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Sigrid Metz-Göckel, Senganata Münst u.a.: Migration als Ressource

Cover Sigrid Metz-Göckel, Senganata Münst, Dobrochna Kałwa: Migration als Ressource. Zur Pendelmigration polnischer Frauen in Privathaushalte der Bundesrepublik. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 366 Seiten. ISBN 978-3-86649-273-8. 29,90 EUR.
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Pendelmigrantinnen in Privathaushalten

Immer mehr Menschen leben und arbeiten sowohl hier als auch dort. Die pendelnde Lebensweise wird nicht zuletzt durch die beschleunigten Mobilitäts- und Kommunikationsmittel erleichtert und gefördert – auch über Ländergrenzen hinweg. Dabei sind es nicht nur Männer, sondern auch eine zunehmende Anzahl Frauen, die sich in unterschiedlichen zeitlichen Intervallen zwischen Erwerbsarbeitsort und Wohnort der Familie hin- und her bewegen. Galt die sogenannte Feminisierung der temporären, dauerhaften und zirkulären Migration lange Zeit als unsichtbar, wird sie inzwischen breit erforscht und belegt. Interessanterweise stehen dabei seltener die „cosmobilen Managerinnen“ als vielmehr die „cosmobilen Putzfrauen“ im Mittelpunkt von Forschungsarbeiten. So gilt die Aufmerksamkeit mehrheitlich denjenigen, meist undokumentierten, Migrantinnen, die in Privathaushalten in Deutschland, den USA oder Singapur putzen, waschen, kochen, Kinder hüten und ältere Personen pflegen. Dieses zunehmend verbreitete Beschäftigungsverhältnis wird in Verbindung gebracht mit einem gestiegenen Bedarf an Pflege- und Haushaltsarbeiten in Ländern des „Nordens“ und „Westens“, der von Migrantinnen aus dem „Süden“ bzw. „Osten“ gedeckt wird. In diesem Zusammenhang machen die vorwiegend in die deutschsprachige Diskussion eingeführten Stichworte „Globalisierung der Haushalts- und Sorgearbeit“ und „Weltmarkt Privathaushalt“ aufmerksam auf die Veränderungen in den Privathaushalten der Zielländer. Die damit verbundenen an Migrantinnen ausgelagerten Tätigkeiten sowie ihre Implikationen für das Verhältnis von Geschlecht, Ethnizität und Klasse stehen im Blickpunkt der deutschsprachigen Literatur. Indessen verdeutlichen die in der amerikanischen Diskussion gebräuchlichen Konzepte „international transfer of caretaking“ und „global care chains“, dass die Überführung von Haushalts- und Pflegeleistungen eine Verminderung an Versorgungskapital in den Herkunftsländern, einen sog. Care Drain, zur Folge hat. Der Begriff der „Verkettung“ versinnbildlicht die Weitergabe der Versorgung der eigenen Kinder an meist weibliche Familienmitglieder und Verwandte oder wiederum an Migrantinnen. Die damit einhergehende Lebensweise wird bereits angedeutet: das Versorgen von zwei Haushalten, das Pendeln zwischen diesen, das Aufrechterhalten von familiären und bekanntschaftlichen Banden über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Auf diese Aspekte konzentrieren sich Metz-Göckel, Münst und Kałwa in ihrem Buch zu Arbeitspendlerinnen zwischen bzw. in Polen und Deutschland.

Ein binationales Kooperationsprojekt und Autorinnenteam

Das Buch „Migration als Ressource“ ist aus einem deutsch-polnischen Kooperationsprojekt mit dem Titel „Grenzräume - Zwischenräume: Migrationsbewegungen polnischer Frauen ins Ruhrgebiet“ entstanden. Das von Prof.in Dr. Sigrid Metz-Göckel und Dr. Angela Koch konzipierte und gemeinsam mit Dr. Dobrochna Kałwa eingereichte Projekt wurde zwischen 2004 und 2007 von der Volkswagen-Stiftung gefördert. Die Sozialwissenschaftlerinnen Prof.in Dr. Sigrid Metz-Göckel und Dr. A. Senganata Münst leiteten das deutsche Projekt im Ruhrgebiet, die Historikerin Dr. Dobrochna Kałwa das polnische Projekt.

Zwei Studien – ein Buch: Polinnen in deutschen Haushalten

Die Gliederung des Buches in drei Teile spiegelt das binationale Forschungsprojekt und die Teamzusammensetzung wider:

  • Teil I enthält eine allgemeine Einführung in die Thematik und die Projektanlage,
  • Teile II und III umfassen die Berichte mit den Interviewauswertungen aus polnischer, respektive deutscher Perspektive.

In der Einleitung und im ersten Teil legt Metz-Göckel neben der Entstehung und Anlage des Projektes die zentralen Fragestellungen der qualitativ ausgerichteten Gesamtstudie dar (S.14):

  • Wie organisieren die Pendlerinnen ihr Leben in zwei Ländern? Welche Arbeiten verrichten sie unter welchen Bedingungen in den ‚fremden‘ Privathaushalten und welche Auswirkungen hat dies für ihre Familien bzw. den eigenen Haushalt in Polen (Mikro-Ebene)?
  • Welche Rolle spielen die Netzwerke und früheren Zuwanderungen aus Polen für die aktuelle Migration von Polinnen ins Ruhrgebiet (Meso-Ebene)?
  • Welche Rolle spielen die makro-strukturellen Kontextbedingungen?

Die aktuellen Erkenntnisse zur Thematik der Pendelmigration in Privathaushalte werden kurz zusammengefasst und theoretisch eingeordnet. Aufschlussreich ist die konzeptionelle Unterscheidung zwischen Haushaltsarbeit als Eigenarbeit und als Dienstleistung mit ihrer jeweils eigenen Handlungslogik. Die polnischen Arbeitsmigrantinnen befänden sich insofern in einer paradoxen Situation, als sie die widersprüchlichen Handlungsanforderungen für ein und dieselbe Tätigkeit „in ein und derselben Person“ vereinen müssten (S. 29).

Dieser erste Teil enthält außerdem eine Merkmalsbeschreibung der interviewten Gesamtgruppe, die überraschend heterogen ausfällt. Unter den 40 Befragten finden sich jedoch Häufungen bei den älteren Frauen mit älteren Kindern, den gut ausgebildeten sowie bei den verheirateten Frauen. Die Mehrheit erhält ihre Arbeitsstellen über private Beziehungen und seltener über Vermittlungsagenturen.

Im zweiten Teil legt Kałwa nach einer Übersicht über die polnische Migrationsforschung die Ergebnisse der Studie aus Sicht der in Polen interviewten Migrantinnen dar. Sie beginnt mit einem Kapitel zu den Migrationsbiografien und -motiven, den Entscheidungssituationen, den Fahrten zur Arbeit und den Migrationsnetzwerken. Interessant ist der Befund, dass die interviewten Frauen ihre Biografien trotz des niedrigen Sozialprestiges der Arbeit in fremden Haushalten als Erfolgsgeschichten rahmen (können) und sich im Allgemeinen zufrieden über ihre Arbeitssituation äußern.

Im anschließenden Kapitel zum Haushalt als Arbeitsplatz verwendet Kałwa die Interpretationsfolie des „häuslichen Matriarchats“. Wie sie feststellt, ermöglicht „das matriarchale Szenarium (…) die Darstellung beider Lebensphasen als Pendlerin, gleicht die Unterschiede zwischen dem sozialen Status in Polen und in Deutschland aus und erleichtert die Kontinuität ihrer Genderidentität, die in den meisten Berichten um Mutterschaft und fürsorgliche Rührigkeit konstruiert wird“ (S. 125). Auf diese Weise wird auch die Berufstätigkeit nicht als Ausdruck persönlicher Karriereorientierung gewertet, sondern als zusätzliche Aktivität für die Familie, als „Aufopferung der Frau für ihre Nächsten“ (S.101).

Im Zusammenhang mit den Arbeitsbeziehungen zeigt Kałwa, dass die befragten Frauen eine Strategie der Familialisierung verwenden und die Unterschiede zwischen dem Arbeitsplatz und dem eigenen Haushalt verwischen. Das bedeutet, dass die Interviewpartnerinnen die Beziehungen zu ihren Arbeitgebenden in Familienkategorien, z.B. Oma oder Opa, beschreiben. Diese Strategie ermöglicht es den Frauen, „ihren hohen Status am Arbeitsplatz zu präsentieren, der aus ihrer Rolle als Hausfrau“ (S.128) resultiert. Allerdings wird dadurch ihre Position als Arbeitnehmerin geschwächt.

Es folgen weitere Kapitel zu den Tätigkeiten im fremden Haushalt, zur Stabilisierung der Migrationssituation und zu den Migrationsfolgen. Kałwa stellt keine Veränderungen der heimischen Geschlechterordnung durch die Migrationserfahrung fest. So nehmen die Frauen nach der Rückkehr wieder ihre häuslichen Pflichten ein und führen damit die gewohnten sozialen Rollen und Arbeitsteilungen fort. Ihre Position in der Familie wird aber insofern gestärkt, als sie zum Haushaltseinkommen beitragen oder dieses gänzlich verantworten.

Teil II schließt mit Reflexionen zur binationalen Perspektive, die von Kałwa als gewinnbringend erachtet wird.

Im dritten Teil berichtet Münst von den Ergebnissen der Interviews mit Pendlerinnen im Ruhrgebiet. Nach einer Einführung in den theoretischen Rahmen der Intersektionalität folgt eine Darstellung der polnischsprachigen Infrastruktur im Ruhrgebiet anhand der Auswertung polnischsprachiger Zeitungen und anhand eines Überblicks über die Organisationen der Polonia und der religiösen Infrastruktur. In den anschließenden drei Kapiteln rekonstruiert Münst die Netzwerke der befragten Pendlerinnen und zeigt, dass der Zugang zu Netzwerken als soziales Kapital sowohl für die Arbeits- als auch die Wohnungsakquise ausschlaggebend ist. Die Brückenpersonen haben zwar in der Regel einen polnischen Hintergrund, sind jedoch, und das sei entscheidend, mit potentiellen, meist deutschen, Arbeitgeber/innen vernetzt. Aus diesem Grund können die Netzwerke, welche zentrale Voraussetzung für die Pendelmigration sind, nicht als rein „ethnisch-kulturelle“ Netzwerke bezeichnet werden.

Die Analyse der persönlichen Netzwerke der Pendlerinnen im Ruhrgebiet verdeutlicht die besonderen Herausforderungen „unter diesen Bedingungen im Zielland von der Arbeit unabhängige persönliche Beziehungen zu entwickeln und ein soziales Leben zu etablieren“ (S. 250). Die Mehrheit der befragten Frauen pflegt Beziehungen zu Personen mit Migrationserfahrung aus Polen und zu Pendelmigrantinnen aus Polen. Münst bezeichnet sie als Beziehungen zwischen Solidar- und Notgemeinschaft, die in manchen Fällen nicht frei von Konflikten seien. Diese Beziehungen hätten insofern eine besondere Qualität, als sie neben gemeinsamen Freizeitaktivitäten auch Ressourcen, z.B. Arbeitsstellen, vermittelten und dem Austausch über Arbeitsbedingungen dienten (S. 268). Weiter analysiert Münst den Kontakt zu Familie und Freund/innen in Polen über verschiedene Kommunikationskanäle. Für die Mehrheit stellt trotz Internet das Telefon das wichtigste Medium dar.

Der umfassenden Analyse der vielschichtigen Gründe, die zur Migration führen und deren Auswirkungen in den polnischen Haushalten stellt Münst ein Kapitel zu den Geschlechterkonzeptionen und Geschlechterbeziehungen in Polen voran. Die Analyse der Migrationsentscheide, denen sie den Haushalt und nicht die Familie als Untersuchungseinheit zugrunde legt, unterstützt die in der Migrationsforschung verbreitete haushaltsökonomische Erklärung. So zeigt Münst, dass die Mehrheit der befragten Frauen die Entscheidung zur Pendelmigration gemeinsam mit den Familienmitgliedern fällt. Das verdiente Geld fließt zurück in den Familienhaushalt. In anderen Fällen, insbesondere unter den jungen, alleinlebenden bzw. unverheirateten Frauen, wird die Migration jedoch autonom von der Pendlerin beschlossen. Die Abwesenheit, insbesondere der Mütter, führt zu Veränderungen in der Haushaltsführung und zu neu verteilten Zuständigkeiten.

Diskussion

Das Buch „Migration als Ressource“ zeichnet sich durch eine wissenschaftlich solide und innovative Untersuchung zu Pendelmigrantinnen aus. Der binationale Ansatz und der Fokus auf den Aspekt des „Pendelns“ wird aktuellen Forderungen der Migrationsforschung gerecht, indem die sozialen Räume des „Dazwischens“, hier der transnationale Raum Deutschland-Polen, im Mittelpunkt stehen und insbesondere der Herkunftskontext systematisch in die Analyse einbezogen wird. Damit wird ein „methodologischer Nationalismus“ vermieden. Die Erkenntnisse bereichern bisherige Schwerpunktsetzungen durch die Beachtung der positiven Aspekte dieser Form von Migration. Die Autorinnen belegen, dass und wie polnische Frauen Migration – hier eine vorübergehende und „partielle“ Einwanderung auf Zeit – als Option und Ressource einsetzen: „sie nutzen die Haushaltsarbeit im fremden Land als Möglichkeitsraum und den ‚globalen Rohstoff Care Work‘ zur individuellen Nutzenmaximierung“ (S. 23) – in der Regel zur Verbesserung des eigenen Lebensstandards und dem ihrer Familien. Aus diesem Grund seien die Frauen nicht als Opfer, etwa als „moderne Sklavinnen“ oder „Dienstmädchen“ zu verstehen. Daraus ist abzuleiten, dass die Diskussion um Brain- und Care Drain in den Herkunftsländern und um Illegalität und Marginalisierung in den Zielländern einer Differenzierung bedarf.

Zu bedauern bleibt, dass die Autorinnen das empirische Material nur teilweise mit ihrem jeweiligen theoretischen Rahmen verbinden. So bleiben beispielsweise Münsts spannende und scharfe Überlegungen zur Intersektionalität im Raum stehen. Dies mag daran liegen, dass der Ansatz in bisherigen Arbeiten für die Analyse der Privathaushalte und die Gesellschaften der Zielländer und nicht für die Haushaltsarbeiterinnen und ihre Familien im transnationalen Kontext entwickelt wurde. Die Ausführungen von Kałwa zur polnischen Migrationsforschung sind zwar interessant, führen aber teilweise vom eigentlichen Thema weg. Die einführenden Teile von Metz-Göckel bieten einen guten Einstieg ins Themenfeld, doch fehlt m.E. eine durchgängige Strukturierung, was Wiederholungen und unverbundene Übergänge zur Folge hat. Doch trotz dieser Kritikpunkte ist das Buch insgesamt als überaus erkenntnisreich zu bewerten.

Fazit

Das verständlich geschriebene, der aktuellen Forschung entsprechende Buch „Migration als Ressource“ ist allen zu empfehlen, die sich mit transnationalen Räumen und Familien, dem Phänomen des Pendelns zwischen zwei Wohnorten und dem Privathaushalt als Erwerbsort beschäftigen. Es liefert beachtenswerte Erkenntnisse zu (haushaltsbezogenen) Migrationsmotiven und der zentralen Rolle von Netzwerken für die Pendelmigration. Zudem erweitert es unser Wissen bezüglich des Tätigkeitsfelds „Privathaushalt“, den Auswirkungen auf die Haushalte im Herkunftsland und der damit verbundenen Geschlechteraspekte.


Rezensentin
Nadia Baghdadi
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Zitiervorschlag
Nadia Baghdadi. Rezension vom 10.08.2010 zu: Sigrid Metz-Göckel, Senganata Münst, Dobrochna Kałwa: Migration als Ressource. Zur Pendelmigration polnischer Frauen in Privathaushalte der Bundesrepublik. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-273-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9631.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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