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Thomas Trautmann: Interviews mit Kindern

Cover Thomas Trautmann: Interviews mit Kindern. Grundlagen, Techniken, Besonderheiten, Beispiele. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 190 Seiten. ISBN 978-3-531-17127-2. 16,90 EUR.

Reihe: Lehrbuch.
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Thema

Was braucht es, damit Interviews mit Kindern gelingen können? Der vorliegende Band versucht, hierauf umfassend Antwort zu geben. In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich Interviews mit Kindern von anderen Interviews. Deshalb muss das herkömmliche Vorgehen angepasst werden. Der Autor zeigt die Besonderheiten auf, und er erklärt an Interviewbeispielen, welche Notwendigkeiten sich ergeben und wie ihnen Rechnung getragen werden kann.

Autor

Dr. Trautmann ist Professor für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik an der Universität Hamburg. In Forschungsprojekten haben er und seine Mitarbeiterinnen zahlreiche Interviews mit Kindern geführt.

Entstehungshintergrund

Die Literatur zu Interviews mit Kindern ist immer noch spärlich. Insofern fehlte bisher auch eine lehrbuchmäßige, kompakte Darstellung ihrer Besonderheiten. Ein wesentliches Strukturmerkmal, dem das vorliegende Buch besondere Beachtung schenkt, ist die hierarchische Situation zwischen Kindern und erwachsenen Interviewenden. Trautmann vertritt die These, dass den Erwachsenen fast immer auch die Rolle von Erziehenden zukommt. Von diesem Standpunkt aus wird die Interaktionsform Interview aufgerollt.

Aufbau

Der Haupttext des Buches gliedert sich nach neun Überschriften. Trautmann bezeichnet die zughörigen Texte verschiedentlich als Kapitel oder als Abschnitte. Solche Unterschiedlichkeit spiegelt sich auch in ihrem Umfang: Er reicht von zwei (!) bis zu 45 Seiten. Die längeren Texte sind durch bis zu 23 Unterüberschriften unterteilt, die in der Regel nicht nummeriert sind. Auch die Texte zu den Unterüberschriften sind von höchst unterschiedlicher Länge, zum Beispiel drei Zeilen oder sieben Seiten!

Inhalt

Trautmann nennt drei inhaltliche Schwerpunkte seines Buches:

  1. „Grundlagen der Kommunikation zwischen Heranwachsenden und Erwachsenen“,
  2. „Grundlagen […], die in den Sozialwissenschaften zum Instrument ‚Interview‘ existieren und auf den Fokus Kind spezifiziert werden“, sowie
  3. „Schwierigkeiten und Problemlagen […], die jener Sonderfall des Kinderinterviews mit sich bringen kann“ (S. 10 f.).

Am ausführlichsten ist der zweite Schwerpunkt – allgemeine Interviewgrundlagen und ihre Spezifizierung für das Kinderinterview – abgehandelt. Ihm gelten die beiden umfangreichsten Kapitel (Abschnitte): Das erste behandelt die „Grundbegriffe und -konzepte“ zum Interview und dessen Verlauf, das zweite handelt von „Fragen – Fragestellung – Fragefehler[n]“. Beide zusammen umfassen 81 Seiten und damit knapp die Hälfte des Haupttextes.

Zu Beginn des Buches begründet Trautmann, warum es nötig ist, die Methodengattung Interview auf Kinder, aber auch auf Jugendliche hin zu spezialisieren. Um die kommunikativen Grundlagen dafür zu bestimmen, greift er weiter aus, als es in herkömmlicher Methodenliteratur üblich ist. Er bezieht sich nämlich auf drei aus der Psychologie entlehnte Kommunikationsmodelle, die für ihn „von hoher Brisanz“ sind (S. 16): auf das Modell der zwischenmenschlichen Kommunikation nach Friedemann Schulz von Thun, auf die Transaktionsanalyse (Eltern-, Kindheits-, Erwachsenen-Ich) und sodann speziell auf deren Konzept der „Spiele“ (Eric Berne). Trautmann gewinnt daraus Hinweise zu Sprache, Stil und Ton im Interview, was er nicht zuletzt an zahlreichen Beispielen veranschaulicht. Fördern will Trautmann ein Gleichgewicht zwischen den InterviewpartnerInnen.

Der Autor diskutiert die Erfordernisse von Interviews im Hinblick auf verschiedene Entwicklungsalter von Kindern und Jugendlichen. In welcher Art, mit welcher Kompetenz und wozu können sich Heranwachsende in den jeweiligen Phasen und Entwicklungsstufen in einem Interview äußern? Begonnen wird mit dem Stand, den man bei SchülerInnen der ersten Klasse erwarten darf. Trautmann hält es nicht für sinnvoll, Kinder schon vor dem Schuleintritt zu interviewen. Es folgt das mittlere Grundschulalter, dann eine Einschätzung zu Elf- und Zwölfjährigen. Die Darstellung reicht über Pubertierende bis schließlich zu 16- bis 18-jährigen Jugendlichen. Zur Fundierung greift Trautmann auf die einschlägige Entwicklungsliteratur zurück und auf eigene Interviewerfahrungen.

Bei den dargestellten Interviewformen richtet sich das Augenmerk auf Varianten qualitativer Methoden. Selbst das voll standardisierte Interview betrachtet der Autor in einem weiten qualitativen Forschungsrahmen („Kinderinterviews sind – wie alle Interviews – Teile qualitativer Erhebungsverfahren“; S. 98). Bei Interviews mit Kindern empfiehlt er generell „die offene Fragestellung“ (S. 108). Die Einzelfrage sollte von „durchschaubarer Struktur sein“ und kurz und präzise gestellt werden; die Interviewenden sollten dazu „weitere Detailfragen in der Hinterhand“ haben (S. 132).

Trautmann gibt bei den konkreten Interviewformen immer wieder Hinweise, inwiefern sie sich für Kinder eignen. Er ergänzt sie aber auch um eine eigene Form: das so genannte „Interviewkatarakt“. Diese Katarakte sind „mündliche und/oder schriftliche Mehrfachinterviews mit derselben Person in unterschiedlichen Zeitintervallen und partiell variierenden Themenlagen“ (S. 101). „Durch die sich wiederholenden Gesprächssequenzen“ würden „einmal gegebene Statements klarer, tiefgründiger oder in sich verwickelter“ (ebd.). So ließe sich „die Festigkeit von Argumenten, Einstellungen und Überzeugungen“ abbilden (S. 131). Trautmann kommt es dabei darauf an, dass die Interviews stärker auf der Basis eines Subjekt-Subjekt-Verhältnisses geführt werden.

Weiterhin enthält das Buch eine Reihe von Übungen für angehende InterviewerInnen, auch Hinweise zu den technischen und organisatorischen Grundlagen. Zum Schluss wird ein Projekt – zum Thema „Meine Grundschulzeit“ – vorgestellt, bei dem Interviews mit Viertklässlern durchgeführt wurden. Dabei kann das zuvor Dargestellte gleichsam in einem Zusammenhang betrachtet werden.

Diskussion

Dem Buch ist es gelungen, die besonderen Erfordernisse von Interviews mit Kindern und Jugendlichen in einer Vielfalt von Aspekten mit Nachdruck einsichtig zu machen. Die kritischen Punkte werden nicht nur aufgezeigt, sondern es werden auch stets Lösungen angeboten. Instruktiv sind dazu die vielen Interviewbeispiele (Ausschnitte aus Interviewprotokollen mit Kindern), die Trautmann aus eigenen Forschungen und Lehrveranstaltungen beisteuert. Auch mögliche Fragefehler werden dadurch sehr anschaulich gemacht, und ihrer Darstellung wird besonderer Raum gegeben.

Nicht eigens erörtert werden im Buch mögliche Auswertungsmethoden der Interviews. Das leuchtet mit dem Hinweis auf Platzgründe zunächst zwar ein, bleibt aber trotzdem problematisch; denn Erhebungs- und Auswertungsmethode lassen sich genauso wenig unabhängig voneinander betrachten wie ihre Verbindung zum Untersuchungsgegenstand. Und auf die Probleme der Interviewinterpretation einzugehen, ist beim aktuellen Stand durchaus ein wichtiges Desiderat in der Kindheitsforschung.

Zu wünschen wäre eine gründliche Überarbeitung und neue Stufung der Gliederung (Inhalt und Textstruktur). Aktuell ist sie zu unübersichtlich, und gleichartige Inhalte werden zum Teil an verschiedener Stelle präsentiert. So gelingt dem Buch zwar insgesamt eine umfassende Darstellung des Kinderinterviews als Erhebungsmethode; es wird aber seinem Anspruch einer konzentrierten Einführung nicht ganz gerecht. Dazu könnte die Darstellung durchaus gestrafft werden. Dann bliebe vielleicht auch noch Raum für relevante Gesichtspunkte der Interviewinterpretation.

Fazit

Das Buch gibt LeserInnen, die bereits allgemeine Erfahrung mit Interviews haben, wichtige Hinweise darauf, was bei der Vorbereitung und Durchführung von Interviews mit Kindern zu beachten ist. Darüber hinaus kann das vorliegende Lehrbuch von Studierenden als Einstieg in das Thema Interview genutzt werden – nicht ganz allerdings, ohne auch die etablierte Methodenliteratur zu berücksichtigen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 17.08.2010 zu: Thomas Trautmann: Interviews mit Kindern. Grundlagen, Techniken, Besonderheiten, Beispiele. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17127-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9751.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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