Renate-Berenike Schmidt, Uwe Sielert (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung
Rezensiert von Prof. Claudia Roth, 07.05.2010
Renate-Berenike Schmidt, Uwe Sielert (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 790 Seiten. ISBN 978-3-7799-0791-6. 69,00 EUR. CH: 115,00 sFr.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-0798-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Thema
Das vorliegende Werk erweitert bereits im Titel den traditionellen Begriff der „Sexualpädagogik“ um den der „sexuellen Bildung“. Der ganzheitliche Bildungsbegriff steht für die Erkenntnis, dass Entwicklungsprozesse eines Menschen als lebenslange Bildungs-Prozesse zu verstehen sind.
Gemäss Sielert/Schmidt ist daher auch Sexualität für uns Menschen ein Leben lang Thema, das heisst, als sexuelle Wesen lernen wir alle ein Leben lang. Die Überzeugung des lebenslangen Lernens wird hier auf den Betrachtungsgegenstand Sexualität gerichtet, denn sexuelle Entwicklungen können zuweilen bedeutsamen mitunter auch tiefgreifenden Änderungen unterworfen sein kann. Das Kräftefeld von biologischer Grundkonstitution, sozialen Einflüssen und selbstbestimmten Entscheidungsprozessen spielt daher eine entscheidende Rolle, in dem Menschen ihre Selbstaktualisierungstendenz mehr oder weniger entwickeln – in diesem Sinne wollen die Autorinnen und Autoren sexuelles Leben als Bildungsprozess verstanden und definiert wissen.
Aufbau
Die Herausgebenden erheben nicht den Anspruch, flächendeckend sämtliche Themengebiete der Sexualpädagogik lückenlos anzubieten (beispielsweise fehlt das Thema Intersexualität), vielmehr orientiert man sich am aktuellen Diskussionsstand der Sexualpädagogik, will sowohl traditionelle Fragestellungen aus anderen Perspektiven beleuchten als auch neue Inhalte betrachten. Die Rezension wird diesem Beispiel folgen und ebenfalls nicht alle Artikel lückenlos besprechen.
Das 790 Seiten umfassende Werk gliedert sich nach einer kurzen Einleitung in zehn Kapitel.
1. Sexualpädagogik: Entwicklung, Theorie und Forschung
Koch zeichnet kurz und prägnant einen historischen Abriss über wesentliche Entwicklungslinien und namhafte Persönlichkeiten der Sexualpädagogik.
Der Beitrag von Sielert ist eine allgemeine Einführung in das komplexe Themengebiet und gibt folgenden Überblick: allgemeine Begriffsklärung; Sexualpädagogik als Wissenschaft und deren namhaften Vertreterinnen und Vertretern; Themen und Handlungsfelder der Sexualpädagogik. Hilfreich ist hier der Bezug der Beiträge im vorliegenden Werk zu den erwähnten Themen.
Helfferich zeigt den Stand der Forschung und Entwicklung auf. Sie orientiert sich an den Entwicklungslinien der sexualpädagogischen Forschung im Jugendbereich, thematisiert den Methodenstreit der qualitativen und quantitativen Forschung und die Bedeutung der Evaluationsforschung und thematisiert schliesslich künftige Forschungsthemen der Sexualpädagogik (Migration und Neue Medien).
2. Sexuelle Bildung: Grundlagen
Kluge betrachtet sexuelle Grundbegriffe aus systemischer Sicht und beschreibt die Entwicklung des Menschen zum Geschlechtswesen in den fünf Stufen der Geschlechtsentwicklung.
Während Wendt kulturanthropologische Aspekte des Körpers thematisiert und schliesslich eine doppelte Herausforderung der Sexualpädagogik in der Postmoderne bezüglich dieses Phänomens herausarbeitet, bespricht Bartholomäus die Bedeutung der sexuellen Fruchtbarkeit aus unterschiedlichen Perspektiven und Osthoff Möglichkeiten und Grenzen sexueller Sprache und Kommunikation.
Kluge legt Begrifflichkeiten zu Grunde und geht von etablierten erziehungswissenschaftlichen Grundbegriffen aus, um zu einer vorläufigen Arbeitsdefinition von "sexueller Bildung" zu gelangen. Valtl greift in seinem Beitrag den Begriff der "sexuellen Bildung" als Sexualpädagogik für alle Lebensalter auf, der ja auch im Titel des vorliegenden Werkes hervorgehoben wird und fokussiert wesentliche Elemente und Kompetenzen sexualpädagogischen Handelns.
3. Moraldiskurs: Kirche, Religion und Spiritualität
Das dritte Kapitel widmet sich der moralischen und religiösen bzw. spirituellen Dimension. Interessant sind die komprimiert zusammengefassten Überzeugungen und Gegenüberstellungen von Sexualität aus unterschiedlichen Perspektiven:
- Evangelische Sexualethik (Keil),
- Katholische Sexualmoral (Bartholomäus) und
- Sexualität im Islam (Tworuschka).
Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden im historischen Kontext dargestellt und im Hinblick auf ethische und moralische Erscheinungsformen beleuchtet.
Der Beitrag von Schläpfer betrachtet die spirituelle, philosophisch konnotierte Dimension der Sexualität.
4. Sexualitäten: Individuelle und gesellschaftliche Formierung des Sexuellen
Lautermann erarbeitet gesellschaftliche Normen der Sexualität entlang diverser Sexualformen und entlang der historischen Entwicklung in mehreren zeitlichen Epochen.
Während Brückner das Begehren in unterschiedlichen Facetten und Erscheinungsformen beschreibt, Schetsche einige Rituale des Begehrens thematisiert, Döring sexuelles Begehren im Cyberspace beleuchtet, plädiert Truider für Diversität von Begehren, sexuellen Lebensstilen und Lebensformen.
Timmermanns bespricht die sexuelle Orientierung als eine Komponente der sexuellen Identität und mögliche Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung. Interkulturelle Sexualpädagogik unterstützt und begleitet gemäss Wronska/Kunz durch spezifische Prinzipien und methodisches Vorgehen Jugendliche und junge Erwachsene bei der Identitätsfindung und Integration in Zuwanderungsgesellschaften.
Specht beleuchtet das Thema Sexualität und Behinderung.
5. Sexuelle ´Genderbildung´
Das Kapitel Sexuelle Genderbildung enthält vier Beiträge aus weiblicher und männlicher Perspektive zum Thema.
Bültmann beschreibt Meilensteine der sexualpädagogischen Mädchenarbeit, die sich mittlerweile als etabliert bezeichnen darf. Neben vielfältigsten Themen geht es um die fachliche Begleitung individueller Wünsche und Bedürfnisse von Mädchen im Gewahrsein der sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen und der eigenen bedeutsamen Vorbildfunktion.
Munding umschreibt die doch jüngere Tradition der sexualpädagogischen Jungenarbeit mit Beginn in den 90er Jahren, welche sich mittlerweile als gesellschaftspolitische Aufgabe etabliert hat, jedoch sich noch aus der Defizitorientierung emanzipieren sollte.
Während Sexualität in der Bildungsarbeit mit Frauen im Beitrag von Voigt-Kehlenbeck pointiert auf eine historische Vergangenheit und somit auch Entwicklungs- bzw. Veränderungsthemen hinweist (Sexualität gilt heute weitgehend entpolitisiert), zeigt die Recherche von Lenz auf, dass das Thema Sexualität in der Männerbildung - im Vergleich zu den Frauen - noch in den Kinderschuhen steckt.
6. Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung im Lebenslauf
Das Thema Sexualität wird in verschiedenen Phasen des Lebens präsentiert.
Wanzeck-Sielert skizziert Sexualität im Kindesalter entlang der Phasenmodelle von Freud und Erikson.
Neubauer generiert Erkenntnisse und Verhaltensänderungen aus verschiedenen Forschungsergebnissen zur Jugendsexualität und skizziert zukünftige Themen, wie z.B. der Wandel des sexuellen Verhaltens durch das Internet.
Schmidt rekonstruiert ausgehend von zwei Studien (weibliche Jungendliche und junge erwachsene Frauen) mögliche Sexualmuster, die induktiv abgeleitet in fünf vorläufigen Thesen münden.
Starke skizziert ausgewählte Stichpunkte zur Sexualität im Erwachsenenalter, um schliesslich verschiedene, auch soziographische Differenzierungen vorzunehmen.
Von Sydow thematisiert Sexualität und Älterwerden im Allgemeinen, erweitert durch Forschungsergebnisse und Einflussfaktoren, Grond betrachtet diese Thematik auf dem Hintergrund von Alten- und Pflegeheimen.
7. Gefahren- und Schutzdiskurse
In diesem Kapitel sind neun verschiedene Facetten zu dieser Thematik besprochen, die sich den eher problematischen oder negativen Seiten der Sexualität widmen, z.B. sexuelle Verwahrlosung, sexuelle Gewalt, Sexmarkt und Sexkonsum, Jugendmedienschutz, Teenagerschwangerschaften und Rechtsgrundlagen.
Stecklina widmet sich dem Phänomen existierender Klo- und Graffitisprüche als Bestandteil im sexuellen Identitätsfindungsprozess von Mädchen und Jungen und folgert deren geschlechtsspezifische Aufgaben und Herausforderungen. Aufschlussreich ist der Beitrag von Menzel, dass sexuelle Gewalt nicht nur durch die Tat selbst, sondern auch anhand biografischer Tatbestände der Täter konstruiert wird.
Der Artikel von Richter-Appelt zum Thema sexueller Missbruch im Kindesalter ist bedeutsam und zurzeit hochaktuell in Anbetracht der Häufigkeit von sexuellem Missbrauch durch Kirchenvertreter beider Konfessionen. Corsten klärt in ihrem Artikel auf über HIV/AIDS und andere übertragbare Krankheiten; der „Reiz des Risikos“ wird eben vielfach durch mangelndes Wissen falsch eingeschätzt.
8. Sexualität und Sexuelle Bildung in Institutionen
Die zehn Beiträge besprechen sexuelle Bildung im Zusammenhang mit Institutionen: Von der Familie (Schuhrke), über den Kindergarten (Wanzeck-Sielert) zur Schule (Milhoffer, Schmidt und Schetsche). Des Weiteren wird Sexualität im Kontext von Sportverbänden (Sielert), Volkshochschulen (Voigt) oder Justizanstalten (Döring) oder schlicht im Berufsalltag (Notz) besprochen.
Eher ernüchternd Artikel von Winter was die aktiven, qualifizierten und internen sexualpädagogischen Ansätze in Jugendhilfeinstitutionen betrifft. Er fordert, dass sich das professionelle Personal der Sozialen Arbeit (hier: Jugendarbeit) deutlicher positioniert und aktiv Angebote setzt, diese konzeptionell verankert, sexualpädagogisch persönlich Stellung bezieht und sich somit wichtige Ansprechpersonen für Jugendliche werden und sich nicht durch ihre passive Grundhaltung auszeichnen.
Obschon Specht das Thema Sexualität und Behinderung im vierten Kaptitel angesprochen hat, wäre hier ein expliziter Beitrag unter der Prämisse der „sekundären Behinderung“ (strukturelle Einengung durch Gegebenheiten der Institution), wie er es nennt, sinnvoll gewesen.
9. Didaktik, Methodik, Medien, Materialien
Vielschichtig und differenziert der Beitrag von Freund zum breiten Feld der sexualpädagogischen Beratung (Begriffliche Klärung und Abgrenzung, Verortung des theoretischen Hintergrunds und Gestaltung eines angemessenen Settings). Während Martin die Bedeutsamkeit der positiv besetzten Körperwahrnehmung und der kontinuierlichen Aufklärung und Wissensvermittlung hervorhebt, beschreibt Nespor die notwendige „am eigenen Leib“ erfahrene Methodenkompetenz der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Mahnke beschreibt didaktische Grundzüge der sexualpädagogischen Biografiearbeit und liefert auch gleich konkrete methodische Anregungen zur Umsetzung. Klein thematisiert die Besonderheiten einer virtuellen Beratungsplattform.
Dass trotz junger Geschichte auch sexualpädagogischen Materialien bereits einer historischen bzw. politischen Repression unterliegen können zeigt Timmermanns auf. Einerseits wird das massgebliche Spektrum an sexualpädagogischen Materialien vorgestellt, andererseits werden qualitative Ansprüche an dieses Material gestellt, die der Vielfalt und Widersprüchlichkeit Jugendlicher gerecht werden. Die letzten vier Beiträge wählen verschiedene Zugänge: Sexualpädagogische Videoarbeit mit Jugendlichen (von Hören), Kunstpädagogik in der sexuellen Bildung (Beck), Sexualitätskonzepte in Kinder- und Jugendbüchern (Leinkauf) und virtuelle Beratung Jugendlicher (Klein).
10. Professionalisierung: Gegenwärtiges und Zukünftiges
Hopf konstatiert, dass sexualpädagogische Themen in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern eher dem Zufall bzw. dem Engagement der Dozierenden überlassen wird.
Während Sielert sich der Frage widmet, welchen Grad der Professionalisierung die Sexualpädagogik in Deutschland erreicht hat und welche Bedingungsfaktoren diesen Prozess begünstigen beschreibt Müller bereits den Beruf der Sexualpädagogin bzw. des Sexualpädagogen - beide verweisen auf den Ausbau einer wissenschaftlichen Theoriebildung und die gesellschaftliche und bildungspolitische Unterstützung.
Weller berichtet von der Hochschule Merseburg, die seit 1993 im Rahmen des heute benannten Bachelor-Studiums Soziale Arbeit, den Schwerpunkt "Sexualpädagogik und Familienplanung" anbietet.
Zielgruppen
Das Buch richtet sich an professionell (sexual-)pädagogisch Tätige des Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitswesens sowie an Studierende und Lehrende der entsprechenden Fachrichtungen. Es eignet sich für Professionelle der Sozialen Arbeit im ambulanten oder stationären Bereich. Das Handbuch gibt Anregungen für die Erziehung von kleinen Kindern, die Begleitung von Jugendlichen, die Beratung Erwachsener oder die Betreuung älterer Menschen etc. Auch für Lehrkräfte aller Schulstufen und ehrenamtlich Tätige bietet es neue Einblicke, unterschiedliche Perspektiven und wertvolle Hinweise.
Fazit
Das vorliegende Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung ist ein umfassendes und relevantes Grundlagenwerk. Es lassen sich ausgesprochen viele, prägnant gefasste Beiträge zu relevanten Themen der sexuellen Bildung finden. Das vorliegende Werk erhebt nicht den Anspruch umfassend zu sein, dennoch liegt ein Buch mit einer ausgedehnten Themenvielfalt der Sexualpädagogik und der sexuellen Bildung auf hohem wissenschaftlichem Niveau vor. Sexualpädagogische Fragestellungen und Wissensgebiete können anhand der umfangreichen Quellenangaben der jeweiligen Beiträge weiter vertieft und verfolgt werden.
Auffallend positiv ist weiterhin, dass sich viele Fachartikel des Handbuchs durch Querverweise aufeinander beziehen und so auf verwandte Themen und weiterführende Aspekte hinweisen. Das Buch zerfällt also nicht in einzelne isolierte Fachbeiträge, sondern ist ein Gemeinschaftswerk, das einen roten Faden erkennen lässt.
Ein stringentes und zugleich umfassendes Handbuch, das komprimiertes Fachwissen bietet, neue Perspektiven für Forschung und Theoriebildung eröffnet und für die praktische Tätigkeit wichtige Grundlagen liefert - ein Muss für alle, die sich mit sexualpädagogischen oder sexualagogischen Themen beschäftigen und einen professionellen Anspruch haben.
Rezension von
Prof. Claudia Roth
Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz
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