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Günter Lempa, Elisabeth Troje (Hrsg.): Psychosenkonzepte im historischen Kontext

Rezensiert von Dr. Ulrich Kobbé, 10.11.2010

Cover Günter  Lempa, Elisabeth Troje (Hrsg.): Psychosenkonzepte im historischen Kontext ISBN 978-3-525-45124-3

Günter Lempa, Elisabeth Troje (Hrsg.): Psychosenkonzepte im historischen Kontext. Vorurteil, Wissenschaft, Politik. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 108 Seiten. ISBN 978-3-525-45124-3. 18,90 EUR.
Reihe: Forum der psychoanalytischen Psychosentherapie - Band 23.

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Thema

„Eine Psychiatriegeschichte, in der die Patienten zu Objekten naturwissenschaftlicher Forschung gemacht wurden, wirkt bis heute nach in einer biologistischen Betrachtungs- und Behandlungsweise psychiatrischer Erkrankungen. Eine biopsychosoziale Verursachung wird in der Forschung und in der Behandlungspraxis hingegen marginalisiert. In diesem Band werden medizinhistorische Gründe für diese Verengung der Theorie und der Behandlung von Psychosen diskutiert.“ (Umschlagtext)

HerausgeberInnen

Günter Lempa ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin; er arbeitet als Psychoanalytiker in eigener Praxis (München).

Elisabeth Troje ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin; sie arbeitet als Psychoanalytikerin in eigener Praxis (Frankfurt a.M.).

AutorInnen

Hans-Peter Hartmann ist Diplom-Psychologe, Arzt und Privatdozent; er arbeitet als Ärztlicher Direktor in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Zentrums für Soziale Psychiatrie Bergestraße (Heppenheim).

Matthias Mayer (Dr. phil. Dr. theol.) ist Habilitand am philosophischen Seminar der Universität Tübingen und Gruppenanalytiker in Ausbildung (SGAZ).

Volker Roelcke ist Arzt und als Professor der Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin am Fachbereich Humanmedizin der Universität Gießen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband erscheint als Band 23 des Forums der psychoanalytischen Psychosentherapie, einer Schriftenreihe des Frankfurter Psychoseprojekts e.V. (FPP). Diese Schriftenreihe mit den Rubriken Theorie-Forum und Klinisches Forum hat den Anspruch, mit psychotisch kranken Menschen therapeutisch Arbeitenden die Möglichkeit zur Wissenserweiterung, zum Erfahrungsaustausch und auch zur aktiven Beteiligung an der professionellen Diskussion zu bieten.

Aufbau

Das Buch bildet – eingeleitet durch ein Editorial (Troje / Lempa) – ein Theorie-Forum mit vier Beiträgen zu unterschiedlichen fachgeschichtlichen Perspektiven auf die Entwicklung und Tradierung verengter, vorurteilsbelasteter, verobjektivierender und biologistischer Psychosekonzepte (Lempa; Roelcke; Troje; Hartmann), gefolgt von einer Rezension (Mayer).

Inhalt

Der Beitrag von Lempa mit „kritische[n] Überlegungen zu der von Emil Kraepelin begründeten psychiatrischen Krankheitslehre‘ (Titel) referiert zunächst biografische Daten, dann die politischen Engagement und darauffolgend den wissenschaftlichen Theorie-, Praxis- und Erfahrungskontext Kraepelins. Der Autor nutzt diese Rahmendaten zur Kontextualisierung der dann dargestellten Krankheitslehre, deren Anleihen bei verschiedenen Degenerationstheorien und Entartungslehren detaillierter herausgearbeitet werden. Lempa arbeitet die Bemühungen um eine ‚Entdeckung‘ sog. natürlicher Krankheitseinheiten und um eine Systematisierung psychischer Störungen bis in ihre Konsequenzen für heutige Nosologien (ICD, DSM) heraus. Er schlussfolgert: „Für konkrete menschliche Schicksale bedeutet das, daß die Klassifikation, die auf sie angewendet wird, oft eine soziale Exklusion, eine Vernichtung ihrer sozialen Existenz beinhaltet. Es ist so auch nicht verwunderlich, daß Kraepelin, der an der ärztlichen Tätigkeit mit konkreten Patienten keine rechte Freude finden konnte, sich schon früh als Arzt für das Volksganze engagiert“ (S. 30).

Aus dieser gesundheitspolitischen Mitwirkung und den volksmedizinisch-rassenpsychiatrischen Auswirkungen heraus zeichnet der Autor die Bahnung späterer rassepolitischer Vereinnahmungen dieses Systems nach, das in die Sterilisierung und Vernichtung sog. „Ballastexistenzen“ führte. Zwar wäre es unstatthaft, dies Kraepelin anzulasten, doch schuf er ein System, „das den Geisteskranken nicht als Mitmensch sehen kann“ und damit „die Voraussetzung für eine Exklusion der dadurch konstituierten anderen Art oder Rasse, die dann zu Feinden und Schädlingen werden kann, deren man sich in übergeordnetem Interesse entledigen kann oder muss“ (S. 32).

Der Abriss der Theorieentwicklung bzw. -fortsetzung ‚nach‘ Kraepelin mündet in die Hypothese, auch in der heutigen Psychiatrie sei hinsichtlich Psychosenverständnis und -therapie unterschwellig nach wie vor jene Degenerationstheorie wirksam, sodass Psychosen zwar einerseits – quasi ‚politisch korrekt‘ – als multifaktoriell oder bio-psycho-sozial bedingt bestätigt, andererseits aber durchaus als körperlich begründet oder endogen klassifiziert und als angeborene Ich-Schwäche oder angeborener Ich-Defekt konzeptualisiert werden. Lempas kritische Diskussion verweist nicht nur auf Befunde zur Infragestellung der Krank-Gesund-Dichotomie, zur Psychotraumatologie und zum Einfluß von Umweltbedingungen auf die Gehirnentwicklung im Kontext der Ätiopathogenese, sondern konkretisiert auch neuralgische Punkte der klinischen Vorurteilsbildung, der einseitig orientierten Behandlung, der Berührungsängste von Fachkollegen wie der Gesellschaft.

Der zweite Beitrag dieses Bandes von Roelcke beschreibt und kommentiert die ‚psychiatrische Genetik und Eugenik in Deutschland und den USA (ca. 1910-1960)‘ (Titel). Hierfür stellt er im Wesentlichen die Biographien von Ernst Rüdin (1874-1952), vormals Oberarzt bei Kraepelin, und von Franz Kallmann (1897-1965) vor und in den Kontext sich zunächst in Deutschland, dann in den USA etablierender eugenischer und psychiatrisch-genetischer Forschungsbereiche.

Hieraus resultiert: „Die Tätigkeit von Rüdin und seiner Arbeitsgruppe nach 1933 kann nicht einfach als ‚Pseudowissenschaft‘ eingeordnet und als ‚Ausrutscher‘, ‚Sonderfall‘ oder ein Beispiel für eine politisch ‚missbrauchte‘ und damit ideologisierte Wissenschaft innerhalb der Geschichte der Humangenetik isoliert oder gar von ihr getrennt werden […] Vielmehr können sie als konsequente Weiterführung eines auf dem Kraepelin‘schen Krankheitsverständnis aufbauenden Forschungsprogramms zur psychiatrischen Genetik verstanden werden“ (S. 55). Bezieht man die Arbeiten des – international hoch angesehenen – Humangenetikers Kallmann in die historische Rekonstruktion ein, so wird deutlich, dass eine eugenische und rassehygienische Programmatik die „zentrale Motivation für genetische Forschung und die damit verbundenen Wertehierarchien“ ausschlaggebend beeinflussten, sodass sich „die Geschichte der psychiatrischen Genetik nicht ohne diejenige der Eugenik verstehen und erklären lässt und umgekehrt“ (S. 55).

Die psychoanalytische Auseinandersetzung mit beidem – mit der Degenerationslehre tradierter Psychosenlehre und mit der Selbstinstrumentalisierung genetisch-eugenischer Psychiater – wird im dritten Beitrag von Troje in ‚Überlegungen zu Konzepten der Psychosen nach, während und vor der nationalsozialistischen Regierung‘ (Titel) darüber nachgezeichnet, dass sie dies ‚ausgehend von zwei Arbeiten A. Mitscherlichs 1957 und 1947‘ (Untertitel) vornimmt. Hinter dieser Kapitelüberschrift verbirgt sich der Sprengstoff eines berufs- und wissenschaftspolitischen Skandals: Troje rekapituliert Mitscherlichs (mit Mielke erstellte) Dokumentation der Nürnberger Ärzteprozesse mit den medizinischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, den ob dieser ‚Nestbeschmutzung‘ moralisch entrüsteten Reaktionen der Berufskollegen. Sie skandalisiert mit dieser Retrospektive auf zunächst die vierziger, dann die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dass und wie tradierte erbgenetische Psychosenkonzepte wirksam werden und dies angesichts kritikloser Übernahme bleiben konnten – und dass dies mitnichten einem nationalsozialistischen Rassenwahn, sondern sehr konkret Fachkollegen der auf- oder doch nur abgeklärten bundesdeutschen Nachfolgeära geschuldet ist.

Der vierte und letzte Report von Hartmann zur Progression ‚von der Anstalt zum Krankenhaus‘ (Titel) konfrontiert moderne Versorgungspolitik und -strukturen in der Psychiatrie mit der Fragestellung, ob das totalitäre Denken in der Psychiatrie von damals ggf. auch heute noch persistiere. Hartmanns Schwenk von den psychiatrischen Unwertlogiken der nationalsozialistischen Vorkriegs- und Kriegszeit über die durch personelle Kontinuität kontaminierte Anstaltspsychiatrie des zweiten Drittels des 20. Jahrhunderts mündet in eine Infragestellung der durch z.B. Psychopharmako- und Verhaltenstherapie, Psychoedukation und gemeindenahe Psychiatrie geprägten Behandlungskontexte von heute. Mit Hilfe des bindungstheoretischen Modells zeigt er auf, wie sehr psychiatrische Versorgung weiterhin an organischen Denkfiguren der Krankheitsentstehung orientiert und Beziehungsbedürfnisse ausgeblendet, von ‚Case Managern‘ angebotene Betreuungsformen instrumentalisiert und kostengünstig entwertet werden.

Diskussion

Dieser Sammelband fungiert als ein Undercover-Projekt: In der Maske der eher unprätentiös daherkommenden Ankündigung eines Überblicks über vorurteilsbelastete, wissenschaftliche und/oder politische Aspekte historischer Psychosenkonzepte zünden die AutorInnen einen psychiatriekritischen Sprengsatz nach dem nächsten.

Zur historischen / gesundheitspolitischen / wissenschaftsideologischen Dimension: In bester aufklärerischer Tradition erarbeiten die AutorInnen die bis heute wirksamen Rudimente genetischer, bevölkerungshygienischer und biologistischer Konzeptualisierungen psychotischer Erkrankungen und weisen exemplarisch auf und nach, wie und wo derartige Werturteile in gängige Diagnose- und Klassifikationssysteme Eingang gefunden haben. Empörend dehumanisierende Behandlungspraxen werden ohne effekthascherische Emphase denunziert, vorgeführt, dem eigenaktiven Weiterdenken anheim gestellt. Zynische Forschungs- und Behandlungsstrategien werden in z. T. ebenso akribisch recherchierter wie detailliert vorgestellter Kontextanalyse, Ab- und Nachfolgelogik herauspräpariert, der Beurteilung des Lesers übergeben.

Zur psychotherapeutischen Dimension: Auch das psychogenetische Verständnisparadigma hat Konsequenzen. Denn wenn Psychose mehr ist, als eine ‚hinter‘ der Symptomatologie wirksame Struktur und Dynamik, dann wird sich der Behandler mit einem existentiellen Drama auseinandersetzen müssen. Er wird sich mit befremdlichen Qualitäten und entfremdenden Quantitäten fundamentaler Angst, mit schrillen Abwehrmanövern und mitunter monströs verzerrter Erlebnisverarbeitung konfrontieren, andererseits aber eben auch unsagbare Bedürftigkeit, radikal widersprüchliche Bedürfnislagen und zugleich erstarrte Affekte halten (aus-/anhalten) bzw. tragen (mit-/er-/ab-/vertragen) müssen. Jenseits organizistisch-erbbiologischer Entwertung durch Vertreter einer verobjektivierenden Psychiatrie eröffnen die von den AutorInnen vorgelegten Berichte über diese sich eigendynamisch verselbständigte wissenschaftliche Abwehrformation neue Perspektiven: Sie rekonstruieren und reaktivieren einen Zugang zur bis dato weithin negierten und marginalisierte Subjektivität, zur Individualität des auf einen anonymisierten Prototyp seiner selbst reduzierten psychotischen Subjekts.

Zur erkenntnistheoretischen Dimension: Die Verlagsangabe, in diesem Band würden medizinhistorische Gründe für die anzutreffende Verengung der Theorie und Behandlung von Psychosen diskutiert, ist fraglos banalisierendes Understatement: Die AutorInnen stehen in bester Tradition psychiatriekritischer Werte- und Verwertungsdiskussion, machen sich um eine – über das mystifizierende Plastik- und Schlagwort der bio-psycho-sozialen Determinierung hinausgehende – ethische Fundierung heutiger Diagnostik und Therapie Psychosekranker verdient. Damit befinden sich fraglos auch in verdienstvoller Nachfolge Alexander Mitscherlichs. Der Dank des Rezensenten gilt den engagierten KollegInnen Lempa, Roelcke, Troje und Hartmann.

Fazit

Der Band verdient, als psychiatrische Pflichtlektüre für Ärzte und Psychologen gesetzt zu werden. Wo nosologische Diagnostik durch stupide Klassifikation à la ICD oder DSM ersetzt und als objektivierende Wissenschaft verkauft wird, wird hier die ideologische Fracht dieser vermeintlich atheoretischen Etikettierungspraxis offenbar, von den AutorInnen akribisch nachgewiesen, intensiv befragt, subtil entblößt.

Dies sollte Anlass genug sein, sich und die eigene Praxis nicht nur selbstkritisch zu hinterfragen, sondern dieses taschenbuchkleine, inhaltskompakte, preisgünstige Forum der psychoanalytischen Psychosentherapie weiterzuempfehlen.

Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
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Es gibt 18 Rezensionen von Ulrich Kobbé.

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Zitiervorschlag
Ulrich Kobbé. Rezension vom 10.11.2010 zu: Günter Lempa, Elisabeth Troje (Hrsg.): Psychosenkonzepte im historischen Kontext. Vorurteil, Wissenschaft, Politik. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-45124-3. Reihe: Forum der psychoanalytischen Psychosentherapie - Band 23. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9657.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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