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Jacob Bausum, Lutz Besser u.a. (Hrsg.): Traumapädagogik

Cover Jacob Bausum, Lutz Besser, Martin Küh, Wilma Weiß (Hrsg.): Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 223 Seiten. ISBN 978-3-7799-2234-6. 22,00 EUR.

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Thema

In dem Sammelband „Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis“ lassen die Herausgeber Jacob Bausum, Lutz Besser, Martin Kühn und Wilma Weiß fünfzehn Praktiker aus verschiedenen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe zu Wort kommen. Übersichtsartikel über den Begriff der Traumapädagogik, Inhalte der Traumabearbeitung und Traumaarbeit sowie die neurobiologischen Grundlagen der Psychotraumatologie führen in die Grundlagen der Traumapädagogik ein

Traumapädagogik als sich erst in den letzten Jahren etablierende Fachdisziplin basiert auf den Erkenntnissen der Psychotraumatologie, der Erziehungswissenschaften, der Bindungstheorie sowie der Resilienzforschung. Dysfunktionale Reaktionen auf traumatische Lebenserfahrungen werden hierin nicht weiter als individuelle Pathologie, sondern als entwicklungslogische, sinnvolle Überlebensreaktion auf existenzbedrohende gewaltbezogene Ursachen und Faktoren entmystifiziert und somit entpathologisiert.

Der inklusive Ansatz der Traumapädagogik wird als wirkungsvolle Option zur Stabilisierung und Förderung traumatisch belasteter Kinder und Jugendlicher umfassend skizziert. Konkret und praxisnah wird die notwendige Adaptation traumatherapeutischer Module in pädagogische Ansätze dargestellt, wobei sich die Entwicklung eigener fachlicher Lösungsansätze nicht nur in der Schule und der Kinder- und Jugendhilfe, sondern auch in anderen pädagogischen Arbeitsfeldern wie der Primarerziehung, der Erwachsenenbildung, der Biografiearbeit, der Behindertenhilfe etc. als äußerst sinnvoll erweist.

HerausgeberInnen

Jacob Bausum, Jg. 1975, Diplom-Sozialarbeiter, Erzieher und Traumapädagoge ist Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfestelle des Welle e.V. in Maintal. Als Referent für das Zentrum für Traumapädagogik sind seine Schwerpunkte Jungen und Mädchen, die auf der Täterseite re-inszenieren, sowie Trauma und Gruppe.

Lutz Ulrich Besser, Jg. 1951, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiater, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, gründete und leitet das Zentrum für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen (zptn) und ist Autor und Dozent zahlreicher Fortbildungscurricula und Seminare in Psychotraumatologie, traumazentrierter Psychotherapie, Traumaberatung/-pädagogik und Medienpädagogik in der BRD und im Ausland

Martin Kühn, Jg. 1964, Diplom-Behindertenpädagoge mit Zusatzqualifikation in systemischer Familientherapie und -beratung, seit 1995 Bereichsleiter für „Differenzierte Hilfen und Beratung“ im Kinder- und Jugendhilfeverbund SOS-Kinderdorf Worpswede, betreibt die Webseite www.traumapaedagogik.de und ist Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Traumapädagogik.

Wilma Weiß, Jg. 1951, Diplom-Pädagogin, Diplom-Sozialpädagogin, Zusatzqualifikation in systemischer Familientherapie, feministischer Therapie und Traumafachberatung, ist seit 2007 Fachleitung und Referentin im Zentrum für Traumapädagogik der Welle e.V. Maintal in Hanau und 2. Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Traumapädagogik.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband gliedert sich in die drei Abschnitte

  1. Grundlagen,
  2. Arbeitsfelder und
  3. Methoden der Traumapädagogik.

1. Grundlagen der Traumapädagogik

Im ersten Teil werden die „Grundlagen der Traumapädagogik“ umrissen. Dabei wird der Begriff der Traumapädagogik aus der notwendigen Adaptation therapeutischer Modelle in den pädagogischen Ansatz bis hin zu einem gesellschaftspolitischen Diskurs beleuchtet. Traumapädagogik versteht sich nicht als „fachliche Nische“ (S. 9), sondern als „wirkungsvolle Option zur Stabilisierung und Förderung traumatisierter Kinder und Jugendlicher mit dem Ziel der sozialen und gesellschaftlichen Teilhabeermächtigung durch Schaffen entsprechender ‚sicherer Orte‘ in pädagogischen Arbeitsfeldern“ (S. 8).

Wilma Weiß, die Begründerin der Traumapädagogik in Deutschland, betont in ihrem Artikel „Wer macht die Jana wieder ganz? Über Inhalte von Traumabearbeitung und Traumaarbeit“ die Notwendigkeit eines Raumes stabiler sozialer Beziehungen und einer Gesellschaft, die bereit ist, sich mit den Ursachen von Gewalt auseinanderzusetzen. Das Erleben einer „heilenden Gemeinschaft“ sieht sie als den „vielleicht wesentlichste(n) Beitrag für eine gelingende Traumabearbeitung“ (S. 14 f.); positive Beziehungserfahrungen bieten traumatisierten Kindern eine Chance zur Selbstbemächtigung, dem zentralen Bestandteil der Traumabearbeitung.

Martin Kühn setzt sich mit der Entstehung des Begriffs der Traumapädagogik als Antwort auf die Erfolglosigkeit oder Nichtwirksamkeit pädagogischer Konzepte im Bereich der Hilfen zur Erziehung auseinander. In „‚Macht Eure Welt endlich wieder mit zu meiner!‘ Anmerkungen zum Begriff der Traumapädagogik“ benennt er vier Notwendigkeiten für einen pädagogischen Zugang zum Thema „Trauma“. Auf dem Hintergrund der Geschichte der Heimerziehung als einer Geschichte von Trauma und Retraumatisierung stellen traumapädagogische Konzepte eine Enttabuisierung zwischenmenschlicher und institutioneller Gewalt in Einrichtungen der Jugend- und Behindertenhilfe dar. Die Wiederentdeckung traumabezogener Klassiker der pädagogischen Fachliteratur und die erhebliche Bedeutung der jüngeren neurophysiologischen Erkenntnisse für die pädagogische Praxis machen den interdisziplinären Diskurs zwischen Pädagogik, Psychotherapie und Psychiatrie unabdingbar. Um stigmatisierenden und retraumatisierenden Erfahrungen betroffener, unter symptomatischen traumatischen Stressreaktionen leidender Kinder und Jugendlicher in der Jugend- und Behindertenhilfe wirksam zu begegnen, bedarf es einer traumapädagogischen Betrachtungsweise, die in die Fachkompetenz der BetreuerInnen als „neuer Blick“ (S. 27) einfließen muss. Konkrete Rahmenaspekte einer Traumapädagogik beschreibt Kühn in Form der „Pädagogik des Sicheren Ortes“ (PädagogInnen als „Sicherheitsbeauftragte“), des „Emotional-orientierten Dialoges“ (PädagogInnen als „SprachforscherInnen“) und des „Geschützten Handlungsraumes“ (PädagogInnen als „EntwicklungshelferInnen“) (S. 31 ff.).

Eine stringente Beschreibung traumatischen Geschehens und der daraus folgenden „traumatoplastischen Gehirnstrukturierung“ liefert Lutz Ulrich Besser in dem Beitrag „Wenn die Vergangenheit Gegenwart und Zukunft bestimmt. Wie Erfahrungen und traumatische Erlebnisse Spuren in unserem Kopf hinterlassen, Gehirn und Persönlichkeit strukturieren und Lebensläufe determinieren“. Besonders bei frühkindlicher Traumatisierung kommt es demnach zu automatisierten Überlebensreaktionen schon bei kleinen alltäglichen Stress-Anlässen, was bei komplex traumatisierten Kindern und Jugendlichen häufig zu beobachten ist und nur allzu oft zu Überforderungen seitens der HelferInnen und zu Re-Traumatisierungen der Betroffenen führt. Besser formuliert daher ein brennendes Plädoyer für eine traumazentrierte Pädagogik und Psychologie, für einen „Paradigmenwechsel im wissenschaftlichen Verständnis von Symptomentstehung und psychotherapeutischen und pädagogischen Behandlungsansätzen …, der den neuen Forschungsergebnissen und empirischen Erkenntnissen über erfolgreiche und effektive traumatherapeutische Behandlungs- und traumapädagogischen Umsetzungsmethoden Rechnung trägt“ (S. 50).

2. Arbeitsfelder der Traumapädagogik

Im zweiten Teil werden praxiserprobte Konzepte und deren Umsetzung vorrangig in Jugendhilfe und Schule vorgestellt.

Ulrike Ding beleuchtet das System Schule in Hinblick auf den Umgang mit traumatisierten Kindern. Schule als ein Ort nicht nur kognitiven Wissenserwerbs, sondern auch möglicher Bindungserfahrungen, erfordert traumapädagogisches Wissen und eine reflektierende Grundhaltung, um traumatisierte Kinder auf dem Weg der Heilung zu unterstützen bzw. Re-Traumatisierungen vermeiden zu helfen und Schule zu einem sicheren Ort werden lassen.

In einem Werkstattbericht beschreiben Maria Krautkrämer-Oberhoff und Kristof Haaser die Entwicklung und Umsetzung eines hausinternen Fortbildungskonzeptes im Kinderheim St. Mauritz in Münster zum Thema „Pädagogischer Umgang mit traumatisierten Mädchen und Jungen“, das wissenschaftlich begleitet und formativ evaluiert worden ist. Maria Krautkrämer-Oberhoff stellt zudem in „Traumapädagogik in der Heimerziehung“ die Biografiearbeit mit dem Lebensbuch „Meine Geschichte“ vor, die Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu traumabedingt abgespaltenen Teilen ihrer Biografie ermöglichen kann. Die Autorin spricht sich außerdem für die Entwicklung einer speziellen „Traumapädagogischen Supervision“ für die diese schmerzhaften Prozesse begleitenden PädagogInnen aus.

Die im „Milieutherapeutischen Kinder- und Jugendhof Anderland“ praktizierte Psychoanalytische Sozialpädagogik nach dem Ansatz von Fritz Redl interpretiert Wolf Wagner in seinem Artikel „Psychoanalytische Sozialpädagogik als Traumapädagogik. Familienanaloge Ersatzelternschaft für psychosozial hochbelastete Kinder“ als „Grenzlinie zwischen therapeutischem und pädagogischem Arbeiten“ (S. 84).

In „Traumapädagogik und Traumatherapie. ‚Du darfst niemandem davon erzählen!‘“ schildern Michaela Halper und Petra Orville beeindruckende Praxisbeispiele der Traumabearbeitung aus den beiden Einrichtungen „Ubuntu“ und „ReethiRa“. Die Psychotherapie und Pädagogik geben darin ihre gegenseitigen Grenzen zugunsten einer realitätsbezogenen Alltagsbewältigung traumatisierter Jugendlicher auf, denn: „Das traumatisierte Kind ist auch im pädagogischen Alltag ein traumatisiertes Kind“ (S. 99). In einem weiteren Artikel „Traumapädagogik und Geschlecht“ skizzieren dieselben Autorinnen die geschlechtsspezifisch adaptierten Betreuungskonzepte.

Martin Kühn umreißt in „Traumapädagogik und Partizipation“ die Beteiligung in Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe (S. 127 ff.), bei der es um die Überwindung gestörter Dialoge aus traumatischen Erfahrungen heraus geht hin zur Entwicklung eines Dialogs als Grundprinzip pädagogischen Handelns und der Herstellung eines „Sicheren Ortes“ als heilsamem Feld, in dem Ich- und Handlungskompetenz, Selbstkontrolle und -wirksamkeit in einem „gemeinsam gestalteten Raum des Zwischenmenschlichen“ erfahren werden können (S. 135).

3. Methoden der Traumapädagogik

Methoden der Traumapädagogik werden in einem dritten Teil skizziert. Als Kernstücke gelten die von Karl Heinz Brisch beschriebene Bindungspädagogik sowie das Konzept der Selbstbemächtigung von Wilma Weiß.

In „‚Schütze mich, damit ich mich finde‘. Bindungspädagogik und Neuerfahrung nach Traumata“ beschreibt Brisch die Entwicklung von Bindungssicherheit, Bindungsqualität, den Einfluss der Bindungsrepräsentation der Bezugsperson und die Bindungskontinuität zwischen den Generationen. Eine bindungsorientierte pädagogische Arbeit ermöglicht Kindern mit Bindungsstörungen, alte traumatische Muster nicht wiederholen zu müssen und auf der neurobiologischen Ebene ein neues inneres Arbeitsmodell von Bindung zu entwickeln. Im besten Falle können Kinder so in Erfahrung bringen, dass sie in ihrem Leid angenommen und nicht weiter verletzt werden.

Wilma Weiß‘ Konzept der Selbstbemächtigung ergreift auf engagierte Weise Partei für die Befreiung ihrer Selbstbestimmung beraubter Kinder und Jugendlicher von Abhängigkeit und Ohnmacht. Das Verständnis der Neurophysiologie traumatischer Erfahrungen ist dabei unabdingbar für das Verstehen und Akzeptieren der physischen und psychischen Extrem-Reaktionen traumatisierter Kinder auf scheinbar banale Alltagssituationen. Selbstbemächtigung als Traumabearbeitungsprozess bedeutet, zum Subjekt seines eigenen Lebens zu werden. Das Verstehen von traumatischem Stress, der Funktionsweise von Dissoziationen, der Dynamik traumatischer Übertragungen und die Enttabuisierung von Gewalt gegen Kinder führen zu einem Selbst-Verstehen, der Bildung einer eigenen Identität und der Möglichkeit der kognitiven Bewältigung der traumatischen Erlebnisse.

Zur Unterstützung der „SELBSTentwicklung“ hat Thomas Lutz (S. 171) Arbeitsbögen im Rahmen der Einzelberatung von traumatisierten Jungen entwickelt und stellt diese in seinem Artikel „ICH BIN“ vor. Aufgrund ihrer traumatischen Lebenserfahrungen leben betroffene Kinder und Jugendliche auf einem grundsätzlich höheren Stressniveau, fühlen sich schneller in Alarmzuständen und reagieren unkontrollierter. Mithilfe der Arbeitsbögen können die Kinder und Jugendlichen ihr inneres Zusammenspiel besser verstehen lernen, sich selbst und anderen erklären, um nach neuen Verhaltensmöglichkeiten suchen zu können.

Gruppenpädagogik als einen zentralen Ort traumapädagogischer Arbeit beschreibt Jacob Bausum in dem Artikel „Ressourcen der Gruppe zur Selbstbemächtigung: ‚Ich bin und ich brauche euch‘“, wobei die Auseinandersetzung mit den Ursachen destruktiver Gruppenprozesse, verantwortungsloser Machtstrukturen und unsichererer Bindungsangebote in kaum einem anderen Kontext so intensiv erlebt werden kann wie in Gruppen.

Eine kreative Ressource zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte schildern Eva Bundschuh und Eva Picard in Form von „Ausdrucksmalen als Beitrag zur Bebilderung traumatischer Lebensumstände: ‚Dich habe ich jetzt angezündet, leider verbrennst du jetzt‘“.

Eine weitere Ressource in der Bearbeitung traumatischer Lebensereignisse beschreibt Ulrike Ding in „Trommeln gegen Trauma. Der Einsatz von Congas in der Arbeit mit traumatisierten Kindern“. Ergebnisse musikpsychologischer und kulturanthropologischer Untersuchungen werden dabei auf die heilpädagogische Arbeit mit traumatisierten Kindern übertragen.

Der letzte Artikel „Stabilisierung und (Selbst-)Fürsorge für pädagogische Fachkräfte als institutioneller Auftrag“ von Birgit Lang widmet sich schließlich dem immens wichtigen Fürsorgeaspekt von Leitungen und pädagogischen Fachdiensten gegenüber den mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen arbeitenden Betreuungspersonen. Diese sind besonderen Belastungen wie traumatischen Übertragungen und desorganisierten Bindungsmustern ausgesetzt. Daraus ergeben sich Anforderungen an Strukturen von Einrichtungen in der pädagogischen Haltung gegenüber KlientInnen wie auch MitarbeiterInnen wie Transparenz, Einschätzbarkeit, Partizipation, Individualisierung und Wertschätzung der Individualität. Sicherheit, Stabilität und Selbstwirksamkeit sind nur dann glaubhaft zu vermitteln, wenn sie von den PädagogInnen selbst erlebt werden können.

Zielgruppe

Diese in der deutschen Fachliteratur erstmalige Sammlung traumapädagogischer Grundlagen und Methoden wendet sich vor allem an PädagogInnen, die traumatisierte Kinder und Jugendliche in ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben unterstützen wollen. Dazu bedarf es einer Atmosphäre, in der die Existenz des Unaussprechlichen anerkannt wird und die Entwicklung einer Sprache darüber begünstigt und gefördert werden kann. Helfer benötigen dazu vertieftes Wissen über traumatisches Geschehen und Handwerkszeug im Umgang mit traumaspezifischen Symptomen. Den Kern traumapädagogischen Handelns formuliert Wilma Weiß: „Ziel einer fachlichen Auseinandersetzung aller Helfer und Helferinnen traumatisierter Menschen muss es sein, eigene Wege in der Traumaarbeit zu gehen, den Kontext der traumatischen Erfahrungen immer zu berücksichtigen, ihre Menschen zu schützen und zu ermächtigen und sich über die unterschiedlichen Wege auszutauschen“ (S. 20). Es bedarf einer Haltung, die Verständnis für die Prozesse der traumatischen Übertragung beinhaltet und die Mädchen und Jungen beim Verstehen ihrer eigenen Reaktionen und beim Suchen von selbstschützendem Verhalten unterstützt. Ein selbstreflektorischer Umgang mit eigenen lebensgeschichtlichen Belastungen und eine entwickelte Selbstwahrnehmung seitens der PädagogInnen sind Grundlagen zur Förderung der Selbstbemächtigung von lebensgeschichtlich belasteten Kindern.

Fazit

Dass PädagogInnen in erster Linie den Alltag mit den traumatisierten Kindern und Jugendlichen gestalten und begleiten, macht sie zu den am meisten exponierten ExpertInnen im Umgang mit schwierigsten menschlichen Problemlagen. Die Verantwortung für die schwer seelisch verletzten Kinder und Jugendlichen, die ihnen anvertraut sind, ist daher nicht hoch genug einzuschätzen. Gleichzeitig verlangt diese Verantwortung auch ein hohes Maß an spezifischer Fachkompetenz, wenn es um die explizite Traumaarbeit geht. Zumindest aber bedarf es einer pädagogischen Grundhaltung, die von Respekt, Verständnis und der Bereitschaft zur Beziehung geprägt ist.

Auf unterschiedlichen wissenschaftlichen oder praxisbezogenen Niveaus beschreiben die AutorInnen die Auseinandersetzung und das Ringen pädagogischer Fachkräfte um die Sensibilität für die Themen traumatisierter Kinder und Jugendlicher, denen mithilfe traumapädagogischer Konzepte wieder oder erstmals eine entwicklungslogische, fördernde und heilsame Wirksamkeit von Partizipation ermöglicht werden kann – in einem höchst anspruchsvollen Arbeitsbereich.

Dass diese Forderung besonders an PädagogInnen gestellt wird, bedeutet nicht, wie zuweilen der Eindruck entstehen kann, dass nicht auch eine Reihe weiterer Berufsgruppen sich um psychotraumatologische Kompetenzerweiterung bemühen sollte – insbesondere was den breiten, von Multiproblemlagen gekennzeichneten Arbeitsbereich betrifft, der unsere heutige Hilfelandschaft in der Kinder- und Jugendhilfe prägt (vgl. 13. Kinder- und Jugendbericht, BT-Drs. 16/12860, 2009). Schließlich geht es bei traumatisierten Menschen doch immer auch um langfristige Beeinträchtigungen und Belastungen nicht nur in psychosozialer, sondern auch in medizinischer, juristischer und ökonomischer Hinsicht und damit um Vernetzungs- und interdisziplinäre Kompetenzen sowie um gegenseitigen Respekt.

Weiß (S. 20) zitiert aus Judith L. Hermans „Narben der Gewalt“ (2003, S. 385): „dass die Auseinandersetzung mit psychischen Traumata in ihrem Wesen ein politisches Unterfangen ist, weil sie sich mit der Erfahrung unterdrückter Menschen beschäftigt“ und damit die gesamte Gesellschaft als Aufgabe betrifft. Wenn dieser Appell ernst genommen würde, hätten psychosoziale Fachkräfte im Bereich der Traumaarbeit sehr viel bessere Bedingungen, Heilungs- und Verbesserungsprozesse zu unterstützen.


Rezension von
Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner
Homepage www.gahleitner.net
E-Mail Mailformular
und
Dipl. Soz.-Arb. Jana Sabban
M.A.
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Zitiervorschlag
Silke Birgitta Gahleitner/Jana Sabban. Rezension vom 03.09.2010 zu: Jacob Bausum, Lutz Besser, Martin Küh, Wilma Weiß (Hrsg.): Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-7799-2234-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9618.php, Datum des Zugriffs 16.10.2021.


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