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Ferdinand Buer: Psychodrama und Gesellschaft

Rezensiert von Dr. Christoph Hutter, Dr. Birgit Szczyrba, 11.08.2010

Cover Ferdinand Buer: Psychodrama und Gesellschaft ISBN 978-3-531-17342-9

Ferdinand Buer: Psychodrama und Gesellschaft. Wege zur sozialen Erneuerung von unten ; Reflexionen - Dialoge - Konzepte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 379 Seiten. ISBN 978-3-531-17342-9. 39,95 EUR.

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Thema

J. L. Moreno hatte die Vision von einer Gesellschaft, die von den Menschen nach ihren Vorstellungen gemeinsam gestaltet wird. Mit den sozialwissenschaftlich fundierten Aktionsmethoden Psychodrama und Soziometrie hat Moreno Wege gezeigt, wie dieser Prozess eingeleitet werden kann. Buer rekonstruiert dieses basisdemokratische Projekt und zeigt an den Formaten Supervision, Coaching und Organisationsberatung, wie dieser Anspruch in der heutigen Arbeitswelt umgesetzt werden kann.

Entstehungshintergrund

Seitdem sich Ferdinand Buer schon 1980 mit „Vorüberlegungen zu einer Theorie psychodramatischer Praxis“ (Buer 1980) zu Wort gemeldet hat, prägt er die Diskussion um Morenos Therapeutische Philosophie und deren Umsetzung in Psychodrama und Soziometrie maßgeblich mit. Mit Symposien (1993 bis 1996) und der Herausgabe des „Jahrbuchs für Psychodrama, psychosoziale Praxis & Gesellschaftspolitik“ (1991 bis 1996) hat er eine intensive theoretische Auseinandersetzung mit Moreno und seinem Werk ermöglicht. Er hat in zahlreichen Theorieseminaren, die er für mehrere deutsche Ausbildungsinstitute geleitet hat, Generationen von PsychodramatikerInnen Morenos Denken nahe gebracht. In seinem eigenen Institut hat Buer psychodramatische Supervision gelehrt und weiterentwickelt. Die wichtigsten Früchte dieser dreißigjährigen Auseinandersetzung mit Moreno, Psychodrama und Soziometrie legt er jetzt in diesem Sammelband im VS Verlag vor.

Aufbau und Inhalt

Die siebzehn Aufsätze, von denen bis auf die Einführung und die Weiterführung alle bereits in älteren Publikationen vorlagen und die für den Sammelband überarbeitet wurden, werden in drei Rubriken präsentiert.

In den Reflexionen setzt sich der Autor mit Konzepten und Theorien auseinander, die Moreno und sein Denken einerseits beeinflusst haben, und die gleichzeitig helfen, bestimmte Anliegen Morenos theoretisch zu präzisieren und zu erklären. Die einzelnen Artikel dieses Bereichs sind:

  • Morenos Projekt der Gesundung (Erstpublikation: 1992)
  • PsychoDrama. Ein antirituelles Ritual (1995 zusammen mit Elisabeth Tanke Sugimoto)
  • Morenos Philosophie und der Marxismus (1989)
  • Morenos Philosophie und der Anarchismus (1989)
  • Morenos Philosophie und der Pragmatismus (1999)

Im zweiten Teil Dialoge präsentiert Buer fünf Gespräche, die er für die Jahrbücher für Psychodrama geführt und dort veröffentlicht hat. Vor allem historisch interessant: ein Gespräch mit Grete Leutz über ihre Begegnungen mit J. L. Moreno.

Alle anderen Dialoge zielen auf eine systematische Einordnung von Morenos Denken ab: Für diese Gespräche hat Buer seine Gesprächspartner – einen ausgewiesenen Kenner der israelischen Kibbuzimbewegung sowie Fachleute aus der Theaterwissenschaft, der Philosophie und der Soziologie – gebeten, sich mit Morenos Arbeiten auseinanderzusetzen und hat gemeinsam mit ihnen versucht, Morenos Anliegen in den Gesamtzusammenhang der jeweiligen Disziplin zu stellen. So entstand über Moreno ein Bild des Sozialutopisten, des Theatermanns, des Philosophen und des Soziologen.

Die Rekonstruktion von Morenos Therapeutischer Philosophie mündet dann in die Konzeptentwicklung, fokussiert auf die von Buer praktizierten und gelehrten Formate Beratung, Supervision und Coaching. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Morenos Impulse zur ‚sozialen Erneuerung‘ für die heutige Arbeitswelt fruchtbar gemacht werden können. Der Teil „Konzepte“ versammelt folgende Aufsätze:

  • Psychodramatische Bildungsarbeit (2000)
  • Managementkompetenz und Kreativität (2005)
  • Aufstellungsarbeit nach Moreno in der Personalarbeit in Organisationen (2005)
  • Beratung, Supervision, Coaching und das Psychodrama (2007)
  • Organisationsentwicklung jenseits des globalen Steigerungsspiels (2007)

Gerahmt werden die drei Teile durch eine Einführung und eine Weiterführung. Hier greift Buer drei Gedanken auf, von denen zwei ins Zentrum seiner eigenen Theorieentwicklung zielen:

  1. muss sich jede psychosoziale Arbeit in der dialektischen Spannung zwischen Formaten (wie Beratung oder Supervision) und Verfahren (wie dem Psychodrama) verstehen (Buer 2007) und
  2. ist es auch - vielleicht sogar gerade - im wirtschaftlichen Bereich nicht möglich, Interventionen zu bloßen Psychotechnologien zu verkürzen. Stattdessen geht es in der psychodramatischen Arbeit immer auch darum, für sich und andere eine Kunst der Lebensführung zu entwickeln (Buer/Schmidt-Lellek 2008).

Schließlich wird das Buch von einem ausführlichen Literaturverzeichnis und umfangreichen Personen- und Stichwortregistern abgerundet, die seinen Gebrauchswert für die intensivere Auseinandersetzung nochmals deutlich erhöhen.

Diskussion

Zuallererst gilt es auf Buers Forschungsansatz hinzuweisen, mit dem er einen Quantensprung in der Psychodramaforschung ausgelöst hat. Wurde vorher angestrebt, psychodramatisches Denken und Handeln als Erbe Morenos möglichst originalgetreu weiterzugeben, so öffnet Buer Räume um Morenos Philosophie fortzuschreiben: Hierzu vermittelt er Morenos Denken in unzähligen Dialogen mit anderen Denkern, Schulen, Theorien und Ideen. So entfaltet sich ein facettenreiches Bild davon, wer Moreno war, was Psychodrama ist, wenn es von seinem Theoriefundament her verstanden wird, und welche Rolle Psychodrama und Soziometrie spielen können, wenn sie in eine konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Gedankengebäuden und Praxisentwürfen kommen.

Die zweite Leistung Buers ist es, das Psychodrama systematisch und theoretisch fundiert aus der primären Anwendung in Therapie und Ausbildung herauszulösen. Dazu muss zuerst einmal verstanden werden, dass es das Psychodrama immer nur in Anwendung – mit Buer: innerhalb eines Formates – gibt. Wer psychodramatisch arbeitet, ist immer schon psychodramatische Supervisorin, Psychodramatherapeut, psychodramatisch arbeitende Lehrkraft etc. Die Unterscheidung zwischen dem Verfahren Psychodrama und den Formaten, in denen es angewendet wird, muss verstanden werden, um eine weitere Theoriebildung zu ermöglichen und Psychodrama in einen lebendigen Austausch mit unterschiedlichsten Formaten zu bringen.

Dass Buer ausgehend von dieser Unterscheidung zwischen Formaten und Verfahren nicht nur wichtige Impulse für die Psychodramatheorie, sondern mindestens ebenso für die Theorie von Supervision und Coaching gegeben hat, klingt im Abschnitt Konzepte an.

Eine theoretische Ausweitung der Therapeutischen Philosophie Morenos ist damit verbunden, dass Buer dem amerikanischen Pragmatismus für das Verständnis und die Weiterentwicklung von Morenos Denken große Bedeutung beimisst. Wenn Buer sagt, dass das antifundamentalistische, universalistische und pluralistische Denken des Pragmatismus für ihn die erkenntnistheoretische Position ist, von der aus er psychodramatische Veränderungsprozesse anstoßen und begleiten kann, so formuliert er eine mit Moreno vermittelbare Position. Alternative Positionen sind sicherlich denkbar.

In Buers Entwicklung bildet sich ein Gravitationszentrum von Morenos Denken ab: Mit einem Spannungsbogen zwischen gesellschaftspolitischer Relevanz und Lebenskunst wird Moreno in seinem Kernanliegen sehr gut verstanden, denn er möchte beides - das gute Leben und die gesellschaftliche Verantwortung.

Schließlich ist auf Buers Recherchearbeit hinzuweisen. Jeder Artikel macht mit einer auffallend breiten Grundlage an Quellen und Bezugstexten Literaturkorridore auf, denen nachzugehen immer lohnt.

Fazit

Ob wichtige Diskussionen jenseits des Mainstreams wissenschaftlichen Denkens vorangetrieben werden oder nicht, hängt oft von einzelnen Menschen ab, die bedeutsame Themen identifizieren können und die sie – teilweise mit hohem individuellem Einsatz – vorantreiben. Ferdinand Buer, der Altmeister psychodramatischer Theoriebildung, nutzt die Bühne dieses Buches, um die Essenz seiner Arbeit zu Psychodrama und Soziometrie der letzten dreißig Jahre zu präsentieren. Diese Essenz beeindruckt und wird die Forschung noch auf Jahre hinaus beschäftigen und inspirieren.

Für Einsteiger liegt mit „Psychodrama und Gesellschaft“ ein Buch vor, in dem sie Buers wesentliche Gedanken kompakt nachlesen können. Insider erkennen in der Textsammlung eine Landkarte relevanter Diskurse, mit deren Hilfe sie die Forschung der letzten dreißig Jahre systematisieren und fortschreiben können. Psychodrama-PraktikerInnen bekommen einen guten Einblick, welche geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskussionen im Hintergrund des Verfahrens geführt werden, auf das sie täglich zurückgreifen. Forscher finden in dem Buch einen Türspalt, um Moreno in die eigenen Überlegungen mit einzubeziehen.

Buers Denken markiert eine Epoche der Psychodramaforschung.

Literatur

  • Buer, Ferdinand (1980). Vorüberlegungen zu einer Theorie psychodramatischer Praxis. Gruppendynamik 11. Stuttgart: Klett-Cotta S. 85-109.
  • Buer, Ferdinand (1991-1997). Jahrbuch für Psychodrama psychosoziale Praxis & Gesellschaftspolitik. Opladen: Leske + Budrich
  • Buer, Ferdinand (2007). Zehn Jahre Format und Verfahren in der Beziehungsarbeit. Zur Rezeption einer bedeutsamen Unterscheidung. In: Organisationsforschung – Supervision – Coaching. OSC Heft 3/2007. S. 283-300
  • Buer, Ferdinand/Christoph Schmidt-Lellek (2008). Life-Coaching. Über Sinn, Glück und Verantwortung in der Arbeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Rezension von
Dr. Christoph Hutter
Diplom-Theologe, Diplom-Pädagoge, Ehe-, Familien-, Lebensberater (BAG), Psychodramatiker (DFP/DAGG), Leiter des Psychologischen Beratungszentrums der Diözese Osnabrück in Lingen, Publikationen zur Psychodrama- und Beratungstheorie.

Dr. Birgit Szczyrba
Sozial-und Erziehungswissenschaftlerin, Psychodrama-Leiterin (DFP/DAGG), Leiterin der Hochschuldidaktik in der Qualitätsoffensive Exzellente Lehre der Technische Hochschule Köln, Sprecherin des Netzwerks Wissenschaftscoaching
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Zitiervorschlag
Christoph Hutter, Birgit Szczyrba. Rezension vom 11.08.2010 zu: Ferdinand Buer: Psychodrama und Gesellschaft. Wege zur sozialen Erneuerung von unten ; Reflexionen - Dialoge - Konzepte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17342-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9747.php, Datum des Zugriffs 25.07.2024.


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