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Eckhard W. Kuhn: Krisenkompetenz. Kreative Lösungen in der Psychotherapie

Cover Eckhard W. Kuhn: Krisenkompetenz. Kreative Lösungen in der Psychotherapie. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2002. 275 Seiten. ISBN 978-3-86145-247-8. 22,50 EUR.
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Das Thema

Es gibt etliche gute Praxishandbücher zum Thema "Lösungsorientierung" und zum Thema "Krisenintervention". Eckhard W. Kuhn verbindet die beiden Themen und möchte in diesem Buch die Kunst der "Ressourcenaktivierung in Krisensituationen" (Umschlagtext) vermitteln.

Der Autor/ der Hintergrund

Der Mediziner und klinische Psychologe Eckhard W. Kuhn ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin. Er ist als Psychotherapeut, Coach, Autor und als Ausbilder beim Norddeutschen Institut für Kurzzeittherapie (NIK) tätig. Er leitete bis 2001 als Chefarzt eine lösungsorientiert ausgerichtete Reha-Klinik in der Nähe von Berlin. Sein Spezialgebiet ist die psychosomatische Medizin und er arbeitet hypnotherapeutisch und lösungsfokussiert (de Shazer / Berg).

Der Inhalt

Kuhn hat sein Buch in 3 klare Abschnitte gegliedert:

Der erste Teil "Krisenkompetenz und Ressourcenaktivierung" beschäftigt sich mit Ressourcen, die KlientInnen selbst bei Krisen aktivieren. Der zweite Teil "Systematische Anleitung zur Krisenintervention" beleuchtet hilfreiche Strategien von TherapeutInnen. Im dritten Teil zeigen kommentierte "Fallbeispiele", wie Kuhn die Umsetzung praktisch gestaltet.

Kuhn möchte keine Rezepte verkaufen, sondern nur einige Grundmuster vorstellen, die sich in der Psychotherapie bewährt haben, denn speziell in der Krisenintervention gibt es keine rigiden Lösungsschemata, "Lebenserfahrung und spontane Lösungsideen" sind ebenso gefragt wie therapeutische Grundkenntnisse (15).

Menschen tun selbst eine Menge, um Krisen vorzubeugen, sie abzumildern oder sie nicht Existenz bedrohend werden zu lassen. In seinem ersten Abschnitt beleuchtet Kuhn diese Selbsthilfekräfte bei Betroffenen, die Krisen meistern: Sie holen sich sachliche Informationen ein, suchen Rat bei den richtigen Freunden, schaffen Ablenkung und Normalität durch Alltagsverrichtungen, Interessen und Hobbys, verdrängen, was sie noch nicht verarbeiten können. Sie pflegen Humor, Freundschaften, kämpfen nicht gegen sich selbst, sondern verwöhnen sich ab und zu (20ff.).

Ausgehend von Wirksamkeitsuntersuchungen in der Psychotherapie (Grawe u.a.) schildert Kuhn dann, wobei eine psychotherapeutische Krisenintervention Hilfestellung geben kann: Erleben einer neuen Erfahrung oder Verbesserung (32), Hilfe bei der Realisierung von Absichten der Klientin (32f.), Klärung von Einstellungen, Absichten und Wünschen (33) und Ressourcenaktivierung (33f.), weiterhin Mobilisierung von Zuversicht, Aufnahme einer emotional bedeutsamen Beziehung, Hilfe bei neuen Interpretationen, Erfahrungen, Erlebnismustern (34).

Nicht förderlich sind Ungeduld, Aggresivität und Abwertung durch TherapeutInnen, Kommunikationsstörungen durch unterschiedliche Sprachebenen, rein intellektuelle Gespräche (35). Ängstlichkeit der TherapeutIn kann ebenso hinderlich sein wie forsche und verfrühte Interventionen, unpassende Medikamente oder das Übersehen wichtiger Problematiken (z.B. Sucht) (35).

Im zweiten Abschnitt beschreibt Kuhn, wie TherapeutInnen bei einer Krise systematisch hilfreich vorgehen können:

Krisen sind von starken Emotionen, Angst und Verzweiflung bis hin zu Suizidgedanken begleitet, so dass zunächst "die Reorganisation zu klarem Denken und umsichtigem Handeln im Vordergrund" steht (47).

Pragmatische Ziele sind:

Zuhören, Entlastung geben, Dramatik entschärfen, Sicherheit geben, zuverlässig sein, Selbstwertgefühl stärken, enge Perspektiven erweitern, Handlungsmöglichkeiten eröffnen und Fähigkeiten erweitern, Eigen- und Fremdgefährdung abklären, weitere Kontaktmöglichkeiten benennen und Vertrauenspersonen der KlientInnen einbeziehen (49).

Weiterhin beschreibt Kuhn ein hilfreiches Phasenmodell von Krisenintervention, das er anhand von Fallbeispielen erläutert:

Phase 1, der Zustand vor der Krisenintervention, ist gekennzeichnet von kognitiver Desorientierung und emotionalem Chaos. Hier muss die Therapeutin zunächst einen Kontakt herstellen und die Lage (z.B. die Selbstgefährdung) einschätzen.

In Phase 2 soll eine akute Entlastung der Klientin geschehen. Was braucht sie am dringendsten, wie kann sie akute Unterstützung und Entspannung (auch im körperlichen Bereich durch Bäder, Massagen usw.) erhalten?

Erst in Phase 3 (nach der Erstversorgung sozusagen) kann die Krisen durch Gespräche und erste Handlungsschritte gründlicher bearbeitet werden.

Hierzu gibt Kuhn für die therapeutischen Gespräche zahlreiche Anregungen aus dem lösungsorientierten Gesprächsführungsmodell nach de Shazer und Berg, die sich in der Krisenintervention bewährt haben.

Phase 4 leitet als Phase der Neuorientierung dann über in die mehr alltägliche therapeutische Arbeit.

In den zahlreichen Fallbeispielen, die etwa 2/3 des Buches ausmachen, verbinden sich Transkription und fachliche Kommentierung, so dass Kuhns Arbeitsstil deutlich wird. Hier findet die Leserin als Therapeutin unterschiedliche Krisenbilder und erlebt, wie Kuhn angemessen, einfallsreich und mit einem Mix passender Methoden tätig wird. Die meisten Fallbeispiele entstammen stationären Hilfe-Einrichtungen oder haben als Hintergrund psychiatrisch-medizinische und stationäre Versorgungsmöglichkeiten.

Insgesamt schreibt Kuhn informativ, engagiert und spannend. Seine lebendigen Fallbeispiele machen die fachlichen Erläuterungen eingängig.

Zielgruppen und Fazit

Ich selbst habe eine Vielzahl von Anregungen erhalten und das Buch ist sicher für alle LeserInnen interessant, die lösungsorientiertes Arbeiten in Krisensituationen von KlientInnen einsetzen möchten.

Ganz besonders empfehlenswert ist dieses Buch für HelferInnen, die mit stationären oder teilstationären KlientInnen im medizinischen Kontext arbeiten.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 30.06.2003 zu: Eckhard W. Kuhn: Krisenkompetenz. Kreative Lösungen in der Psychotherapie. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2002. ISBN 978-3-86145-247-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/962.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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