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Petrus Han: Frauen und Migration

Cover Petrus Han: Frauen und Migration. Strukturelle Bedingungen, Fakten und soziale Folgen der Frauenmigration. UTB (Stuttgart) 2003. 326 Seiten. ISBN 978-3-8252-2390-8. 18,90 EUR, CH: 33,40 sFr.

Verlag Lucius und Lucius ISBN 3-8282-0237-3.
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Der Autor und das Thema

Petrus Han, der zuletzt durch sein Lehrbuch "Soziologie der Migration" in der Scientific Community von sich Reden machte, hat hier eine umfangreiche, sehr informative und mit etlichen Detailkenntnissen versehene Publikation zu einem bisher wenig erforschten Sektor der Migrationsforschung vorgelegt. Die sozialpolitische Aktualität der "Gender-Debatte" ("Gender-mainstreaming") und der Zuwanderungsdiskussion hat dieses empirisch gehaltvolle und auch theoretisch streckenweise anspruchsvolle Werk quasi notwendig gemacht - es ist durchaus noch zur rechten Zeit erschienen und liefert unzählige interessante Fakten, Daten und Einblicke in den historischen Entwicklungskontext der internationalen "Feminisierung der Migration".

Basisthesen und Intentionen des Buchs

Basisthesen sind, dass

  • Geschlecht im Sinne von "gender" (soziale Rolle Geschlecht im Gegensatz zu "sex", dem biologischen Geschlecht) "zentrales Strukturprinzip für die Migration" ist (S. 4),
  • dass "patriarchalische Sozialstrukturen" in fast allen Gesellschaften die Migrationsprozesse mehr oder weniger eindeutig determinieren
  • und dass von einer Art "neuen Versklavung" in den Bereichen "Hauswirtschaft" ("domestic service"), "Niedriglohnsektor" und vor allem in der "Vergnügungs- und Sexindustrie" in den aufnehmenden (zumeist westlichen Industrie-) Gesellschaften gesprochen werden kann. Dabei spielen das (christlich-mittelalterliche) Frauenbild sowie die patriarchalische Sexualmoral als implizit wirkende Legitimationsfolien eine dominante Rolle, welche durch ausländerrechtliche Gesetzgebungen keineswegs wirkungsvoll bekämpft werden.

Frauenmigration war lange Zeit kein spezifisches Thema der wissenschaftlichen Forschung und sozialpolitischen Diskussion und wird erst seit den 80er Jahren international untersucht. Dies hängt sicher mit dem Übergang der (westlichen) Industriegesellschaften in "Dienstleistungsgesellschaften" zusammen, wodurch sich der "tertiäre Sektor" gerade für Frauen aus global marginalisierten und vor allem unterentwickelten Regionen als "kostengünstige und flexibel einsetzbare Arbeitskräfte für Produktion und Dienstleistung" (S. 3) (oftmals ohne jegliche Absicherung) geöffnet hat. Dabei ist zu beobachten, dass sich die steigende Nachfrage in den Wohlstandsregionen sowie die ökonomisch-materiellen Notlagen in den Entsendeländern wechselseitig beeinflussen. Die globalen strukturellen Veränderungen der Ökonomie, die "Expansion des tertiären Dienstleistungsbereichs" und die patriarchalischen Strukturen haben zu einer "weltweiten Feminisierung der Migration" geführt - in anderen, kritischen Worten: zu "menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen" und zu "physischer, psychischer und sexueller Ausbeutung", d.h zu einer "sozioökonomischen Marginalisierung der Migrantinnen" (S. 5).

Der Autor hat den Anspruch, ein "Grundlagenbuch" (S. 4, 6) sowie eine Art "Bestandsaufnahme" (S. 7) vorzulegen, die vor allem für Studierende, Fachleute und für die Projektarbeit von Relevanz sein soll und das Themen der Migration "länderübergreifend, in einem historischen und globalen Entwicklungskontext" und im Hinblick auf die Patriarchats- und Genderdebatte empirisch fundiert und theoretisch angereichert behandelt - dies gelingt mit wenigen Abstrichen recht gut. Einschränkend, aber angesichts der Komplexität der Thematik begründet, beziehen sich alle Aussagen sowie Fakten und Analysen "nur" auf die "erste Generation" der Migrantinnen, die zumeist wenig beruflich qualifiziert sind. (Ein Nachfolgeprojekt, das nicht minder relevant wäre für die wissenschaftliche Debatte und die sozialpolitische Diskussion, deutet sich hier an!?).

Han bearbeitet die Thematik "Frauen und Migration" so, dass durchaus deutlich wird, das es sich hier keineswegs um ein Spezialthema handelt, sondern um sozialwissenschaftliche Querschnittsthemen (Frauenforschung bzw. Gender-Debatte; die sozio-kulturelle Konstruktion der Wirklichkeit; soziologische Migrationstheorie; internationale, geschlechtstypische und kulturspezifische Arbeitsteilung; Patriarchat und Frauenabhängigkeit und -ausbeutung; Soziologie der Globalisierung; soziologische Zeitdiagnosen etc.). Dies wird vor allem durch die Orientierung an der internationalen Forschung sowie mit dem mehrmaligen Bezug zu soziologischen Klassikern deutlich (z.B. Max Weber, Daniel Bell, Pierre Bourdieu). Angemessen und für das Nachvollziehen der Argumentation sinnvoll finde ich, dass zentrale Begriffe der Migrationsforschung in englischer Sprache (in Klammern gesetzt) erwähnt werden.

Aufbau und Inhalt

Han unterscheidet im 1. Kapitel ("Migration der Frauen im sozialen Wandel und die Feminisierung der Migration") die "abhängige Migration als die traditionelle Migrationsform der Frauen" (S. 26ff; also "dependent migration", secondary migration" und "associated migration") von einer "nachfrageorientierten ... unabhängigen Arbeitsmigration als neue Entwicklung" (S. 41ff) und analysiert, gespickt mit internationalen Daten, die "Feminisierung der Migration" im historischen und regionalen Vergleich (S. 57ff).

Im 2. Kapitel zu "Strukturelle Bedingungen für die Feminisierung der Migration" (S. 77ff) geht es um die Rahmenbedingungen der Migration, um den "Strukturwandel der Wirtschaft", die "Expansion des Dienstleistungssektors", um die Politik der "Sendeländer" und die "Strategien der Familien und privaten Haushalte in der Dritten Welt" sowie zuletzt um die "patriarchalischen Gesetze der Aufnahmeländer" - hier finden Leser quasi einen Exkurs zum "Frauenbild im christlichen Abendland" sowie zum "bürgerlichen Frauenideal" (S. 137ff) - welche nicht ohne Auswirkungen auf den Prozess der "Feminisierung der Migration" und der "Ausbeutung der Frauen in der Migration" sind.

Die "sozioökonomische Marginalisierung der Migrantinnen" ist dann Thema des 3. Kapitels (S. 147ff), untergliedert in die Abschnitte

  • "Ausbeutung der Migrantinnen im informellen Bereich der privaten Haushalte",
  • "Konzentration im Niedriglohnsektor" und
  • "Degradierung der Migrantinnen zu Objekten des Menschenhandels". Vor allem hier präsentiert Han schockierende Daten zum internationalen mafiosen Frauenhandel, zu sexueller Ausbeutung und zu den Geschäften der global vernetzten Sexindustrie.

Erkenntnisgewinnend und interessant für die bundesdeutsche Diskussion um Einwanderung finde ich in diesen Abschnitten die auf die Wohlstandsländer bezogenen herausgearbeiteten Tendenzen, die u.a. eine "Feminisierung der Migration" fördern: die "steigende Bildungs- und Erwerbsbeteiligung der (einheimischen) Frauen", der damit zusammenhängende "soziale Aufstieg der (einheimischen) Frauen", welche zusammen zu einem "wachsenden Bedarf an Arbeitskräften im Berech der privaten Haushalte" geführt haben sowie die "Überalterung der Bevölkerung der Industrieländer" (demographische Falle) und der dadurch hervorgerufene "steigende Bedarf an Pflegekräften" und ein "grundlegender Wandel des Lebensstils" im Sinne einer hedonistischen Freizeit- und Erlebnisgesellschaft.

Im letzten 4.Kapitel (S. 223ff) zu "Psychosoziale Folgen der ... Migration" befasst sich Han mit der "sektoralen Konzentration der Migrantinnen" auf dem Arbeitsmarkt und deren psychosoziale Auswirkungen für die Betroffenen, die er wiederum in die "abhängig migrierenden Frauen" (Ziel der Familiengründung oder -zusammenführung mit dem Ergebnis der sog. "stay-at-home-wifes"), die unabhängig auswandernden Frauen (zum Zwecke der - meist temporären - Erwerbsarbeit) und die zurückgebliebenen (sog. "women left behind") Frauen unterteilt. Vor allem die Gruppe der "unabhängigen Arbeitsmigrantinnen" ist in den Aufnahmeländern der "Sklavenarbeit ... in der Gefangenschaft der privaten Haushalte" (S. 238ff). und der "sexuellen Ausbeutung" (S. 250ff) meist rechtlich ungeschützt ausgeliefert.

Interessant, da neue Perspektiven eröffnend, ist dann der Abschnitt über die Gruppe der "zurückgebliebenen Frauen", die erst die (Arbeits-)Migration ihrer Männer möglich machen, aber die alleinige Verantwortung für alle Tätigkeiten und Pflichten in der Heimat (Familie, Kinder, Landwirtschaft, Pflege etc.) übernehmen. Eindeutige Erkenntnisse über die "psychosozialen Folgen" der Migration ihrer Männer liegen nicht vor und sind sicher "länderspezifisch" zu sehen. Warum Han bei dieser Gruppe dann von "Mündigkeit in Abwesenheit ihrer Männer" spricht (S. 268ff), bleibt mir allerdings auf der Grundlage der Beispiele und der Länderspezifik unerklärlich.

Diskussion

Insgesamt wird durch dieses Buch deutlich, dass das Spezialthema "Frauen und Migration" nur vor dem Hintergrund der generellen Benachteiligung der Frauen in den zumeist patriarchalisch strukturierten Familien und Gesellschaften der meisten Kulturen gesehen und diskutiert werden muss. Diese Strukturen werden permanent durch Ideologien (Frauenbilder) legitimiert und durch Sozialisation verfestigt. Ein Aufbrechen dieser Strukturen wäre, wenn überhaupt, m.E. nur durch eine international abgestimmte Politik und Gesetzgebung (UNO), durch permanenten weltöffentlichen Druck und Diskurs (NGOs) sowie durch eine globale (zweite) Aufklärung (Bildung) möglich.

Das Buch ist nicht zuletzt auch eine moralische Anklage an die Adresse der (meist nicht stattfindenden) Einwanderungspolitik der Wohlstandsländer - und das ist gut so. Bei einem Thema wie "Frauen und Migration", in dem es auch und überwiegend um "Ausbeutung", "Menschenhandel", Millionenprofite und Verbrechen gegen die Menschenrechte usw. geht, kann Wissenschaft nicht beim Sammeln von Daten, theoretischem Erklären und Analysieren stehen bleiben!

Einschränkend zu den überwiegend verständlich, präzise, gekonnt, informativ und sowohl empirisch wie theoretisch fundiert vorgelegten Darstellungen und Abhandlungen muss m.E. gesagt werden, dass einige Daten wirklich nicht mehr aktuell sind (S. 109 oder S. 111; in Bezug auf Deutschland hätten z.B. der 6. Familienbericht zur Situation der Migrantenfamilien herangezogen werden können), dass der internationale Vergleich im Sinne einer Gegenüberstellung von empirischen Daten methodologisch nicht immer angemessen ist, dass zu oft Wiederholungen auftreten und dass mit Blick auf Leser und Interessenten ein Schwerpunkt "Migrantinnen in Deutschland" sinnvoll gewesen wäre - vor allem letzteres kommt mir zu kurz. Empfehlenswert wäre sicher auch ein Exkurs zu "Migration und Rassismus".

Fazit

Für den deutschen Lesermarkt (UTB!) wäre aus den genannten Gründen m.E. eine 2. gekürzte (!) Auflage mit aktualisierten Daten und einer Fokussierung auf Deutschland wünschenswert. Noch mehr wünsche ich mir allerdings den bereits erwähnten Fortsetzungsband zu "Migrantinnen der zweiten und dritten Generation", angereichert durch empirische Befunde und theoretische Prognosen mit sozialpolitischem Gehalt. "Eigentlich" müssten Studien wie die vorliegende und die postulierte von Frauen(forscherinnen) verfasst werden, aber ich denke, Petrus Han wäre dafür der adäquate und kompetente(re) Autor.


Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Homepage www.Isef-Institut.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 15.06.2004 zu: Petrus Han: Frauen und Migration. Strukturelle Bedingungen, Fakten und soziale Folgen der Frauenmigration. UTB (Stuttgart) 2003. ISBN 978-3-8252-2390-8. Verlag Lucius und Lucius ISBN 3-8282-0237-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/965.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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