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Annette Zoch: Mediennutzung von Senioren

Cover Annette Zoch: Mediennutzung von Senioren. Eine qualitative Untersuchung zu Medienfunktionen, Nutzungsmustern und Nutzungsmotiven. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. 216 Seiten. ISBN 978-3-8258-1839-5. 24,90 EUR, CH: 39,90 sFr.

Reihe: Mediennutzung - Band 13.
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Thema

In ihrer an der Maximilian-Ludwigs-Universität, München, 2008 eingereichten Dissertation geht die Autorin in einer auf qualitativer Methodik der Sozialforschung beruhenden Studie der Frage nach, warum Menschen jenseits der 60 Lebensjahre zu den intensivsten Mediennutzern überhaupt gehören, welche Funktionen die Medien für sie erfüllen und mit welchen Erwartungen sie an das Medienangebot herantreten. Ausgehend von der von K.E.Rosengren, R.Weiß und M.Meyen vertretenen Auffassung, dass nach dem Wegfall des Erwerbslebens die Nutzung und der Umgang mit den Medien „organisierendes Zentrum des Alltags“ wird, geht die Autorin in ihrer Untersuchung folgenden Forschungsfragen nach:

  • Wie und warum nutzen ältere Menschen die Medien?
  • Welche Motive liegen der Mediennutzung zugrunde?
  • Wie verknüpfen die Senioren die Medien mit ihrem Alltag?
  • Welche strukturellen, individuellen oder positionellen Merkmale dominieren im Alter die Mediennutzung?
  • Und als zentrale Frage: Werden die zuvor von der Erwerbsarbeit bereitgestellten Gratifikationen im Alter von den Medien übernommen?

Es geht also letztlich um die Frage, ob nach dem Wegfall des „Sinnmonopols der Erwerbsarbeit“ im Alter die Medien dieses Vakuum zu füllen vermögen.

Autorin

Annette Zoch, Absolventin der Deutschen Journalistenschule in München, ist Redakteurin für Politik an der Münchner Abendzeitung. Sie promovierte am Institut für Kommunikationswissenschaften und Mediennutzung der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Prof. Dr. Michael Meyen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapitel mit folgenden inhaltlichen Schwerpunkten gegliedert.

Kap. 1: „Einleitung“ (S. 9-13): Die Autorin stellt ihr Forschungsvorhaben vor und erläutert die zentralen Leitfragen ihrer Arbeit. Sie gibt einen Ausblick auf den inhaltlichen Aufbau der Untersuchung.

Kap. 2: „Die Untersuchungsgruppe der Senioren“ (S. 14-38): Hier wird zunächst - und als Grundlage für die Auswahl der Befragten - der allgemeine Stand der quantitativen Sozialforschung zum Alter zusammenfassend wiedergegeben. Dabei geht es um die materielle Lage und die Lebensweisen der über 60-Jährigen, um die Verteilung von Bildungsabschlüssen und andere Faktoren. Für die Entwicklung des Leitfadens der Befragung nach dem Medienverhalten sind von wesentlicher Bedeutung solche Aspekte wie: Wie erleben alte Menschen den Verlust der Berufstätigkeit und den Übergang in den Ruhestand? - In welchem Beruf haben die Befragten gearbeitet und wie gehen sie mit der Zeit nach dem Beruf um? (Holding-on vs. Neustrukturierung) Wie wirken sich unterschiedliche gesundheitliche Beeinträchtigungen (Hör-, Sehprobleme, körperliche Schwächung) aus? Wie wirken sich negative, z.T. internalisierte Altersbilder aus? Und welche Rolle spielt hierbei die Mediennutzung?
In diesem Zusammenhang befasst sich die Autorin auch mit der Problematik des Gegensatzes von Disengagement- bzw. Aktivitätstheorie als Polen der gesellschaftlichen Realität des Alters. Dabei stellt sie die Frage, inwieweit Mediennutzung im Sinne der Aktivitätstheorie als Möglichkeit der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben genutzt werden. Die in der Selbst- und Fremdwahrnehmung beobachtete „Verjüngung“ des Alters führt auch zu der Frage nach der (wachsenden) Bedeutung interaktiver Medien im Medienverhalten alter Menschen.

Kap. 3: „Theoretische Ansätze zur Mediennutzung“ (S. 39-56): Hier geht es um die Frage, inwieweit subjektorientierte Forschungsansätze zu Erklärungen für die Art und Weise der Mediennutzung alter Menschen beitragen können. Hierzu setzt sich die Autorin mit Ansätzen wie dem User-and-Gratifications-Approach, einigen Identitäts- und Unterhaltungstheorien, sowie den Cultural-Studies, dem Lebensstil-Konzept (K.E.Rosengren) und dem Habitus-Konzept (P.Bourdieu) auseinander. Dabei geht es darum, hinter dem quantitativen Befund der Mediennutzung die qualitativen Hintergründe, also Bedürfnisse, Motive, soziale und psychische Bedingungen zu erhellen. Unter Bezug auf Rosengren und Bourdieu vertritt die Autorin die Auffassung, dass der individuelle Handlungsspielraum hierbei sehr eng und von einer erheblichen Anzahl jeweils spezifischer Determinanten bestimmt ist. Für die qualitative Untersuchung ergibt sich daraus die Notwendigkeit, bei der Auswahl der Befragten strukturelle und positionelle Merkmale (Geschlecht, Bildungsgrad, Wohnort u.a.) möglichst breit zu variieren.

Kap. 4: „Alte Menschen und Medien - Forschungsstand“ (S. 57-68): Das Kapitel gibt zum einen die derzeit bekannten quantitativen Eckdaten zur Mediennutzung wieder. Im zweiten Abschnitt geht es um die eher qualitative Frage nach den (emotionalen) Funktionen der Mediennutzung alter Menschen. In diesem Zusammenhang geht die Autorin auch auf die Bedeutung des Kohorteneffektes für die Art der Mediennutzung ein, schließt aber die Einbeziehung dieses Aspektes aufgrund seiner komplexen Dimension angesichts der begrenzten Differenzierungsmöglichkeit einer qualitativen Untersuchung aus.

Kap. 5: „Methode und Anlage der Untersuchung“ (S. 69-84): Die Autorin wendet die Methode des Leitfaden-Interviews an, da so die Befragten am ehesten die Möglichkeit haben, frei und offen zu erzählen. Dabei betont sie, dass hierbei ein Anspruch auf Generalisierung und Repräsentativität der Aussagen nicht möglich ist. Im Weiteren werden die problematischen Aspekte der Methode eingehend erörtert. - Insgesamt wurden 25 Männer und 22 Frauen befragt, die sich etwa gleich auf die Altersgruppen 60-65/66-75/76-85 Lebensjahre verteilen. Auch die Bildungsprofile sind möglichst ausgewogen verteilt. Gleiches gilt - nach gegebenen Möglichkeiten - für die Verteilung der früher ausgeübten Berufe sowie auf die gegenwärtige Wohnform. - Grundlage der Auswertung sind transkribierte Tonbandaufnahmen.

Kap. 6: „Ergebnisse der Untersuchung“ (S. 85-186): Hier stellt die Autorin zunächst charakteristische Nutzungsmuster vor wie: Ritualisierter Fernsehkonsum, die Bedeutung der Tageszeitung und die (im Grunde kohortenbedingte ) Präferenz der öffentlich-rechtlichen Medien. - Des Weiteren werden dann charakteristische Nutzungsmotive wie die Kompensation altersbedingter Defizite, gesellschaftliches Orientierungsbedürfnis und emotionale Stabilisierung sehr detailliert dargestellt. - Dann wird eine Typologie älterer Mediennutzer entwickelt: Die Pflichtbewussten, die Gelassenen, die Bildungshungrigen, die Indifferenten, die Genügsamen und die Abhängigen. Durch wörtliche Wiedergabe von Interviewpassagen werden die Typen plastisch illustriert. - Schließlich werden noch die individuellen Determinanten der Mediennutzung im Alter (Gesundheit, Wohnform) sowie positionelle Determinanten (Beruf, Geschlecht) erörtert.

Kap. 7: „Schluss“ (S. 189-193): Abschließend setzt sich die Autorin noch einmal mit der Diskrepanz von populären Altersbildern und faktischer Altersrealität auseinander und betont, dass es sich beim Begriff „Alter“ um ein gesellschaftliches Konstrukt handelt, das als Konstrukt auch veränderbar ist. Sie stellt als Ergebnis ihrer Untersuchung besonders heraus, dass Medien im Alter zwei zentrale Dinge leisten: 1. Psychische Bewältigung der Lebensphase Alter mit all ihren spezifischen Anforderungen an das Leben; 2. funktionaler Ersatz für die durch Verrentung verloren gegangenen Gratifikationen aus dem Erwerbsleben. - Abschließend weist die Autorin auf die Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen für die Erforschung der Mediennutzung älterer Menschen hin, die jedoch in der genannten Typologie nur ansatzweise einbezogen werden konnte. - Ein kurzer Ausblick auf die künftigen Veränderungen im Medienverhalten alter Menschen (etwa durch Internet und Privatfunk) schließt die Untersuchung ab.

Am Schluss des Buches findet sich ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Zielgruppe

Die Untersuchung von Annette Zoch ist für Studierende Sozialer Berufe, insbesondere der Gerontologie, von einigem Gewinn. Auch für beruflich oder ehrenamtlich in der Betreuung alter Menschen Tätige ist die Untersuchung hilfreich zum tieferen Verständnis deren Medienverhaltens. In Forschung und Lehre trägt die Untersuchung sinnvoll zur Gestaltung eines Gesamtbildes von Lebensweisen und Lebensstilen alter Menschen bei.

Diskussion

Das Buch stellt eine gründliche und methodisch in allen Teilen wohlüberlegte Untersuchung zu einem wichtigen Aspekt der Lebensstilgestaltung alter Menschen dar. Die Wahl der Methodik einer qualitativen Untersuchung wird von der Verfasserin überzeugend begründet, wobei sie auch deutlich macht, wo die Grenzen dieser Methode liegen. Der daraus resultierende Vorzug sind lebensnahe und plastische Bilder vom Medienverhalten alter Menschen, deren empirische Grundlage - die Aussagen von immerhin 48 Personen - auch weitergehende und typisierende Schlussfolgerungen zulässt. Freilich betont die Autorin selbst, dass sich daraus nicht wirkliche Verallgemeinerungen repräsentativen Charakters ableiten lassen. Zwei Dinge müssen allerdings kritisch angemerkt werden:

  1. Der Verzicht auf kohortenspezifische Aspekte ist zwar aus methodischen Gründen verständlich. Dennoch bedeutet er letztlich den Verlust einer ganz wesentlichen Determinante für Lebensstile und Lebensweisen im Alter. Die Kohorten der vor 40-50 Jahren jungen Menschen prägen die heutigen Altersstile und machen überdies die sich abzeichnenden Veränderungen im Erscheinungsbild des Alters verständlich und prognostizierbar. Vom Kohortenbegriff her ließen sich auch verhältnismäßig einfach Aspekte von Persönlichkeitsmerkmalen erschließen, die von der Autorin ja ebenfalls nicht einbezogen werden (s.o.).
  2. Gerade im Zusammenhang der Polarität von Aktivitäts- und Disengagementtheorie (S. 38 u.ö.) wäre ein genaueres Eingehen auf interaktive Medien unerlässlich gewesen. Der Hinweis, dass es sich hier um künftige Entwicklungen handele (S. 192f), ist unzutreffend. Und die kurzen Passagen S. 38 und 60f sind wenig informativ. Schon jetzt ist - zumindest für die „Jungen Alten“ - das Internet weithin zur Selbstverständlichkeit geworden. Das gilt sowohl für die selbst gesteuerte Erschließung von Informationen (Suchmaschinen) wie für die Kommunikation (E-Mail). Ein auch von der Werbung aufgenommener Aspekt der innerfamiliären Bild-Ton-Kommunikation über große räumliche Entfernungen ist zudem das Skypen. Wie rasant die Internet-Nutzung alter Menschen in jüngster Zeit zugenommen hat, zeigen: H.Peterhans (Infratest): (N)Onliner-Atlas 2008; H.R.Schelling, A.Seifert: Internet-Nutzung im Alter (Zürcher Schriften zur Gerontologie 7/2010). - Der weitgehende Verzicht auf den Einbezug dieser Medienformen hätte in der Untersuchung zumindest näher erläutert werden müssen.

Fazit

Das Buch ist für die genannten Zielgruppen in jedem Fall empfehlenswert. In vielen Bereichen sind die Ergebnisse der Untersuchung für Praxis und Theorie hilfreich und aussagekräftig. Aufgrund der genannten Einschränkungen kann jedoch ein gewisses Defizit hinsichtlich des aktuellen Forschungs- und Erkenntnisstandes nicht unerwähnt bleiben.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 26.08.2010 zu: Annette Zoch: Mediennutzung von Senioren. Eine qualitative Untersuchung zu Medienfunktionen, Nutzungsmustern und Nutzungsmotiven. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. ISBN 978-3-8258-1839-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9611.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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