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Barbara Thimm, Gottfried Kößler et al. (Hrsg.): Verunsichernde Orte (Gedenkstättenpädagogik)

Rezensiert von Prof. Dr. Birgit Dorner, 02.05.2011

Cover Barbara Thimm, Gottfried Kößler et al. (Hrsg.): Verunsichernde Orte (Gedenkstättenpädagogik) ISBN 978-3-86099-630-0

Barbara Thimm, Gottfried Kößler, Susanne Ulrich (Hrsg.): Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-86099-630-0. 19,90 EUR. CH: 35,90 sFr.

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Herausgeber, Herausgeberin und Entstehungshintergrund

Im Rahmen des Bundesmodellprojekts »Gedenkstättenpädagogik und Gegenwartsbezug – Selbstverständigung und Konzeptentwicklung« haben Pädagog(inn)en aus 12 Gedenkstätten in Deutschland, Österreich und Polen ein Berufsbild Gedenkstättenpädagogik entwickelt, das die vielfältigen Anforderungen an die Vermittlungsarbeit an den Gedenkstätten beschreibt. Der Konzeption nach soll dieses sowohl für Pädagog(inn)en, die hauptamtlich im Kontext von NS-Gedenkstätten arbeiten als auch für nebenberufliche und ehrenamtliche pädagogische Mitarbeiter/innen gelten. Das Herausgeberwerk von Thimm/Kößler/Ulrich dokumentiert das Projektergebnis und die wichtigsten Stationen der theoretischen Auseinandersetzung, die zu diesem Ziel führten. Die Publikation beschreibt damit das Anforderungsprofil zeitgemäßer pädagogischer Arbeit an Gedenkstätten des Nationalsozialismus. Besonders in Fokus gerückt wird dabei die Person der/des Pädagog(inn)en, was in diesem Bereich, der bisher stark von der Diskussion historischer Inhalte geprägt war, ein Novum darstellt.

Die drei Herausgeber(innen) sind seit langen Jahren im Bereich der Gedenkstättenpädagogik tätig. Barbara Thimm arbeitet als Diplom- Kulturpädagogin schon langjährig in der historisch-politischen Bildung und Gedenkstättenpädagogik, ist Supervisorin (in Ausbildung) und Koordinatorin des Weiterbildungsangebotes „Verunsichernde Orte“. Gottfried Kößler, ausgebildeter Lehrer für Geschichte, Deutsch, Politik für Gymnasien und Berufliche Schulen, ist stellvertretender Direktor des Fritz Bauer Instituts und darüberhinaus Lehrbeauftragter am Seminar für die Didaktik der Geschichte der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Susanne Ulrich, Leiterin der Akademie Führung & Kompetenz am Centrum für angewandte Politikforschung der Ludwig Maximilians-Universität München, hat unter anderem die Arbeitsschwerpunkte Demokratie-Lernen, Diversity-Management, Coaching und Praxisberatung.

Aufbau und Inhalt

Einleitend führt Wolf Kaiser, Leiter der Bildungsabteilung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in den aktuellen Stand der Praxis pädagogischer Arbeit an Gedenkstätten des Nationalsozialismus ein. Er betont dabei die unterschiedlichen Anforderungen eines jeden Gedenkortes, der jeweils spezifische thematische und methodische Zugänge fordert, um ihn für Bildungsprozesse zu erschließen, da die Gedenkstätten nicht per se bildend wirken.

Der folgende Artikel stellt das im Modellprojekt erarbeitete Berufsbild Gedenkstättenpädagogik quasi als Idealbild vor. Die Darstellung gliedert sich in fünf Dimensionen, die die Ebenen beschreiben, auf denen die Mitarbeiter(innen) mit pädagogischem Auftrag agieren. Die Orientierung des pädagogischen Handelns an demokratischen und humanitären Grundwerten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für das pädagogische handeln werden in der „ethischen Dimension“ beschrieben, die „themen- und ortsspezifische Dimension“ umfasst das geschichtliche Wissen über den Nationalsozialismus und den spezifischen Gedenkort. In der „politischen“ und „methodischen Dimension“ werden wesentliche Aspekte der pädagogische Haltung der Mitarbeiter(innen) der Gedenkstättenpädagogik thematisiert, die „selbstreflexive Dimension“ fokusiert die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der eigenen Person hinsichtlich spezifischer Themen des Berufsfelds Gedenkstättenpädagogik wie die Reflexion der eigenen Geschichtsbilder und –vorstellungen.

Anschließend beschäftigen sich im ersten Teil des Buches renommierte Experten aus verschiedenen Herkunftsdisziplinen (Geschichte, Pädagogik, Soziologie) in acht Einzelartikeln mit aktuellen Fragestellungen der Gedenkstättenpädagogik. Beleuchtet werden unter anderem die gesellschaftliche Rolle der Gedenkstätten des Nationalsozialismus heute sowie die Problematiken inklusiver Gedenkstättenpädagogik, die ihren Blick endlich auf den Umgangs mit den heterogenen Besuchergruppen von Gedenkstätten richtet und dabei auch die Frage von Diskriminierung durch pädagogischen Umgang in den Blick rückt.

Einen thematischen Schwerpunkt bilden mehrere Artikel, die um die Frage kreisen, inwiefern die eigenen Geschichtsbilder, die durch Sozialisation und Bildungskarriere entstandenen Vorprägungen und die Zugehörigkeit zu bestimmten Erinnerungsgemeinschaften die pädagogische Haltung der Mitarbeiter(innen) und den Dialog mit den Teilnehmenden in der Gedenkstättenpädagogik beeinflussen. Mehrfach wird Transparenz bezüglich der eigenen Geschichtsnarrative und Offenheit im Umgang mit „Geschichten“ der Teilnehmenden gefordert. Das bedeutet für die Mitarbeiter(innen) einen hohen Grad von Selbstreflexivität und Toleranz zu entwickeln und sich der eigenen Gefühle vor Ort in den Gedenkstätten und in der Vermittlungsarbeit bewusst zu werden.

Einen nicht ganz neuen Themenkomplex diskutieren weitere Artikel, nämlich ob Gedenkstättenpädagogik überhaupt historisch-politische Bildung ist, inwieweit Gegenwartsbezug nötiger bzw. notwendiger Bestandteil der pädagogischen Arbeiten an Gedenkstätten darstellt und inwiefern Gedenkstätten des Nationalsozialismus geeignete Orte für Demokratielernen sein können. Imke Scheurich beleuchtet dabei die Problematik des immanenten Widerspruchs zwischen dem allgemeinen Anspruch kritischer historisch-politischer Bildung auf Ergebnisoffenheit und Meinungsfreiheit und der unverzichtbar wertgebundenen pädagogischen Haltung in der Arbeit an Gedenkstätten.

Die kurzen theoretischen Artikel des ersten Teils des Buches geben einen schnellen Überblick über den aktuellen Fachdiskurs der Gedenkstättenpädagogik, allerdings darf man schon allein aufgrund der Kürze keine tiefer gehenden Einblicke erwarten. Die Intention der Herausgeber(innen), die Praxis der Selbstreflexion von Gedenkstättenpädagog(inn)en stärker als den theoretischen Diskurs zu gewichten, ist durchaus wertzuschätzen angesichts der fast völligen Ausblendung im bisherigen Fachdiskurs, allerdings werden manche der derart kurzen theoretische Artikel der Vielschichtigkeit der behandelten Themen nicht ganz gerecht.

Auf den Theorieteil des Buches folgt ein Bildteil in dem die 12 Gedenkstättenpädagog(inn)en, die an der Entwicklung des Berufsbilds Gedenkstättenpädagogik beteiligt waren, einen Ort ihrer Gedenkstätte fotografiert und kommentiert haben, der ihnen in ihrer Arbeit besonders wichtig geworden ist. Diese subjektiven Einblicke in gedenkstättenpädagogischen Alltag sind durchaus interessant und manche auch berührend, insgesamt hängt dieser Teil in der Mitte des Buches allerdings ein wenig in der Luft. Die Intention der Herausgeber(innen) wird hier nicht ganz klar.

Den dritten Teil des Buches bildet ein Praxisteil zur Weiterbildung im Feld mit Übungen zur Selbstreflexion, die sich speziell an Gedenkstättenpädagog(innen) wenden. Diese gliedern sich in zwei Kategorien, die nimmt das eigene Selbstverständnis, die andere den Umgang mit Teilnehmenden und Gruppen in den Blick. Die Übungen behandeln Themen wie „mein Bild vom Nationalsozialismus“, „meine Toleranzgrenze“ oder „Manipulation vermeiden“. Ein weiterer Teil der Übungen gruppiert sich um den Themenkomplex Diversity und Inklusion, so ein „Diversity-Check der eigenen Institution“ oder Hilfestellungen, um Führungen inklusiv zu gestalten. Die Übungen können alleine oder in selbstorganisierten Gruppen gemacht werden, um sich eigenverantwortlich zu qualifizieren und weiterzubilden. Der zentrale Kristallisationspunkt hierbei ist, dass die Arbeit am eigenen Selbstverständnis die Grundlage jeder Aus- und Weiterbildung für Gedenkstättenpädagogen sein muss.

Im Anschluss an den Übungsteil thematisieren Barbara Thimm und Helmut Wetzel das Thema Supervision für Mitarbeiter(innen) der Gedenkstättenpädagogik. Für Pädagog(innen) in anderen außerschulischen Settings ist Supervision meist eine Selbstverständlichkeit, in dem psychisch hoch belastenden Feld der Gedenkstättenpädagogik war sie bisher kein Thema, was tatsächlich als recht unverantwortlich den Mitarbeiter(inne)n gegenüber gesehen werden darf. Kollegiale Beratung als ein weiteres (kostengünstiges) Modell der Begleitung pädagogischer Mitarbeiter diskutiert Uta George auf der Grundlage eines Erfahrungsberichts recht kritisch.

Im Rahmen des Projektes wurde ein Fortbildungsangebot für pädagogische Mitarbeiter/innen an Gedenkstätten entwickelt, das abschließend vorgestellt wird. Dieses Weiterbildungsangebot kann über die Webseite, auf die auch in der Publikation hingewiesen wird, www.verunsichernde-orte.de , eingesehen werden.

Sowohl der Praxisteil mit den Übungen wie das Fortbildungsangebot als auch der eindringliche Verweis auf die Notwendigkeit der Supervision im Feld der Gedenkstättenpädagogik können als wesentlicher Schritt in der Professionalisierung der Gedenkstättenpädagogik gesehen werden.

Fazit

Das Buch wendet sich vorwiegend an alle pädagogisch tätigen Mitarbeiterinnen an Gedenkstätten des Nationalsozialismus besonders aber die Verantwortlichen der pädagogischen Abteilungen, die mit der Betreuung und Begleitung der Mitarbeiter(innen) betraut sind bzw. an die mit Gedenkstätten kooperierenden Institutionen und Verbände, die häufig vorwiegend ehrenamtliche oder freie Mitarbeiter(innen) betreuen.

Der Praxisteil des Buches lädt zur Selbstreflexion über die eigene pädagogische Tätigkeit ein und kann auch in anderen Bereichen historisch-politischer Bildung wichtige Anstöße dazu geben.

Rezension von
Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
Professorin für Kunstpädagogik in der Sozialen Arbeit
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Es gibt 12 Rezensionen von Birgit Dorner.

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Zitiervorschlag
Birgit Dorner. Rezension vom 02.05.2011 zu: Barbara Thimm, Gottfried Kößler, Susanne Ulrich (Hrsg.): Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-86099-630-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9763.php, Datum des Zugriffs 23.04.2024.


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