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Stefan Bernhard: Die Konstruktion von Inklusion

Cover Stefan Bernhard: Die Konstruktion von Inklusion. Europäische Sozialpolitik aus soziologischer Perspektive. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 429 Seiten. ISBN 978-3-593-39153-3. D: 45,00 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 72,90 sFr.

Reihe: Campus Forschung - Band 943.
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Thema

Die Europäische Sozialpolitik ist vornehmlich Gegenstand der politikwissenschaftlichen Forschung. Hier ist in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Studien entstanden, wohingegen die genuin soziologische Perspektive auf die jüngere Europäische Sozialpolitik noch ein Desiderat darstellt. Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, den sozialpolitischen Zweig der Inklusionspolitik aus der Perspektive der politischen Wissenssoziologie zu untersuchen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt neun Kapiteln aufgebaut, wobei im ersten Kapitel, das zugleich die Einleitung darstellt, die Fragestellung und der Gang der Arbeit dargestellt wird. Der Autor Stefan Bernhard hat das vorliegende Werk als Dissertation im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs „Märkte und Sozialräume in Europa“ an der Universität Bamberg vorgelegt und ist heute am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg tätig. Als Ausgangspunkt hat der Autor ein Zitat der Europäischen Kommission aus dem Jahre 2007 der Arbeit vorangestellt, in dem das Ausmaß von Armut und sozialer Ausgrenzung in der EU beschrieben wird. An diesem Zitat expliziert Stefan Bernhard drei aus soziologischer Sicht bedeutsame Aspekte: zum einen wird der Begriff der sozialen Ausgrenzung von Institutionen der EU mittlerweile selbstverständlich verwendet. Zum zweiten werden statistische Kennzahlen für die gesamte Bevölkerung der EU angegeben und nicht für einzelne Mitgliedsstaaten. Und schließlich ist es die Europäische Kommission selber, die diese Zahlen in einem offiziellen Dokument darstellt und nicht ein/e Wissenschaftler/in in einer Fachpublikation. Aus diesen auf den ersten Blick banalen Erkenntnissen entwickelt der Autor die aus soziologischer Perspektive höchst bedeutungsvolle Fragestellung: „Was sind die Bedingungen der Möglichkeit des obigen Zitats?“ (S. 12) Dabei geht es ihm vornehmlich um die Konstruktionsprozesse, wie Problemwahrnehmungskategorien konstruiert werden und die Positionierung der Akteure. Hier bedient er sich des theoretischen Instrumentariums Pierre Bourdieus, der hier das Konzept des „sozialen Feldes“ entwickelt hat. Stefan Bernhard widmet sich im weiteren Verlauf seiner Studie der Untersuchung der These, dass das Feld der europäischen Inklusionspolitik nicht ein Reflex auf Begebenheiten, sondern ein „Kosmos von Wirklichkeitsrepräsentationen (ist), die im Wettstreit von feldinternen Akteuren vorgebracht werden“ (S. 14).

Da diese Perspektive die bisherigen Forschungstraditionen im Umgang mit dem Gegenstand – der Inklusionspolitik der EU – in Frage stellt, wird im zweiten Kapitel zunächst eine Abgrenzung der Politikwissenschaft von der politischen Wissenssoziologie vorgenommen. Dabei wird zunächst der Forschungsgegenstand konkretisiert, der sich auf die Untersuchung der Offenen Methode der Koordinierung (OMK) als Instrument der Inklusionspolitik der EU konzentriert. Die OMK stand (und steht) in der Politikwissenschaft mittlerweile schon in einer Vielzahl von Studien im Mittelpunkt der Betrachtungen, wobei sich dabei verschiedene Herangehensweisen offenbaren. Dabei geht es vornehmlich um die Abgrenzung rationalistischer von konstruktivistischen Positionen in der Governance-Forschung, die Stefan Bernhard ausführlich nachzeichnet. Dabei geht es ihm insbesondere um darum zu zeigen, inwiefern die politische Wissenssoziologie das Potential hat, über die bisherigen Erkenntnisse dieser Forschungsansätze hinaus relevante Ergebnisse zu liefern. Dabei erweist sich vor allem der Konstruktivismus als fruchtbarer Anknüpfungspunkt, insofern hier Akteure, Interessen, Ideen und die Beziehungen zu Institutionen in kritischer Weise problematisiert werden. Die politische Wissenssoziologie kann darüber hinaus den Zusatznutzen der Reflexivität erbringen, indem sie diese Akteure, Interessen und Ideen als Teil eines sozialen Feldes i.S. Bourdieus betrachtet.

Das dritte Kapitel widmet sich der ausführlichen Darstellung der Theorie Pierre Bourdieus in Bezug auf den Forschungsgegenstand der Europäischen Inklusionspolitik. Dabei geht es vornehmlich um das Konzept des sozialen Feldes und der Feldanalyse. Dabei wird die OMK selber als ein soziales Phänomen i.S. Bourdieus betrachtet, die als solches von symbolischen Herrschaftsbeziehungen durchzogen ist. Bernhard stellt zunächst das Konzept von Herrschaftsbeziehungen i.S. Bourdieus als soziale Ordnungen dar. Dabei geht es darum, dass sich soziale Ordnungen auf drei Sinnebenen untersuchen lassen, die als sozialer, als praktischer und als struktureller Sinn gekennzeichnet werden. In einem weiteren Schritt expliziert der Autor das Konzept der Feldanalyse als Forschungsprogramm i.S. Bourdieus.

Im vierten Kapitel wird daran im Anschluss das empirische Programm der feldtheoretischen Forschung umrissen und es werden die Erkenntnishindernisse dieses Ansatzes diskutiert. Hier wird die Konstruktion des Interviewleitfadens ausführlich beschrieben, der in den 25 geführten Interviews zum Einsatz kam. Dabei geht es zum einen um die symbolische Positionierung der Akteure und zum anderen um deren Netzwerkeinbindung, die mittels einer Netzwerkkarte ermittelt wird.

In den folgenden Kapiteln werden die Ergebnisse der empirischen Studie dargestellt, die sich an der chronologischen Entwicklung der Armutspolitik in der EU orientieren.

So wird mit dem fünften Kapitel die eigentliche Bühne der Ausgangsfragestellung betreten, indem unter der Kapitelüberschrift „Die Genese des Feldes“ die Entwicklung der ersten Phasen der Armutspolitik der Europäischen Union bis zum Beginn der 80er Jahre feldtheoretisch beschrieben wird. Dabei wird die Entstehung der „Keimzelle des Feldes“ (S. 110), d.h. der Armutsthematik als europäisches Politikfeld beschrieben.

Im sechsten Kapitel knüpft Stefan Bernhard hier direkt an, indem er die Ausweitung des Politikfeldes Armut in der Phase bis zur ersten Hälfte 90er Jahre als durch Kontinuität und Wandel geprägt darstellt. Kennzeichnend für diese Phase ist aus feldtheoretischer Sicht die Herausbildung „einer symbolischen Konfliktlinie zwischen den Antagonismen ‚Solidarität‘ und ‚Binnenmarkt‘“ (S. 152). Gleichzeitig kommt es zu institutionellen Wandlungsprozessen, in deren Gefolge die Rolle der Europäischen Kommission im Politikfeld Armut sich mehr und mehr zu der einer zentralen Beratungsagentur entwickelt. Auf diese Weise betreibt die Kommission keine eigene Armutspolitik, sondern eher eine Proto-Politik, in der der Autor die OMK bereits angelegt sieht. Weiterhin lässt sich in dieser zweiten Phase der Ausweitung des Politikfeldes ein zweiter Wandlungsprozess nachzeichnen, der auf der semantischen Ebene stattfindet. Hier findet ein Wechsel der „Leitsemantik von ‚Armut‘ über ‚neue Armut‘ zum Begriff der sozialen Ausgrenzung“ (S. 153) statt.

Mit dem siebten Kapitel beschreibt Stefan Bernhard die Phase bis zum Ende der 90er Jahre, die er als die „Sedimentierung der Ausgrenzungspolitik“ (S. 197) kennzeichnet. Dabei lassen sich einige markante Wandlungsprozesse nachzeichnen, die sowohl durch Brüche innerhalb des Politikfeldes als auch in seinem Umfeld begründbar sind. So lässt sich eine Erosion der symbolischen Konfliktlinie zwischen Solidarität und Binnenmarkt erkennen. Gleichzeitig kommt es feldintern zu Blockaden und in deren Gefolge zu institutionellen Wandlungsprozessen. In semantischer Hinsicht erfährt die Leitsemantik der Ausgrenzung eine doppelte inhaltliche Füllung, die hier einerseits als Beschäftigungsproblem interpretiert wird und zum anderen als Mangel an sozialen Rechten.

Mit dem achten Kapitel geht der Autor auf die jüngere Entwicklung der Inklusionspolitik im Kontext der Lissabon- Strategie ein, die der Autor als „ein symbolisches Großereignis“ bewertet (S. 259). In der Einführung der OMK sieht Stefan Bernhard eine institutionelle Fragmentierung des Grundkonflikts zwischen Binnenmarkt und Solidarität, der nun „in Detailfragen an partikularisierte Felder“ delegiert wird (S. 269). Gleichzeitig wandelt sich die Leitsemantik von „Ausgrenzung“ zu „Inklusion“ und es kommt vor dem Hintergrund der Lissabon-Strategie zur Herausbildung von zwei Polen: dem dominanten Pol ‚Humankapital‘ sowie dem dominierten Pol ‚Menschenrechte‘. Hier zeichnet der Autor die Feldkämpfe nach, in denen sich die Akteure positionieren. Dabei arbeitet er fünf feldspezifische Akteursstrategien heraus, die er exemplarisch an zwei relevanten Feldereignissen (dem Streamlining der sozialpolitischen Koordinierungsmethoden sowie der Debatte zur Aktiven Eingliederung) darstellt. Dabei ergeben sich interessante Einsichten in die Handlungslogik sowohl der im Feld aktiven NGOs als auch der Europäischen Kommission, die durch den feldtheoretischen Ansatz herausgearbeitet werden konnten.

Das neunte Kapitel steht schließlich im Zeichen der kritischen Auseinandersetzung mit der Europäischen Sozialpolitik aus der Perspektive der politischen Soziologie des Wissens. Hier versucht Stefan Bernhard u.a. die „Frage des Zusatznutzens der Feldanalyse im Vergleich zum politikwissenschaftlichen Konstruktivismus“ zu diskutieren (S. 357).

Haupterkenntnisse

Die wichtigste Erkenntnis dürfte darin zu sehen sein, dass Stefan Bernhard zeigen kann, dass die Entwicklung der Europäischen Sozialpolitik gerade durch das Subsidiaritätsprinzip und die dadurch bestehende Kompetenzbeschränkung der EU ein soziales Feld darstellt, in dem wie kaum in einem anderen die symbolischen Konstruktionen von enormer Wirkungsmacht sind. Gleichzeitig entwirft er Ansätze für ein Programm einer Soziologie der EU-Integration, die für die künftige EU-Forschung von weitreichender Bedeutung sein könnte.

Zielgruppen

Das Buch ist insbesondere für Soziolog/inn/en geschrieben, die auf dem Gebiet der politischen (Wissens)Soziologie arbeiten. Gleichzeitig ist es für soziologisch interessierte Politikwissenschaftler/innen relevant, die im Bereich der Europäischen Sozialpolitik spezialisiert sind und einem transdisziplinären Perspektivwechsel offen gegenüberstehen.

Fazit

Mit diesem Buch wird eine reizvolle innovative Perspektive auf die Europäische Sozialpolitik im Allgemeinen und der Inklusionspolitik im Besonderen entwickelt, die für die Zielgruppen interessant sein dürfte. Für Expert/inn/en der Bourdieuschen Theorie dürfte allerdings in den ersten Kapiteln nicht allzu viel Neues zu erwarten zu sein, wohingegen die Kernthematik des Buches mit Gewinn zu rezipieren ist.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 06.04.2011 zu: Stefan Bernhard: Die Konstruktion von Inklusion. Europäische Sozialpolitik aus soziologischer Perspektive. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39153-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9627.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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