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Sabine Yvonne Scheef: Systemtheorie und Pädagogik

Cover Sabine Yvonne Scheef: Systemtheorie und Pädagogik. Zur Relevanz von Edukation und Bildung. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. 238 Seiten. ISBN 978-3-8309-2169-1. 29,90 EUR.

Reihe: Bildungswissenschaftliche Studien - Band 1.
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Thema

Das Buch ist als der klärende Versuch geschrieben, die Möglichkeiten und Grenzen der Luhmann`schen Systemtheorie herauszufiltern und dabei zu untersuchen, ob und in welchem Rahmen sich Konsequenzen für pädagogisches Handeln ergeben.

Autorin

Dr. Sabine Yvonne Scheef ist Realschullehrerin für die Fächer Deutsch, EWG und ev. Religion in Knittlingen sowie Lehrbeauftragte an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Aufbau und Inhalt

Das Buch, welches als Dissertation an einer Pädagogischen Hochschule geschrieben wurde, gliedert sich in acht unterschiedlich lange Kapitel.

In einer kurzen Einleitung werden der Aufbau der Arbeit vorgestellt und die Begründung der Inhaltsauswahl und Zielsetzung dargestellt. Interessant ist die Mutmaßung gleich zu Beginn des Buches, wonach Niklas Luhmann mit seiner Theorie möglicherweise „den pädagogischen Bereich kolonialisieren“ wollte (S. 11). Es folgt eine Kategorisierung von drei unterschiedlichen Gruppen von Wissenschaftlern, die in dem Spannungsverhältnis zwischen „Systemtheorie und Pädagogik“ (S. 12) eine bestimmte Position einnehmen, auf die im Verlauf der Abhandlung noch eingegangen wird. Wie die Autorin hier ausführt, wird für die Lektüre des Buchs „ein Vorwissen über die Systemtheorie vorausgesetzt (.)“ (S. 15).

Im zweiten Kapitel wird Luhmanns Begriff von Systemtheorie thematisiert. In komprimierter Form werden die zentralen Begriffe seines Werks vorgestellt, worauf sich das dritte Kapitel bezieht, welches die systemtheoretische Kritik des Pädagogischen darstellen will. Anhand der System-Umwelt-Differenz, der Kategorie Beobachtung, dem Lernbegriff und dem Funktionssystem Schule versucht die Autorin, die Kritikpunkte Luhmanns am herkömmlichen Unterrichtsinteraktionssystems und das „Technologiedefizit von Erziehung“ zu referieren. Bedauerlich ist hier, dass Luhmann mit Werken von 2004 und 2006 zitiert wird, die im Literaturverzeichnis nicht zu finden sind. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Edukationstheorie und pädagogischen Fehlformen. Nach einer kurzen Beschäftigung mit Edukation, die hier das Ziel hat, den „Prozess der Entfaltung von Mündigkeit, Charakterstärke, Freiheit, Vernunft, Sprache, Moralität, Religiosität und Gemeinschaftssinn (zu) akzentuieren und (zu) fördern“ (S. 104), wird der Personenbegriff in Pädagogik und Systemtheorie abgehandelt. Nach eingehender Prüfung kommt Scheef zu der Schlussfolgerung, dass die Systemtheorie alles missachtet, „was auf die Einmaligkeit des einzelnen Menschen und dessen Edukation und Bildung abzielt.“ (S. 118). Im fünften Kapitel stellt die Autorin die Möglichkeiten der Systemtheorie vor, Impulse für das pädagogische Denken zu liefern. Die Autorin hält fest, dass die „soziologische Systemtheorie Luhmanns durchaus Impulse für das pädagogische Denken setzen kann“, wobei die Systemtheorie dort endet, „wo die pädagogische Handlungstheorie beginnt.“ (S. 125). Von daher kommt die Autorin zur Schlussfolgerung, dass die Systemtheorie Luhmanns als soziologischer Versuch interpretiert werden kann, der unter den Bedingungen individueller Autonomie (.) technologisches und technokratisches Denken aufrecht erhält“ (S. 133).

Das sechste Kapitel ist der Sozialphilosophischen Dimension vorbehalten, indem die Autorin die handlungs- und kommunikationstheoretische Differenz von Luhmann zu Habermas (sog. Frankfurt-Bielefeld-Differenz) behandelt. Daran schließt sich das siebte und längste Kapitel der Arbeit an: Die Grenzen der Systemtheorie und die Pädagogische Kritik des Systemtheoretischen. Mittels vieler kurzer Bezüge aus dem Werk Luhmanns, dem Rückgriff auf pädagogische Größen wie Kant, Schleiermacher und Herbart und neueren Vertretern einer geisteswissenschaftlichen Pädagogik stellt Scheef schließlich fest, dass aus pädagogischer Sicht bestätigt werden kann, dass nach Luhmann „handelnde Subjekte nur funktionale Systemelemente im Kontext des komplexen Unterrichtsinteraktionssystems sind“ (S. 205). So verwundert es den Leser auch nicht mehr, wenn im achten Kapitel das abschließende Fazit lautet: „Solange das Subjekt nicht als Selbstzweck und Person im Zentrum der pädagogischen Praxis steht, sondern eine substantielle Reduktion auf seine Funktionalität erfährt, gibt es für eine systemtheoretische Wende innerhalb der Pädagogik keinen Anlass.“ (S. 219).

Zielgruppen

Wir die Autorin selbst anführt, sollten sich an die Lektüre dieses Buch nur Menschen begeben, die über ein entsprechendes Vorwissen über Systemtheorie verfügen. Ansonsten eignet es sich vorzüglich für Menschen, die gerne anspruchsvolle Dissertationen lesen.

Fazit

Da dieses Werk als Dissertation geschrieben wurde, sind der Aufbau, der Inhalt und die Sprache sehr anspruchsvoll. Um mit diesem Buch etwas anfangen zu können, braucht es mehr als nur ein gutes Vorwissen über Systemtheorie. Dem wissenschaftlichen Kontext, in dem es entstanden ist entsprechend, verlangt dieses Buch vom Leser ein hohes Maß an Abstraktionsvermögen, pädagogischem und philosophischen Vorwissen sowie die Bereitschaft, sich mit der komplizierten Materie der Luhmann‘schen Theorie auseinanderzusetzen. Es bleibt nach der Lektüre offen, weshalb die Autorin die Theorie Luhmanns als die Systemtheorie verstanden hat und sie nicht als eine mögliche würdigen konnte. Durch diese Verengung der Systemtheorie als bloße soziologische Theorie wird die Arbeit der Vielfalt der systemischen Theorie nicht gerecht. In akribischer Arbeit wird Luhmann ein Alleinvertretungsanspruch für Systemtheorie unterstellt, die dieser selbst nie formuliert hat. In Entsprechung zum zugegeben sperrigen Werk von Luhmann wird holzschnitzartig eine vermeintlich pädagogische „Beweisführung“ erarbeitet, die Systemtheorie nur in Kategorien von Funktionssystemen und Abrichtung denken kann, weshalb sie letztendlich zurückgewiesen werden kann. Im Rahmen einer Dissertation mag dies ausreichen, im Rahmen eines kontroversen fachlichen Diskurses nicht.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 20.09.2010 zu: Sabine Yvonne Scheef: Systemtheorie und Pädagogik. Zur Relevanz von Edukation und Bildung. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2009. ISBN 978-3-8309-2169-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9623.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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