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Michael White: Landkarten der narrativen Therapie

Cover Michael White: Landkarten der narrativen Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. 288 Seiten. ISBN 978-3-89670-741-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Text oder Kontext? Narrative Therapie als gesellschaftliche Bewegung

Landkarten sind Orientierungspunkte, Fixierungsmethoden, Standortbeschreibungen und Navigationsmittel, im geographischen wie im übertragenen Sinne. Wer keine örtliche und räumliche Orientierung hat, irrt auch nicht selten in seinem Selbstsein. Insofern ist das Bild der Landkarte auch für psychisch instabile Verhältnisse geeignet; nicht als Handlungsvorschrift, wie der psychologische Psychotherapeut Wolfgang Loth in seinem Vorwort zum Buch von Michael White betont, auch keine einfache Selbstvergewisserung, sondern „Hilfsmittel, um die eigene Verantwortlichkeit im Blick zu haben“. Da drängt sich die Geschichte des Autofahrers auf, der in sein Navi den Ort eingibt, zu dem er fahren möchte, ohne zu bedenken, dass es mehrere Orte gleichen Namens gibt und ihm die Stimme aus dem Navigationsgerät zu einem falschen Ziel leitet; hätte er eine Landkarte zu Rate gezogen oder im Kopf gehabt, wäre ihm bald aufgefallen, dass er in eine falsche Richtung fährt…

Autor und Entstehungshintergrund

Der australische Therapeut Michael White gilt als der Mitbegründer der Narrativen Therapie, ein Konzept, das im Rahmen der Familientherapie die Fähigkeiten, Überzeugungen, Wertvorstellungen und Fertigkeiten des Menschen zum Maßstab nimmt, um Probleme und Schwierigkeiten bei der Daseinsbewältigung zu erkennen und zu heilen. Dabei wird die Lebensgeschichte des Klienten betrachtet und in einzelne Erinnerungs- und Belastungsfragmente aufgeschlüsselt und bearbeitet; immer in der dialogischen Form zwischen Therapeuten und Patienten. Michael White ist, kurz nach der Veröffentlichung der Originalfassung „Maps of Narrative Practice“, 2008 verstorben. So lässt sich das Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, auch, wie Wolfgang Loth feststellt, als Vermächtnis von Michael White lesen. „Meine eigene therapeutische Arbeit ist eine nie endende Lehre“, so formuliert es White in der Einleitung, „denn ich weiß, dass ich niemals einen Punkt erreichen werde, an dem ich mit meinem Beitrag zu einem erfolgreichen Therapiegespräch voll und ganz zufrieden bin“. Mit seinen therapeutischen Erkundungen will er bewirken, dass der Klient

  • die Ereignisse in seinem Leben auf neue Weise verstehen will,
  • sich für verloren geglaubte oder verschüttete Aspekte seines Lebens interessiert,
  • sich für vernachlässigte Bereiche seiner Identität begeistert und
  • manchmal vor den eigenen Reaktionen auf ihre Nöte erschrickt.

Aufbau und Inhalt

In sechs Kapiteln setzt sich White damit auseinander, wie es gelingen kann, dass Betroffene, die therapeutische Hilfe suchen, eine andere Standortbestimmung finden als die, dass „ihre Lebensprobleme Spiegelbilder der persönlichen Identität, der Identität anderer Menschen oder der Identität ihrer eigenen Beziehungen sind“.

Im ersten Kapitel gilt es deshalb, in problemexternalisierenden Gesprächen die Probleme zu verobjektivieren. Am Fallbeispiel einer Familientherapie, bei der es um des Sohnes, Jeffreys Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit Hyperaktivität geht, erläutert White sein Konzept der Problemexternalisierung und stellt die Leitgedanken bei der Entwicklung von problemexternalisierenden Gesprächen vor. Dabei entwirft er vier Fragekategorien, die er in seiner „Landkarte“ verortet:

  1. Eine erfahrungsnahe, besondere Definition des Problems aushandeln.
  2. Die Auswirkungen der Aktivitäten des Problems kartieren.
  3. Die Auswirkungen der Aktivitäten des Problems beurteilen.
  4. Die Beurteilung begründen.

Der Verlauf der einzelnen Fragekategorien wird jeweils in anschaulichen (Fall-)Beispielen verdeutlicht.

Im zweiten Kapitel erläutert White neue Erzähllinien. Wiederum an einem Fallbeispiel lässt er den Leser an der Konstruktion seiner „Landkarte zur Neuentwicklung von Erzähllinien“ teilhaben und die narrative Methode verstehen.

Weil vielfach isolierende Identitätsvorstellungen die Ursache für Absenz und Ausgeschlossenheitsempfinden sind, geht es im dritten Kapitel um Ansätze, Zugehörigkeit wiederherzustellen, und zwar in einem „Lebensverband“.

„Definitionszeremonien“ als therapeutische Mittel werden im vierten Kapitel diskutiert. Mit dem therapeutischen Verfahren soll eine „Kultur der Anerkennung“ beim Klienten bewirkt werden. Wiederum werden die Möglichkeiten und Wege dahin verdeutlicht in protokollierten Gesprächsverläufen mit mehreren Personen.

Im fünften Kapitel wird der Versuch unternommen, einmalige, bedeutsame, verschüttete oder vergessene Erfahrungen in einer Erzähllinie hervorzuholen, sie also gewissermaßen als therapeutische Erkundung zu entwickeln.

Schließlich wird im sechsten Kapitel „ein Gerüst aufgebaut“, nämlich erforscht, welche individuellen Kompetenzen beim Klienten zu entdecken sind und wie sie in verantwortungsbewusstes Handeln umgesetzt werden können. Mit der „Landkarte für gerüstaufbauende Gespräche“ werden die verschiedenen Möglichkeiten anschaulich gemacht.

Fazit

Michael Whites „Landkarten der narrativen Therapie“ sind keine Rezepte; auch keine Handlungsanweisungen für therapeutisches Handeln, sondern – als Pädagoge bin ich versucht zu sagen - didaktische Skizzen, die Richtungen andeuten, Wege und Methoden aufzeigen und Anregungen zur eigenen Erstellung von Landkarten für Gesprächslinien bieten. Für den Therapeuten, der nach neuen Entwicklungen in seinem professionellem Tun sucht, sind die Landkarten vielleicht das Befüllen von „weißen Flecken“; es sind „Landkarten für Struktouren“, wie dies Wolfgang Loth charakterisiert. Für Studierende sind die Darstellung der Landkarten und die Beschreibung der Fallbeispiele Bausteine. Für den Laien, der das Buch aus Interesse oder einem sonstigen Antrieb zur Hand nimmt, kann es eine Einführung in die Geheimnisse therapeutischer Praxis sein. Dass Michael White daraus keine Geheimwissenschaft macht, ist sein besonderes Verdienst!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.09.2010 zu: Michael White: Landkarten der narrativen Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. ISBN 978-3-89670-741-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9746.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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