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Mariella Ourghi: Muslimische Positionen zur Berechtigung von Gewalt

Cover Mariella Ourghi: Muslimische Positionen zur Berechtigung von Gewalt. Einzelstimmen, Revisionen, Kontroversen. Ergon Verlag (Würzburg) 2010. 190 Seiten. ISBN 978-3-89913-743-9. 32,00 EUR.

Bibliotheca Academica - Reihe Orientalistik - 16.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Buch von Mariella Ourghi entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Islamische Kontroversen über die Berechtigung von Gewalt“. Dieses Projekt war Teil des Verbundprojekts „Mobilisierung von Religion in Europa“ und wurde zwischen 2006 und 2009 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Am Verbundprojekt arbeiteten Wissenschaftler der Universität Erfurt, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Fachhochschule Jena. Initiiert bzw. geleitet wurde das Teilprojekt wiederum von Hans G. Kippenberg (Jacobs University Bremen) und Tilman Seidensticker (Friedrich-Schiller-Universität Jena), die auch das Vorwort zum Buch von Mariella Ourghi verfasst haben. Der Entstehungshintergrund dieses Buches liegt ebenso auf der Hand wie Anlässe und Fragestellungen des zugrundliegenden Forschungsprojekts: Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 fragen nicht nur Wissenschaftler, Politiker und Journalisten, ob und inwieweit islamistische Gewaltakte durch den Islam legitimiert werden können; und die Antworten sind insgesamt doch recht kontrovers. Nicht minder kontrovers sind die Interpretationen und Auseinandersetzungen zum Thema innerhalb der islamischen Welt. Um diese Kontroversen geht es in diesem Buch. Mariella Ourghi analysiert historische und aktuelle Entwicklungen und Stellungnahmen muslimischer Theoretiker und islamistischer Akteure zum jihad und verknüpft die Befunde mit zeitgeschichtlichen Diagnosen.

Autorin

Mariella Ourghi ist Islamwissenschafterin und hat über schiitischen Messianismus und Mahdi-Glauben in der Neuzeit an der Universität Freiburg promoviert. Von 2007 bis 2009 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedrich-Schiller-Universität im o.g. Verbundprojekt angestellt. Gegenwärtig arbeitet sie als Lehrbeauftrage wieder an der Universität Freiburg. Während ihrer akademischen Ausbildung absolvierte sie verschiedene Studienaufenthalte in Kairo, Damaskus, Addis Abeba und Isfahan. Dies und ihre einschlägigen Publikationen zum Islam belegen ihre Expertise.

Aufbau und Inhalt

Es geht der Autorin in den 12 Kapitels des Buches darum, „die situative Kontingenz von Gewalt zu verdeutlichen, indem den Originalstimmen großer Raum gegeben wird“ (S. 10). Dieses Anliegen, der Aufbau des Buches und die wesentlichen Befunde werden in komprimierter Form in der Einleitung des Buches (Kapitel 1) präsentiert. Das zentrale Ergebnis der Studie erfährt man dort ebenfalls: Eine direkte Kausalität zwischen religiösen Überzeugungen von Muslimen und Gewalthandlungen bestehe nicht. Der Rückgriff auf Gewalt oder der Gewaltverzicht werden „… wesentlich durch das Empfinden, einer Bedrohung ausgesetzt zu sein respektive sich eben nicht bedroht zu fühlen, beeinflusst. Ob zu Gewalt gegriffen oder von ihr abgesehen wird, hängt auch davon ab, ob die religiöse Gemeinschaft in ihren Interessen von der Gewaltstrategie profitiert oder eher Schaden dadurch erleidet“ (ebenda). Aus (sozial-)psychologischen Studien weiß man, dass individuelle Empfindungen und gruppen- bzw. gemeinschaftsbezogene Emotionen, Befindlichkeiten und Bedrohungswahrnehmungen kaum das Ergebnis einer rationalen Situationsdiagnose sind. Insofern mag dieser – hier vorweggenommene – zentrale Befund des vorliegenden Buches vielleicht toleranzorientierte Leserinnen und Leser beruhigen; eine realistische Einschätzung islamistischer Gewaltintentionen lässt sich daraus schwerlich ableiten.

Aber der Reihe nach: Im Kapitel 2 des Buches („Jihad und Martyrium in der islamischen Geschichte und Gegenwart“) werden Leserinnen und Leser in die Vielschichtigkeit des Begriffs jihad eingeführt. Gemeinhin wird der jihad als „heiliger Krieg“ verstanden. Das, so Mariella Ourghi, entspreche aber nicht der Komplexität des Begriffs. Im religiösen Sinne sei damit zunächst einmal der „große jihad“, der Kampf gegen die individuellen Schwächen und unmoralischen Versuchungen und das Bemühen um das Wohl des Islam und der Gemeinde gemeint (S. 15). In zahlreichen Werken muslimischer Gelehrter wird jihad aber auch als bewaffneter Kampf gegen die Ungläubigen verstanden. Dabei handelt es sich um den „kleinen jihad“. Eine Schlüsselstellung für diese Interpretation des jihad nimmt wohl die Sure 9:5 im Koran, der sogenannte Schwertvers, ein.[1] Dort heißt es: „Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf! Wenn sie sich bekehren, das Gebet verrichten und die Almosensteuer geben, dann lasst sie ihres Weges ziehen! Gott ist barmherzig und bereit zu vergeben“. Historisch betrachtet bezogen sich diese Forderungen zu Zeiten Muhammads zunächst auf die heidnischen Araber. Aber in diesem Sinne ist wohl mittlerweile auch der globalisierte jihad zu interpretieren (S. 29ff.), der vor allem von dem gebürtigen Palästinenser Abdallah Azzam in den 1980er Jahren theoretisch entwickelt und begründet wurde. Dessen Ideen wiederum fanden im transnationalen Netzwerk von al-Qaida ihre institutionelle Struktur.

Eine ähnlich schillernde Entwicklung hat innerhalb der islamischen Diskussion auch der Märtyrergedanke genommen. Im Koran finden sich zwar keine eindeutigen Aussagen zur Frage der Selbsttötung, aber zumindest Hinweise, die als Verbot zu interpretieren sind (S. 31). Mittlerweile legitimieren jedoch islamische Gelehrte, je nach Situation und politischer bzw. religiöser Orientierung auch mit dem Hinweis auf autoritative Texte derartige Selbsttötungen, wenn sie denn als Märtyreroperationen eine effiziente und notwendige Waffe gegen Feinde des Islam darstellen.

Mariella Ourghi verweist allerdings dezidiert immer wieder darauf hin, dass „der Islam keine ‚Amtskirche‘ kennt und es damit eben nicht den Islam schlechthin gibt“ (S. 38). Insofern sind eben auch die Interpretationen islamischer Gelehrter zum jihad und zum Märtyrertod immer auch als individuelle und/oder gruppenbezogene Meinungsäußerungen und Stellungnahmen zu lesen und keinesfalls als konsensuelle Auffassung einer Religionsgemeinschaft zu bewerten.

Dass die Meinungen und Positionen der Gelehrten, der Theoretiker und Akteure zum jihad und zum Märtyrertum im Islam durchaus widersprüchlich und kontrovers sind, illustriert und analysiert Mariella Ourghi sehr ausführlich und quellenbezogen in den nachfolgenden Kapiteln 3 bis 10. So geht es in den Kapiteln 3 und 4 u.a. um die Entwicklung des Islamismus in Ägypten seit den 1980er Jahren, um kontroverse innerislamistische Interpretationen und Legitimationen des Anschlag auf den damaligen ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as-Sadat im Jahre 1981 und um mögliche Kooperationen zwischen ägyptischen Jihadisten (etwa der Gruppe Jama at al-Islamiyya) mit al-Qaida. Die Gruppe Jama at al-Islamiyya, die an der Vorbereitung des Attentats auf as-Sadat beteiligt war und in den 1980er Jahren für eine ganze Reihe von Anschlägen in Ägypten die Verantwortung übernommen hatte, strebte in dieser Zeit eine Revolution nach iranischem Muster an. 1997 erklärte der Rat von Jama at al-Islamiyya einen Waffenstillstand mit der ägyptischen Regierung und versuchte diesen Waffenstillstand auch mit einer Neu- oder Uminterpretation des jihad zu legitimieren. Mariella Ourghi gelingt es am Beispiel von Jama at al-Islamiyya sehr nachvollziehbar und eindringlich darzulegen, dass und wie die theoretischen Auslegungen des jihad durch islamistische Theoretiker und Akteure von den jeweils politischen Taktiken und Strategien beeinflusst sind. Dieser rote Faden und die immer wieder deutlich werdenden Kontroversen zwischen den jeweiligen islamistischen Akteursgruppen werden auch in den nachfolgenden Kapitels quellennahe und nachvollziehbar dargestellt. Kontrovers sind die verschiedenen islamistischen Positionen etwa, wenn solch zentrale Fragen zu beantworten sind, wie: Kann es einen defensiven jihad geben oder ist ein solches Konzept nur ein Zugeständnis an den Westen? Dient der jihad der Bekämpfung des Unglaubens und/oder der Sicherung islamischen Territoriums? Wann sind Märtyreroperationen gerechtfertigt, dürfen Frauen Märtyrerinnen sein und was unterscheidet solche Operationen vom Selbstmord?

Diskussion

Zugegeben, Leserinnen und Leser, die mit den politischen und religiösen Strömungen im Islam nur wenig vertraut sind, werden wohl ähnliche Schwierigkeiten haben, sich konzentriert mit den Darstellungen, Quellenbelegen und Interpretationen der Autorin auseinanderzusetzen, wie der Rezensent. Die Quintessenz der von Mariella Ourghi vorgelegten Analyse wird aber ihnen nicht entgehen: Die islamistischen Theoretiker und Akteure, die den militanten jihad und die Kampfmethoden der Selbstmordattentate zu rechtfertigen versuchen, stützen sich auf Koranverse und auf Zitate aus der muslimischen Prophetentradition. Der Rückgriff auf diese Autoritätsbelege erfolgt aber in der Regel aus politischem, sozialem und wirtschaftlichem Kalkül. Normativen und exklusiven Charakter für die islamische Welt haben derartige Legitimationen schon deshalb nicht, weil der Islam keine zentrale Autorität kennt. Das gilt aber auch für die islamischen Verfechter einer friedlichen Koexistenz von Muslimen und Nichtmuslimen (siehe Kapitel 12). Das Fazit von Mariella Ourghi lautet demzufolge auch: „Die beiden grundlegenden Referenzquellen des Islam, Koran und Hadithe[2], halten – wie auch die heiligen Schriften anderer Religionen – verschiedene, mitunter … widersprüchliche Inhalte bereit. Daraus erklärt sich, dass sich aus einigen Passagen Interpretationen ableiten lassen, die ein eher konfrontatives Vorgehen mit Angehörigen anderer Religionen nahelegen, während andere Passagen ein versöhnliches Verhältnis zu gebieten scheinen“ (S. 168).

Fazit

Man könnte meinen, es sei wie immer: Wenn es den Menschen an verlässlichen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fundamenten gebricht, beginnt die Zeit der Fundamentalisten. Nicht der Islam und seine unterschiedlichen religiösen Strömungen (Schiiten, Sunniten, Aleviten), sind das Problem. Problematisch und bedrohlich sind die fundamentalistischen Auslegungen der religiösen Quellen und die propagandistische Verbreitung islamistischer Gewalt- und Alleinvertretungsansprüche.

Das Buch ist für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geschrieben, die sich für den Islam, den Islamismus und die innerislamischen Auseinandersetzungen interessieren. Für allgemein Interessierte ist es sicher keine leichte Lektüre, aber wegen seiner gründlichen Quellenanalyse und den mitgelieferten historischen Erkenntnisse über die Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten dürften auch sie eine Menge Anregungen und Einsichten entnehmen können.

Zitierte Literatur

Paret, R. (1989). Der Koran. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer.


[1] Die von Mariella Ourghi zitierten Koranstellen folgen der Übersetzung von Rudi Paret (1989).

[2] Hadithe: überlieferte Aussagen des Propheten Muhammads sowie Berichte über seine Taten.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 15.10.2010 zu: Mariella Ourghi: Muslimische Positionen zur Berechtigung von Gewalt. Einzelstimmen, Revisionen, Kontroversen. Ergon Verlag (Würzburg) 2010. ISBN 978-3-89913-743-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9726.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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