“ (S.199)
  3. „Lehre und Forschung“

Christoph Markschies bleibt natürlich in seiner Analyse ganz Theologe – die Wahrheit liegt in der gedeuteten Vergangenheit, und diese Deutungen helfen uns dabei, der Gegenwart einen Sinn zu verleihen und unsere Lebenswirklichkeit zu verändern. Bei Mrkschies liest sich das freilich anders – zum einen ist es ihm wichtig auf die Vergangenheit als wichtige Ideenquelle zu verweisen – „Wenn wir mehr Universitätsgeschichte treiben würden, Wissenschaftsgeschichte treiben würden, wenn wir mehr Wissensgeschichte treiben würden, … geriete auch unsere Diagnose der gegenwärtigen Malaisen deutscher Universität präziser, würden uns die undifferenzierten Dekadenz- und Fortschrittsmodelle … im Halse stecken bleiben …“ (S.20) Zum anderen betont er, dass der Mittelweg, die via media, aus der richtig gedeuteten (ausgelegten) Vergangenheit besteht – „Kurz gesagt: Wer Universitätsgeschichte betreibt, versteht besser, warum notorischer Weltuntergangspessimismus so ermüdet und institutioneller Fortschrittsoptimismus so langweilig ist, begreift aber eben auch, warum die via media es zwar sehr schwer hat, in Wahrheit freilich der präzisere und intellektuell aufregendere Weg zwischen den Extremen hindurch ist, selbst wenn man die geistreichen Polemiker und die Extremisten hüben und drüben davon niemals überzeugen wird.“ (S.20)

Autor

Christoph Johannes Markschies (Jg. 1962) ist derzeitiger Präsident der Humboldt-Universität Berlin. Dieses Amt wird er noch dieses Jahr bekleiden – für eine weitere Periode wird er nicht mehr zur Verfügung stehen. Markschies ist ebenfalls Professor für Ältere Kirchengeschichte an dieser Universität. Daneben predigt er regelmäßig in Berlin. Er verfasste zahlreiche Bücher darunter das Buch: „Ist Theologie eine Lebenswissenschaft? Einige Beobachtungen aus der Antike und ihre Konsequenzen für die Gegenwart“ (2005).

In einer kleinen Selbstdarstellungen liest sich das so: „Der Autor … ist eigentlich Kirchenhistoriker und beschäftigt sich von Berufs wegen mit dem antiken Christentum im Kontext seiner religiösen, geistigen und politischen Umwelt.“ (S.213)

Reden zum Anlass der 200 Jahrfeier der Berliner Humboldt Universität

Die hier versammelten Reden sind ein Auszug aus der Vielfalt an Reden, die Christoph Markschies im Zusammenhang mit den Feiern zum 200-jährigen Bestehen der Humboldt-Universität in Berlin gehalten hat. In gewissem Sinne sind sie also Gelegenheitsaufsätze, und was der Philosoph Konrad Ott einmal über seine „Gelegenheitsaufsätze“ geschrieben hat, kann auch für die hier vorgelegten Reden geltend gemacht werden: „Jeder Text gehört daher einem bestimmten Kontext zu, während die Argumente, die in ihm enthalten sind, diesen Entstehungskontext ein Stück weit überschreiten sollen.“[1] Das Band zwischen den einzelnen Reden ist die Frage nach der Gestaltung der Institution Universität im gesellschaftlichen sowie im wissenschaftlichen Kontext. Markschies expliziert an der Geschichte der Berliner Humboldt-Universität, was für Reformen und Entwicklungsschritte der deutschen Universitätslandschaft gut tun würden.

Schleiermacher, Humboldt, Universität – Schwerpunkte in den Reden von Christoph Markschies

Die hier vorgelegten Reden sind weder in eine chronologische noch thematischen Ordnung gebracht. Einzig der erste Text stellt den thematischen Rahmen des Buches thesenhaft dar – die von Christoph Markschies hier angeführten elf Thesen bilden den Überbau seiner weiteren Bemühungen, und strukturieren die im gesamten Band verstreuten Argumente. Man kann sagen, dass die Explikation dieser elf Thesen einen großen Teil der Beiträge ausmachen.

Diese elf Thesen lauten: (S.7 ff.)

  1. „Der Humboldt-Mythos ist tot, es lebe Humboldt“
  2. „Humboldt ist aber nicht nur Humboldt“
  3. „Universitas litterarum heißt nicht viele kleinen Spezialschulen in einem Gebäude“
  4. „Universitas litterarum im Sinne des Berliner Projekts von 1810 war: Bemühung um das Ganze. Das bedeutet heute: Festgefahrende Dualismen überwinden“
  5. Sorgfältiger reformieren und vor allem wissenschaftsgeleiteter reformieren!“
  6. Das Modell der deutschen „Gremienuniversität“ außer Dienst stellen.“
  7. Die führenden deutschen Universitäten in Stiftungsuniversitäten umwandeln!“
  8. Die Allgemeingültigkeit des Modells der „Landesuniversität“ beenden!“
  9. Die deutschen Universitäten endlich internationalisieren“
  10. „Wenn es um Fragen von Forschung und Lehre geht: mehr Mut zum Risiko!“
  11. „Die deutsche Universität ist weder „im Kern gesund“ noch „im Kern verrottet„; sie muss erhebliche Probleme lösen, hat aber auch herausragende Wissenschaftler und engagierte Studierende, die auf Problemlösungen hoffen lassen.“

Im Folgenden soll nicht ausführlich auf alle hier umrissenen Themen eingegangen werden – herausgehoben werden folgende drei Fragestellungen, die einen guten Überblick über die Position von Christoph Markschies geben:

  1. Die Rolle des Theologen Friedrich Schleiermacher für die Gestaltung der Universität zu Berlin
  2. Die Gestaltung der Institution Universität
  3. Die gesellschaftliche Bedeutung der Universität

Ad 1. Schleiermacher‘s Ideen zu Bildung und Erziehung

Auch wenn das Buch den Titel trägt „Was von Humboldt noch zu lernen ist“, so sind es doch vor allem die theoretischen Vorarbeiten des Theologen Friedrich Schleiermachers, die schlussendlich der Berliner Universität ihre Struktur und Ausrichtung gegeben haben. In den einzelnen Reden hebt Christoph Markschies immer wieder heraus, welchen immanent wichtigen Beitrag Friedrich Schleiermacher zur Entwicklung der Institution Universität beigesteuert hat – dennoch: “ Natürlich geht es bei den vielfachen Bezügen auf Schleiermacher, die sich in diesem Band finden, nicht darum, die Leistungen Humboldts zu schmälern. Dessen Verdienst besteht vor allem darin, die in langen Texten explizierten Ideen der geistigen Väter der Berliner Universität in knappe und bei Politikern wirksame Memoranden umgegossen zu haben.“ (S.214/215, FN 2)

Diese vielfachen Bezüge auf Friedrich Schleiermacher beziehen sich vor allem auf dessen pädagogischen Schriften und Ideen.

Friedrich Schleiermacher (1768-1834), ebenso wie Christoph Markschies protestantischer Theologe, ging in seinen Schriften davon aus, dass es „Dem Theologen Schleiermacher verdankt die Humboldt‘sche Reformuniversität zwei wesentliche Grundprinzipien … Ein drittes Grundprinzip ist gemeinsames Gut einer ganzen Gruppe von Wissenschaftlern und Politikern die an der Gründung beteiligt waren.“ (S.114) Diese drei Prinzipien lassen sich so formulieren:

  1. Die Universität als ein mixtum compositum aus einer Bildungs- sowie Ausbildungseinrichtung
  2. Die Universität als mixtum compositum von individuellen Begabungen und Befähigungen
  3. Die Universität als mixtum compositum der wissenschaftlichen Fachdisziplinen

Die Universität soll also nicht nur als Forschungseinrichtung gesehen werden, sondern auch als Möglichkeit bestimmte Berufe zu erlernen. Die Universität profitiert vom Zusammentreffen der unterschiedlichsten Begabungen und Talente und schließlich befruchten sich die verschiedenen universitären Disziplinen in ihrer Arbeit.

Schleiermachers Erziehungs- und Bildungsverständnis lässt sich dabei so charakterisieren:

  • Auch wenn Bildung notwendigerweise ein individueller Prozess ist, so gelingt dieser Prozess doch nur in der Gemeinschaft – „Bildung ist Effektivität von Werden, nicht ein Prozess neben anderen, sondern der Prozess eigentlichen Menschwerdens.“ (S.117)
  • Erziehung bedeutet Erzeugung von Geist, und ist dabei stets auf die Einheit der Wissenschaft bezogen.
  • „Die enge Gemeinschaft Hochbegabter und durchschnittlich Begabter ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass jedes Individuum seine Anlagen möglichst gut entwickeln, seine Begabungen entfalten und gebildet werden kann, sich bilden kann.“ (S.119)

Christoph Markschies legt an vielen Beispielen in seinen Reden dar, wie aktuell die Ideen von Friedrich Schleiermacher sind, ohne dabei einer naiven Romantik, oder Sentimentalität zu verfallen.


Ad 2. Die Gestaltung der Universität als Institution

Die Universität ist eine gesellschaftliche Institution; eine notwendige Bildungseinrichtung, um den gesellschaftlichen Bedarf an gut ausgebildeten und gut gebildeten jungen Menschen zu decken. Das Humboldt‘sche Wissenschaftskonzept hat noch immer einen großen Anteil an der derzeitigen ideologischen Ausrichtung der deutschen Universitäten. Dieses Konzept lässt sich nach Christoph Markschies an Hand von drei Phrasen sehr gut umreißen:

  • Einheit und Differenzierung von Wissenschaft (S.194)
  • Einsamkeit und Freiheit (S.199)
  • Lehre und Forschung (S.201)

Markschies plädiert für eine radikale Transformation dieser Grundsätze – alles andere wäre „absurde Humboldt-Romantik“ (S.202) Aber auch die naive Rückkehr zu den Ideen Schleiermachers würde Markschies als absurde Romantik bezeichnen. Die Gestaltung der Institution Universität muss sich aber an bestimmten Leitideen orientieren – Markschies plädiert in Anlehnung an Humboldt und Schleiermacher dafür, die überkommenen deutschen Universitätsstrukturen zu reformieren (Stichwort „Gremienuniversität“ – These 6, Stichwort „Stiftungsuniversität“ – These 7, Stichwort „Landesuniversität„- These 8). Die deutschen Universitäten müssen an internationalem Profil gewinnen (eine Italienerin als Professorin für englische Literaturgeschichte, z.B.) und wissenschaftsorientierter strukturierter werden. Für Markschies bedeutet das eine schlankere Bürokratie des Wissenschaftsbetriebes, ein höherer Anteil an ausländischen Professoren und Studenten und eine mutigere Balance zwischen Forschung und Lehre.


Ad 3. Die gesellschaftliche Bedeutung der Universität

Christoph Markschies diskutiert die gesellschaftliche Bedeutung der Universität anhand eines historischen Beispiels – der Rolle des Agrarwissenschaftlers Konrad Meyer im Projekt „Generalplan Ost“[2], „der Entwürfe einer radikalen „Germanisierung“ der eroberten Ostgebiete durch Vertreibung oder Versklavung der Bevölkerung Osteuropas … durch massive neue deutsche Ostkolonisation.“ (S.131). Konrad Meyer war ein fachlich angesehener Agrarwissenschaftler auf der Humboldt Universität Berlin, der aber in einem Nahverhältnis zur NS-Ideologie stand – diese Ideologie war „die Grundlage seiner Forschung und Planung“ (S.144) In den von Markschies vorgelegten Zitaten wird diese Geisteshaltung auch dokumentiert: Meyer spricht darin von einer „totalen und nationalsozialistisch eindeutigen Weltordnung“ (S.145), einer „volkstummäßig bestimmten Siedlungsstrategie“ (S.145) und der „restlose [n] Verwirklichung zur nationalsozialistischen Tat“ (S.145).

Für Markschies Grund genug folgende Frage aufzuwerfen: „Wieso beteiligen sich Wissenschaftler an derartig verbrecherischen Planungen und warum glitten diese Forscher mit ihren Forschungen in die eindeutige Amoralität ab?“ (S.130) Die Antworten auf diese Fragen sucht er vor allem beim Individuum Konrad Meyer, und identifiziert drei Gründe[3]:

  • „Die Verführung ohne große Mühe und ohne nachhaltige Kontrolle alles erforschen zu können, was man schon immer erforschen wollte.“ (S.140)
  • Die „Ideologie des gesunden Bauernstandes„(S.142), des „gesunden Bauerntums“ (S.142), der Konrad Meyer anhängte.
  • Die „nationalsozialistische Ideologie“ (S.144), der sich der Agrarwissenschaftler verschrieben hat.

Markschies diskutiert den Fall Konrad Meyer nicht ohne einen Bezug zur heutigen Universität zu schaffen – für ihn gibt es drei sehr konkrete Zusammenhänge für die Gegenwart:

  • Besonders die wissenschaftlich Begabten sind in einem Wissenschaftssystem leicht zu verführen
  • Es gibt wissenschaftliche Disziplinen, in denen diese Verführbarkeit von Wissenschaftlern noch einmal etwas höher ist
  • Wir müssen gegenüber jeglicher Ideologisierung der Universitäten wachsam sein

Diskussion

Die Universitäten tragen eine große gesellschaftliche Bürde – die Verbindungen zwischen Wissen und Moral, zwischen Wissen und Menschwerdung, zwischen Wissen und politischer Verantwortung werden sehr eng gezogen. Christoph Markschies verabsäumt es leider, diese Verbindungen aufzubrechen, sie von ihrer ideologischen Notwendigkeit zu entkleiden. Die Universitäten sind nicht die einzigen Menschenbildungsanstalten[4], und Schleiermachers Rede von der Begabtenförderung bleibt sehr eng im universitären Rahmen verhaftet – individuelle Talente und Begabungen lassen sich mittlerweile in vielen gesellschaftlichen Institutionen verwirklichen und fördern – eine Diskussion über die Zukunft deutscher Universitäten muss auf dieses erweiterte Spektrum der Möglichkeiten näher eingehen, um tatsächliche Fortschritte erzielen zu können. Als Beispiel – für den protestantischen Theologen Friedrich Schleiermacher ist die Menschwerdung ein Akt der Bildung und des Gebildetwerdens – die Universität demnach explizit eine „unabdingbare Voraussetzung dafür, dass jedes Individuum seine Anlagen möglichst gut entwickeln …kann“ (S.43) Das impliziert aber, dass die menschlichen Anlagen, ausschließlich im universitären Kontext ausgebildet werden können. Die einseitige Bevorzugung kognitiver Kompetenzen trifft aber nicht das tatsächliche Bild der Gesellschaft und der Entwicklung des Menschen. Christoph Markschies zeigt in seinen Reden nicht die Limitierungen dieser Bevorzugung auf.

Die Darstellung des „Generalplan Ost“ nimmt Christoph Markschies zum Anlass über amoralische Forschung zu diskutieren – er bleibt dabei aber leider zu sehr auf der individuellen Ebene verhaftet. Er möchte am Bespiel Konrad Meyer zeigen, dass es vor allem individuelle Verfehlungen sind, die zu amoralischer Forschung führen, vernachlässigt dabei aber völlig den institutionellen Rahmen von wissenschaftlicher Forschung[5]. Seine Folgerungen für die Universität nehmen zwar den institutionellen Rahmen in den Blick, bleiben aber durch seine Kaprizierung auf individuelles Versagen auf moralischer Ebene zahnlos. Man ist dabei erinnert an die Sentenz aus den Blumen des Bösen: „Der Teufel hält die Fäden, die uns bewegen! Widriges scheint uns verlockend; mit jedem Tage tun wir höllenab einen weiteren Schritt, doch ohne Grauen, durch Finsternisse voll Gestank.“[6] Doch auch wenn die moralische Schuld nicht kollektivierbar ist, so ist es doch Teil der politischen Verantwortung die gesellschaftlichen (bzw. universitären) Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Individuen durch ein gesellschaftliches Netz (Kontrolle?) abgesichert sind. Markschies‘ Vorschlag der Umwandlung einiger Universitäten in Stiftungsuniversitäten (These 7, S.11) kann als Versuch gelesen werden staatliche (=politische) Einflussnahme auf universitäre Belange zu minimieren, doch enthebt sich damit nicht die Frage nach der demokratischen Kontrolle wissenschaftlicher Forschung bzw. der demokratischen Gestaltung der wissenschaftlichen Ausrichtung der Universitäten.

Fazit

Die Geschichte der Berliner Humboldt-Universität hat mehr zu bieten als eine Abfolge von Präsidentschaften und Ideologien – gleich welcher Art. Christoph Markschies zeigt das auf fundierte Weise – und bestätigt, was Edward Albee in einem seiner Stücke geschrieben hat: „It‘s one of those things a person has to do; sometimes a person has to go a very long distance out of his way to come back a short distance correctly.“[7]

Die in diesem Buch versammelten Reden zeigen sehr viele Ansatzpunkte für die Diskussion über die Zukunft der deutschen Universitäten auf, und geben Hoffnung, dass die öffentliche Diskussion davon auch profitieren wird.

Was sollen wir also von Humboldt noch lernen? Distanz zu den aktuellen Problemen zu bekommen ist ein wichtiger Schritt, um Lösungen zu finden – und die Muße, die es dafür braucht, muss institutionell geschaffen werden, „da Kreativität in aller Regel Muße voraussetzt.“ (S.206)


[1] Ott, K. (1996). Vom Begründen zum Handeln. Aufsätze zur Angewandten Ethik. Tübingen (GER), Attempo Verlag Tübingen, S.7

[2] Vgl. dazu Leniger, M. (2006). Nationalsozialistische „Volkstumsarbeit“ und Umsiedlungspolitik 1933-1945: Von der Minderheitenbetreuung zur Siedlerauslese. Berlin (GER), Frank & Timme; aktuell: Harvey, E. (2010). „Der Osten braucht Dich!“ Frauen und nationalsozialistische Germanisierungspolitik. Hamburg (GER), Hamburger Edition

[3] Vgl. dazu die Studie des Philosophen Reinhard Brandt über das Muster von 1,2,3/4 als durchgehendes Ordnungsprinzip – Christoph Markschies greift auffallend oft zu dieser Ordnung zurück. Brandt, R. (1998). D„Artagnan und die Urteilstafel. Über ein Ordnungsprinzip der europäischen Kulturgeschichte 1, 2, 3/4. München (GER), Deutscher Taschenbuch Verlag.

[4] Weitere Menschenbildungsanstalten finden sich thematisiert bei: Sloterdijk, P. (2009). Du mußt Dein Leben ändern. Über Anthropotechnik. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag

[5] Beispielhaft: Fleck, L. (1994 [1935]). Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Taschenbuch Verlag und Kuhn, T. S. (1996 [1962]). The Structure of Scientific Revolutions. Chicago, Ill. (USA) & London (UK), The University of Chicago Press.

[6] Baudelaire, C. (2007 [1857]). Die Blumen des Bösen. Les Fleurs du Mal. München (GER), Deutscher Taschenbuch Verlag, S.9

[7] Albee, E. (2004 [1958]). The Zoo Story – A Play in One Scene. The Collected Plays of Edward Albee. Volume 1: 1958-1965. E. Albee. Woodstock, NY (USA), New York, NY (USA) & London (UK), Overlook Duckworth. 1: 11-40, S.21


Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 11.05.2010 zu: Christoph Markschies: Was von Humboldt noch zu lernen ist. Aus Anlass des zweihundertjährigen Jubiläum der preußischen Reformuniversität. Berlin University Press (Berlin, Köln) 2010. ISBN 978-3-940432-81-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9602.php, Datum des Zugriffs 26.04.2019.


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