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Jens Clausen, Ilse Eichenbrenner: Soziale Psychiatrie

Cover Jens Clausen, Ilse Eichenbrenner: Soziale Psychiatrie. Grundlagen, Zielgruppen, Hilfeformen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. 287 Seiten. ISBN 978-3-17-020352-5. 29,90 EUR.
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Thema

Das Buch liefert aktuelle Leitgedanken und Handlungsfelder der Sozialen Psychiatrie. Unterschiedlichen Berufsgruppen eröffnet es einen Zugang in das psychiatrische Arbeitsfeld.

AutorInnen

Der 1954 geborene Jens Clausen hat 2006 an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster in Westfalen eine Dissertation abgeliefert, die sich mit dem Verslust des Selbst in der Fremde befasst. Hierbei handelt es sich um eine Studie über das Reisen anhand autobiographischer Texte. Online ist dieses Werk unter der URL: http://miami.uni-muenster.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-3531/diss_clausen.pdf abrufbar. Jens Clausen ist Erziehungswissenschaftler und lehrt an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Sein Lehrgebiet ist die Heilpädagogik mit dem Schwerpunkt Begleitung von Menschen mit Behinderungen im Erwachsenenalter

Ilse Eichenbrenner ist Diplom-Sozialarbeiterin und Sozialamtsrätin. Sie lehrt an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin.

Die Autorin und der Autor verfügen über eine langjährige Erfahrung in den Praxisfeldern der Sozialen Psychiatrie.

Entstehungshintergrund

Da sich die psychiatrischen Behandlungs- und Rehabilitationsmaßnahmen immer mehr von der Klinik in die Gemeinde verlagern, werden, zu den fundierten Kenntnissen auf dem Feld der Psychiatrie (als medizinische Fachrichtung), Kompetenzen in der psychosozialen Begleitung notwendig. Diese Lücke will die zu besprechende Publikation schließen.

Aufbau

Die zu besprechende Publikation ist in 10 Kapitel gegliedert:

  1. Geschichte und Gegenwart der Sozialen Psychiatrie
    1. Zum Selbstverständnis der Sozialen Psychiatrie
    2. Skizzen zur Geschichte der Psychiatrie
    3. Von der Anstalt in die Gemeinde
  2. Leitgedanken der Sozialen Psychiatrie
    1. Sozialraumorientierung und Inklusion
    2. Empowerment und Recovery
    3. Salutogenese und Wohlbefinden
    4. Prävention und bedürfnisangepasste Behandlung

    5. Hilfeplan und persönliches Budget

  3. Rechtsgrundlagen der Sozialen Psychiatrie
    1. Grundrecht, Menschenwürde und Gleichstellung
    2. Sozialrecht, Rehabilitation und Teilhabe
    3. Zivilrecht, gesetzliche Betreuung und Freiheitsentziehung
    4. Strafrecht, Maßregelvollzug und Begutachtung
  4. Zielgruppen der Sozialen Psychiatrie
    1. Chronisch psychisch kranke Menschen
    2. Abhängigkeitskranke
    3. Wohnungslose psychisch Kranke
    4. Psychisch kranke Straftäter
    5. Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten
    6. Psychisch kranke Eltern und ihre Kinder
    7. Psychisch erkrankte Migrantinnen und Migranten

    8. Psychisch kranke alte Menschen
  5. Handlungsfelder der Sozialen Psychiatrie
    1. Beratung
      1. Sozialpsychiatrischer Dienst
      2. Suchtberatung
      3. Gerontopsychiatrische Beratung
      4. Internet-Beratung
    2. Persönliche Unterstützung zur Teilhabe
      1. Ambulant aufsuchende Arbeit – Hausbesuche
      2. Personenbezogene Unterstützung
      3. Case-Management (Koordinierungs-Management)
      4. Soziale Netzwerkarbeit
    3. Krisenintervention
    4. Formen des Betreuten Wohnens
    5. Tagesgestaltung
    6. Gruppenangebote
      1. Gruppen mit Angehörigen
      2. Selbsthilfegruppen
      3. Psychoseminare
      4. Psychoedukative Gruppen
      5. Trainingsgruppen
    7. Teilhabe am Arbeitsleben

  6. Beschreibung und Einordnung psychischer Störungen
    1. Krankheitskonzepte und Erklärungsversuche

    2. Diagnostik und Klassifikation psychischer Störungen

    3. Störungen psychischer Elementarfunktionen

  7. Einzelne Störungsbilder
    1. Organische psychische Störungen
      1. Störungen durch psychotrope Substanzen
        1. Störungen durch Alkohol
        2. Medikamentenabhängigkeit
        3. Drogenabhängigkeit
      2. Schizophrene und wahnhafte Störungen
      3. Affektive Störungen
      4. Neurotische, belastungs- und somatoforme Störungen
        1. Angststörungen
        2. Zwangsstörungen
        3. Posttraumatische Belastungsstörungen
        4. Dissoziative Störungen
        5. Somatoforme Störungen
      5. Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen
      6. Persönlichkeitsstörungen
      7. Intelligenzminderung
      8. Entwicklungsstörungen
      9. Störungen mit Beginn in der Kindheit
  8. Klinische Behandlungen
    1. Psychiatrische Kliniken und Abteilungen
    2. Kliniken für Abhängigkeitskranke
    3. Psychosomatische Kliniken
    4. Kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken
    5. Abteilungen für Gerontopsychiatrie
    6. Kliniken des Maßregelvollzugs
  9. Therapeutische Hilfen im ambulanten Feld
      Somatische Therapie
    1. Psychotherapie
    2. Soziotherapie
    3. Ergotherapie
    4. Ambulante psychiatrische Pflege
    5. Integrierte psychiatrische Versorgung
  10. Ausblick – offene Fragen

Das Buch runden ein zehnseitiges Literaturverzeichnis, welches separat Empfehlungen zu - im Netz abrufbaren - Links und DVD-Empfehlungen aufführt, sowie ein siebenseitiges Sachwortregister ab.

Inhalt

Im ersten Kapitel werden Geschichte und Gegenwart der Sozialen Psychiatrie aufgezeigt. Mit der Sozialen Psychiatrie wird ein Perspektivenwechsel vorgenommen, wonach das Spektrum soizialpsychiatrischen Handelns in den Vordergrund gerückt wird, „denn psychisch erkrankte Menschen zu verstehen und ihnen angemessen zu begegnen, ist längst nicht mehr Aufgabe der klinischen Psychiatrie allein“ (S. 9). Bedeutsame Aufgaben der psychiatrischen Hilfe werden auch durch Sozialarbeiterinnen, (Heil-)Pädagoginnen, Heilerziehungspflegerinnen, Ergotherapeutinnen, Musiktherapeutinnen, Kunsttherapeutinnen und deren männliche Kollegen durchgeführt. Es gilt – und das ist auch der Zweck dieses Buches – die Anstaltsmauern zu überwinden und langfristig Hospitalisierte in die Gemeinde zurückzuführen. Soziale Psychiatrie „ist keine Alternative zu der klinischen Psychiatrie, sondern ein umfassendes Konzept mit dem Ziel, die Lebenssituation psychisch erkrankter Menschen zu verstehen, zu respektieren und, wenn möglich und gewünscht, zu verbessern. Soziale Psychiatrie „entwickelt nach Möglichkeit die Konzepte, Hilfeformen und Einrichtungen gemeinsam mit den Psychiatrie-Erfahrenen und den Angehörigen“ (S. 10). Es folgen in diesem Abschnitt Stichworte, wie „subjekt- und gemeinwesenorientierte Sichtweise“ (S. 11), Ablösung der früher existierenden Verwahrungsformen und „breite Infrastruktur gemeindenaher Institutionen“ (S. 11).

Dem bis hierhin besprochenen Abschnitt folgt eine Skizze zur Historie der Psychiatrie. Diese beginnt mit der Antike: „Claudius Galenus aus Pergamon legte ein erstes umfangreiches medizinisches Gesamtwerk vor und beschrieb darin psychische Auffälligkeiten als Stauungen von Harn und Samen“ (S. 13). Dieser Abschnitt endet mit Erving Goffmans Feststellung zu den Totalen Institutionen: „Man begann zu realisieren, dass die alten Anstalten nicht nur psychiatrisch Erkrankte ungenügend behandelten, sondern sie als ‚totale Institutionen‘ […] oft erst erzeugten oder verstärkten“ (S. 19).

Der letzte Abschnitt des ersten Kapitels befasst sich mit dem Schritt raus aus der Anstalt und damit rein in die Gemeinde. Dieser Schritt wurde 1965 durch die Psychiater Häfner, Baeyer und Kisker eingeleitet. Letztgenannte Fachärzte forderten seinerzeit eine Reform der psychiatrischen Krankenversorgung in der Bundesrepublik. Vor diesen Reformbestrebungen der Bundesrepublik Deutschland hat 1963 die DDR mit den so genannten Rodewicher Thesen Reformvorstellungen dargelegt. Kritisiert wurden:

  • katastrophale Missstände in den psychiatrischen Anstalten;
  • unzureichende Versorgung psychisch kranker Menschen im Vergleich zu somatisch Kranken;
  • Defizite im Bereich der Aus- und Weiterbildung der in der Psychiatrie Beschäftigten

und

  • Mangel an Behandlung und Hilfen außerhalb der Kliniken.

Gefordert wird eine:

  • grundsätzliche Neuordnung der Unterstützung psychisch Kranker und Behinderter im Sinne einer gemeindenahen Versorgung

und

  • eine bedarfsgerechte Koordination sämtlicher Dienste.

Eine Idee, welche sich bis in die Gegenwart bei den Kostenträgern und in der Sozialpolitik immer mehr durchsetzt und zu den Grundpfeilern der Sozialen Psychiatrie gehört, ist der Gemeindepsychiatrische Verbund. Dieser „ist gedacht als ein vernetztes System aller verfügbaren professionellen Dienstleistungen in einem Stadtbezirk oder einer Region“ (S. 22). Die Hilfen sollen „jetzt personenzentriert gestaltet und in das regionale Verbundsystem eingebettet werden“ (S. 22). Die Autoren erkennen hierin einen fundamentalen „Veränderungsprozess in der Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen“ (S. 22).

Im zweiten Kapitel stellen die Verfasserin und der Verfasser Begriffe und Themenbereiche vor, welche in den Überlegungen zur Weiterentwicklung der Sozialen Psychiatrie gegenwärtig von Bedeutung sind.

Das dritte Kapitel befasst sich mit wichtigen Rechtsgrundlagen der Sozialen Psychiatrie. Die Abschnittseinteilung, die wahrscheinlich einer juristischen Struktur entgegensteht, wurde vorgenommen, da Clausen/Eichenbrenner „aus der Erfahrung der Begegnung mit psychisch erkrankten Menschen und ihren Angehörigen wissen […], dass mit diesen (in diesem Kapitel aufgeführten – CR) vier Aspekten die häufigsten Rechtsfragen auf dem Gebiet der Sozialen Psychiatrie sinnvoll abgebildet werden können“ (S. 49).

Mit wem beschäftigt sich eigentlich die Soziale Psychiatrie? Diese Frage versucht das vierte Kapitel hinreichend zu beantworten. Die Zielgruppe ist sehr heterogen, etwa hinsichtlich des Alters und der psychischen Auffälligkeiten. Da gibt es Menschen, denen eine schizophrene oder affektive Psychose zugeschrieben wird und andere haben mit einer oder den Folgen einer Abhängigkeitserkrankung zu leben. „In diesem Kapitel werden die unterschiedlichen Zielgruppen vorgestellt und der Frage nachgegangen, welche Hilfen die Soziale Psychiatrie diesen Personen anbieten kann“ (S. 74). Im Einzelnen werden dargestellt:

  • chronisch Kranke: Sucht und Psychose;
  • Systemsprenger und Heavy User;
  • chronisch mehrfachgeschädigte Alkoholabhängige;

und

  • Drogenabhängige

Die Handlungsfelder der Sozialen Psychiatrie werden im fünften Kapitel in den Blick genommen. „Die Reihenfolge und die Abgrenzung dieser Abschnitte wirken vielleicht etwas willkürlich, in der Realität sind die Felder weniger akkurat abzugrenzen“ (S. 104).

Zur Beratung beispielsweise befassen sich die Autoren mit folgenden Stichworten:

  • Vorbereitung;
  • Zuständigkeit, Auftrag und Anlass;
  • Struktur;
  • Erstgespräch und Anamnese;
  • Grundhaltung - und hier „sind die Methode der Validation, d.h. der akzeptierenden Bestätigung im Umgang mit Demenzkranken, die ‚Motivierende Gesprächsführung‘ mit Abhängigkeitskranken oder die Grundhaltung von Empathie, Akzeptanz und Kongruenz in der klientenzentrierten Gesprächsführung“ (S. 108) zu nennen;
  • Klientenzentrierte Gesprächsführung;
  • Motivierende Gesprächsführung;
  • Problembewältigung
  • Paar- oder Familiengespräch;
  • Abschluss;
  • Folgegespräche;
  • Abbruch und Beendigung

Das sechste Kapitel nimmt die Beschreibung und Einordnung psychischer Störungen vor. „In diesem Kapitel werden […] Aspekte des Krankheitsverständnisses, der Diagnostik und Klassifikation erläutert und es wird skizziert, auf welche Weise die Psychiatrie zu ihrer Einteilung der psychischen Störung gelangt“ (S. 165).

Einzelne Störungsbilder werden im siebten Kapitel vorgestellt. „Die Strukturierung erfolgt entlang der ICD-10-Klassifkation“ (S. 178). Folgenden Störungsbildern wird hier – zu den im Inhaltsverzeichnis Genannten - Aufmerksamkeit gewidmet:

  • Krankheitsbild Demenz;
  • Demenz vom Alzheimer Typ;
  • vaskuläre Demenz;
  • weitere Demenz-Erkrankungen, als da beispielsweise wären Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, Morbus Huntington oder Morbus Parkinson;
  • Verlauf von Abhängigkeitsstörungen;
  • Halluzinationen;
  • Wahn;
  • schizoaffektive Störungen;
  • Phobien;
  • Panikattacken;
  • Generalisierte Angststörungen;
  • Essstörungen;
  • Anorexia nervosa,
  • Bulimie;
  • Binge-Eating-Störung;
  • nicht-organische Schlafstörungen;
  • paranoide Persönlichkeitsstörung;
  • schizoide Persönlichkeitsstörung;
  • dissoziale Persönlichkeitsstörung;
  • histrionische Persönlichkeitsstörung;
  • anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung;
  • abhängige Persönlichkeitsstörung;
  • narzisstische Persönlichkeitsstörung;
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung;
  • umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache;
  • umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten;
  • umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen;
  • tiefgreifende Entwicklungsstörungen;
  • fühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom);
  • Asperger-Syndrom.

Kapitel 8 befasst sich mit der klinischen Behandlung. Hier werden auch die Stichworte Enthospitalisierung und Deinstitutionalisierung (vgl. Jantzen o. J.) angesprochen. Der Teil befasst sich mit der stationären Behandlung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung.

Das neunte Kapitel skizziert „die ambulanten Formen der Behandlung psychischer Störungen“ (S. 243) und stellt Therapiemöglichkeiten und –verfahren vor. Gegenwärtig ist die Devise zur Behandlung psychischer Erkrankungen – ambulant vor stationär – weshalb in diesem Kapitel Informationen über pharmakologische, psycho-, sozio- und ergotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten im ambulanten Setting geliefert werden. Zur Sprache kommen auch die ambulante psychiatrische Pflege, welche innerhalb der Sozialen Psychiatrie an Bedeutung gewinnt, sowie die Ansätze zur Integrierten Versorgung.

Der Ausblick im zehnten Kapitel ist ein Kritischer und hat offene Fragen im Blick. Hier wird der Fokus auf das Gemeinwesen gerichtet, doch: „Große und kühne Entwürfe müssen praktisch umgesetzt werden, und allzu oft scheitert man im Alltag doch wieder am zersplitterten System der sozialen Sicherung“ (S. 268). Nach einer kleinen und erholsamen Phantasiereise folgt die Benennung von Schnittstellenproblematiken, als da wären:

  • die Schnittstelle Jugendhilfe/Kinder- und Jugendpsychiatrie;
  • die Schnittstelle Altenhilfe/Gerontopsychiatrie (vgl. hierzu auch 5. Mose 34,7: „Und Mose war hundertundzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden und seine Kraft war nicht verfallen.“ Und „Die genetische Ausstattung des Menschen reicht theoretisch für 120 Jahre“ (Händeler 2009, 46));
  • Schnittstelle Justiz/Forensische Psychiatrie.

Diskussion

Gemeinwesenarbeit ist, wie ich denke, in Zeiten sehr knapper Haushalte eine sehr gute Lösung. Wir müssen Abschied nehmen von dem gierigen Profitdenken. Gemeinwesenorientierte nachbarschaftliche Hilfe, wie sie in einigen Kommunen praktiziert wird (z. B. Augstein 2010, hier zwar nicht auf dem Feld der Sozialen Psychiatrie), wird zukünftig nicht mehr wegzudenken sein. Der Gang zum Arzt kann auch in vielen Fällen, gerade wenn es um die Verarbeitung oder Bewältigung von psychischen- oder Behinderungsproblemen geht, nicht der Königsweg sein. Vielfach verstärkt der Arztbesuch das Problem durch eine fragwürdige Diagnosemitteilung. Zur primären Aufgabe der Sozialen Psychiatrie gehört nach Clausen/Eichenbrenner die Konsultation derjenigen, „die selbst auf Erfahrungen mit psychischen Krisen und psychiatrischen Behandlungen zurückgreifen können“ (S. 10). Diese Personen sind dann „in die Planung und Realisierung von Unterstützungsangeboten und Fortbildungen“ (ebd.) mit einzubeziehen. Der Selbsthilfe kommt eine immer größere Bedeutung zu.

Positiv aufzufassen ist der kritische Umgang zum persönlichen Budget. Unter dem Abschnitt Ausblick ist zu lesen, dass – und das wird hier mit der gebotenen Vorsicht als Verdacht geäußert und nicht als Behauptung tatsächlicher Art – „das Instrument des persönlichen Budgets u.a. auch der Entlastung der angespannten Haushalte der Kommunen dienen soll. Von dem vielfach beschworenen Paradigmenwechsel ist in der Umsetzung bisher wenig zu spüren“ (S. 47). Dieser Paradigmenwechsel kann aus Rezensentensicht aller Voraussicht nach wohl auch nicht so schnell stattfinden, da bei den unterschiedlichen Behörden die notwendigen Informationen zum Persönlichen Budget fehlen. Es hat den Anschein, dass man sich mit der Materie gar nicht auseinandersetzen will. Wahrscheinlich sollen diese Kenntnisse auch fehlen! Meinem Antrag auf persönliches Budget stand mein Rehabilitationsträger, die Deutsche Rentenversicherung Bund, sehr hilflos gegenüber. Diese Hilflosigkeit mündete in einer Begutachtung zum Zwecke einer medizinischen Rehabilitation, welche schließlich – administrativ und nach Aktenlage - abgelehnt wurde

Der visionäre Blick auf die Deinstitutionalisierung und Enthospitalisierung wird von dem Chefarzt einer psychiatrischen Station sicher nicht so gerne gesehen. Gerade die Psychiatrie bietet hier doch – und das betrifft gerade die privat Krankenversicherten – ein schier unerschöpfliches Geschäft. Aber auch für den niedergelassenen Psychiater ist Gemeinwesenarbeit, im Sinne einer Sozialen Psychiatrie, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geschäftsschädigend.

Zur Beratung hat sich für die Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern der Simulationsklientenkontakt als eine gute Methode erwiesen. Hier spielt eine Laienschauspielerin oder ein Laienschauspieler eine oder einen mit einem spezifischen Problem behafteten Klientin oder Klienten, die oder der sich in die Beratung einer oder eines Studierenden der Sozialen Arbeit begibt. Dieses Gespräch wird mit einem Videogerät aufgenommen und später in der Gesamtgruppe ausgewertet. Ich habe diese Methode am Studiengang Heilpädagogik und Inclusion Studies der Hochschule Zittau/Görlitz, seinerzeit leider ohne videotechnische Unterstützung, angewendet und durchweg positive Reaktionen von den studentischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erfahren. Nützlich erweist sich in diesem Zusammenhang die Lektüre von Langer/Schnell (2009).

Wertvoll sind am Ende eines Abschnittes die Literaturangaben zum Weiterlesen. Aufgrund der quantitativen Knappheit dieser Literaturangaben handelt es sich um eine, für die oder den interessierten und wissbegierigen Studierenden, zu bewältigende Menge. Zur Prüfungsvorbereitung ein unschlagbares Argument!

Gewünscht hätte ich mir für die Soziale Psychiatrie noch einen Blick aus der Perspektive der Disability Studies. Der Wunsch resultiert allein schon aus der am Anfang der Publikation gemachten Forderung nach der Einbeziehung der Betroffenen und der offenen Frage auf Seite 269: „Kann die Einbeziehung von Psychiatrieerfahrenen als Krisen-Begleiter und Experten (in eigener Sache bzw. mit erlebter Kompetenz – CR) eine Alternative für professionelle Unterstützung sein“ (vgl. HERMES/ROHRMANN 2006). Dies ist notwendig und sollte für die zweite Auflage unbedingt bei einem behinderten Forscher der Disability Studies eingeholt werden, um der paternalistischen Gewaltausübung in der Sozialen Psychiatrie zu begegnen. Nach Jantzen (2001, 65), sind es die folgenden Elemente, die seitens der Herrschenden den Paternalismus definieren:

  • „der Anspruch, die wirklichen Interessen der Benachteiligten besser verstehen zu können als diese selbst;
  • der Anspruch moralischer Überlegenheit gegenüber der Gruppe der Benachteiligten und die damit verbundene[...] beanspruchte letzte Entscheidungsgewalt über deren wirkliche Interessen;
  • die emotionale Beurkundung der Wohltäterschaft;
  • die Nachahmung von Eltern-Kind-Beziehungen;
  • die Kriminalisierung der Benachteiligten bei Durchbrechen der von den Überlegenen vorgegebenen Grenzen […];
  • die Überprüfung der Würdigkeit, Leistungen oder Zuwendungen zu erhalten;
  • die sentimentale Selbstdefinition der vorgeblichen Wohltäter und Wohltäterinnen, wobei Sentimentalität schnell in Terror umzuschlagen vermag, sobald sich ihr Objekt nicht als dankbar erweist.“

Fazit

Für die Soziale Psychiatrie stellt das besprochene Werk ein sehr gutes Lehrbuch dar. Aus pädagogischer Perspektive behandelt es in dem gebotenen Umfang die wesentlichen Themen. Es kann somit bedenkenlos neben dem Lehrbuch der Psychiatrie/Psychotherapie von Dörner/Plog (1996) bestehen. Letzteres ist dann doch, wenn auch in lockerer Form, mehr für die oder den Studierenden der Medizin verfasst.

Literatur

  • Augstein, Jürgen: Wittener Initiative sagt Mietnomaden den Kampf an. [Download: 31.05.2010].
  • Dörner, Klaus/Plog, Ursula: Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie, Psychotherapie. Bonn 1996.
  • Händeler, Erik: Die echte Gesundheitsreform. In: Berghaus, Helmut C./Bermond, Heike/Milz, Heike (Hgg.): Behinderung und Alter: „Gesellschaftliche Teilhabe 2030.“ Vorträge und Arbeitskreise der 17. Fachtagung „Behinderung und Alter“ 2008 an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Köln 2009, 43-54.
  • Hermes, Gisela/Rohrmann, Eckhard (Hgg.): Nichts über uns – ohne uns! Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung. Neu-Ulm 2006.
  • Jantzen, Wolfgang: De-Insstitutionalisierung. Materialien zur Soziologie der Veränderungsprozesse in einer Großeinrichtung der Behindertenhilfe. Studiengang Behindertenpädagogik der Universität Bremen, o. J.
  • Jantzen, Wolfgang: Unterdrückung in Samthandschuhen – Über paternalistische Gewaltausübung (in) der Behindertenpädagogik. In: Müller, Armin (Hg.): Sonderpädagogik provokant. Luzern 2001, 57-68.
  • Langer, Thorsten/Schnell, Martin W. (Hgg.): Das Arzt-Patient/Patient-Arzt Gespräch. Ein Leitfaden für Klinik und Praxis. München 2009.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 22.06.2010 zu: Jens Clausen, Ilse Eichenbrenner: Soziale Psychiatrie. Grundlagen, Zielgruppen, Hilfeformen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020352-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9707.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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