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Gökce Yurdakul, Y. Michal Bodemann: Staatsbürgerschaft, Migration und Minderheiten

Cover Gökce Yurdakul, Y. Michal Bodemann: Staatsbürgerschaft, Migration und Minderheiten. Inklusion und Ausgrenzungsstrategien im Vergleich. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 211 Seiten. ISBN 978-3-531-17028-2. 34,95 EUR.

Übersetzt von Sungur Bentürk.
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HerausgeberInnen und AutorInnen

Das rezensierte Werk ist ein Sammelband mit sieben Beiträgen, zu dem sowohl die beiden Herausgeber, als auch vier weitere Autoren Artikel beigetragen haben.

Die Herausgeberin Gökce Yurdakul ist Georg-Simmel-Professorin an der Graduate School for Social Sciences der Humboldt Universität Berlin. Ihr Mitherausgeber Y. Michal Bodemann lehrt Soziologie an der Universität in Toronto und hatte u.a. Gastprofessuren an der FU Berlin, der Humboldt Universität und den Universitäten in Potsdam, Haifa und Tel Aviv inne. Gegenwärtig ist er Direktor des Europäischen Instituts der University of Toronto in Berlin. Weitere Co-Autoren sind Olena Bagno, Newbauer Fellow am Institute for National Security Studies in Israel, Irene Bloemraad, Associate Professor für Soziologie an der University of California, Berkeley, Pascale Fournier, Assistant Professor für Rechtswissenschaften an der University of Ottawa und Anna Korteweg, Assistant Professor für Soziologie an der University of Toronto.

Entstehungshintergrund

Das Buch umfasst eine Auswahl der Arbeiten der Autoren, insbesondere Artikel, die zwischen 2005 und 2009 verfasst wurden und sich mit Staatsbürgerschaft, Ethnizität und Religion sowie mit Genderfragen beschäftigen. Die Autoren wollen lieb gewonnene Begriffe zumindest indirekt hinterfragen und fragwürdig werden lassen, so insbesondere den Begriff „Integration“. Die Debatte über Integration lenke ab „von sozialer Ungleichheit und segmentiertem Arbeitsmarkt, und sucht üblicherweise darüberhinaus die Schuld bei den MigrantInnen, nicht dem Wirtschaftssystem, in dem sie ausgebeutet oder aus dem sie ausgeschlossen werden“ (S. 10).

Zudem soll in dem Buch gezeigt werden, wie politische Eliten und die mediale Öffentlichkeit Figuren aus dem Einwandererbereich erzeugen, um bestimmte Einwanderergruppen zu stigmatisieren, „etwa im Fall von Necla Kelek in Deutschland und Ayaan Hirsi Ali in den Niederlanden“ (S. 11). Es seien nicht so sehr die ethnischen Vertreterinnen selbst, „sondern einheimische Deutsche, die diese Diskurse gegen Einwanderergruppen verwenden“. Hier wie auch in anderen Richtungen werde „die Rolle des Staates oft unterschätzt“ (S. 11).

Aufbau und Inhalte

Unter der Überschrift „Staatsbürgerschaft und Einwanderung: Assimilation, Multikulturalismus und der Nationalstaat“ werden im ersten Beitrag von Irene Bloemraad, Anna Korteweg, Gökce Yurdakul die althergebrachten Vorstellungen von Staatsbürgerschaft in Frage gestellt. Angesichts der großen Zahl der Migranten und ihrer unterschiedlichen Herkunft könne man nicht mehr an einem einzigen staatsbasierten Konzept der Staatsbürgerschaft festhalten. Stattdessen sei ein grenzüberschreitendes Konzept von Staatsbürgerschaft zu entwerfen. Es werden unterschiedliche theoretische Konzepte über Staatsbürgerschaft vorgestellt. Vier Dimensionen von Staatsbürgerschaft werden aufgezeigt: rechtlicher Status, Rechte, (politische) Partizipation und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Die exklusiven Annahmen zur Staatsbürgerschaft würden zu Beschränkungen hinsichtlich des Status und der Rechte von Immigranten führen, was sich auf deren gesellschaftliche Teilhabe auswirken könne. Die Quelle staatsbürgerlicher Rechte solle vom Staat auf die Person verschoben werden, wodurch eine kosmopolitische oder postnationale Form der Staatsbürgerschaft entstehe. Für die heutige Diskussion relevant seien sowohl die Ansätze von T.H. Marshalls (1950) Klassiker „Citizenship and Social Class“ als auch moderne Multikultrualismustheorien. Dargestellt wird auch die Kritik an diesen theoretischen Ansätzen. Ergänzt werden die Ausführungen durch Überlegungen aus der in der amerikanischen Soziologie geführten Diskussion zur Assimilation. Das Kapitel endet mit dem Apell, „gute Staatsbürgerschaftlichkeit“ nicht anhand des Grades der „Europäisierung“ zu messen und an der Aufgabe sichtbarer Kennzeichen festzumachen, die mit dem Islam assoziiert werden. Zukünftig müsse sorgfältig überlegt werden, welche Maßstäbe auf Immigranten angewendet werden müssen und wie Immigrantengruppen ihre eigene Staatsbürgerschaft definieren und verhandeln. Dabei sollten dynamischer Theorien gebildet werden, die Raum für sich im Laufe der Zeit ergebende Veränderungen bieten (S. 45). Eine solche Theorie wird in dem Artikel allerdings nicht vorgestellt. Auch der widersprüchliche Begriff „postnationale Staatsbürgerschaft“ bleibt unklar.

Der zweite von Y. Michal Bodemann verfasste Beitrag lautet „Deutschland und die orientalische Welt. Der Jude/Fremde in der klassischen deutschen Soziologie“. Bodemann untersucht, wie sich die klassische deutsche Soziologie mit Nation und ethno-nationalen Vergemeinschaftungen befasst hat. Die Begründer der deutschen Soziologie beschäftigten sich mit zwei unterschiedlichen Traditionen, dem von Sombart später so bezeichneten „proletarischen Sozialismus“ und dem Traditionsstrang der Rassenhygiene und Rassentheorien, der sich auf ganz Europa ausgebreitet hatte. Zunächst werden von Bodemann die Themen der ersten beiden deutschen Soziologentagen in den Jahren 1910 und 1912 vorgestellt. Die Diskussion des ersten Soziologentages befasste sich überwiegend mit Negerfrage und rassischen Fremden in den Vereinigten Staaten. Die sozialdarwinistischen Thesen des Rassenbiologen Alfred Ploetz wurden kritisiert. Der zweite Soziologentag beschäftigte sich mit den „Begriffen von Volk und Nation mit Bezug auf Rasse, Staat und Sprache“. In diesen frühen Debatten sei das Thema der Rasse dazu benutzt worden, um marxistische Ansätze an die Seite zu drängen. Bodemann konstatiert, man gewinne „insgesamt also den Eindruck, dass die Debatte zu Nation, Ethnos und Rasse die Idee des Soziologentriumvirats Weber, Tönnies und Sombarts war und nur noch das Thema Rasse für das Gros der Soziologen von Interesse schien“ (s. 62). In den folgenden Soziologentagen wurde die Thematik nicht wieder aufgegriffen. In den Jahren zwischen 1910 und 1933 befasste sich nur eine sehr kleine Zahl von Aufsätzen mit Fragen zu Nation, Rasse und Volk. In der Literatur wurde besonders von Werner Sombart der Jude als der Fremde in Deutschland charakterisiert. Sombart bestand in seinen Hauptwerken auf der „rassischen“ Trennung der Juden von den Deutschen, er unterstützte das zionistische Ziel der Ansiedlung in Palästina und warb für eine individualisierte jüdische Präsenz in Deutschland anstelle eines kollektiven jüdischen Ethnos. „Die Idee eines jüdischen Ethnos … wie auch, schließlich, das Herunterspielen der Unterdrückung und das Beharren darauf, dass das Ghetto nicht von Außen, sondern von Innen her errichtet wurde, dies hatten Sombarts und Webers Vorstellungen gemeinsam“ (S. 70). Doch es ist Bodemanns These, „dass wo die jüdische Problematik auch die soziologische Bühne betrat, es nicht erstrangig darum ging, die Juden, jüdische Kultur und soziale Strukturen zu verstehen. Es ging vielmehr um das Eigene und das Fremde, um die Unterscheidung der deutschen Nation; um dies zu bewerkstelligen, wurden die Juden zur Ikone des Fremden/anderen an sich gemacht“ (S. 70). Diese Erkenntnis des Autors wurde gut verständlich dargestellt und begründet, der Beitrag ist sehr lesenswert.

Der dritte Beitrag „Islam, Gender und Integration von Immigranten: Grenzziehungen in den Diskursen über Ehrenmorde in den Niederlanden und Deutschland“ wurde von Anna Korteweg und Gökce Yurdakul verfasst. Die Autorinnen wollen zeigen, wie kollektive Identitäten und angenommene Unterschiede durch Medien geformt werden. Dazu haben sie je drei „landesweit vertriebene seriöse Tageszeitungen“ in den Niederlanden und Deutschland ausgewählt und Artikel zum Themenkomplex „Ehrenmorde“ analysiert. Sowohl in den Niederlanden, als auch in Deutschland würde durch die Berichterstattung eine klare Grenzziehung zwischen Immigranten und Mehrheitsgesellschaft verstärkt. Ehrenmorde würden als eine Form von Gewalt gegen Frauen beschrieben, deren Ursprung im Islam liege. Die Autorinnen bemerken, dass durch die Berichterstattung in den Zeitungen eine klare Grenzziehung dadurch verstärkt würde, „dass die Diskussion von Ehrenmorden auf der Grundlage von postulierten enormen Unterschieden zwischen Immigranten und der Mehrheitsgesellschaft erfolgte“ (S. 91). In Diskursen würde „die Geschlechtergleichheit als universeller Wert (als Menschenrecht) verortet, der mit dem Islam, der Ethnizität und der nationalen Identität vereinbar ist“ (S. 92). Das Vorherrschen von klaren Grenzziehungen in beiden Ländern sei ein Indikator dafür, „dass die absorbtive Assimilation, die das Aufgeben der eigenen Gruppenidentität und das Übernehmen der mehrheitsgesellschaftlichen Normen und Werte voraussetzt, als Weg zur Integration angesehen wird“ (S. 92). Dies würde zu dem Problem führen, dass es unmöglich werde, „die Gewalt gegen Frauen in Immigrantengemeinschaften von Innen heraus zu bekämpfen und zu beenden“ und bürge die Gefahr, „das Ausmaß der häuslichen Gewalt als Problem aller Frauen zu verkennen“ (S. 92). Der Artikel endet mit dem Aufruf, „die diskursiven Kräfte zu identifizieren, die den Prozess der Integration von Immigranten im niederländischen und wie auch im deutschen Kontext verzögern“ (S. 92).
Diese Schlussfolgerungen überraschten die Rezensentin. Über die Wahrnehmung der häuslichen Gewalt aller Frauen wurden keine vorangegangenen wissenschaftlichen Untersuchungen in dem Artikel angestellt, es wurde auf solche auch nicht verwiesen. Ein breit angelegter Diskurs ist wünschenswert.

Der vierte Beitrag trägt den Titel: „Hinter dem Schleier: Zur sozialen Stellung muslimischer Frauen mit Kopftuch in Frankreich und Deutschland“ und wurde von Pascale Fournier und Gökce Yurdakul verfasst. Sie stellen dar, dass in Frankreich eine strikte und verfassungsrechtlich verankerte Trennung von Kirche und Staat existiert. Das damit verbundene Prinzip der laїcité verbiete nach verbreiteter Ansicht das demonstrative Zurschaustellen religiöser Symbole. Eine von Jaques Chirac eingesetzte Untersuchungskommission habe dementsprechend gefordert, das Kopftuch muslimischer Mädchen, die Jarmulke jüdischer Jungen, den Turban für junge Sikhs sowie große christliche Kreuze zu verbieten. Der Staat habe die Neutralität der öffentlichen Sphäre sicher zu stellen. Die Autoren kritisieren, dass der französische Staat mit Erlass von Gesetzen gegen das Kopftuch „gefügige Subjekte“ (S. 98) produzieren wolle, die die bestehende Republik anerkennen und dem Staat und dem Präsidenten, der Schule, den Lehrern und der unverschleierten Mehrheit gegenüber Gehorsam zeigen. Zudem legen sie dar, dass diese Maßnahmen nach Ansicht von Human Rights Watch gegenteilige Effekte nach sich ziehen könnten. In Deutschland werde das Kopftuch dagegen als politische Drohung verstanden. In beiden Staaten werde die schlechte sozioökonomische Situation der Immigranten aber kaum problematisiert. Statt diese Faktoren zu ändern werde von deutschen Behörden angenommen, dass hohe Arbeitslosenraten und geringere Bildungsabschlüsse etwas mit der Eingliederung der Immigranten zu tun habe. Statt dessen sollte „eine echte und wirksame Integration von Immigranten auf sozioökonomischer Ebene“ (S. 110) sichergestellt werden. Fragen der „materiellen (Fehl)Verteilung …- systematische Verarmung, wachsende materielle Ungleichheit, ‚strukturelle‘ Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Segmentierung usw.“ (S. 110) würden keine Beachtung finden. Jedoch auch für diese Schlussfolgerung fehlen Belege in dem Artikel.

Der fünfte Beitrag von Gökce Yurdakul steht unter der Überschrift: „Governance Feminism und Rassismus: wie führende Vertreterinnen von Immigranten die antimuslimische Diskussion in Westeuropa und Nordamerika befördern“. Es handelt sich um eine „Fallstudie zum antimuslimischen Diskurs“, der von einigen, besonders einflussreichen weiblichen Repräsentanten vom Immigranten mit muslimischem Hintergrund geführt werde. Der von führenden Immigrantenvertreterinnen kommende Aufruf zur Bekämpfung der Geschlechterungleichheit in muslimischen Gemeinschaften trage die Untertöne einer rassistischen Stigmatisierung. Dieser „governance feminism“ hänge sich „im Huckepack an den rassistisch stigmatisierenden Diskurs zur Förderung eines monolithischen und staatlicherseits diktierten Verständnisses der Geschlechtergleichheit sowie der Emanzipation der Frau“ (S. 113). Dabei konzentriert sich die Kritik der Autorin insbesondere auf zwei Repräsentantinnen: Ayaan Hirsi Ali und Necla Kelek. Im Wesentlichen entstünde durch das öffentliche Auftreten dieser Frauen „der Eindruck, dass westliche Regierungen von ihnen aufgefordert werden, muslimische Frauen aus muslimischen Familien, im Besonderen aber vor muslimischen Männern zu retten“ (S. 113). Göke Yurdakul konzentriert sich in ihrem Beitrag dann auf die Hauptwerke der beiden Frauen und fasst Reaktionen in der Presse auf dieses Wirken der Frauen zusammen. Sie kritisiert, dass man in großen Zeitungen generell nur selten etwas über Arbeitslosenproblematik türkischer Frauen lese, sehr viel häufiger werde über Ehrenmorde und andere Formen der Gewalt gegen muslimische Frauen berichtet, die durch muslimische Männer ausgeübt würde. „Der rassistisch überformte Diskurs von Governance Feministinnen“ habe dazu geführt, „dass das Problem der Gewalt gegen Frauen in den Hintergrund gerückt wurde, während antimuslimische und immigrantenfeindliche Diskussionen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen“ (S. 125). Das Leben der muslimischen Frauen dürfe nicht „ausschließlich aus einer westlichen zentrierten Perspektive“ (S. 125) interpretiert werden.

Auch der sechste Beitrag „Juden und Türken in Deutschland: Integration von Immigranten, Politische Repräsentation und Minderheitenrechte“ ist von Görkce Yurdakul verfasst. In diesem Artikel legt die Autorin dar, dass Vertreter türkischer Immigranten seit den 1990er Jahren Gemeinsamkeiten zwischen Antisemitismus und einem gegen Türken gerichteten Rassismus anführen. Seit dem 11. September wird zunehmend auf eine Beziehung zwischen Antisemitismus einerseits und der „Islamphobie“ andererseits hingewiesen (S. 142). Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg benutze die deutsch-jüdische Trope um aufzuzeigen, „dass der heute in Deutschland existierende Rassismus eine Fortschreibung eines historischen Antisemitismus ist“ (S. 144). Dabei würden Muslimische Verbände, linke Politiker und Wissenschaftler (zu letzteren keine Literaturangabe durch die Autorin) die Legitimität der Verknüpfung zwischen Antisemitismus und Islamphobie bestätigen (S. 145). Führende Vertreter türkischer Immigranten orientieren sich an jüdischen Institutionen, um von den vorhandenen politischen Erfahrungen von Juden in Deutschland zu profitieren und sie dienen ihnen als Vorbild. Jüdische Repräsentanten würden darauf unterschiedlich reagieren. Einige lehnten Beziehungen zu Muslimen in Deutschland ab, andere seien einer formalen Zusammenarbeit gegenüber aufgeschlossener oder sprechen sich sogar für die Gründung gemeinsamer Organisationen aus, um für die Menschenrechte in Palästina zu kämpfen. Abschließend stellt die Autorin fest, dass „eine intensive poltische Kooperation und selbst Formen der Solidarität zwischen Juden und Türken in Deutschland“ z.B. durch „das Phänomen der Opferkonkurrenz“ und den israelisch-palästinensischen Konflikt verhindert würden (S. 159).

Der siebente Beitrag ist von Y. Michael Bodmann und Olena Bagno verfasst und steht unter dem Titel „In der ethnischen Dämmerung. Die Pfade russischer Juden in Deutschland“. 220.000 Juden, einschließlich ihrer nicht-jüdischen Angehörigen seinen in den vergangenen Jahren aus den Gebieten der früheren Sowjetunion nach Deutschland immigriert. In Deutschland werde die Vorstellung vertreten, mit der Aufnahme der Juden könne ein Teil der historischen Schuld beglichen werden. Jedoch sei der Altersdurchschnitt mit 54 Jahren ungewöhnlich hoch, junge qualifizierte Juden würden zudem Deutschland auch wieder verlassen. „Aller Wahrscheinlichkeit nach hat die Immigration russischer Juden eher zu einem Anstieg der Zahl assimilierter Juden geführt, da diejenigen mit stärkerer zionistischer oder religiöser Prägung in der Regel Israel oder die Vereinigten Staaten bevorzugen. Au diesem Grund erscheint es wenigstens möglich, dass sich ein großer Teil … in die deutsche Gesellschaft eingliedert, ohne irgendwelche sichtbaren ethnischen Spuren zu hinterlassen.“ (S. 116 f.). Die Autoren schätzen, dass in 25 Jahren die aktuelle Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden von ungefähr 100.000 auf 60.000 sinken wird (S. 166). Zudem gäbe es große Unterschiede zwischen den russischen Juden und der nicht-russischen jüdischen Gemeinschaft. Die russischen Zuwanderer würden sich häufig von den jüdischen Gemeinden abwenden, ihr Habitus sei deutlich von dem der alten deutschen und besonders der so genannten polnischen Juden unterscheidbar. Die durch die Zuwanderung erfolgende Transformation des deutschen Judentums unterminiere den „Grund, weshalb diese Immigranten für Deutschland ursprünglich überhaupt von Nutzen schienen“ (S. 181). „Zieht man in Betracht, über wie viel freie Zeit die meist älteren, arbeitslosen Immigranten verfügen, und berücksichtigt man die schiere zahlenmäßige Überlegenheit, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sie die Kontrolle über die Gemeinden übernehmen“ (S. 181). Die hieraus zu ziehende soziologische Lehre sei, „dass Ethnizität nie homogen ist, sich dauernd wandelt und dass Menschen auf ebenso vielfältige wie unterschiedliche Weise an ethnische – in diesem Fall jüdische – Institutionen angebunden sind …“ (S. 181).

Fazit

Die Beiträge von Gökce Yurdakul und Y.Michal Bodemann unterscheiden sich deutlich. Während Bodemann das jüdische Leben in Deutschland soziologisch beleuchtet, setzt sich Yurdakul besonders für die Interessen türkischer Migranten in Deutschland ein und kritisiert die Integrationspolitik. Dabei wirft sie Fragen auf, die genauere Analyse und Beantwortung verlegt sie aber gelegentlich selbst in die Zukunft. Ihren politischen Standpunkt artikuliert sie in allen Beiträgen deutlich. Der Sammelband kann in Seminaren als Diskussionsgrundlage Verwendung finden, jedoch sollte die Veranstaltung gut begleitet werden. Von der klaren Position Gökce Yurdakuls abweichende Meinungen werden in dem Buch nicht behandelt.


Rezensentin
Prof. Dr. Ines Dernedde
Alice-Salomon-Hochschule
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Zitiervorschlag
Ines Dernedde. Rezension vom 06.10.2010 zu: Gökce Yurdakul, Y. Michal Bodemann: Staatsbürgerschaft, Migration und Minderheiten. Inklusion und Ausgrenzungsstrategien im Vergleich. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17028-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9608.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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