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Albert Wunsch: Abschied von der Spaßpädagogik

Cover Albert Wunsch: Abschied von der Spaßpädagogik: für einen Kurswechsel in der Erziehung. Kösel-Verlag (München) 2003. 228 Seiten. ISBN 978-3-466-30619-0. 17,95 EUR.
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Thema des Buches

Ein weiterer Erziehungsratgeber - übrigens bereits der zweite des Autors nach "Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit", Kösel 2000 - auf dem schier unübersichtlich gewordenen Markt der Ratgeber, die sich an Eltern und Erziehende aller Altersstufen (der Kinder) richten. Das Ende der Spaßpädagogik wird uns verkündet, wobei wohl keineR von uns wirklich geglaubt haben wird, es könnte gemeint sein, dass Erziehen bisher Spaß gemacht hätte - nun aber nicht mehr. Gemeint ist natürlich vielmehr, dass für Kinder und Jugendliche die Erziehung zum möglichst lebenslangen "Spaß-Haben" endet (bzw. dringend enden sollte) . Es geht nach Darstellung des Autors um eine Neuorientierung in der Erziehung, deren Notwendigkeit in diesem Buch begründet wird mit zahllosen Beispielen, an welchen Stellen des Alltags es nämlich derzeit mangelhaft läuft und ebenso vielen Vorschlägen, wie Erziehung besser erfolgen könnte. Angesprochen werden neben den Eltern aber sowohl Pädagogen und Pädagoginnen als auch PolitikerInnen und alle die, die gemeinhin als "Gesellschaft" verstanden werden - also alle Menschen innerhalb Deutschlands. Viele der Grundsätze, auf denen dieses Buch aufbaut, sind in kurzen, einprägsamen Sequenzen am Seitenrand im Fettdruck eingeblendet. Eine davon - übrigens eine alte Volksweisheit, also nicht originär vom Autor, aber von diesem an vielen Stellen des Buches einprägsam dargestellt - als Vorgeschmack zum Inhalt:

"Zu Erfolg und Lebensglück gibt es keinen Lift, man muss die Treppe benutzen".

Der Autor

Dr. Albert Wunsch, Jahrgang 1944 und Vater zweier erwachsener Söhne und auch bereits Großvater, ist seit vielen Jahren in der Pädagogik tätig als gelernter Dipl. Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler (Psychologie, Pädagogik, Kunst). Er leitet seit 1974 das Katholische Jugendamt Neuss und hat sich ebenfalls als Supervisor (DGSv) fortgebildet. Weiterhin hat er Lehraufträge an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf sowie auch an Fachhochschulen für Sozialwesen. Im Jahr 2000 erschien sein erster Erziehungsratgeber (s. oben) und seitdem reist er mit seinen Vorträgen zu den Inhalten seiner Erziehungsempfehlungen von Ort zu Ort innerhalb Deutschlands, an denen er diese Grundsätze unterschiedlichem Publikum - überwiegend hilfesuchenden Eltern - nahe zu bringen versucht. Weitere Informationen sowie mögliche Kontaktaufnahme unter www.albert-wunsch.de.

Aufbau und Inhalt

Albert Wunsch entwickelt die von ihm gewünschte Wende innerhalb der Erziehung im Verlauf von 5 größeren Kapiteln mit den knapp-klaren Überschriften:

  • Feststellungen
  • Ursachen
  • Konsequenzen
  • In Verantwortung
  • Eigenständigkeit

Die Untertitel zeigen dann jedoch auf, dass es so kurz und knapp nicht bleiben kann - die Erläuterungen der Kapitel sind umfassend und mit vielen Beispielen garniert, die sicherlich jedermann und jederfrau aus dem Alltagsleben mit Kindern und Jugendlichen bekannt sein werden.

Die Kapitel befassen sich im Einzelnen mit folgenden Themen:

Feststellungen: Vom Ernst des Lebens einer Spaßgesellschaft.

Albert Wunsch zeichnet das Bild der heutigen Gesellschaft im Überfluss mit ihren Auswirkungen auf die darin lebenden Kinder und Jugendlichen, die nach seiner Meinung darauf relativ logisch mit Anstrengungs- und Leistungsverweigerung antworten und der Lebensmaxime: "Es muss doch mehr als alles geben". Er beschreibt die heutigen Jugendlichen innerhalb einer Überschrift mit den Adjektiven "Orientierungslos, grenzenlos, mutlos, aussichtslos" , wobei er sich zu allen Darstellungen entweder auf relativ aktuelle Zeitungsartikel oder Studien beruft oder aber Fachleute zum Thema zitiert. Die Darstellungen umfassen sowohl Drei- bis Vierjährige (zum Thema Sprechvermögen) als auch z.B. Schulabgänger (Motivation derselben) und belegen hinreichend nachdrücklich, dass die Lebensvorbereitung in Elternhaus und Schule derzeit mangelhaft ist.

Ursachen: Die Tragik der nicht gekappten Nabelschnur.

In diesem Kapitel geht es überwiegend um die Auswirkungen des Fehlverhaltens von Eltern, das Wunsch unter "Verwöhnung" versteht und welches er beschreibt mit "falschem Helfen, fehlender Begrenzung und ausbleibender Herausforderung". Er bezeichnet "Verwöhnung als Verwahrlosung im Glitzerlook" (s. ausführlich dazu sein Buch - Die Verwöhnungsfalle, Kösel 2000) und versäumt es auch nicht, aufzuzeigen, warum seiner Meinung nach Eltern so anfällig für eben dieses Fehlverhalten sind und an welchen Stellen es dadurch kurzfristig vermeintlich zu Vereinfachungen im Zusammenleben mit Kindern kommt. Leider betont Wunsch meines Erachtens in diesem Kapitel - wie auch bereits in seinem ersten Erziehungsratgeber - über Gebühr die übertriebenen Sorgeleistungen speziell der Mütter als schädlich in ihren Auswirkungen, ohne zu hinterfragen, wo denn an dieser Stelle die "Mitwirkung" der Väter bleibt und bestehe sie auch nur aus "Erziehungsbeteiligungsverweigerung". Letztendlich ermöglicht drum ja trotzdem erst dieses "Nichthandeln" der Väter in der Erziehung die scheinbar so fatalen Auswirkungen der Überfürsorge der Mütter. Ich unterstelle, dass dieser Aspekt dem Autor wohl durchaus klar ist, aber dummerweise wird er innerhalb des Buches kaum erwähnt - das Fehlverhalten der Mütter jedoch mehr als einmal und z.T. auch sarkastisch, z.B. mit der unterstellten Lebensmaxime vieler Mütter : "Ich umsorge, also bin ich".

Die Auswirkungen scheinen jedoch klar: die Eltern (!) zerstören mit dieser Überfürsorge den Lebensmut ihrer Kinder.

Konsequenzen: Gute Starchancen für den Nachwuchs.

Wunsch entwickelt die Vision einer Zukunftswerkstatt à la Robert Jungk für eine ganze Gesellschaft. In diesen Prozess sind nach seiner Meinung alle gesellschaftlich relevanten Gruppen einzubeziehen: das Erziehungs- und Bildungssystem, die Volkswirtschaft, das Parteienspektrum, die Medien. Ein "gesellschaftlicher Konsens des Aufbruchs" könnte nach seinen Darstellungen gelingen mit der Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Schulen, Familien, Vereinen und Kirchen. In diesem Kapitel begegnet uns erneut in etwas abgewandelter Form der Titel des Buches: Nun geht es nicht mehr um "Abschied von der Spaßpädagogik" sondern um "Abschied von der Spaßgesellschaft", sowie um Neubesinnung auf alte Werte wie Pflichten und Verantwortung. Der Weg zu diesen Werten ist laut Wunsch am ehesten über elterliche Erziehung zu leisten und eben nicht ausschließlich, wie scheinbar einhellige politische Meinung, mit Hilfe öffentlicher Ganztagsbetreuung. Dabei spricht Wunsch eine deutliche Sprache an die Adresse der Politiker: "Nicht Erziehung, sondern Entsorgung von Kindern wird staatlich gefördert". In diesem Kapitel findet auch die Diskussion um die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit Platz mit der Darstellung des Grundproblems, nämlich der Diskussion, durch was Arbeit zum Beruf wird. Vorwegnehmen will ich hier das Ergebnis, zu dem auch Wunsch kommt: ausschließlich durch die Bezahlung. Logisch demnach seine Schlussfolgerung: "Das in die Hand der Erziehungsperson gegebene Geld ist jedoch die deutlichste Wertschätzung einer materiell orientierten Gesellschaft" - anerkennende Worte zur gelungenen Entwicklung der Kinder reichen an dieser Stelle auch nach Wunschs Meinung eben nicht aus.

Leider beinhaltet dieses Kapitel auch meinen größten Kritikpunkt an Wunschs Einstellungen bezüglich Frauen und Männern - dabei geht es ganz banal um "den kleinen Unterschied": Laut Wunsch ist es ein (wörtliches Zitat) "durch viele Befunde belegtes Faktum: Wenn Frauen häufiger die Erziehungs- und Familienarbeit übernehmen, ist das ein Beleg dafür, dass sie aufgrund ihrer biologisch-kulturellen Historie Männern gegenüber in diesen Bereichen überlegen sind". Diese Einstellung jedoch innerhalb dieser Rezension zu diskutieren oder auch nur zu kommentieren, würde wohl den Rahmen sprengen und womöglich auch den meines Erachtens vielen guten Ansätzen des Buches schaden - so verzichte ich hiermit darauf, mache aber den Leser/ die Leserin auf diese Einstellung aufmerksam und bitte um eingehende Beschäftigung mit dieser grundlegenden Einstellung des Autors zu Frauen und Männern sowie zu Sozialisation im allgemeinen und vielleicht auch im Besonderen in Bezug auf Erziehung.

Etliche weitere Ideen zur Behebung der Erziehungsschieflage entwickelt Wunsch sowohl in Bezug auf die Situation an Schulen wie auch bezogen auf politische Förderkonzepte und Gesetze für Familien.

In Verantwortung: Der Erziehungsauftrag der Eltern.

Der Blick Albert Wunschs ist wirklich umfassend - er übersieht nicht die vielfältigen Aufgaben, die mit dem Eltern-Werden auf Menschen zukommen ohne dass diese in irgendeiner Form dafür vorbereitet worden wären. Er beschreibt grundlegend schon die Problematiken, die im Kinderwunsch liegen können wie dann nachfolgend die Auswirkungen des Kinder-Habens auf das Eheleben wie auch auf den Einzelnen/ die Einzelne in seiner/ ihrer Beziehung zu sich selbst. Die Schwierigkeit des AufwachsenLassens zwischen Haltgeben und Loslassen beleuchtet er von verschiedenen Seiten und mit etlichen praxisnahen und einleuchtenden Beispielen.

Eigenständigkeit: Was Kinder zum Leben brauchen.

Dabei behandelt Wunsch neben biologischen und emotionalen Grundbedürfnissen (Zuneigung, Verlässlichkeit, Nahrung, Struktur, Grenzen, Freiräume, Herausforderungen, Zeit) auch förderliche zwischenmenschliche Umgangsformen und verschweigt nicht die Fallstricke, die auf dem Weg zu diesen Zielen warten.

Leider ebenfalls in diesem Kapitel die von mir bereits kritisierte Welt- bzw. Menschensicht des Autors: "Mädchen sind anders, Jungen auch" - bis dahin folge ich ihm gerne. Wenn er jedoch im folgenden die Unterscheidung der Jungen von Mädchen beschreibt, kann und will ich nicht mehr glauben, dass er wirklich darstellt, dass es sich um biologische - also unabänderlich genetisch festgelegte Unterscheidungsmerkmale handelt, wenn er z.B. als Unterscheidungsmerkmal der Jungen folgendes benennt (wörtlich): "ein ausgeprägteres abstraktes mathematisch-naturwissenschaftliches Denken in Verbindung mit einem differenzierteren räumlichen Vorstellungsvermögen (navigatorische und strategische Fähigkeiten)" Seine Aufzählung der Unterschiede umfasst alleine 12 Punkte, deren jeder einzelne von mir kaum unwidersprochen hingenommen werden kann - aber der/ die LeserIn möge sich selbst ein Urteil bilden. Zurück zu den Punkten, in denen vermutlich Übereinstimmung herrscht:

"Die Spaßgesellschaft hat ausgelacht, die Sehnsucht nach Wärme, Sinn und Persönlichkeit hat Konjunktur."

Veränderungsansätze hat Albert Wunsch in diesem Buch viele aufgezeigt und sehr anschaulich belegt - umsetzen müsste sie jeder und jede einzelne von uns!

Zielgruppe

Eindeutig gerichtet ist dieses Buch überwiegend an Eltern - Mütter und Väter -, die noch aktiv in der Erziehungsverantwortung stehen. Allzu viele neue Erkenntnisse und Ideen im Bereich der Erziehung lassen sich in diesem Buch nicht finden, jedoch eine meines Erachtens nach sehr gelungene Verknüpfung vieler - durchaus alt bewährter - Erziehungsstrategien (z.B. wie die von Gordon und Dreikurs), die in Verbindung mit politischen und gesellschaftlichen Forderungen dadurch eine andere Glaubwürdigkeit, Durchführbarkeit und Nachhaltigkeit erhalten. Alleine deswegen ist es auch lesenswert für jeden Mann und jede Frau, die bereit ist, sich einzulassen auf ihre/ seine gesellschaftliche Mitverantwortung in Bezug auf die Erziehung von Kindern, die innerhalb einer Gesellschaft ja nicht im luftleeren Raum und nur von Ihren PädagogInnen in Kindergarten, Schule und Ausbildung erzogen werden, sondern deren Hineinwachsen in die Gesellschaft ein Nachahmen aller darstellt.

Fazit

Ein durchaus lesenswertes Buch, das aber meines Erachtens an manchen Stellen einer kritischen Auseinandersetzung mit der Meinung des Autors dringend bedarf. Nach meiner Einschätzung ist allerdings dem Autor eine kritische, nachdenkliche Stellungnahme in vielerlei Hinsicht deutlich angenehmer als eine unwidersprochene Hinnahme seiner Feststellungen, ohne dass diese nachfolgend dann zur Aktivität führen. Widerspruch und Auseinandersetzung verhindern ja auch ein allzu schnelles Vergessen des Gelesenen.

Würden die Ideen des Autors von vielen Eltern und PädagogInnen umgesetzt und auch in der Politik nachhaltig für Veränderungen sorgen - ich glaubte gar, es könnte sich etwas bewegen in Deutschland.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd. Claudia Haider
Projektmanagement im Sozial- und Gesundheitswesen


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Zitiervorschlag
Claudia Haider. Rezension vom 15.07.2003 zu: Albert Wunsch: Abschied von der Spaßpädagogik: für einen Kurswechsel in der Erziehung. Kösel-Verlag (München) 2003. ISBN 978-3-466-30619-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/967.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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