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Renate Luca, Helene Decke-Cornill (Hrsg.): Jugend - Film - Gender

Cover Renate Luca, Helene Decke-Cornill (Hrsg.): Jugend - Film - Gender. Medienpädagogische, bildungstheoretische und didaktische Perspektiven. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-8382-0017-0. 29,90 EUR.
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Thema

Die Jugend ist eine Zeit der Identitätsfindung und -bildung. Eine Quelle, um sich über sich selbst gewahr zu werden, sind die medialen Angebote, die auf die Jugendlichen einströmen. An diesem Punkt setzt der Sammelband Jugend – Film – Gender der beiden Hamburger Professorinnen der Erziehungswissenschaften Renate Luca und Helene Decke-Cornill an. Er vereint unterschiedliche Perspektiven und Herangehensweisen, beinhaltet Artikel aus verschiedenen Fachgebieten, von Professoren bis zu studentischen Arbeiten. Im Mittelpunkt steht der Zusammenhang von Geschlecht und Repräsentation, insbesondere der medialen Produktion von Geschlechtsidentitäten und der Rezeption dieser medialen Inhalte seitens der Jugendlichen. Schwerpunkt der Artikel sind Analysen von Filmen, Videoclips, Casting Shows und Computerspielen.

Aufbau

Das Buch besitzt keinen offensichtlichen Aufbau, doch folgt es einer internen Logik. Gerahmt von zwei Artikeln der beiden Herausgeberinnen, beginnt das Buch mit eher theoretisch abstrakten Analysen von filmischer Wahrnehmung. Im Mittelteil schauen die Autoren jenseits des Mediums Film auf andere visuelle Angebote wie Videoclips, Casting Shows und Computerspiele. Die letzten drei Artikel versuchen im Rahmen der Medienpädagogik Anregungen zu geben, wie man mit Film im Unterricht unter Gender-Aspekten arbeiten kann.

Inhalt

Renate Luca und Helene Decke-Cornill: Geschlechterkonstruktionen im Film . Die beiden Autorinnen sehen im klassischen Film eine Sinn- und Ordnungsstiftende Funktion, sowohl für die Gesellschaft als auch für das Individuum. Hier werden im Zuge des „doing gender“ Geschlechtergrenzen gezogen, die im Rahmen des Schulunterrichts hinterfragt werden sollten. „Jenseits von boy meets girl“ (18) plädieren sie für einen gendersensiblen Umgang des filmischen Angebots für Schulen und stellen mit „Boys don„t Cry“ und „Billy Elliot“ zwei geeignete Filme vor.

Winfried Pauleit: Filmstandbild und Geschlechterdifferenz. Der Filmwissenschaftler Pauleit versucht entlang seiner Forschung zu Filmstandbildern und seinen Konzepten der Reproduzierbarkeit (des Bildes), der Supplementarität (Zusätzlichkeit) und des Pars pro toto (als immaginative Ergänzung) anhand der Analyse von Filmstandbildern der drei Filme „This Moon is blue“, „The Lady Eve“ und „City Lights“ Geschlechterbilder zu konstruieren. Er regt dazu an, mit Hilfe dieser die narrative Handlung neu erzählen zu lassen.

Hanne Wahlberg: Zwischen Normalisierung und Fremderfahrung. Die Pädagogin Wahlberg spricht in Anlehnung an den Filmemacher Michael Haneke das Fremderlebens-Potential des Filmes an, das ihrer Meinung nach eine Filmpädagogik gegen den Normalisierungs-Prozess, der das Andere/Fremde ausblende, prägen kann und „…auf diese Weise eine Veränderung von Selbst- und Weltverhältnissen…“ ermögliche (50). Sie plädiert dafür, auch gegen die Befürchtung, den Schülern könne ein Film nicht gefallen, dem Fremden einen Raum zu geben und sich nicht „…vorbeugend auf den sicheren Boden der Normalisierung zurückzuziehen.“ (63).

Manuel Zahn: Das Geschlecht der Bilder. Der Autorversucht die geschlechtliche Codierung des Films anhand des VideoclipsSmack my bitch up“ von The Podigy zu analysieren, der die geschlechtliche Identität des im Clip Handelnden bis zum Ende offen lässt. In diesem Zusammenhang spricht Zahn von „viewing gender“.

Verena Lenzen und Anna-Pina Prasuhn: Mediale Körperbilder. Auch hier stehen Musikvideoclips im Zentrum der Untersuchung. Die beiden Autorinnen interessieren sich für die Geschlechterdarstellung in den Videos zu Sido, Cindy Lauper, Pink und anderen und enden mit einem Appell an die Musikindustrie, die geschlechtliche Diskriminierung in den Videos zu überwinden und Alternativentwürfe alltäglich werden zu lassen.

Jürgen Budde: Casting Shows als Gender-Bühne?! Wenig Raum für Gender Trouble jenseits des Freak-Phänomens sieht Budde in seinem Artikel, der sich mit den Casting Shows „Big Brother“ (Staffel 1), „Deutschland sucht den Superstar“ und „Germanys Next Top Model“ auseinander setzt.

Monika Seidl: Slash Sit und andere Geschichten vom Sitzen. Die Kulturwissenschaftlerin Seidl gibt Einblicke in die Kulturgeschichte des Sitzen in der Malerei und in aktuellen Computerspielen. Geschlecht und Raum sind Teil eines Repräsentationssystems, das in der Medienpädagogik untersucht werden kann. Dazu gibt sie Anregungen aus dem Bereich der „visual“ und „media literacy“.

Bettina Kleiner und Kiu Urban: The Transgender Gaze. Kleiner und Urban gehen in ihrem Artikel der Frage nach, inwieweit mit Hilfe der Filme „Tough Enough“, „By Hook or by Cook“, „The Crying Game" und „Boys don„t cry“ im Unterricht die Neigung der Gesellschaft/Schule zur Heteronormativität hinterfragt und aufgeweicht werden kann und nutzen dazu den Begriff des Gaze um queere Geschlechtsidentifikation im Film nachspüren zu können.

Lotta König und Carola Surkamp: Gender und die Suche nach Identität. König und Surkamp analysieren den Film „Juno“ und geben didaktische Hinweise wie einzelne Teile des Films im Fremdsprachen-Unterricht in Bezug auf Gender und „media literacy“ genutzt werden können. „Juno“ biete eine Dekonstruktion etablierter Geschlechtsmuster und positive Gender-Angebote an (178). Für den Unterricht eigne sich der Film daher in Verbindung von Filmanalyse und Thematisierung von Geschlechtsidentitäten (Identitätssuche und -bildung, Vorstellung von Männlichkeit/ Weiblichkeit, Zuschauerrezeption).

Renate Luca und Helene Decke-Cornill: Ein Film – zwei Zugangsweisen. Im letzten Artikel stellen die beiden Herausgeberinnen zwei Ansätze für eine Filmanalyse anhand eines Kurzfilms im Unterricht vor. Die erste ist eine erlebnisorientierte, an der Realität der Zuschauer interessierte, Analyse, die auf textualer Ebene (Schilderung von Ersteindrücken) und bildsprachlicher Ebene (Bild, Symbol) einen Umgang mit den Inhalten des Films anbietet. Die zweite ist eine hermeneutische Analyse (von filmischen Fragmenten), die den Film als lesbares Kunstwerk versteht. Die Autorinnen plädieren für eine Verknüpfung von beiden Methoden für die Analyse.

Diskussion

Es hat nicht die Scheu, weniger-wissenschaftliche Artikel neben wissenschaftliche Analysen und pädagogische Didaktik-Anleitungen zu stellen und zeugt so von einer Vielfalt jenseits der Normativität, die es im Text einfordert. Besonders die praktischen Anregungen in den Texten von Lotta König und Carola Surkamp zum Film „Juno“ sowie der Gedanke von Monika Seidl, sich den alltäglichen Vorgangs des Sitzens der Figuren im Computerspiel anzuschauen, sind besonders herauszustellen. Hier kann der Unterricht, egal ob Fremdsprachen, Deutsch oder Kunst, bereichert werden. Auch die Artikel von Pauleit, Wahlberg und der beiden Herausgeberinnen sind fachlich gut geschrieben und geben Anregungen zur Verwendung ihrer Erkenntnisse im Unterricht.

Demgegenüber stehen aber auch Artikel, die Schwächen aufweisen. Manuel Zahn übersieht, dass Film und Videoclip auf unterschiedlichen Rezeptionserfahrungen (und -vorkenntnissen) beruhen und somit nur schwer zu vergleichen sind. Die Gattung des Musik-Videos muss immer in Bezug auf die Band analysiert werden, die einen über das einzelne Video hinaus gehenden Rahmen bildet. Zudem wird ein Video häufiger rezipiert und nicht nur einmal, so dass das Wissen um die Gestaltung des Clips beim Zuschauer nach einer ersten Desorientierung beim mehrmaligen Schauen, was im Rahmen der Heavy Rotation bei MTV im Falle von „The Prodigy“ gegeben war, einen anderen Effekt einstellt.

Ähnlich kritisch ist der folgende Artikel zu Musikvideos von Verena Lenzen und Anna-Pina Prasuhn zu sehen, die die Musikindustrie eher als homogene Form sehen, die eine Änderung der Geschlechterbilder anzustreben habe. Der Ansatz, dass die Jugendlichen dazu befähigt werden müssen, audiovisuelle Inhalte kritisch zu hinterfragen ist dagegen ehrbar (102). In Bezug auf Rap, wo Frauenverachtung teilweise zum Schick zählt, die Musik aber dennoch von Mädchen gehört wird, hätte dies einer tiefer gehenden Studie bedurft.

Jürgen Buddes Studie zu Casting Shows basiert zu sehr auf seiner persönlicher Meinung als auf einer Gesamtanalyse der Formate. So ist es nur schwer nachvollziehbar, wenn er z.B. den „Superstar“ Mark Medlock zum Freak macht (115) oder die Rolle von Bruce Darnell und seine Normabweichung in „Germanys Next Topmodell“ vollkommen ignoriert.

Leider folgen auch Bettina Kleiner und Kiu Urban in ihrer Analyse zu den „Perturbationen und Perspektivwechel in der Filmbildung“ (143) in Bezug auf den Transgender Gaze weniger der Analyse der besprochenen Filme als deren Bewertung. Das ist schade, denn über den Gaze, der über Lacan und Mulvey Einzug in die psychoanalytische Filmtheorie gefunden hat, ist in den Analysen wenig zu erfahren. Dabei wären hier in queeren Zusammenhängen ein interessantes Feld zu bestellen. Die Frage, wie z.B. die Blicke in „The Crying Game“ konstruiert sind und wie ist das Machtverhältnis zwischen den Protagonisten dargestellt ist, hätte in einer Gegenüberstellung zu „By Hook or by Cook“ wichtige Erkenntnisse befördern können. So halten sich in dem sicherlich für Pädagogen interessanten Buch Licht und Schatten die Waage.

Fazit

Der Sammelband wirkt in seiner Vielfalt oftmals nicht heterogen, sondern wie ein Nebeneinanderstehen von unterschiedlichen Artikeln, die eher das Fachgebiet der Autoren spiegeln als eine einheitliche Idee erkennen lassen. Doch hier liegt die Stärke des Buches, da aus den verschiedenen Erfahrungswelten der Autoren ein interdisziplinäres Werk entstanden ist, das Anreize schafft über Grenzen hinweg zu schauen.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 18.10.2010 zu: Renate Luca, Helene Decke-Cornill (Hrsg.): Jugend - Film - Gender. Medienpädagogische, bildungstheoretische und didaktische Perspektiven. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-8382-0017-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9651.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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