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Jens Maeße: Die vielen Stimmen des Bologna-Prozesses

Cover Jens Maeße: Die vielen Stimmen des Bologna-Prozesses. Zur diskursiven Logik eines bildungspolitischen Programms. transcript (Bielefeld) 2010. 282 Seiten. ISBN 978-3-8376-1322-3. 26,80 EUR, CH: 47,00 sFr.

Reihe: Science studies.
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Thema

Nach Foucault formiert sich Macht heute im wesentlichen nicht mehr negativ, d.h. nach Verboten, Bestrafungen und Ausschlüssen, sondern durch innere Selbstführung der Individuen. Die Subjektivierung von Macht offenbart sich in Diskursen, in denen auch Kritik den Modus des Konsens nicht verlässt. Im Bologna-Prozess hat ein Dokument, das über keine Rechtsverbindlichkeit verfügt, dennoch weitreichende Veränderungen im Hochschulbereich angestoßen. Foucaults Konzept der Gouvernementalität vermag zu erklären, wie dies ohne die entsprechende rechtliche Befugnis der unterzeichnenden Bildungsminister geschehen konnte. Dabei erweist sich der Bologna-Prozess als geradezu paradigmatisch für einen Modus der Macht, der durch Selbstdisziplinierung der Individuen viel mehr produktiv als repressiv wirkt. Eine Diskursanalyse vermag genauer zu klären, wie eine solche Macht wirksam ist und in welchen Dispositiven sie sich im Bologna-Prozess bündelt.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um eine überarbeitete Dissertationsschrift.

Aufbau

Das Buch enthält neben dem Vorwort acht Kapitel. Im wesentlichen lässt sich ein theoretischer und ein empirischer Teil unterscheiden, wobei der theoretische Teil noch einmal untergliedert ist in einen Teil, der sich mit dem Bologna-Prozess befasst und zwei Teilen, die sich mit Auffassungen von Gesellschaft und der Methodologie der äußerungstheoretischen Diskursanalyse befassen.

1. „Die Krise der Universität und die Rolle der Politik: ein kurzer Einstieg“

Hier wird zunächst auf die veränderte gesellschaftliche Rolle der Universität hingewiesen, die sich nicht zuletzt durch das Eindringen anderer Subsysteme entwickelt hat. Durch die neoliberale Wende dominieren zunehmend drittmittelstarke Zentren die unterfinanzierten Peripherien und die Selbstorganisation von Universitäten im competitiven Rahmen gewinnt an Bedeutung. Der Bologna-Prozess markiert eine weitere spezifische Tendenz, die sich innerhalb des bereits begonnenen Wandels verortet und stellt den Forschungsgegenstand der Arbeit dar.

2. „Hintergründe des Bologna-Prozesses und der Ansatz dieser Arbeit“

Hier wird kurz in den Inhalt der Bologna-Erklärung eingeführt und mit der Unterscheidung von policy (Reforminhalte), polity (institutionelle Entscheidungssysteme) und politics (Modus der Konfliktaustragung) ein Untersuchungsrahmen vorgegeben. Mittels einer aus Foucaults „Theorie der diskursiven Formationen“ entwickelten äußerungstheoretischen Diskursanalyse soll insbesondere die politics-Dimension analysiert werden.

3. „Der Bologna-Prozess als theoretische und empirische Herausforderung“

In diesem Abschnitt geht es darum, den Bologna-Prozess als soziologischen Forschungsgegenstand zu konstituieren. Zunächst wird ein Überblick über die interdisziplinäre Hochschulforschung zum Bologna-Prozess gegeben. Der Autor geht nun auf den Bologna-Prozess als Internationalisierungsphänomen ein, welches eine Analyse angesichts komplexer Verflechtungen von Mikro-, Meso- und Makroebene vor besondere Herausforderungen stellt.

4. „Für eine post-durkheimianische Gesellschaftstheorie“

Hier werden die theoretischen Grundannahmen entwickelt, an die die empirische Untersuchung anknüpft. Auf der Grundlage der Hegemonietheorie nach Laclau/Mouffe wird Gesellschaft nicht mehr als geschlossene Totalität betrachtet, sondern als kontingente Verknüpfungen interdiskursiv verstreuter Elemente. Hegemonie ergibt sich durch produktive Machtformationen, die Individuen in der poststrukturalistischen Gesellschaft aufgreifen, um sich selbst als handelnde Enititäten auffassen zu können.

5. „Zur Methodologie der äußerungstheoretischen Diskursanalyse“

In der äußerungstheoretischen Diskursanalyse werden nicht Inhalte von Textdokumenten untersucht, sondern wie diese auf Kontexte zugreifen und diese aktivieren. Die Analyse orientiert sich hierfür an formalen Markierungen im Text und unterscheidet mehrere Perspektiven, die in einer Aussage, die niemals autonom ist, enthalten sind. Extratextuelle Referenz manifestiert sich beispielsweise auch in Nominalisierungen, die immer auf einen Diskurs verweisen, den mit der Verwendung der Nominalisierung der Leser anzuerkennen aufgefordert wird. Weiterhin werden in Äußerungen bestimmte Frames virulent, d.h. bestimmte Wissenskonfigurationen, die ähnlich wie Machtdispositive Knotenpunkte der in Diskursen formierten Macht bilden.

6. „Das hochschulpolitische Feld: eine Frameanalyse“

Hier werden einige Policy und Polity-Frames aus dem hochschulpolitischen Feld herausgearbeitet, von denen hier nur drei exemplarisch genannt werden sollen. Der Qualitätsframe ist ein Policy-Frame und beinhaltet in erster Linie die Aufforderung zu Evaluation von Forschung und Lehre. Der Bolognaframe geht zurück auf die Bologna-Erklärung 1999 und stützt sich auf diese auch inhaltlich. Der Legislativ-Subframe ist ein Polity-Frame und gekennzeichnet von Blockaden durch die unteren Ebenen und Erpressung der oberen Ebenen, die durch finanzielle Abhängigkeit beispielweise der einzelnen Hochschulen von den Ländern ermöglicht wird. In Diskursen werden durch die Aktivierung eines Frames immer auch andere Frames mitaktiviert. Der Modus des Konsenses, der den Bologna-Prozess auszeichnet, zeigt sich darin, dass auch Kritik immer auf bestimmte Frames zurückgreift und sich im durch die Frames konstituierten Feld nur unterschiedlich platziert, nicht aber heraustritt.

7. „Die politische Logik des Bologna-Prozesses: eine Diskursanalyse“

Anhand der Analyse einiger im Kontext des Bologna-Prozesses entstandener Dokumente werden diskursive Strategien herausgearbeitet, die zur politischen Durchsetzung bestimmter Ziele geführt haben. Zum Beispiel treten anonyme Andere auf, die Behauptungen aufstellen, die in Äußerungen genutzt werden, um bestimmte Positionen zu untermauern. In der Bologna-Erklärung selbst ist dies zu beobachten, wie auch, dass wenig konkrete Äußerungen den Rezipienten beliebige Interpretationen ermöglichen, so dass ein Konsens hergestellt werden kann. In anderen Dokumenten sorgt eine blumige, heroische Sprache dafür im Rezipienten eine Aufbruchsstimmung zu evozieren und bei ihm den Eindruck zu erwecken, dass es sich um einen besonders großartigen Prozess handelt. Indem eine Erklärung auf die andere Erklärung verweist, wird das gesamte Vorhaben für die EU-Bürger schließlich undurchdringlich, ihre Auslieferung an eine im bürokratischen Dschungel versteckte Entscheidungskette wird verschleiert.

Im Bologna-Prozess fällt auf, dass politische Äußerungen meist mit einer evaluierenden Expressivität operieren. Das bedeutet, dass immer eine unangreifbare Instanz x vorausgesetzt wird, die als „öffentliche Meinung“ oder in ähnlicher Weise unangreifbar auftritt und vielfach in den Äußerungen nur implizit enthalten ist. Der Lokutor (Sprecher) übernimmt dann vorgeblich nur die Funktion einer Evaluation, inwieweit x eingetreten ist oder eintreten wird, während der Kritiker die Sinnhaftigkeit von x selbst nicht kritisieren kann, sondern nur inwieweit x eingetreten ist. Grundlegende Kritik an x („Wir brauchen keine Qualitätssicherung, weil…“) gerät so immer in die Position des Absurden, weil x ja von einer anonymen Masse oder mit besonderer Autorität ausgestatteten Gemeinschaft oder aber von einem anderen Dokument außerhalb der Reichweite des Kritikers legitimiert wurde.

8. „Spiel über die Bande: wie mit Bologna Politik gemacht wird“

Die reformimpulsive Kraft des Bologna-Prozesses beschreibt Maeße im Schlusskapteil als ein „Spiel über Banden“ im Modus des Konsens. Lokale Autoritäten und globale Eliten verweisen wechselseitig aufeinander, um sich so eine Legitimationsgrundlage zu verschaffen. Der diskursive Raum, in dem sich die Dynamik der Hochschulstrukturreformen entfaltet hat, ist komplex und kann nicht allein im nationalen Kontext verstanden werden. Die permanente Weiterdelegierung von Verantwortung produziert einen bürokratischen Raum, in dem die Legislative durch die Exekutive ersetzt wird.

Diskussion

Kritisch betriebene Wissenschaft ist immer in besonderem Maße von einer theoretischen Fundierung und methodischen Absicherung abhängig, da sie leichter in den Verdacht gerät, nur die Ergebnisse zu produzieren, die sie bereits antizipiert hatte. Man muss nicht erst den Positivismusstreit ins Gedächtnis rufen, um das Postulat einer wertneutralen Wissenschaft zu diskutieren. Gerade der Bologna-Prozess, der sich auf vermeintlich unumstößliche Notwendigkeiten beruft, zeigt jedoch, dass neutrale Wissenschaft nicht möglich ist. Evaluiere ich einen Studiengang, setze ich immer die Kriterien als richtig voraus, an denen sich die quantitative Messung orientiert und die in der Regel vom Prozess selber vorgegeben wurden. Versuche ich den Qualitätsframe selbst zu kritisieren, stehe ich immer in der Gefahr, mich in eine unglaubwürdige Position zu begeben. Kritik wird erst möglich, wenn die Mechanismen selbst aufgezeigt werden, die den Kritiker in eine absurde Position rücken lassen, erst so kann er aus dieser Position heraustreten. Maeße gelingt es, das diffuse Unbehagen, das man im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess empfinden könnte, zu lokalisieren und dies methodisch abzusichern. Zugleich wird dennoch deutlich, mit welcher Totalität die Dynamik sich entfaltet und in welche diskursiven Verstrickungen Kritiker geraten können, wenn versucht wird die Totalität zu durchbrechen.

Fazit

Es handelt sich um ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch für hochschulpolitisch Interessierte, wobei Grundkenntnisse zum Diskursbegriff nach Foucault ratsam sind.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 17.08.2010 zu: Jens Maeße: Die vielen Stimmen des Bologna-Prozesses. Zur diskursiven Logik eines bildungspolitischen Programms. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1322-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9688.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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