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Rudolf Stichweh (Hrsg.): Inklusion und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur (...)

Cover Rudolf Stichweh (Hrsg.): Inklusion und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 378 Seiten. ISBN 978-3-531-16235-5. 34,90 EUR.

Global Studies and Theory of Society, Band 1.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8376-2294-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Der Sammelband beschäftigt sich damit, den gesellschaftstheoretischen Ansatz der Systemtheorie, der die Entstehung und das Funktionieren der modernen Gesellschaft umfassend erklären will, mit Analysen zur Erfassung und Dynamik von Ungleichheit zu verknüpfen. Implizit setzt sich der Band mit dem Vorwurf an die Systemtheorie auseinander, in gewisser Weise „blind“ gegenüber der (zunehmenden) Ungleichheit in der Gesellschaft zu sein. Inwieweit sie diese erklären kann, ist Gegenstand des Bandes.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die Herausgeber, beide Inhaber von Lehrstühlen für Soziologie, sind durch vorausgehende Veröffentlichungen ausgewiesen und haben dieses Projekt initiiert, als sie Fellows am Wissenschaftskolleg Berlin waren. Die für den Band gewonnenen AutorInnen sind ebenfalls anerkannte WissenschaftlerInnen auf ihrem jeweiligen Gebiet.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge des Sammelbandes entstammen einer 2007 durchgeführten Tagung und sind für die Veröffentlichung nochmals aufeinander abgestimmt und überarbeitet worden. Der Band wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert und die Tagung durch die Europäische Akademie Berlin unterstützt.

Aufbau und Inhalt

Den Beginn bilden zwei Artikel zu den theoretischen Grundlagen. Danach folgen je zwei bis vier Beiträge zu den Themen:

  • Bildung und Kultur,
  • Armut, Marginalisierung, Ausgrenzung,
  • Historische Analysen,
  • Geld und Finanzmärkte,
  • Netzwerke sowie
  • Arbeitsbeziehungen und Inklusion.

Der Band schließt mit einer Zusammenfassung. Alle Beiträge haben einen Umfang von ca. 20 Seiten.

Die Herausgeber kennzeichnen selbst das erkenntnisleitende Interesse des Sammelbandes (17): Wie kann es dazu kommen, dass die Inklusion in einem System es wahrscheinlicher sein lässt, dass auch eine Inklusion in anderen Teilsystemen stattfindet, obwohl nach der Systemtheorie die gesellschaftlichen Systeme voneinander unabhängig sind? Und inwiefern können die einzelnen Subsysteme dann noch als funktional gleichrangig und nicht hierarchisch gelten? Diese Spannung wird sowohl für Inklusions- als auch für Exklusionsprozesse expliziert. Das Ziel des Bandes ist zu zeigen, dass im Hinblick auf die Sozialstruktur und die soziale Ungleichheit die Begriffe Exklusion und Inklusion zu analytischer Schärfe beitragen und zu neuen Einsichten führen (23) und dass die vorrangige Differenzierung z.B. nicht Armut – Reichtum lautet (19).

Dieses Verständnis spiegelt sich konsequent im Aufbau wider. Es geht nicht nur um die Aufnahme der Situation von Randgruppen, sondern gleichzeitig auch um die der „Normalen“ bzw. der „Eliten“. Deren Merkmale für das Erreichen ihrer privilegierten Position werden für verschiedene Funktionsbereiche der Gesellschaft wie Bildung, Geld- und Finanzmärkte sowie Netzwerke beispielhaft dargestellt. Mit dem Bezug auf diese Gruppen, die quasi für eine geglückte Inklusion stehen, können dann gegenteilige Phänomene bzw. die Position der durchschnittlichen oder der weniger gelungenen Integration besser deutlich werden.

Diese Methode, die dem gesellschaftstheoretischen Zugang entspricht, birgt Vorteile für die soziale Arbeit. Soziale Probleme, die mit ihrer Dramatik häufig ein schnelles Handeln nahe legen, werden in den Kontext der Gesellschaft und ihrer Funktionsmechanismen gestellt.

Exemplarisch sollen einige Artikel, die einen engeren Bezug zur Sozialen Arbeit aufweisen, kurz herausgegriffen werden, ohne dass damit eine Wertung einzelner Beiträge verbunden sein soll.

Stichweh analysiert eingangs die Schnittstelle zur Systemtheorie und die daraus resultierenden Fragestellungen für die gesellschaftliche Ungleichheit, wobei er für die Legitimierung der Chancengleichheit u.a. auf Rawls zurückgreift. Windolf expliziert die Leitgesichtspunkte, die für die folgenden Ausführungen zu beachten sind: Exklusion gilt in einer modernen Gesellschaft nur als legitim, wenn gleichzeitig Maßnahmen und Wege der Inklusion angeboten werden. Diese (sozialpolitischen oder sozialarbeiterischen) Maßnahmen befinden sich aber in Konkurrenz zu Alternativen, die von abweichenden Gruppen geboten werden und die zu einer andersartigen Inklusion, nämlich zu einer „exkludierenden Inklusion“ (40) führen (können).

Unter der Überschrift „Bildung und Kultur“ findet sich ein Beitrag von Hillmert, der sich mit der allgemeinen Bildungssoziologie beschäftigt. Die anderen zwei Artikel greifen Elitenaspekte auf: Wer wird in amerikanische Elite-Universitäten aufgenommen (Karabel) und welche Wege haben in die Gruppe der leitenden Angestellten von Großunternehmen geführt (Hartmann)?

Buhr und Leibfried stellen vor allem die Ergebnisse der Armutsforschung der vergangenen 15 Jahre dar. Sie grenzen den Begriff „Armut“ von „Ausgrenzung“ ab, der dem Exklusionsgedanken stärker entsprechen würde und dem sie die „konsistente Armut“ als „das Zusammentreffen von Einkommensarmut und Unterversorgung in anderen Lebensbereichen“ (107) zuordnen. Dieses Zusammentreffen existiert, es trifft aber nicht in der Mehrheit der Fälle zu. Damit wird das eigentliche Anliegen und das Verwirrende deutlich: Einkommensarmut ist nicht identisch mit dauerhafter Armut oder mit Ausgrenzung.

Buchholz und Blossfeld fragen nach den Auswirkungen der flexibleren Beschäftigung, für die sie auf die Theorie der segmentierten Arbeitsmärkte mit Insidern und Outsidern und mit stärker abgegrenzten Teilarbeitsmärkten zurückgreifen. Diese sind vor allem altersmäßig gespalten, so dass die unsichtbaren Grenzen vor allem für die Jüngeren gelten, die auf den Arbeitsmarkt streben.

Diewald und Pollmann-Schult analysieren den Umbruch des Arbeitsmarktes in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung. Nach zuerst instabilen Beschäftigungschancen für Un- und Angelernte kam es ab 1992 auch für Ausgebildete zu einem Verdrängungswettbewerb, so dass nur noch sehr hoch Qualifizierte eine Erwerbstätigkeit behielten. Diese Entwicklung steht in Widerspruch zu einer Vorstellung, dass „gleich zu Beginn die Unbrauchbaren oder Überflüssigen aussortiert worden wären und der große Rest dann stabile Beschäftigungschancen gehabt hätte“ (149).

Nach diesen wichtigen Aspekten fast „klassischer“ Ungleichheitsfaktoren einer Gesellschaft (Einkommen, Erwerbstätigkeit) greift der Beitrag von Häussermann und Kronauer den Faktor Wohnen auf. Er stellt die Situation in bestimmten, schlechten Stadtvierteln in das Zentrum, in denen es zu sich gegenseitig verstärkenden Tendenzen der Benachteiligung kommen kann, und verfolgt hieran den Exklusionsgedanken. In schlechte Stadtviertel ziehen vor allem Menschen mit niedrigerem Einkommen, geringerem Bildungsstand und schlechterer Stellung am Arbeitsmarkt. Die Exklusion wird dann verstärkt durch die Lebenseinstellungen, Milieus und Kulturen, die sich in den Vierteln entwickeln, und durch den Wegzug derjenigen, die andere Kontakte oder andere Vorstellungen haben, so dass für die verbleibenden Bewohner die Inklusion in andere gesellschaftliche Bereiche kaum noch gelingt.

Auf die Darstellung der anderen Beiträge wird im Zuge dieser Rezension verzichtet; sie sind genauso lesenswert wie die abschließende Zusammenfassung, in der die einzelnen Beiträge noch einmal aus Sicht der Herausgeber im Hinblick auf die Ausgangsfrage diskutiert und kommentiert werden.

Diskussion

Die Herausgeber und die gewonnenen AutorInnen sind ausgewiesene Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet. Insofern findet sich eine fundierte Zusammenschau des gegenwärtigen Standes der grundsätzlichen Diskussion.

Zu den Themenbereichen „Exklusion/Inklusion“ und „Soziale Ungleichheit“ gibt es durchaus schon andere Bände. Der spezifische Beitrag dieses Sammelwerkes liegt darin, dass auf aktuellem gesellschaftswissenschaftlichem Stand zum einen die Erfassung und die Entwicklung der Exklusion und Inklusion beschrieben wird. Zum anderen gilt das Augenmerk der Analyse, inwieweit die beiden Begriffe tatsächlich die differenzierte Sozialstruktur erklären können und inwiefern sie mit anderen Analysekategorien übereinstimmen, ihnen widersprechen oder beide miteinander vermittelt werden können.

Weiterhin vertritt dieser Band eine bestimmte gesellschaftswissenschaftliche Perspektive. Um es an Beispielen zu verdeutlichen: Es findet sich kein Artikel aus feministischer Sicht oder ein ausdrücklich kritischer Beitrag aus der Perspektive von Migranten. Statt vorrangig an der Lebenswelt anzuknüpfen, gehen die Aufsätze insbesondere den allgemeineren und abstrakteren Regeln einzelner Gesellschaftsbereiche nach.

Die AutorInnen gelangen allenfalls nachgeordnet zu Empfehlungen, wie die Gesellschaft handeln sollte. Eine ausführliche Erhebung und Abwägung politischer oder pädagogischer Maßnahmen steht nicht im Vordergrund. Ohne Frage jedoch bietet die sorgfältige Analyse der Funktionsmechanismen der einzelnen Bereiche die fundamentale Grundlage, um auf ihr einzelne Maßnahmen im Hinblick auf mögliche Wirkungen beurteilen zu können.

Fazit

Das Sammelwerk wendet sich vor allem an jene, die sich mit grundsätzlichen Fragen auseinandersetzen, und stellt für sie einen fundierten und gleichzeitig prägnanten Beitrag dar.


Rezension von
Prof. Dr. Johanna Bödege-Wolf
Administrative und politische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Fakultät I Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften
Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Johanna Bödege-Wolf. Rezension vom 21.09.2010 zu: Rudolf Stichweh (Hrsg.): Inklusion und Exklusion. Analysen zur Sozialstruktur und sozialen Ungleichheit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16235-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9641.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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