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Arthur Engelbert: Gegenseitige Hilfe

Cover Arthur Engelbert: Gegenseitige Hilfe. Eine Vision mit Anleitungen für Kleingruppen. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 86 Seiten. ISBN 978-3-8288-2148-4. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 30,10 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

In dem vorliegenden Buch wird auf den Ausdruck „Gegenseitige Hilfe“ von Petro Kropotkin zurückgegriffen, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts seine Arbeiten über die Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt im gleich betitelten Buch vorlegte (vorliegende deutsche Ausgabe 1999). Der Autor des vorliegenden Buches will das Für und Wider „gegenseitiger Hilfe“ analysieren. Er will Probleme und Perspektiven wechselseitiger Zusammenarbeit in Kleingruppen vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen herausarbeiten. (S. 7)

Autor

Dr. Arthur Engelbert ist Professor für Medientheorie und -praxis an der Fachhochschule Potsdam, Studiengang Kulturarbeit, und habilitierte 1998 im Fach „Medientheorie und Kunstwissenschaft?. Neben interdisziplinären Studien zur zeitgenössischen Kunst leitet er seit 1999 ein Forschungsprojekt, das kulturelle Transfers zwischen Kulturen und Künsten untersucht.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung stellt der Autor unter 32 Überschriften seine Vision von „gegenseitige Hilfe“ mit Anleitungen für Kleingruppen vor. Diese Überschriften sind genauso programmatisch wie der Titel des Buches selbst. Die Ausführungen zu einzelnen Überschriften haben einen durchschnittlichen Umfang von zwei Seiten.

Unter der ersten Überschrift Fortschritt und Rückschritt beschäftigt sich der Autor mit dem Prinzip der Arbeitsteilung, mit den Grenzen der Entwicklung, mit dem Begriff der Nachhaltigkeit („ein Übergangsbegriff“, S. 13) sowie mit der Frage, wie denn eine qualitative Veränderung aussehen könnte. Die abschließenden Überlegungen des Autors betreffen „den sozialen Körper und die kulturelle Gemeinschaft von Personen, die ihr Wissen, ihre Kompetenz und ihre Ideen im Kleinen aushandeln, um Entwicklungen im Großen besser erkennen, kontrollieren und mitgestalten zu können.“ (S. 16)

Helfen versus Raffen heißt die zweite Überschrift, wo der Autor auch feststellt, dass der Kenntnisstand von Kropotkin aus heutiger Sicht zwar überholt, die „gegenseitige Hilfe“ jedoch eine noch unverbrauchte These sei; sie sei zugleich aktuell, wenn man andere theoretische Entwicklungen mit einbeziehe. „Gegenseitige Hilfe“ sei ein Denkmodell für soziale, politische und kulturelle Beziehungen, deren Gefüge dynamisch seien.

Gene helfen, sind aber egoistisch lautet die nächste Überschrift. Hier beschäftigt sich der Autor v.a. in Form von kritischen Fragen, ob die Übertragung vom Gen auf das Gehirn und von dort auf soziale, kulturelle und technologische Systeme sinnvoll ist.

Darauf folgend geht es um den Begriff Verbundenheit, wobei insbesondere deren Mehrdeutigkeit thematisiert wird.

Mit der Überschrift Kleingruppen auf dem Sprung zu etwas Großem wird das Entwicklungspotential der Kleingruppe, in der gegenseitige Hilfe hauptsächlich erfolgt, angesprochen.

Unter Zwischenablage wird die kulturelle Schnittstelle thematisiert. Im nächsten Teil sucht der Autor Antwort auf die Frage Wohin steuert „gegenseitige Hilfe“? Anschließend erläutert er mit zwei Abbildungen die kybernetisch geregelte Vision, indem er Pichts Dreierschritt „Prognose, Planung, Utopie“ umformuliert in „Motivation, Planung, Vision“.

„Gegenseitige Hilfe“ - ein systemischer Imperativ? lautet die nächste Überschrift und stellt fest: „Das Planungsmodell von Kleingruppen ist eine flexible und nachvollziehbare Kombination, die die Vielfältigkeit der Interessen und Kompetenzen aufgreift und fördert.“ (S. 28)

Bei der nächsten Überschrift nennt der Autor Künstlergemeinschaften und „in gewisser Weise auch Familien“ als Vorbilder für Kleingruppen. Von diesen könne man lernen, wie man eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft gründet. Mit einer Abbildung wird GELATIN als solche kurz vorgestellt.

Universitäre und außeruniversitäre Wissenschaftlergruppen nennt er als „nicht so geläufig“ wie Künstlergruppen.

Unter Forschungshorizonte = Visionen? fragt Engelbert, „ob die bislang diskutierten Ideen, nämlich wie Kleingruppen sich finden und formieren, sich auf Wissenschaftlergruppen anwenden“ lassen und verneint dies, da der universitäre Rahmen zu starr sei.

Von hier leitet er auf universitas, von deren Tradition man in zweierlei Hinsicht lernen könne: „Wir können verstehen, welchen Zweck die Kultur des Lernens erfüllen musste. So wie durch Universitäten Einsichten entwickelt wurden, die gottgefügte Wissensordnung durch überprüfbare Modelle auszutauschen, so müssten wir den gegenwärtigen Fortschrittsglauben durch ökologisch geistige Modelle … ersetzen.“ (S. 33)

Der himmlische und der irdische Code lautet die nächste Überschrift, wo es darum geht, ob Kleingruppen ein Motor der Umwandlung sein können.

Wozu ist ein Löffel gut? steht für ein Beispiel von einer Lerngruppe, das ein Doppelbild von Technik und Kultur zeichnet: Technik stelle ein unbefriedigendes und unvollständiges Projekt dar, während „Kultur und Kunst vergleichsweise eher gelungen, ja perfekt, aber gesellschaftlich unbefriedigend“ (S. 38) seien.

Zwei Seiten lang geht es anschließend um Netzwerke und Gruppen, wobei v.a. die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) thematisiert wird, die der Autor als „nicht eindeutig und widersprüchlich“ bewertet.

Daran knüpfen Ausführungen über Kleingruppen und die Netzwerke der Wissenschaftler an.

Im Vorstadium einer Sprache geht es um die Bedeutung von „Metasprachen“ beim miteinander Sprechen. Dieses gehe über das kybernetische Kommunikationsmodell hinaus.

Unter Sprachnot wird unter Rückgriff auf Meister Eckart festgehalten, dass nur aus Unwissen Wissen, Verständnis und Vernunft entstehe.

Kontemplative Kooperation heißt der nächste Titel, die als eine besondere Eigenschaft von Kleingruppen betrachtet wird.

Das Klima für Veränderung an Hochschulen sei gegenwärtig gut. Es müsse gefragt werden, „wie man die Prinzipien der ?gegenseitigen Hilfe? auf die Lehre und Forschung anwenden kann und wie Möglichkeiten und Grenzen von Lehr- und Forschergruppen mit gesellschaftlichen Praxisfeldern, Nachbarschaften und künstlichen Intelligenzen kooperieren können.“ (S. 46-47)

Verflüssigung des Bestehenden sei ein Anfang. Da aber die „gegenseitige Hilfe“ als eine Form der Selbstbestimmung und Selbstorganisation in kleinen Gruppen gegenüber dem herrschenden Wissenschaftsbetrieb wahrscheinlich zu anarchisch angelegt sei, hätte sie keine Chance zur Implementierung.

Die Überschrift Formen der Kooperation und die Ausführungen darunter gehen auseinander: Der Autor stellt zunächst das sog. „Gefangenendilemma-Spiel“ aus den 1950er Jahren vor und stellt anschließend eher Fragen dazu wie „Wie klug dürfen Mitglieder einer Hochschule werden?“ als einzelne Formen der Kooperation zu thematisieren.

Unter Multituden - viele Kleingruppen will der Autor „herausfinden, was der Begriff der 'Multitude' zum Verständnis von Kleingruppen und 'gegenseitigen Hilfe' beitragen kann.“ (S. 50)

Anschließend geht er folgender Frage nach: Wen zieht es in welche Multitude?

Meine Freunde - Deine Freunde lautet die Überschrift des nächsten Teils, indem Gemeinschaftsarbeit und Partizipation in Bezug auf „gegenseitige Hilfe“ und der partizipativen und interaktiven Kommunikation im web in Beziehung zueinander gesetzt werden.

Unter Wie finden Kleingruppen zueinander? führt der Autor zu einem Projekt, das er unter Gegenseitiges Verständnis - eine Fiktion vorstellt. Es handelt sich dabei um das VC-Project (Virtual-Karaoke-Project), das im Prenzlauer Berg (Berlin) durchgeführt wird.

Wenn nun im nächsten Teil Von der Fiktion zur Realität - freies Lernen die Rede ist, so geht der Autor von der zuvor als eine Kleingruppen-Initiative konstruierten Fiktion nun zu einem realen Beispiel und stellt die „Freie Schule Roddahn“ in einem kleinen Dorf bei Neustadt/Dosse im Norden von Prignitz vor. Dieser Teil ist im Vergleich bisher mit rund sechs Seiten der längste.

Unter Meditation - ein großes Ja, aber nicht zu allem möchte der Autor „herausstellen, dass in der Meditation ein visionärer Impuls enthalten ist“.

In dem darauf folgenden Teil handelt es sich um Eine Sprache finden - visionäre Kommunikation, wobei der Autor Sprache in Bezug auf Handeln und Verstehen unterscheidet und die Vision von Kleingruppen als ein Programm versteht, um mit anderen zu kommunizieren.

Vor dem Nachwort: Macht ist am Ende Hilfe wird als letzter Teil der Veröffentlichung automatische Verschaltung von Hilfe thematisiert, die mit den Worten eingeleitet wird, dass „gegenseitige Hilfe“ nicht umsonst zu haben sei, was v.a. das Geben und Nehmen im Internet betrifft. Abgeschlossen wird es mit einem „Hilfekatalog“ für Kleingruppen auf einer facebook-Seite.

Das Buch enthält am Schluss einLiteraturverzeichnis und ein Verzeichnis zu insgesamt sieben Abbildungen in dem Buch.

Diskussion und Fazit

Die Erinnerung an Kropotkin und an seine Theorie des kommunistischen Anarchismus, zu deren Fundament Kropotkin die „gegenseitige Hilfe“ schon früh machte, verdeutlicht bereits den Ansatz des vorliegenden Buches: Die Thesen herkömmlicher sozialdarwinistischer Auffassungen werden kritisiert, dem Kampf ums Dasein wird das Konzept der gegenseitigen Hilfe gegenüber gestellt.

Im Mittelpunkt der Betrachtungen in dem vorliegenden Buch steht die Kleingruppe, in der die Personen ihre Motive und Interessen abstimmen und die wechselseitige Selbstlosigkeit und Selbststeigerung des Einzelnen das Miteinander bestimmen. Wenn auch knapp, so löst der Autor die selbst gestellten Aufgaben: Argumente für das Für und Wider „gegenseitiger Hilfe“ werden treffend analysiert, gute und interessante Antworten auf die gestellten Fragen „Warum ist gegenseitige Hilfe notwendig? Wer hilft wem?“ gegeben und relevante Probleme und Perspektiven wechselseitiger Zusammenarbeit in Kleingruppen herausgearbeitet, in dem auf zahlreiche aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen Bezug genommen wird.

Das Buch ist stilistisch und sprachlich sehr kompakt und dicht. Die Leserin/der Leser darf keine inhaltliche Geschlossenheit der einzelnen Kapitel erwarten, die es ermöglicht, sich bei Bedarf mit jedem Teil separat zu beschäftigen. Das Buch besteht eher aus einem Kapitel mit vielen Unterpunkten, die relativ knapp ausfallen. Es enthält viele gute Ansätze und Anstöße, ist dicht, aber verständlich und gut lesbar geschrieben, daher lesenswert und kann allen empfohlen werden, die an „gegenseitiger Hilfe“ interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...


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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 29.07.2011 zu: Arthur Engelbert: Gegenseitige Hilfe. Eine Vision mit Anleitungen für Kleingruppen. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2148-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9628.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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