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Stefanie Albus, Heike Greschke u.a.: Wirkungsorientierte Jugendhilfe

Cover Stefanie Albus, Heike Greschke, Birte Klingler, Heinz Messmer, Heinz G. Micheel: Wirkungsorientierte Jugendhilfe. Abschlussbericht der Evaluation des Bundesmodellprogramms "Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung durch wirkungsorientierte Ausgestaltung der Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsvereinbarungen nach §§ 78a ff. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2010. 236 Seiten. ISBN 978-3-8309-2008-3. 19,90 EUR.

Weitere Autoren: Hans Uwe Otto, Andreas Polutta.
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Ausgangslage und Anliegen

Von 2006 bis Anfang 2009 wurde bundesweit das Modellprogramm "Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung durch wirkungsorientierte Ausgestaltung der Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsvereinbarungen nach §§ 78a ff SGB VIII“. Ziel dieses vom BMFSFJ initiierten, unter dem Kurztitel „Wirkungsorientierte Jugendhilfe“ bekannten Modellprojektes war vor allem, die (Ausgaben-)Steuerung der Erziehungshilfen zu verbessern, in dem – ähnlich wie bereits bei Arbeitsförderungsmaßnahmen üblich – die Entgelte künftig von den erzielten Wirkungen abhängig gemacht werden. Das Projekt sollte hierfür verschiedene Modelle entwickeln und erproben und vor allem die institutionellen Rahmenbedingungen für eine solche Praxis beschreiben.

Bereits im Vorfeld hatte dieses Vorhaben heftige Debatten ausgelöst. Die dabei geäußerte Kritik entwickelte sich dabei im Wesentlichen entlang dreier Argumentationsstränge:

  • Aufgrund des sog. „Technologiedefizits“ in der Pädagogik (Luhmann) lassen sich Betreuungsverläufe und pädagogische Interventionen in den Erziehungshilfen nicht vollständig vorherbestimmen und unterliegen keinem einfachen monokausalen Ursache-Wirkungsprinzip.
  • Erfolge und Wirkungen in pädagogischen Prozessen hängen in großem Maße von der Bereitschaft zur Koproduktion auf der Seite der AdressatInnen ab.
  • Ein monokausaler sozialtechnologischer Blick führe über kurz oder lang wie in den USA zu Automatismen und Standardisierungen, nach denen auf eine in einem Assessmentverfahren gewonnene Diagnose automatisch die entsprechende standardisierte Hilfe folge. Eine solche Standardisierung leite letztlich eine Entprofessionalisierung der Sozialen Arbeit ein.

Die vorliegende Veröffentlichung dokumentiert die Erfahrungen und Ergebnisse der Evaluation dieses kontrovers diskutierten Projektes.

Aufbau und Inhalt

Neben einer Einleitung, einem zusammenfassenden Ausblick und dem Literaturverzeichnis ist der Abschlussbericht in sieben Abschnitte gegliedert. Im ausführlichen Anhang befinden sich detaillierte Angaben zu den Forschungsmethoden und der Datenauswertung.

Der erste Abschnitt widmet sich dem „Design der Evaluation“. Der Evaluationsauftrag des BMFSFJ lautete: „Die Evaluation des Modellprogramms soll die praktische Umsetzung der ausgehandelten Vereinbarungen an den Modellstandorten im Hinblick auf ihre Effekte bei der Hilfeerbringung und auf die intendierte Wirkung der Hilfe untersuchen. Sie soll Aufschluss geben über

  • Verlauf und Dauer des Hilfeprozesses,
  • Ergebnisse und Wirkungen des Hilfeprozesses beim Hilfeempfänger,
  • Veränderung der Rolle und Beteiligung des Hilfeempfängers,
  • die Entwicklung der Fallkosten,
  • die Strukturen und die Arbeitsprozesse in der Einrichtung,
  • das Zusammenwirken von Jugendamt, Einrichtung und Hilfeempfänger bei der Hilfeplanung und – steuerung,
  • die Praktikabilität und die Effekte ergebnisorientierter Finanzierungsbestandteile,
  • die Entwicklung der Angebotsstrukturen und die Inanspruchnahme und die Ausgestaltung der Hilfen.“ (12)

Für die Evaluation ergeben sich daraus vier Ebenen:

  1. die Analyse der Programmstrukturen,
  2. die Analyse des Programmprozesses,
  3. die Analyse der Praxis im Programm (durch Gesprächsanalysen von Hilfeplangesprächen)
  4. die Analyse der Wirkungen im Programm (durch eine quantitative Längsschnittstudie zu Hilfeverläufen).

Der zweite Abschnitt „Kontexte des Modellprogramms“ umreißt die jugendhilfepolitischen Diskurse, die zur Initiierung des Modellprogramms geführt haben. Die Autorinnen und Autoren markieren dabei vor allem vier Diskursimpulse. Zu nennen ist zunächst der Befund, dass gesetzliche Vorgaben (§ 78a ff.) zur Verknüpfung von Zielerreichung der Hilfeformen und entsprechenden Finanzierungsmodalitäten bislang kaum umgesetzt waren. Zweiter Auslöser war die durch die „großen“ Jugendhilfestudien ausgelöste Diskussion über Wirkungen und Effekte der Erziehungshilfen. Dieser Diskurs wurde – drittens – gespeist durch die Anregungen einer „Evidence-based Social Work“ vor allem in den USA. Viertens schließlich enthielt die damalige Koalitionsvereinbarung eine politische Setzung, die eine stärkere Wirkungsorientierung der Jugendhilfe einforderte.

Der dritte Abschnitt skizziert „Theorie und Strukturen des Modellprogramms“, das an insgesamt 11 Modellstandorten in Städten und Kommunen unterschiedlicher Größe durchgeführt wurde.

Der vierte Abschnitt dokumentiert unter der Überschrift „Prozesse im Modellprogramm“ Gegenstand und Ergebnisse von ExpertInnen-Interviews zu unterschiedlichen Projektzeitpunkten. Dabei geht es unter anderem um das Grundverständnis der Schlüsselbegriffe des Projektes, Erwartungen an das Programm, wahrgenommene Veränderungen und die Einschätzung des Nutzens.

An den verschiedenen Modellstandorten sind ganz unterschiedliche Strategien und Verfahren entwickelt und erprobt worden. Die werden im Abschnitt 5 „Elemente der neuen Vereinbarungen nach § 78 a-g SGB VIII“ knapp im Überblick dargestellt. Erprobt wurden u.a. folgende Elemente:

  • „Standardisierung von Diagnose und Hilfegewährung
  • Verbindliche Festlegung von Aufgaben, Terminen und Fristen (Verfahrensabläufe)
  • Standardisierung der Dokumentation von Hilfeverläufen
  • Aktivierung von Elternverantwortung/ Stärkung von Erziehungskompetenz
  • Stärkung von AdressatInnenbeteiligung im Kontext der Hilfeplanung
  • Standardisierung von Hilfezielen und Methoden der Zielformulierung
  • Methoden der Hilfeausfädelung und Nachbetreuung.“ (55)

Der sechste Abschnitt „Praxis im Modellprogramm – Fallstudien zum Hilfeplangespräch“ dokumentiert ausführlicher unterstützende Kommunikationsstrukturen im Hilfeplangespräch als dem zentralen Ort der Hilfesteuerung. „Nahezu in allen LEQ-Vereinbarungen der jeweiligen Tandems wurde die „Qualifizierung der Hilfeplanung“ als innovativer Kern einer neuen Praxis betrachtet und als solcher explizit zum Ausdruck gebracht.“ (63) Im Zentrum standen dabei die Standardisierung des Hilfeplanverfahrens und seiner Dokumentation, das Hilfeplangespräch als Ort, an dem die Ziele formuliert, vereinbart und gemeinsam überprüft werden und als Ort der Beteiligung von AdressatInnen und Personensorgeberechtigten. Ausführlich werden in diesem Abschnitt die Rahmenbedingungen und Spannungsfelder dieses wichtigen „Ortes“ im Hilfegeschehen analysiert und exemplarisch Einschätzungen der AdressatInnen im O-Ton dokumentiert.

Der siebte und umfangreichste Abschnitt „Wirkungen im Modellprogramm“ geht zunächst differenziert auf die Methoden der Wirkungsmessung im pädagogischen Kontext ein. Im Rahmen der Evaluation des Modellprogramms wurde eine Stichprobe der Kinder und Jugendlichen an den Modellstandorten jeweils zu Beginn und zum Ende der Hilfe über ihre Situation in zehn Lebensbereichen befragt, zugleich wurden mit verschiedenen Diagnoseinstrumenten Kompetenzen und Ressourcen bestimmt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die AutorInnen für diese Längsschnittuntersuchung Elemente und Instrumente des Capability-Ansatzes von Martha Nussbaum genutzt und weiterentwickelt haben. In Ergänzung zu den Interviews mit den AdressatInnen fand eine Befragung der beteiligten Fachkräfte sowie eine schriftliche Befragung der Eltern statt. Die komplexen Ergebnisse ihrer Wirkungsevaluation fassen die AutorInnen zusammen: „Insgesamt heben sich zwei wesentliche Prozessbeurteilungen der jungen Menschen hervor…:das Partizipationsempfinden und die Qualität der Arbeitsbeziehungen (besonders zu den Fachkräften der Einrichtungen). Diese beiden, direkt auf die Capabilities-Entwicklung wirkenden Faktoren werden ihrerseits beeinflusst durch spezifische Aspekte der organisatorischen Rahmung von Hilfeprozessen: die Partizipationsrechte der Kinder und Jugendlichen im pädagogischen Alltag und die Qualität der Hilfeplanvorbereitung mit den jungen Menschen.“ (155) Diese Befunde freilich sind nicht überraschend, decken sie sich doch mit der Ergebnissen der „großen“ Jugendhilfestudien (JES,Jule). So verweisen die AutorInnen dann auch vor allem auf die für die Evaluation neu entwickelten Methoden und Erhebungsinstrumente als die eigentlich innovativen Ergebnisse der Studie (163).

Unter der Überschrift „Konsequenzen und Perspektiven“ resümieren sie dann auch selbstbewusst: „Die vorliegende Evaluationsstudie hat die Fragen nach der Wirkung von Erziehungshilfen neu und entschieden beantwortet. Mit einem multiperspektivischen, methodisch innovativen Untersuchungsdesign konnten zentrale Wirkfaktoren in ihrem systematischen Untersuchungsdesign konnten zentrale Wirkfaktoren in ihrem systematischen Zusammenspiel entdeckt und zur Grundlage für neue Perspektiven eines sozialpädagogischen Selbstverständnisses gemacht werden.“(165) Und weiter: „Die Leistung des Bundesmodellprogramms besteht darin, einen intensiven Diskurs über Ziele (in) der Jugendhilfe angestoßen, alternative Beteiligungs- und Partizipationsformen erkundest und eine neue institutionelle Rahmung fachlichen Handelns initiiert zu haben.“ (ebd.)

Fazit

Der vorliegende Abschlussbericht dokumentiert in gewissem Sinne das Dilemma des evaluierten Bundesmodellprogramms „Wirkungsorientierte Jugendhilfe“. Überfrachtet mit dezidierten politischen Vorgaben und hohen Erwartungen an eine (finanzielle) Steuerung der Ausgaben für Hilfen zur Erziehung, sind die Ergebnisse gemessen am Aufwand letztlich eher ernüchternd. An den Modellstandorten wurden unterschiedliche Organisationsformen und administrative Vereinbarungen entwickelt, diese blieben aber unverbunden nebeneinander als unverbindliche Optionen bestehen. Das Dilemma der pädagogischen Wirkungsforschung wurde nicht aufgehoben. Zwar wurden interessante diagnostische und evaluative Erhebungsmethoden und – instrumente entwickelt, ein Vorher- Nachher-Vergleich belegt indes nicht, dass beobachtete Veränderungen vor allem oder gar ausschließlich durch die intendierten pädagogischen Bemühungen im Rahmen der Erziehungshilfen bewirkt wurden. Reifungsprozesse und nicht intendierte Einflussfaktoren können eine mindestens ebenso große Rolle spielen. Damit bleibt weiterhin unklar was wann auf wen wie wirkt. Und so lange das so bleibt, werden wirkungsorientierte Finanzierungsformen öffentlicher Jugendhilfe nicht mit wissenschaftlicher Evidenz legitimiert werden können.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 11.03.2011 zu: Stefanie Albus, Heike Greschke, Birte Klingler, Heinz Messmer, Heinz G. Micheel: Wirkungsorientierte Jugendhilfe. Abschlussbericht der Evaluation des Bundesmodellprogramms "Qualifizierung der Hilfen zur Erziehung durch wirkungsorientierte Ausgestaltung der Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsvereinbarungen nach §§ 78a ff. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2010. ISBN 978-3-8309-2008-3. Weitere Autoren: Hans Uwe Otto, Andreas Polutta. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9766.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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