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Volker Brinkmann: Sozialwirtschaft

Rezensiert von Prof. Dr. Bernd Halfar, 18.01.2011

Cover Volker Brinkmann: Sozialwirtschaft ISBN 978-3-8349-0010-4

Volker Brinkmann: Sozialwirtschaft. Grundlagen, Modelle, Übungen. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2010. 285 Seiten. ISBN 978-3-8349-0010-4. 29,95 EUR.
Reihe: Lehrbuch.

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Thema

Wie nennt man ein Lehrbuch, wenn die eigentlich passenden Titel wie „Lehrbuch der Sozialwirtschaft“ oder „Sozialwirtschaftslehre“ oder „Sozialökonomie“ oder „Sozialmanagement“ bereits an andere Autoren vergeben sind? Und wie nennt man ein Lehrbuch, das einen spezifischen Blick auf seinen Gegenstand aufblendet, der eigentlich eben nicht originär sozialwirtschaftlich geprägt ist, sondern sozialpolitisch?

Also: Volker Brinkmann, ein Kieler Frontmann der sozialpolitischen Sozialwirtschaftslehre hat ein Lehrbuch für das Studium vorgelegt; Lehrbücher sind immer Ergebnis von Lehrveranstaltungen und haben somit immer eine deutliche Prägung des lehrenden Verfassers und dessen Verständnis vom Gegenstand. Diese Prägung charakterisiert auch Brinkmanns Lehrbuch, das in zwei großen Abschnitten vorgelegt wird:

  1. Sozialwirtschaft und
  2. Finanzierung der Sozialwirtschaft und der Sozialen Arbeit.

1. Sozialwirtschaft

Im ersten Kapitel liefert der Autor einen Überblick zur Theorie der Sozialwirtschaft. Dieses Kapitel, so mein Eindruck, ist nicht so recht gelungen, weil hier eher ein Flickenteppich verschiedener Theoriestücke zusammengewebt wurde als ein systematischer Versuch einer „Theorie der Sozialwirtschaft“ angepackt wurde. Es wird dem Leser nicht klar, welche Art der Theoriebildung vorgenommen werden soll. Als theoretisch differente Leitbilder der Sozialökonomie ruft Brinkmann die homines oeconomicus, sociologicus, cooperativus, oecologicus, die Wirtschaftsethik, sozialökologische Ansätze auf, muss sich in gegebener Kürze dann auch noch mit deren Grundannahmen herumschlagen, allerdings mit dem von diesen Ansätzen her zu erwartenden geringen Ertrag. Allein schon die damit implizite Entscheidung für eine handlungstheoretische Grundlegung einer sozialwirtschaftlichen Theorie war offensichtlich eine kleine Falle, und eine übrigens unbegründete.

Ein anschließender Versuch einer sozialwirtschaftlichen Theoriebildung läuft maßgeblich über die Literatur, die im Kontext der Sozialarbeitswissenschaft vorgelegt wurde. Angesprochen und erläutert werden die Makro-, Meso- und Mikroebenen der Verteilung sozialer Hilfen, intermediäre Funktionen der Sozialwirtschaft, jede Menge Netzwerkproduktion und die üblichen Komplexität andeutenden „Modelle“ der Sozialarbeitswissenschaft als Konglomerat von Psychologie, Verwaltungswissenschaft, Ökonomie, Recht, Soziologie und Sozialpolitik, Lebenskomplexität, gelingender Lebensführung, Laienarbeit, Professionalität und was auch immer noch, -, wobei diese „Komplexitätsmodelle“ wohl eher Belege dafür sind, dass die Sozialarbeitswissenschaft unterkomplex ist.

Brinkmann hat in seiner Theoriebildung auf die Karte der Sozialarbeitswissenschaft gesetzt und auf deren Auswertungen soziologischer und ökonomischer Handlungsmodelle, und hat sich damit gegen alternative theoretische Zugänge entschieden, die ihm als Sozialpolitiktheoretiker doch vertraut sind: Transfertheorie, Gütertheorie, funktionale Theorie, Sektorentheorie, Dienstleistungstheorie oder historische Theoriebildung. Der Stand der sozialwirtschaftlichen Theoriebildung, so wie sie in der Sozialarbeitswissenschaft betrieben wird, ist in diesem Lehrbuch gut dargelegt, aber genau diese ist das Problem.

Und jetzt beginnt das Buch richtig gut zu werden; und das sind immerhin noch 248 von 285 Seiten.

Geschildert wird im zweiten Kapitel das System der Sozialleistungen in Deutschland, wobei Brinkmann die klassische, und einleuchtende Einteilung in Funktionen des Systems als Vorsorgeleistungen, Entscheidungs- und Versorgungsleistungen, Förderleistungen und Existenzsicherung wählt. Hier erfährt der Leser auf knapp 20 Seiten die Grundstruktur des Sozialleistungssystems -, und was will man als Student mehr!

Die Erläuterung der Organisationstypen der Sozialwirtschaft im dritten Kapitel verläuft, das ist eben ein Merkmal eines sozialpolitisch-verwaltungssoziologischen Lehrbuchs der Sozialwirtschaft, durch die Perspektive des Staates und der öffentlichen Träger. Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist eine klare Systematik über ein Feld, das unseren Studenten bis kurz vor die Examensklausur regelmäßig unzugänglich ist. Was sind örtliche Träger, überörtliche Träger, welche Anbieter gibt es in der Branche der Sozialwirtschaft: gewerbliche, freiberufliche, gemeinnützige. Die in diesem Kapitel vorgenommene Schilderung der Dach- und Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege ist zwar informativ, aber unterschiedlich informativ. Die AWO bekommt 4,5 mal so viel Platz wie die Caritas…Insgesamt wäre es für die Neuauflage wohl sinnvoll, die einzelnen Wohlfahrtsverbände und die privaten Verbände systematischer in einer synoptischen Form darzustellen. Im Übrigen der beckmesserische Hinweis, dass die theoretische Zusammenfassung einmal nicht auf gemeinnützige Organisationen beschränkt werden muss und dass die Bezeichnung „Produktionsfunktionen“ für die aufgezeigten gesellschaftlichen Funktionen irritierend ist.

Im vierten Kapitel beschäftigt sich Brinkmann mit Markt und Wettbewerb in der Sozialwirtschaft. Der Autor bleibt hier in seiner Perspektive und behandelt „Markt und Wettbewerb“ nicht über die Frage, welche Wettbewerbsparameter bestehen, welche Nachfragemuster bestehen, wie also Markt bzw. Nicht-Markt und Wettbewerb konkret in dieser Branche aussehen, sondern die Analyse bleibt institutionell bezogen: in welchen Teilfeldern der Sozialwirtschaft gibt es sozialrechtliche Weichenstellungen für Wettbewerb? Diese Schilderungen sind äußerst knapp geraten und werden auch im Vergleich der einzelnen Bereiche (Krankenhaus, Behindertenhilfe, Rettungswesen, Jugendhilfe etc.) nicht systematisch und vergleichend vorgenommen.

Der politikwissenschaftliche Blick bleibt auch in der Überleitung zum nächsten Kapitel erhalten, wenn der Autor den zentralen Modernisierungsschub der Marktentwicklung und des Wettbewerbs auf das „Neue Steuerungsmodell“ der öffentlichen (Kommunal)Verwaltung zurückführt. In der Folge dieser Annahme wird diesem Neuen Steuerungsmodell (Budgetierung, Kontraktmanagement, Sozialraummanagement, e-goverment, öffentliches Controlling ) ein ganzes Kapitel gewidmet. Dieses Kapitel ist interessant und gut zusammenfassend, aber die Begründung für dieses Kapitel ist sachlich nicht nachvollziehbar. Die Wettbewerbselemente und marktlichen Anreizstrukturen kommen doch in der Sozialwirtschaft gerade nicht aus dem kommunalen Bereich, sondern aus der stationären und ambulanten Altenhilfe (SGB V und XI), aus der Behindertenhilfe und ihrem persönlichem Budget und der Wahlfreiheit des Klienten (SGB IX), aus der Arbeitsmarktpolitik mit den Wahlmöglichkeiten über Bildungsgutscheine usw.

In einem sechsten Kapitel, einem Paradegebiet von Brinkmann, bleibt man auf der kommunalen Ebene und dem Sozialraummanagement als Modernisierung der kommunalen Sozialwirtschaft. Die Perspektive bleibt stabil: kommunale Sozialwirtschaft ist nicht das Agieren von Akteuren auf kommunaler Ebene, sondern im Brinkmannschen Sinne immer Ausdruck von politischer Steuerung. Das zentrale Verfahren zur Steuerung der Rationalität ist in diesem Sinne das Casemanagement, das hier ausführlich dargelegt wird.

2. Finanzierung der Sozialwirtschaft und der Sozialen Arbeit

Der zweite große Block dieses Lehrbuches behandelt das Thema der Finanzierung. Mit diesen 100 Seiten liegt ein sehr guter Überblick über die unterschiedlichen Finanzierungsformen, Finanzierungsarten, Finanzierungsströme und Finanzierungsträger im deutschen Sozialwesen vor. Im ersten Kapitel behandelt der Autor die Finanzierungsfunktionen der öffentlichen Träger. Zwar werden Bund, Länder und EU in einigen wenigen Zeilen erwähnt, aber Brinkmann konzentriert sich bei den öffentlichen Trägern auf die kommunale Ebene. Diese wird in ihrem Haushaltswesen, in ihr Einnahmen- und Ausgabenstruktur, im kommunalen Finanzmanagement sehr detailliert ausformuliert. Diese ausführliche Darlegung der kommunalen Finanzierungsseite ist richtig, aber der Verzicht auf die Beschreibung der Finanzierungsseite durch EU-Programme, Bundes- und Landesprogramme und vor allem durch die Sozialversicherung ist dem Rezensenten unverständlich.

Im zweiten Kapitel wird äußerst informativ und systematisch ein Überblick über die Finanzierungsformen geleistet. Ob die Unterscheidung von Objekt- und Subjektfinanzierung an dieser Stelle sprachlich glücklich ist, sei dahingestellt. Objektfinanzierung ist eine typische Form der Sozialimmobilienfinanzierung und könnte hier wohl eher als „organisationsbezogene bzw. einrichtungsbezogene Finanzierung“ von der Subjektfinanzierung sprachlich getrennt werden. Wobei ja auch die Subjektfinanzierung als Form der Immobilien-Refinanzierung begrifflich anders eingeführt ist. Im Folgenden liest man aus einem Guss über Zuwendungsfinanzierung, Entgeltfinanzierung, Leistungsverträge, Fachleistungsstunden, Fallpauschalen, Diagnosebezogene Entgelte, aber auch über moderne Finanzierungsformen wie das Pflegebudget, Gutscheinmodelle, Sozialraumbudgets und Integrierte Versorgungsfinanzierung.

In der betriebswirtschaftlichen Finanzierungstheorie hantiert man ja gewöhnlich mit der Unterscheidung von Eigen- und Fremdfinanzierung. Brinkmann bearbeitet die sozialwirtschaftlich typischen Probleme der Selbstfinanzierung und Eigenmittelerwirtschaftung in einem eigenen Kapitel, und behandelt dann in einem Folgekapitel die „private Finanzierung“, - wobei der erste Unterpunkt dann die Kreditfinanzierungen aufruft. Ob das sprachlich so geglückt ist, die Kreditfinanzierung über Banken unter dem Label „Finanzierungsquellen durch Privatpersonen und private Institutionen“ abzuhandeln? Ist die bayerische Landesbank eine private Institution? Wohl leider nicht. Und die Bank für Sozialwirtschaft, die den Wohlfahrtsverbänden gehört?

Die Gewichte stimmen nicht so recht. Die Kreditfinanzierung, eigentlich die Regelfinanzierung bei Investitionen im deutschen Sozialwesen, wird auf einer Seite abgehandelt, also sehr sehr kurz und bündig, während eine Unterform, die Mikrokredite (eine höchst interessante Finanzierungsform in Asien, Afrika und Lateinamerika, fast 5 Seiten bekommt. Fundraising, Bußgelder und Einnahmen aus Glückspielen erhalten 12 Seiten Text. Gerade weil es ein Lehrbuch ist, hätte hier die Kreditfinanzierung ihrer Bedeutung entsprechend einen erheblichen höheren Seitenanteil verdient. Und wenn schon Glückspiele so ausführlich behandelt werden, wieso taucht dann „Aktion Mensch“ nicht auf, wohl aber Pferdewennretten? Informativ und verdienstvoll ist die Bearbeitung innovativer Finanzierungsformen wie dem Social Entrepreneurship, philantrophischen Formen des Venture Capitals, Payroll Givings und Corporate Social Responsibility. Ebenso innovativ und interessant erscheinen Finanzierungen , die über solidarische Ökonomien laufen. Hier verweist Brinkmann auf Ansätze der Gemeinwesenökonomie, auf regionale Komplementärwährungen, auf Tauschbörsen, auf Straßenmagazine, die Tafeln und Genossenschaften. All das ist interessant, aber – ich komme nicht darüber hinweg – im Vergleich zu der minimal geschilderten Fremdfinanzierung über Banken nahezu bedeutungslos. Damit kein Missverständnis aufkommt: quantitativ übergewichtet in einem Lehrbuch, in dem die Studenten doch auch durch die Gewichtung der Kapitel Anhaltspunkte gewinnen wollen, was in der Finanzierungsrealität welche Rolle spielt. Es gibt, zuzugeben, fast nichts Langweiligeres als die Kreditfinanzierung oder die Finanzierung über Immobilienfonds, aber in der Finanzierung zählt nun mal das Geldvolumen und nicht der innovative Erregungsfaktor als Bedeutungsfaktor.

Fazit

Was macht man als Dozent mit diesem Buch? Man empfiehlt es den Studenten. Ganz einfach. Es ist kein Buch über Management in der Sozialwirtschaft, sondern über die Sozialwirtschaft als eine merkwürdige Branche. Dass der Finanzierungsteil so höchst bedeutsam geworden ist, freut den Rezensenten – denn das schließt eine richtige Lücke. In diesem Buch erfahren die Studenten, worum es in der Sozialwirtschaft geht, worin die Problemstellungen bestehen, sie erhalten einen systematischen Überblick über Organisationen, Leistungsbeziehungen und innovative Modelle. Das ist alles Basisstoff für die Lehre, Basisstoff für Prüfungen und Basisstoff für weitere Diskussionen. Brinkmann betrachtet die Sozialwirtschaft durch die sozialpolitische Brille politikwissenschaftlicher Herkunft. Das betont manches anders und schließt manches ein und manches aus. Ein sozialökonomisches Lehrbuch der Sozialwirtschaft fehlt zwar immer noch, aber jetzt haben wir mal eines, das wir mit gutem Gewissen einsetzen können. Wer sich hinsetzt und ein Lehrbuch in unserem Fach schreibt, verdient in jedem Fall Lob und Dank. Die eine oder andere meiner kritischen Anmerkungen kann vielleicht für die Überarbeitung der nächsten Auflage hilfreich sein oder gestrichen werden. Doch die ersten 35 Seiten „Theorie der Sozialwirtschaft“ in diesem Buch lese ich als Hinweis, dass wir das, was die „Sozialarbeitswissenschaftler“ über Sozialwirtschaft schreiben, für Theoriebildung nicht brauchen.

Rezension von
Prof. Dr. Bernd Halfar

Es gibt 38 Rezensionen von Bernd Halfar.

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Zitiervorschlag
Bernd Halfar. Rezension vom 18.01.2011 zu: Volker Brinkmann: Sozialwirtschaft. Grundlagen, Modelle, Übungen. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-8349-0010-4. Reihe: Lehrbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9669.php, Datum des Zugriffs 30.01.2023.


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