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Thomas Gregor Wagner: Die Seuchen der Kreuzzüge

Cover Thomas Gregor Wagner: Die Seuchen der Kreuzzüge. Krankheit und Krankenpflege auf den bewaffneten Pilgerfahrten ins Heilige Land. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2009. ISBN 978-3-8260-4073-3.
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Thema

Der Kreuzzugsgedanke – nicht zuletzt die flammende Predigt von Papst Urban II. (um 1035-1099; Papst von 1088 bis 1099) am 27. November 1095 – versetzte das Abendland im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung. Dem Aufruf des Konzils von Clermont (vom 18.-28. November 1095) folgend, brachen zwei Jahrhunderte hindurch wahre Volksmassen in riesigen Heereszügen zur Befreiung Jerusalems auf. Doch nur ein Bruchteil von ihnen erreichte das Heilige Land. Für die immensen Verluste unter den Kreuzfahrern waren unterdessen weniger die sarazenischen Krummsäbel verantwortlich als vielmehr Krankheiten und Seuchen – die bis heute ständigen Begleiter von kriegerischen Auseinandersetzungen. Nach heutigen Schätzungen überlebte nur jeder Fünfte.

Das Buch von Thomas Gregor Wagner „Die Seuchen der Kreuzzüge“ bietet Einblicke in die medizinische Versorgung und die Lebensverhältnisse in den Feldlagern derjenigen, die sich in der Zeit etwa von 1100 bis 1300 auf den Weg nach Jerusalem machten. Anhand von historischen Seuchenbeschreibungen, den so genannten Kreuzfahrerchroniken, zeigt der Autor unter anderem auf, wie die zeitgenössischen Berichterstatter todbringende Epidemien wahrnahmen, wie sie Krankheitsverläufe darstellten und deuteten und welche Vorstellungen man über den menschlichen Körper hatte.

Autor

Thomas Gregor Wagner studierte mittelalterliche Geschichte und ältere Germanistik an der Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg. Gegenwärtig arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wissenschafts- und Ideengeschichte der Universität Uppsala (Schweden).

Entstehungshintergrund

Ein Großteil der vorliegenden Arbeit, die auf einer Dissertation aus dem Institut für Geschichte der Universität Würzburg beruht, entstand an der Universität Uppsala, wo das Institut für Ideen- und Wissenschaftsgeschichte – nicht zuletzt aufgrund der exquisiten medizinhistorischen Sammlung der dortigen Bibliothek – dem Autor hervorragende Arbeitsbedingungen bot. In seiner Untersuchung, die sich auf eine umfangreiche Quellenarbeit – das heißt Suche, Aufarbeitung und Interpretation medizinisch relevanter Textstellen, die über einen Zeitraum von gut 200 Jahren in der Geschichtsschreibung von Orient und Okzident verstreut waren – stützt, strebt Thomas Gregor Wagner, wie er einleitend schreibt, vor allem die Erforschung „eben jener ebenso tödlichen wie folgenschweren Epidemien innerhalb der Kreuzfahrerheere an“ (S. 10).

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem kurzen Vorwort in die folgenden vier Hauptteile:

  1. Sanitäre Maßnahmen im Feldlager (S. 15-58),
  2. Medizinische Praxis und Pflege im Königreich Jerusalem (S. 59-108),
  3. Epidemiologische Bedingungen der Kreuzfahrerstaaten (S. 109-165),
  4. Seuchenzüge im Heiligen Land (S. 165-263),

deren „Ergebnisse“ (S. 263-285) am Ende zusammengefasst dargestellt sind.

Inhalt

Im ersten Teil („Sanitäre Maßnahmen im Feldlager“) beleuchtet der Autor zunächst die absoluten Verluste durch Krankheiten in den Kreuzfahrerheeren und die Idee der Lagerhygiene vom Altertum bis zu den Kreuzzügen, bevor er die Rolle der Kreuzzüge als Impulsgeber für die medizinische Heeresversorgung untersucht. Wengleich die Zeitgenossen, wie Thomas Gregor Wagner aufzeigt, auf Schriften antiker römischer Autoren zurückgreifen konnten, erkannten diese erst nach und nach die mit der Bewegung und Unterbringung großer Menschenmassen verbundenen Probleme.

Im Mittelpunkt des zweiten Teils („Medizinische Praxis und Pflege im Königreich Jerusalem“) stehen der Wissensaustausch zwischen christlich-lateinischen, griechisch-orthodoxen und muslimisch-arabischen Traditionen, die medizinischen Behandlungen in den erzählenden Quellen und das Hospital des Johanniterordens in Jerusalem. Zu den Hauptaufgaben der Ordensgründer zählte zunächst nur die Pflege von kranken, wunden und erschöpften Pilgern. Der Grundpfeiler der Pflege sei dabei die caritas als Konzept christlicher Spiritualität gewesen; den Krankheitsbildern wurde hierbei zunächst keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Anhand des Augenzeugenberichtes eines anonymen (wahrscheinlich geistlichen) Autors führt der Autor seiner Leserschaft vor Augen, dass die christliche Krankenpflege im Mittelalter „allein religiös motiviert war“ (S. 96). Bemerkenswert erscheint hierbei, dass im Hospital der Johanniter Kranke jedweder Herkunft, jedweden Standes und beiderlei Geschlechts, sogar Bedürftige oder Kranke anderen Glaubens, Einlass fanden. Die Bedeutung religiöser Elemente in der Krankenpflege habe sich bereits bei der Aufnahme der Siechenden zeigt: Bevor ein Patient ein Bett im Hospital zugewiesen bekam, empfing er die Sakramente der Beichte und der Kommunion. „Die Pflege im Johanniterhospital von Jerusalem war gewissermaßen ein Zusammenspiel medizinischer Kunst mit spirituellen Heilmitteln (‚… divina remedia…‘), die man den Patienten durch die Ausübung der geistlichen Rituale angedeihen ließ“ (S. 106).

Im dritten Teil („Epidemiologische Bedingungen der Kreuzfahrerstaaten“) geht es um die durch Hunger, Auszehrung und Erschöpfung hervorgerufenen Leiden der Kreuzfahrer und die Bedeutung der Epidemien, die weit über die Medizin hinausgehend – etwa durch die Berücksichtigung der Witterungseinflüsse – in einem komplexen Kontext betrachtet werden.

Der vierte Teil („Seuchenzüge im Heiligen Land“) betrachtet schließlich die verschiedenen Kreuzzüge beziehungsweise die daraus resultierenden Berichte, medizinischen Traktate und Autobiografien in chronologischer Reihenfolge im Hinblick auf Krankheiten und deren Verlauf.

Die „Ergebnisse“ seiner Studie fasst Thomas Gregor Wagner in den folgenden fünf Abschnitten zusammen:

  1. Epidemiologische Parallelen
  2. Epidemiologische Entwicklungen
  3. Krankheitsbegriffe
  4. Krankheit und der leidende Körper
  5. Die Entstehung und Verbreitung von Krankheiten.

Zunächst hält der Autor fest, dass die Krankheiten der Kreuzzüge die Krankheiten jeder größeren Heeresfahrt noch bis hinein in die Neuzeit waren, nämlich die so genannten Lager-, Hunger- oder Kriegsseuchen wie Dysenterie, Fleckfieber oder Typhus abdominalis. Diese hätten in den Kreuzfahrerheeren des 12. und 13. Jahrhunderts mit besonderer Regelmäßigkeit gewütet, da verschiedene krankheitsbedingte Faktoren – wie das extreme, ungewohnte Klima und die körperliche Erschöpfung bei gleichzeitiger Mangelernährung – ebenso konstant wie schädlich auf die gesundheitliche Lage der Pilger einwirkten. Viele der Kreuzfahrer hätten ihre Gesundheit durch die Strapazen der Pilgerfahrt unwiederbringlich zerstört und seien als chronisch Kranke in ihre Heimat zurückgekehrt. Tödliche Epidemien seien meist nur dann entstanden, wenn sich große Heeresmassen aus dem Westen auf den beschwerlichen Weg ins Heilige Land gemacht hätten. Den Höhepunkt habe das Sterben bei Belagerungen erreicht, immer wenn große Menschenansammlungen unter unhygienischen Bedingungen über längere Zeit an einem Ort verweilten.

Im Zeitalter der Kreuzzüge nahm der Handelsverkehr und Migration zwischen Abend- und Morgenland beträchtlich zu. Im Hinblick auf „Epidemiologische Entwicklungen“ zeigte sich, das riesige Heeresbewegungen über extreme Distanzen, Schlachten, Belagerungen und Verwüstungen unausweichlich eine Verschlechterung der epidemiologischen Situation nach sich zogen. Nicht zuletzt durch die erhöhte Mobilität jener Zeit hätten Epidemien, die in den Pilgerheeren, aber auch unter der zivilen Bevölkerung der Durchzugsgebiete herrschten, größere Verbreitung gefunden.

Die Untersuchung von Thomas Gregor Wagner zeigt, dass die Kreuzzugschroniken keine einheitlichen „Krankheitsbegriffe“ für die im Heeresverband auftretenden Epidemien kennen. Die lateinischen Begriffe „lues“, „clades“, „mortalitas“ oder „pestilentia“ etc. hätten tendenziell katastrophale Seuchenereignisse umschrieben, während „morbus“, „aegritudo“, „languor“, „infirmitas“ oder „molestia“ zumeist individuelle Erkrankungen bezeichneten. Die ungenauen und knappen Informationen der mittelalterlichen Geschichtsschreibung würden zumeist keine exakten Diagnosen zulassen. Während die Quellen am häufigsten das Fieber in unterschiedlichen Erscheinungsformen beschrieben, würden andere Symptome selten beschrieben und oftmals sehr allgemein gehalten.

Für den Autor besteht kein Zweifel daran, dass sich die Zeitgenossen der Leiden bewusst waren, welche die Pilger auf der Fahrt ins Heilige Land auf sich nahmen. So seien die Kreuzzugsberichte vor allem Zeugnisse von Entbehrung, Not und Krankheit. Seiner Darstellung („Krankheit und der leidende Körper“) entsprechend, war die Sterbestunde bekannter Fürsten unter den Kreuzfahrern geprägt durch religiös-rituelle Handlungen, wie die Anrufung von Gott und den Heiligen oder den Empfang der Kommunion oder der Sterbesakramente, die als Reinigung verstanden wurden und ermutigend wirkten. Die Beichte und die „Letzte Ölung“ sollten demnach den Sterbenden auf sein Weiterleben im Himmelreich vorbereiten. Der Tod sei in den zumeist von Klerikern verfassten Berichten oftmals als sanftes „Dahinscheiden“ dargestellt worden, als Moment der Freude, welchen die Todkranken angeblich „betend und jubelnd“ erlebt haben sollen.

Nach Ansicht von Thomas Gregor Wagner neigten die vorwiegend klerikalen Autoren des Mittelalters dazu, die „Entstehung und Verbreitung von Krankheiten“ in religiös-moralischen Verfehlungen zu suchen. Krankheit wurde demnach als „unausweichliche Folge begangener Sünden“ verstanden, gleichzeitig aber auch als „ein geeignetes Mittel zu Umkehr und Buße.“ Das Leiden diente gewissermaßen der irdischen Läuterung, der Reinigung vom Makel der Sünde, und sei nicht zuletzt sichtbares Zeichen der Nachfolge Christi gewesen.

Bemerkenswert erscheint unterdessen, dass die Zeitgenossen oftmals eine Deutung der Krankheitsursache unterließen: Tödliche Seuchen auf Heereszügen waren offensichtlich eine viel zu alltägliche Erscheinung, als dass sie einer Erklärung bedurft hätten. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe die Teilnahme an einem Kreuzzug schon im Mittelalter als ein besonders gefährliches Wagnis gegolten, „das mit hoher Wahrscheinlichkeit in den möglicherweise erstrebten Märtyrertod und in die himmlische Erlösung führte“ (S. 280).

Diskussion

Die Studie „Die Seuchen der Kreuzzüge“ von Thomas Gregor Wagner bietet tiefe Einblicke in die Heeresorganisation, die logistischen Probleme der Heerführer und die Lebensverhältnisse zur Zeit der Kreuzfahrerstaaten. Zudem liefert sie durch die Zusammenstellung der historischen Seuchenbeschreibungen wichtige Hinweise, wie die zeitgenössischen Berichterstatter die todbringenden Epidemien wahrnahmen, wie sie Krankheitsverläufe darstellten und deuteten. Die detailreichen Berichte über individuelle Erkrankungen oder Verletzungen vermitteln zudem einen guten Eindruck von Körperlichkeit und Körpergefühl des mittelalterlichen Menschen. Und nicht zuletzt führt die Betrachtung von Krankheit, Leiden und Tod im Umfeld der Kreuzzüge tragische menschliche Schicksale vor Augen. Die Sammlung und Aufarbeitung der körperlichen Leiden zeigt zudem eindrucksvoll, welch wagemutiges Unterfangen die Teilnahme an einem Kreuzzug darstellte und wie gering die Erwartungen waren, die bewaffnete Pilgerfahrt ins Heilige Land zu überleben.

Der Autor zeigt mit seiner umfassenden, gründlich bearbeiteten Studie, wie ein gelungener Spagat zwischen der medizinischen und der historischen Wissenschaft aussehen kann. Während in seiner Darstellung insgesamt die Medizin beziehungsweise die medizinische Behandlung im Vordergrund steht, wird das im Buchtitel versprochene Thema „Krankenpflege“ leider nur sehr dürftig betrachtet. Eine mögliche Erklärung hierfür liefert Thomas Gregor Wagner wenn er bemerkt: „Nur selten beinhalten die Kreuzzugschroniken Beschreibungen praktizierter Krankenpflege oder Wundversorgung“ (S. 79)

Fazit

Mit dem Buch „Die Seuchen der Kreuzzüge“ liegt nunmehr eine grundlegende, auf der Basis einer gründlichen Analyse historischer Quellen beruhende Monographie zu einem bislang von Medizinhistorikern und Geschichtswissenschaftlern gleichermaßen vernachlässigten Thema vor.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 29.05.2010 zu: Thomas Gregor Wagner: Die Seuchen der Kreuzzüge. Krankheit und Krankenpflege auf den bewaffneten Pilgerfahrten ins Heilige Land. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2009. ISBN 978-3-8260-4073-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9646.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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