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Sozialistisches Büro (Hrsg.): Grenzen des Zwangs?

Cover Sozialistisches Büro (Hrsg.): Grenzen des Zwangs? Soziale Arbeit im Wandel. Kleine Verlag 2009. 131 Seiten. ISBN 978-3-937461-64-9. 13,00 EUR, CH: 23,60 sFr.

Reihe: Widersprüche - H. 113. Jg. 31.
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Entstehungshintergrund

Bereits mehrmals wurde in der Zeitschrift „Widersprüche“ die Thematik Sozialer Arbeit im Zwangskontext aufgegriffen. Als Schwerpunktthemen wurde dieser durchaus kontroversiellen Diskussion im Heft 106 „Wer nicht hören will, muss fühlen? - Zwang in öffentlicher Erziehung“ und im Heft 109 „ Euch werden wir helfen!“- Kinderschutz zwischen Hilfe und Kontrolle“ viel Raum gegeben.

Getreu dem Motto der Zeitschrift „Verteidigen, kritisieren, überwinden zugleich“ werden in den „Texten wider den Zeitgeist“ seit Jahrzehnten Klischees aufgebrochen und „Denkverbote“ hinterfragt.

Aufbau und Inhalt

Dario Melossi beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem Zusammenhang von gesellschaftlichen Bedingungslagen und dominierenden Repräsentationen des Kriminellen. Mit Repräsentationen meint er die in Wissenschaft, Öffentlichkeit, Medien und Kunst zirkulierenden Sichtweisen von Perspektiven auf Kriminalität und StraftäterInnen. Seine These in Kürze: In Krisen entwickeln Eliten der Gesellschaft exkludierende Strafrechtspraxen um den sozialen Zusammenhalt und die bestehende moralische Ordnung zu bekräftigen. In stabileren Zeiten entstehen positivere und für Inklusion offenere Repräsentationen von kriminellem Verhalten und Subjekten. Ein historischer Abriss, der auch die Settlement Bewegung um Jane Addams in Chicago einschließt, fundiert und illustriert diese These.

Holger Ziegler interpretiert in seinem Beitrag die derzeitige Auseinandersetzung als Kulturkampf in Profession und Disziplin und greift die Repräsentationen der AdressatInnen von Sozialer Arbeit und ihr Verhältnis zu Gewalt und Zwang in Form eines Kommentars zur Debatte in diesem Heft auf.

Heinz Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt thematisieren im Beitrag „Die Kontrolle der Überflüssigen: Anmerkungen zum Formwandel Sozialer Arbeit im aktivierenden Sozialstaat“ die Zunahme von „Zwang“ durch die systematische Verankerung von Kontrolle, Sanktion und Strafe in den Sozialgesetzen und den damit einhergehenden Umbau von sozialen Dienstleistungsorganisationen zu Kontrollinstitutionen.

Mathias Schwabe greift die reflexartigen Reaktionen auf Begriffe wie Zwang/Gewalt/Disziplin von politisch rechtsstehenden aber auch linksorientierten Menschen auf und hofft die „festgefügte Diskurslandschaft“ ein wenig zu verunsichern, in dem er die „dunklen Gestalten an der Wiege sozialer Entwicklungen“ als jeder Gesellschaft aber auch jedem Individuum immanentes Entwicklungs- und Zerstörungspotential identifiziert, das es zu zivilisieren gilt.

Ulrike Urban Stahls Beitrag „Nicht ob, sondern inwiefern: Soziale Arbeit braucht die Debatte um die Legitimation von sozialer Kontrolle“ greift die Diskussion um die Legitimität von Kontrolle und Zwang vor dem Hintergrund oft unterrepräsentierter Betroffenenrechte auf. Eine kritisch-reflektierte Auseinandersetzung über Reichweite, Formen und Begründungen von Zwang innerhalb der Profession wird eingefordert.

Carsten Höhler stellt die in seiner Diplomarbeit durchgeführte Sekundäranalyse von -Zwangselementen in der Heimerziehung und ihre Bewertung durch Kinder und Jugendliche vor und unterzieht sie einer kritischen Analyse.

Ergänzt wird das Schwerpunktthema „Grenzen des Zwanges?“ durch einen inhaltlich korrespondierenden Beitrag im Forum: Kurt Möller und Nils Schuhmacher thematisieren aktuelle Studien über Rechtsextremismus in Deutschland und daraus resultierende Folgerungen unter dem Titel: „Raus aus der rechtsextremen Ecke. Was bewirken Repression und institutionelle Sanktionierung?“

Diskussion

Spätestens seit der empirischen Untersuchung der Sozialen Arbeit in Zwangskontexten 2003 in Düsseldorf durch Harro Kähler ist ein Normalisierungseffekt in die mitunter emotional überfrachtete Diskussion eingekehrt. Kaum jemand steckt mehr seinen/ihren Kopf tief in den Ideologiesand und behauptet in der „richtigen“ Sozialen Arbeit dürfe es so etwas wie Zwang doch gar nicht geben. In diesem Heft der Widersprüche gelang ein weiterer Schritt in Richtung sachlicher Diskussion und Auseinandersetzung: Der Beitrag von Dario Melossi über die wandelnden Repräsentationen des Kriminellen bereichert den Diskurs durch die Erkenntnisse der Kriminologie und relativiert in einem zentralen Bereich der Zwangskontexte der Sozialen Arbeit, der Kriminalität, die öffentliche Wahrnehmung von Devianz und den professionellen Umgang mit kriminalisiertemVerhalten. .

Fazit

Kurzum: Dieses Heft der Widersprüche eignet sich hervorragend, um einen tiefen, differenzierten Einblick zu erhalten in den aktuellen Diskurs überSoziale Arbeit und Zwang“ weit über „sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich“ hinaus. Die Beiträge spiegeln eine ansprechende und vielfältige „Wissens- und Meinungslandschaft“ wider, die sowohl TheoretikerInnen aber auch PraktikerInnen der Sozialen Arbeit interessieren dürfte.


Rezension von
DSA Dr. Marianne Gumpinger
Fachhochschule Oberösterreich, Campus Linz, Studiengangsleiterin des Fachhochschul-Studiengangs Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Marianne Gumpinger. Rezension vom 06.10.2010 zu: Sozialistisches Büro (Hrsg.): Grenzen des Zwangs? Soziale Arbeit im Wandel. Kleine Verlag 2009. ISBN 978-3-937461-64-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9613.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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