Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gerhard Dammann, Thomas Meng (Hrsg.): Spiegelprozesse in Psychotherapie und Kunsttherapie

Rezensiert von Dr. Ulrich Kobbé, 11.02.2011

Cover Gerhard  Dammann, Thomas Meng (Hrsg.): Spiegelprozesse in Psychotherapie und Kunsttherapie ISBN 978-3-525-40165-1

Gerhard Dammann, Thomas Meng (Hrsg.): Spiegelprozesse in Psychotherapie und Kunsttherapie. Das progressive therapeutische Spiegelbild - eine Methode im Dialog ; mit 1 Tabelle. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 10 Seiten. ISBN 978-3-525-40165-1. 36,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

„Zahlreiche der heute diskutierten psychotherapeutischen Konzepte und auch neurowissenschaftliche Entdeckungen wie die Spiegelneuronen wurden in dem psychoanalytisch-kunsttherapeutischen Ansatz des ‚Progressiven Spiegelbilds‘ vorweggenommen. Diese von Gaetano Benedetti gemeinsam mit Maurizio Peciccia entwickelte Behandlungsmethode bewährt sich insbesondere in der Therapie psychisch schwer kranker Menschen. In einem kreativen Dialog von Therapeut und Patient anhand von abwechselnd gezeichneten Bildern versucht der Therapeut vorsichtig, in die hermetische Welt des Kranken vorzudringen und dessen gestörtes Selbstbild zu rekonstruieren. (Umschlagtext)

Herausgeber

  • Gerhard Dammann, Dr. med., Dipl.-Psych., ist Chefarzt und Spitaldirektor der Psychiatrischen Dienste Thurgau und der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.
  • Thomas Meng ist Kunsttherapeut und als Leiter des Offenen Ateliers in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen tätig.

Autorinnen und Autoren

  • Menachim Amitai, Dr. med., Dipl.-Psych., ist niedergelassener Psychoanalytiker sowie Lehr- und Supervisionsanalytiker (DGPT) in Freiburg/Br.
  • Joachim Bauer, Prof. Dr. med., ist Universitätsprofessor am Uni-Klinikum Freiburg und Ärztlicher Direktor der Hochgrat-Klinik für Psychosomatische Medizin (Allgäu).
  • Cord Benecke, PD Dr. phil., Dipl.-Psych., ist Klinischer Psychologe, Psychotherapeut und Psychoanalytiker am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck.
  • Doris Bischof-Köhler, Prof. Dr. phil., ist Professorin für Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
  • Gerhard Dammann (s. o.).
  • Bernhard Grimmer, Dr. phil., MAS in Psychoanalytic Psychotherapy, ist Therapeutischer Stationsleiter an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.
  • Michael Günter, Prof. Dr. med., Psychoanalytiker (DPV/IPA), ist stellv. Ärztlicher Direktor der Abt. Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter des Universitätsklinikums Tübingen.
  • Christian Kläui, Dr. med., arbeitet als Psychiater und Psychoanalytiker in eigener Praxis in Basel.
  • Brian Koehler, Ph. D., ist Klinischer Psychologe und Psychoanalytiker in eigener Praxis in New York; er ist als Dozent an der New York University sowie an psychoanalytischen Ausbildungsinstituten tätig.
  • Silvio Lütscher ist Gruppenanalytiker (SGAZ) und Kunsttherapeut (GPK) in Prato Sornico.
  • Thomas Meng (s. o.).
  • Maurizio Peciccia, Dr. med., arbeitet als Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Kunsttherapeut in Ponte Felcino-Perugia; er ist Direktor des existentiellen psychoanalytischen Instituts ‚Gaetano Benedetti‘ in Assisi.
  • Hildburg Porschke, Dr. med., ist Oberärztin des Bereichs Psychotherapie der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen.
  • Gisela Schmeer, Prof. h.c., Dr. med., Dipl.-Psych., arbeitet als Ärztin für Psychiatrie und Psychoanalytikerin in München; sie ist Professorin für Kunsttherapie an der Hochschule für Bildende Künste Dresden.
  • Gertraud Schottenloher, Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych., ist Leiterin des Aufbaustudiums ‚Bildnerisches Gestalten und Therapie‘ der Akademie der Bildenden Künsten München und des Instituts für Kunst und Therapie München (IKT) tätig.
  • Flora von Spreti, Prof. h.c., Künstlerin, ist Professorin an der Hochschule für Kunsttherapie Nürtingen und Kunsttherapeutin an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband referiert neuere Befunde, Konzepte und Kontroversen zu den Themen der Symbolisierung, der Spiegelung und der Symmetrie im Erleben des Menschen, in psychoanalytisch-kunsttherapeutischen Behandlungsansätzen, insb. aber in der therapeutischen Arbeit mit schwerst gestörten – psychosekranken – Patienten: „Der Bogen dieses Buches, der von der neuesten Neurowissenschaft über die angewandte Kunsttherapie bis zur Psychoanalyse reicht, ist weit gespannt. Wir sehen darin eine Chance, Einblicke in anregende, teilweise konvergente Entwicklungen und Diskussionen von Fachdisziplinen zu erhalten, die sonst möglicherweise jenseits des eigenen Kenntnishorizonts liegen würden“ (S. 12).

Aufbau

Das Buch gliedert sich – nach einem vorangestellten Geleitwort von Benedetti und einer Einleitung der Herausgeber – in vier Teile:

  1. Einführung in die Methode (S. 15-85).
  2. Psychodynamische Zugänge (S. 87-140).
  3. Grundlagenorientierte Zugänge (S. 141-214).
  4. Kunsttherapeutische Zugänge (S. 215-289).

Inhalt

Wie das Register der 16 AutorInnen bereits anzeigt, findet man einen Reader zur Theorie und Praxis von Spiegelprozessen in psychotherapeutischen und/oder kunsttherapeutischen Dialogen vor, der in den jeweiligen inhaltlichen Ausarbeitungen nicht annähernd zufriedenstellend referiert werden könnte; insofern stehen – zunächst – die Artikelüberschriften für sich:

I. Einführung in die Methode

  • Zeichnerischer Vorgang beim Progressiven Therapeutischen Spiegelbild (Meng).
  • Der Traum und das Progressive Spiegelbild (Peciccia).
  • Wirkfaktoren des Progressiven Therapeutischen Spiegelbilds im Lichte neuer psychodynamischer Prozeßtheorien (Dammann).

II. Psychodynamische Zugänge

  • Das Squiggle-Spiel in der therapeutischen Arbeit – Dialog und problemlösendes Denken (Günter).
  • Spiegelstadium und Intersubjektivität. Zu Jacques Lacans Theorie des Spiegelstadiums (Kläui).
  • Der störende Patient. Irritation, Affektinduktion und Spiegelungseffekte im psychoanalytischen Erstgespräch (Grimmer).
  • Interview mit Gaetano Benedetti und Maurizio Peciccia (Koehler).

III. Grundlagenorientierte Zugänge

  • Zusammenhang von Empathie und Selbsterkennen bei Kleinkindern (Bischof-Köhler).
  • Spiegelneuronen – neurobiologische Basis therapeutischen Verstehens. Ein Brückenschlag von der modernen Neurobiologie zu Sigmund Freud (Bauer & Amitai).
  • Ein Spiel mit Empathie und Abgrenzung (Porschke).
  • Affektive Synchronisationsprozesse (Benecke).

IV. Kunsttherapeutische Zugänge

  • Die Kunst, mit der Kunst die Spaltung zu überbrücken. Kunsttherapie bei Borderline-Störungen – ein integratives psychotherapeutisches Behandlungsangebot im psychiatrisch-klinischen Setting (von Spreti).
  • Überlegungen zum Setting bei der Arbeit mit dem Progressiven Therapeutischen Spiegelbild in der Rehabilitation von schizophrenen Patienten (Lütscher).
  • Resonanz und Verfremdung. Unbewusstes und absichtliches Ausscheren aus der Spiegelresonanz (Schmeer).
  • Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. ‚Creative Collaboration‘ in Kunst und Therapie, am Beispiel des Progressiven Therapeutischen Spiegelbildes, durchgeführt von Künstler-Therapeuten (Schottenloher).

Diskussion

Eine zeitnahe Besprechung dieses Sammelbandes fiel zunächst aus: Trotz Vorkenntnissen des Rezensenten einer früh(er)en Arbeit Benedettis und Peciccias zum Progressiven Therapeutischen Spiegelbild (1989) und aus eigenen Vorerfahrungen ins der imaginativen, kreativen Arbeit mit borderline-gestörten Patienten erschien eine angemessene Behandlung der versammelten Beiträge nicht möglich, weil die sich aufdrängenden Theoretisierungen abstrakt und steril wirkten. Was, wenn dieser Ausfall eines reflexiven (Be-)Sprechens zur sprachlosen Reflexion geriete, wenn die sprachliche Flexion der Bildsprache der Spiegelungen nicht mehr gelänge? Als Indiz für eine der Themen- und Aufgabenstellung inhärente Dynamik verstanden, wurde der Ausfall aus dieser Blockade im Schwenk zur Praxis gesucht: Der Rezensent entschloss sich, in den folgenden Monaten (September 2010 bis Januar 2011), Konzepte und Modelle der spiegelbildnerischen Interaktion in der psychotherapeutischen Arbeit mit einer malign regredierten Patientin einzusetzen und den Versuch zu wagen, deren kaum noch wahrnehmbare Potentiale auf der basal konkretisierenden und präverbalen Diskursebene der Spiegelresonanz am/im Wandbild zu triggern. Nach viermonatiger hochfrequenter Arbeit am und im Therapeutischen Spiegelbild bestätigt sich, was ein Großteil der Beiträge zu affektiv integrierenden, interaktionell synchronisierenden und dialogisch reflektierenden Determinanten und Wirkungen der kreativen Arbeit mit Spiegelresonanzen im psychotherapeutischen Prozess ausführt:

Diese für psychoanalytisch ausgebildete Psychotherapeuten eher unkonventionelle Praxis hat nicht nur seinen Reiz, sondern stellt eine Option zur Verfügung, die gerade in aussichts- und einfallslos stagnierenden Behandlungsdilemmata einer regressiven Dynamik komplextraumatisierter, borderline-gestörter PatientInnen wegweisend sein kann.

Was den vorliegenden Samnmelband betrifft, verdeutlicht die kasuistische Probe auf‘s Exempel dessen praktische Relevanz: Die Arbeit am Spiegelbild ist zunächst eine Praxis. Als Praxis der Bearbeitung von inneren Repräsentationen des Selbst, von Körperschemata, von Projektions- und Übertragungsmustern, von habituierten Beziehungsmodi, von narzisstischen Aspekten subjektiver ‚Wahrheit‘ ist sie ein performativer und rekonstruierender, damit aber gerade auch dekonstruierender Vorgang der Selbst(er)findung. Doch: Praxis ohne Theorie ist letztlich ‚blind‘ – in dieser Hinsicht stellen die Beiträge des Sammelbandes sowohl grundlagenwissenschaftliche Basics als auch psychodynamische, entwicklungspsychologische und klinische Reflexionen des Spiegelprozesses zur Verfügung.

Jede psychotherapeutische Beziehung, erst recht jede Umsetzung interaktionell angelegter Behandlungszugänge ist immer auch Selbstversuch: Die Arbeit am Selbst- und Spiegelbild, an der Alterität eines zerrbildhaften Selbst, an der erstarrten Wiederholung des immer Selben, am Attraktor des idolisierten Fremdbilds mag vordergründig das ‚eigentliche‘ Anliegen von Behandlung sein – die damit entwickelte (und abgeforderte) Beziehung life im unmittelbaren Kontakt ist mitnichten (nur) psychotechnische Methode, probates therapeutisches Mittel, erlebnisorientierte Pragmatik, sondern in der dialogisch angelegten Spiegelung, im gemeinsamen Bild und/oder einsamen Selfmade, im kreatürlichen Gestalten, im co-mentierenden Sprechen immer auch zwischenmenschliche Begegnung außerhalb des psychotherapeutischen Aquariums, mithin Infragestellung und (Mikro-)Veränderung auch des Behandlers in der reziprok angelegten Begegnung. Damit vollzieht die Arbeit am/im Spiegelprozess das, was Jaenicke (2010) zugespitzt als Primat (1) der wechselseitigen Beeinflussung, (2) der Subjektivität, (3) der Ko-Determinierung innerhalb der therapeutischen Beziehung formuliert hat.

Das Ergebnis der eigenen imaginativen Arbeit im chaotischen (Ab-)Grund der Spaltung, mit reinszenierten Konflikten und symbiotischen Beziehungsversuch(ung)en, bestätigt das Progressive Therapeutische Spiegelbild als innovative und praktikable Möglichkeit des empathischen Zugangs zu strukturell schwer gestörten Patienten.

Fazit

Der Sammelband erweist sich als mehr: In seinen – viel – Mehr ist er mitnichten jene patchworkartige Ansammlung thematisch zusammengezwungener Beiträge, wie sie in vielen Readern vorzufinden ist – das Buch ist eher Handbuch psycho- und kunsttherapeutischer Arbeitsgrundlagen und -praxen im Möglichkeitsraum der Spiegel(ungs)prozesse. Hierbei verweist der Begriff des Progressiven Therapeutischen Spiegelbildes auf eine fortschreitende Entwicklung, eine Dynamik der angeregten Potentiale, der Terminus technicus des Spiegelprozesses auf ein entwicklungs- und verlaufsbezogenes – mitnichten ergebnisfixiertes – therapeutisches Vorgehen. Der in Gang gesetzte und gehaltene Dialog unterschiedlicher Wissenschaften wird gelungen präsentiert. In der Einleitung schreiben Dammann und Meng: „Gaetano Benedetti hat seine originelle, zarte, aber auch hartnäckige und verblüffende Methode aus den Themen Nähe und Distanz, Angst vor Verschmelzung und Angst vor Verlassenheit, mentalisierende und spiegelnde Empathie, aber auch aus sich der Synchronisierung entziehenden asymmetrischen und konfrontierenden Arbeit entwickelt“ (S. 12). Mit dieser Gaetano Benedetti erwiesenen Referenz signalisieren die Herausgeber, wie sie ihren methodischen Dialog verstehen: als dialogische Methode innovativer und unkonventioneller, subjektbezogener Behandlungspraxis. Gerade in der theoretisch fundierten, erfahrungspraktisch bestätigten, beziehungsdynamisch lebendigen Vorstellung verschiedener Indikationen und Vorgehensweisen liegt ein Schwerpunkt dieses Bandes.

Literatur

  • Benedetti, G. & Peciccia, M. (1989). Das katathyme Spiegelbild. In: Bartl, G. & Pesendorfer, F. (Hrsg.). Strukturbildung im therapeutischen Prozess (S. 125-131). Wien: Literas.
  • Jaenicke, Ch. (1010). Veränderung in der Psychoanalyse. Selbstreflexionen des Analytikers in der therapeutischen Beziehung. Stuttgart: Klett-Cotta.

Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
Website
Mailformular

Es gibt 18 Rezensionen von Ulrich Kobbé.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Kobbé. Rezension vom 11.02.2011 zu: Gerhard Dammann, Thomas Meng (Hrsg.): Spiegelprozesse in Psychotherapie und Kunsttherapie. Das progressive therapeutische Spiegelbild - eine Methode im Dialog ; mit 1 Tabelle. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-40165-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9656.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht