socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Leonie Wagner: Nationalsozialistische Frauenansichten

Cover Leonie Wagner: Nationalsozialistische Frauenansichten. Weiblichkeitskonzeptionen und Politikverständnis führender Frauen im Nationalsozialismus. Mensch & Buch Verlag (Berlin) 2010. 2., überarbeitete Auflage. 214 Seiten. ISBN 978-3-86664-765-7. 19,80 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


„Und Mädchen tun uns not…“

Der nationalsozialistische Dichter Heinrich Anacker titelt sein Gedicht „Ein Mann sollst du werden“ und stellt darin im „Amtlichen Schulblatt für den Regierungsbezirk Hildesheim“ (No 14 vom 16. Juli 1937) ein martialisches Männerbild, gewissermaßen als Vorbild für den schulischen Unterricht, dar: „Ein Mann sollst du werden… / Den Feinden ein wacher / Kampfwidersacher, / ein Streiter in unseres Führers Schar; / ein Selbstbezwinger / und Sonnenbringer / und den Freunden so treu, wie`s dein Vater war!“. Der ebenfalls überzeugte Nationalsozialist und Pädagoge Reinhold Braun ergänzt im folgenden Monatsheft des Amtlichen Schulblattes (15 vom 1. August 1937) das Idealbild mit dem Gedicht: „Und Mädchen tun uns not…“: … die sich stolz ein deutsches Mädchen nennen / und froh und stark in ihren Pflichten stehn… Die nationalsozialistische Ideologie hat nichts unversucht gelassen, um die gewünschten Männer- und Frauenbilder schon ganz früh in den Bildungs- und Erziehungsprozess zu implementieren. In der HJ und im BDM wurden Jugendführer und –führerinnen herangezogen und geschult; in den Parteiorganisationen standen vielfach den Männern als harte „Kämpfer“ die Frauen als „Bewahrerinnen“, „Dienerinnen“, „Gebärende“ und „Kämpferlieferantinnen“ zur (etwas zurückgesetzten) Seite. Das Ziel, eine „Volksgemeinschaft auf nationalsozialistischer Grundlage“ zu bilden, wird in der Politik und Ideologie zwar als gemeinschaftliche Aufgabe von Männern und Frauen formuliert, doch eine „Gleichwertigkeit“ von Mann und Frau wird nur im Sinne der nationalsozialistischen Rassenlehre definiert.

Entstehungshintergrund und Autorin

Über Geschichte und Wirkungen des Nationalsozialismus in Deutschland und Europa gibt es zahlreiche Forschungsarbeiten. Sie beziehen immer auch die ideologischen Aspekte und nationalsozialistischen Zielsetzungen, wie auch den Holocaust ein (vgl. z. B. dazu die Handbücher: Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus? C. H. Beck Verlag, 2004; sowie: Eva Feldmann-Wojtachnia (Hrsg.), Praxishandbuch. Aktiv eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit. Seminarbausteine zur bewussten Auseinandersetzung mit Identität und Toleranz; Wochenschau Verlag, Schwalbach / Ts, 2008, vgl. die Rezension). Relativ spärlich sind Fragen untersucht worden, die sich mit der Rolle der Frauen im Nationalsozialismus und deren Führungsaktivitäten befassen.

Die derzeitige Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK-Fachhochschule Holzminden, Leonie Wagner, hat 1995 über die Thematik an der Gesamthochschule Kassel promoviert. Sie legt das Buch jetzt in zweiter, ergänzter Auflage vor.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Arbeit in drei Teile.

Im ersten Kapitel setzt sie sich mit der Ideologie der „nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“ auseinander. Zum Wohle des Volkes müsse das Leben des Einzelnen dem Überleben der Gemeinschaft untergeordnet werden. Im „germanischen Ideal“ solle sich die geschichtlich entstandene „ewige Gemeinschaft“ verwirklichen; im Widerstand gegen die nationalen Demütigungen im Ersten Weltkrieg und in noch stärkerem Maße gegen die Demokratisierungsbestrebungen der Weimarer Republik.

Im zweiten Teil werden die Aufgaben der „deutschen Frau in der Volksgemeinschaft“ dargestellt, als „Hüterin der Rasse“, als „deutsche Mutter“, immer mit dem Blick auf „weibliche Berufe“ und „arteigene Beteiligung“ der Frau in der nationalsozialistischen Gesellschaft. Die Abgrenzung von „abweichenden“, kritischen Denkmustern und rassistischen, antijüdischen, kommunistischen und anderen konstruierten Feindbildern bilden dabei das ideologische Gerüst.

Im dritten Teil schließlich werden die totalitären Ansprüche herausgearbeitet, die sich in den nationalsozialistischen Mythen und in der Politik dargestellt haben. Die überwiegend von der männerdominierten Politik (vor)gegebenen Ordnungsdiktate boten scheinbar den Frauen „nur“ die Möglichkeit der „freiwilligen Unterordnung“, gestützt auf den Ideologismen wie „natürliche“ und „ursprüngliche“ Gemeinschaftsvorstellungen.

Am Bespiel von fünf ausgewählten führenden Nationalsozialistinnen diskutiert die Autorin die jeweiligen Fragen und Entwicklungen in der nationalsozialistischen Frauenpolitik. Sie benutzt die auffindbaren Quellenmaterialien aus Zeitungen, Propagandaschriften, Buchbeiträgen und Parteidokumenten, um „eine Analyse der politischen Entwürfe nationalsozialistischer Führerinnen unter der Fragestellung nach deren Weiblichkeitskonzeptionen im Hinblick auf die Wechselbeziehungen zwischen Geschlechts- und Politikverständnis“ vorzunehmen. Bei den fünf Nationalsozialistinnen handelt es sich um

  1. die 1888 in Halberstadt geborene und 1963 in Nürnberg verstorbene Elsbeth Zander, die 1926 in die NSDAP eintritt und als Leiterin der NS-Frauenschaft (NSF) nicht unumstritten Führungspositionen erringt;
  2. die 1868 geborene und 1961 gestorbene Lehrerin Guida Diehl. Sie gründet 1916 den religiös-nationalen Neulandbund, mit dem sie jedoch erfolglos Einfluss auf die Ideologie der NSF zu nehmen versucht;
  3. Lydia Gottschlewski, 1906 in Nickelswalde bei Danzig geboren, arbeitet sich als BDM- und NSF-Führerin und Schulungsleiterin in der NS-Frauenschaft nach oben. Sie stirbt 1989;
  4. Paula Siber (Paula von Groote), 1893 in Karlsruhe geboren, ebenfalls Lehrerin, tritt 1929 in die NSDAP ein, wird Gaufrauenschaftsleiterin in Düsseldorf und gerät über Fragen der Zielsetzung und Methoden der NS-Frauenschaftsarbeit in Konkurrenz mit Gertrud Scholz-Klink;
  5. die 1902 in Baden geborene und 1999 gestorbene Leiterin der NSF hat diese Funktion bis 1945 inne. Gertrud Scholz-Klink versucht vergeblich, in der Nachkriegszeit ihre nationalsozialistische Arbeit mit dem 1978 veröffentlichten Buch „Die Frau im Dritten Reich“ zu relativieren.

Fazit

Mit dieser Fleißarbeit, bei der die Autorin die zahlreichen, nicht immer leicht auffindbaren Quellenmaterialien zusammenfasst und konfrontiert mit den Ideologien, Zeitströmungen und kritischen Positionen, greift Leonie Wagner ein in den (stockenden) Prozess der feministischen und historischen Frauenforschung. Dabei geht es ihr nicht um eine biographische Darstellung der Lebensläufe von führenden Nationalsozialistinnen, sondern um das Aufspüren „von diesen Frauen entwickelten Vorstellungen hinsichtlich der sich ihnen abbildenden Konstruktionen von Weiblichkeit und Politik“. Das, was die Frauenführerinnen zu Gehör brachten, aufschrieben und publizierten, waren letztlich die Fahnenmasten der nationalsozialistischen Ideologie und Merksätze für (allzu) viele Mädchen und Frauen jener Zeit. Sie aus der „Versenkung“ geholt und in unser heutiges Bewusstsein gebracht zu haben, heißt ja dann nichts anderes als das, was Hannah Ahrendt uns als Aufgabe mitgegeben hat, nämlich zu erkennen, dass „Gehorsam“ und „freiwillige Unterordnung“ grundsätzlich keine zwangsläufige und „logische“ Bedeutung haben; vielmehr bedeutet es, „die Last, die uns durch die Ereignisse auferlegt wurde, zu untersuchen und bewusst zu tragen und dabei weder ihre Existenz zu leugnen, noch demütig sich ihrem Gewicht zu beugen, als habe alles, was einmal geschehen ist, nur so und nicht anders (habe) geschehen können“. Mit diesem Plädoyer für eine kritische Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung kann man die Zielsetzung der Forschungsarbeit von Leonie Wagner verstehen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1463 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.07.2010 zu: Leonie Wagner: Nationalsozialistische Frauenansichten. Weiblichkeitskonzeptionen und Politikverständnis führender Frauen im Nationalsozialismus. Mensch & Buch Verlag (Berlin) 2010. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-86664-765-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9748.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung