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Anne Rösgen: Gender Mainstreaming

Cover Anne Rösgen: Gender Mainstreaming. Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung. Verlag Dashöfer GmbH (Hamburg) 2010. 69 Seiten. ISBN 978-3-938553-99-2. 29,75 EUR.

Stand: Januar 2010.
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Thema

Die anzuzeigende Broschüre befasst sich mit Gender Mainstreaming, dem Konzept, das seit den 1990er Jahren im Zentrum der europäischen Politik für die Gleichstellung der Geschlechter steht. Angesichts zahlreicher Umsetzungsversuche und des sehr unterschiedlichen Wissensstandes zum Thema beleuchtet die Publikation insbesondere die Voraussetzungen einer erfolgreichen Umsetzung von Gender Mainstreaming. Dabei handelt es sich um die aktualisierte Neuauflage einer 2005 erschienenen Broschüre.

Autorin

Anne Rösgen ist promovierte Pädagogin und arbeitet als Gender Mainstreaming Expertin auf Bundes- und Länderebene in Deutschland. Zudem hat sie die Umsetzung von Gender Mainstreaming auf nationaler Ebene in Luxemburg bis 2008 als externe Expertin begleitet.

Aufbau und Inhalt

Die 70-seitige Broschüre gliedert sich in drei Hauptkapitel, die je einem Erfolgsfaktor für die Umsetzung von Gender Mainstreaming (im folgenden GeM) gewidmet sind.

1. Der erste Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung liegt nach Anne Rösgen in der Klarheit des Konzeptes. Gegen häufige Missverständnisse arbeitet die Autorin in diesem Kapitel die Charakteristiken von GeM heraus. Sie macht deutlich, dass die EU-Gleichstellungspolitik mit der Abkehr von der Frauenpolitik in den 1990er Jahren eine radikale Wende vollzog. So ist GeM als Teil einer Doppelstrategie zu begreifen, in der sich integrativer Gleichstellungsansatz und zielgruppenspezifische Maßnahmen ergänzen. Während letztere einen eher reaktiven Charakter haben mit dem Ziel, bestehende Ungleichheiten zu korrigieren, ist GeM als integralen Bestandteil aller Politikfelder zu verstehen und zielt auf die Verhinderung von Ungleichheiten ab. Dabei wird systematisch nach den jeweiligen Auswirkungen von Politik auf Männer und Frauen gefragt.
Welche Ziele werden nun aber mit Gender Mainstreaming verfolgt? An einem Beispiel aus der kommunalen Praxis zeigt die Autorin, dass die simple Frage nach der Verbesserung des Kinderbetreuungsangebotes grundsätzliche Fragen aufwirft: Was bedeutet genau Gleichstellung der Geschlechter? Welche Geschlechterverhältnisse werden eigentlich angestrebt? Diesen Fragen geht Rösgen in einem längeren Exkurs nach und schlägt damit den Bogen zur Gesellschaftspolitik. Skizziert werden die aktuellen Transformationsprozesse in den Geschlechterverhältnissen, insbesondere die Erosion des Ernährermodells, das in Deutschland nach wie vor die Grundlage des wohlfahrtstaatlichen Regimes bildet. Dem stellt sie das in der EU-Politik favorisierte „individual worker model“ entgegen, das die materielle und sozialstaatliche Absicherung individualisiert. Damit wird klar, dass GeM keineswegs nur Frauen, sondern in hohem Masse auch Männer betrifft. Im letzten Teil dieses ersten Kapitels geht sie denn auch ausführlich auf die gegenwärtige Situation von Männern ein und plädiert für die Einbindung von Männern als Akteure und als Zielgruppe von Gleichstellungspolitik.

2. Den zweiten Faktor für eine erfolgreiche Umsetzung sieht die Autorin in der konsequenten Gestaltung von GeM als Organisationsentwicklungsprozess. Diesem Aspekt ist das zweite Kapitel der Broschüre gewidmet. Wird GeM als Prozess aufgefasst, so sind sowohl die normative und strategische, als auch die operative Ebene einer Organisation oder eines Politikbereiches davon betroffen. Entsprechend kommen hier die Strategien und Methoden des Change Management zum Tragen. Rösgen skizziert in diesem Kapitel ein 4-Phasen-Modell zur Umsetzung von GeM in einer Organisation.
In der ersten Phase werden die Ausgangsbedingungen analysiert; dazu gehört etwa die Einschätzung des politischen Willens im Umfeld der Organisation, die Einschätzung bisheriger Gleichstellungspolitik oder die Ortung möglicher Widerstände. Für Personen, die einen GeM Prozess initiieren wollen, ist ein entsprechender Katalog von Leitfragen aufgeführt. Zur ersten Phase des Prozesses gehört auch die Sensibilisierung und Motivation der AkteurInnen für GeM sowie die Konkretisierung des Handlungsbedarfs. Hier wird – wie an anderer Stelle in diesem Kapitel – zur Illustration auf das Beispiel Luxemburgs zurückgegriffen.
In der zweiten Phase werden die Ziele definiert und das Umsetzungskonzept erarbeitet. Auch wenn die Initiative für einen GeM Prozess in der Regel nicht von der obersten Führungsebene kommt, ist es eminent wichtig, dass die Verantwortung nun auf dieser Stufe übernommen wird. GeM ist eine Top-Down-Strategie und das Führungsinstrument der Zielvereinbarung ist besonders geeignet, um Gender-Aspekte in alle Bereiche einer Organisation zu integrieren. In dieser Phase müssen die interne Prozesssteuerung und die externe Prozessbegleitung festgelegt werden. Schließlich werden konkrete Anwendungsprojekte definiert, deren Ergebnisse auf andere Bereiche transferfähig sein sollen.
In der dritten Phase erfolgt die Durchführung der Anwendungsvorhaben. An dieser Stelle werden zwei Instrumente aus dem Projektmanagement zur Umsetzung von GeM herangezogen und ausführlicher dargestellt, die 4-Schritte-Methode und das Gender Impact Assessment. Die Anwendung dieser Instrumente setzt allerdings Gender-Kompetenz bei den Verantwortlichen voraus.
In der vierten Phase werden die Erfahrungen und Ergebnisse des GeM Prozesses unter Rückgriff auf die in Phase zwei festgelegten Kriterien und Indikatoren ausgewertet. In dieser Phase wird auch der Transfer der Ergebnisse in die Organisation gestaltet und der weitere Handlungsbedarf bestimmt. Damit fängt der Prozess wieder von vorne an.

3. Der dritte Faktor für die erfolgreiche Umsetzung von GeM liegt in der Entwicklung von Gender-Mainstreaming-Kompetenz in einer Organisation. Diesem Thema ist das letzte, etwas kurz geratene Kapitel der Broschüre gewidmet. Es beschreibt die verschiedenen Facetten von Gender-Kompetenz: Wissen über Gender-relevante Aspekte, Handlungskompetenz im Umgang mit Gender-Fragen, aber auch die Reflexion der eigenen Geschlechterrolle. Die Entwicklung von Gender-Kompetenz in einer Organisation erfordert besondere Anstrengungen, sowohl im Vorfeld der Implementierung von GeM als auch parallel dazu. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass der Bedarf nach Fortbildung im Lauf der Umsetzung eher steigt. Dabei ist der Einbezug sowohl der Führungs- als auch der Fachebene wichtig, um Hemmnisse in der Umsetzung von GeM zu vermeiden. Abschliessend diskutiert die Autorin den Workshop als häufigste Arbeitsform zur Entwicklung von Gender-Kompetenz.

Abgerundet wird die Publikation mit einem kurz gehaltenen Abschnitt über die rechtlichen Grundlagen von Gender Mainstreaming – leider wird auf der nationalen Ebene nur die Bundesdeutsche Rechtslage in den Blick genommen –, sowie einer Literaturliste und einigen Internetadressen.

Diskussion und Fazit

Die Autorin zeigt, dass GeM nichts weniger als einen Kulturwandel in Organisationen anstrebt und dass dafür systematische Anstrengungen und ein langfristig angelegter Prozess notwendig sind. Die Broschüre richtet sich an ein praktisch interessiertes Publikum, das eine fundierte Einführung in das Konzept von GeM sucht. Wer sich über Sinn und Zweck des Konzeptes Klarheit verschaffen will, findet hier einen guten Einstieg. Darüber hinaus gibt die Broschüre insbesondere jenen Personen geeignete Instrumente an die Hand, die in ihrer Organisation einen GeM Prozess initieren wollen. Frauen und Männer, die bereits mitten in der Umsetzung von GeM in Ihrer Organisation stecken, wird die Lektüre der Broschüre dazu anregen, einen Schritt zurückzutreten und die eigene Erfahrung im Lichte der dargestellten Konzepte zu reflektieren und gegebenenfalls neu zu orientieren.


Rezensentin
Dr. Anne-Françoise Gilbert
Homepage www.izfg.unibe.ch
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Zitiervorschlag
Anne-Françoise Gilbert. Rezension vom 08.09.2010 zu: Anne Rösgen: Gender Mainstreaming. Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung. Verlag Dashöfer GmbH (Hamburg) 2010. ISBN 978-3-938553-99-2. Stand: Januar 2010. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9632.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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