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Daniela Pollich: Problembelastung und Gewalt

Cover Daniela Pollich: Problembelastung und Gewalt. Eine soziologische Analyse des Handelns jugendlicher Intensivtäter. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2010. 332 Seiten. ISBN 978-3-8309-2331-2. 34,90 EUR.

Reihe: Kriminologie und Kriminalsoziologie - 9.
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Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die überarbeitete Fassung der Dissertation der Autorin. Gegenstand ihrer Untersuchung sind „intensive jugendliche Gewalttäter“.

Thema und Zielsetzung

Dabei interessiert die Verfasserin „warum eine erhöhte Problembelastung Jugendlicher immer wieder als Korrelat besonders intensiver Delinquenz bedeutsam wird und wie diese Problembelastung ihre kausale Wirkung auf intensives Gewalthandeln entfaltet.“ (2) Außerdem möchte sie mit ihrer Arbeit die Definition und Klassifikation dieser Tätergruppe präzisieren. Im Ergebnis soll geklärt werden „…ob anhand der einbezogenen sozialpsychologischen und soziologischen Merkmale die Zugehörigkeiten von Befragten zu verschiedenen Gewalttäter-Gruppen erklärt werden können.“ (40) Grundlage für die Arbeit sind die Dunkelfelddaten der Studie „Kriminalität in der modernen Stadt“, die als kombinierte Panel- und Kohorten-Untersuchung zwischen 2000 – 2009 in Duisburg, Bocholt und Münster durchgeführt wurde.

Aufbau und Inhalt

Neben Einleitung und Zusammenfassung ist der Band in zehn Kapitel gegliedert, die durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis und einen Datenanhang ergänzt werden.

Im ersten Abschnitt ihrer Arbeit konkretisiert die Verfasserin ihren Forschungsgegenstand „intensive jugendliche Gewalttäter“ und verweist auf die unterschiedlichen Merkmale und Indikatoren, die zur Beschreibung dieser Tätergruppe herangezogen werden. Sie hält es daher für notwendig, „auf Basis von theoretisch erarbeiteten Hypothesen zu erklären, ob und wie sich intensive Gewalttäter – neben ihrer Gewaltaktivität – von nur minder schweren Tätern und Nicht-Tätern unterscheiden lassen.“(2) Dazu entfaltet sie zunächst die Dimensionen der Klassifikation, die sie für ihre Analyse nutzen will und referiert den aktuellen Forschungsstand.

Die folgenden zwei Kapitel widmet die Autorin der theoretischen Grundlegung ihrer Arbeit. Zunächst skizziert sie die kognitive Emotionstheorie von Richard Lazarus, die detailliert den Zusammenhang von Stresssituationen und Alltagsbelastung einerseits und der Situationsbewältigung andererseits untersucht. Trotz zahlreicher kritischer Einwände hält die Verfasserin diesen Theorieansatz für ihre Zwecke für nutzbar. „Das Verdienst der Theorie im Kontext der vorliegenden Studie ist vor allen Dingen, dass ein detailliertes Verständnis der Konsequenzen subjektiv wahrgenommener Problembelastung möglich wird.“ (64)

Dies gelingt nach Auffassung der Verfasserin allerdings nur, wenn Elemente der kognitiven Emotionstheorie mit geeigneten handlungstheoretischen Konzepten verknüpft werden, die neben dem rationalen Handeln auch Formen routinisierten oder automatisierten Handelns einschließen. In diesem Zusammenhang für geeignet hält sie die Frame-Selektions-Theorie (Hartmut Esser), die sie ebenfalls ausführlich darstellt und kritisch diskutiert.

Im anschließenden Abschnitt führt sie beide Theorieansätze für ihre Studie zusammen. Dabei spielt u.a. eine wichtige Rolle, inwieweit in Stresssituationen erfahrungsinduzierte „Skripte“ als handlungsleitende Elemente aktueller Coping-Strategien abrufbar sind und tatsächlich in Form von Gewalthandeln aktiviert werden. „Dies bedeutet für die vorliegende Studie, dass diejenigen Jugendlichen, die den emotionsgeladenen Frame recht eindeutig selegiert und ein gewalthaltiges Skript stark verinnerlicht haben, sehr wahrscheinlich dieses Skript ohne weitere Reflexionsschritte automatisch-spontan umsetzen.“ (105)

Dennoch handelt es sich hierbei nicht um einen selbstverständlichen Automatismus, daher „soll anhand der vorliegenden Studie die Auswirkung emotionaler Erregung insbesondere auf die Zugehörigkeit zu Gewalttäter-Gruppen verschiedener Intensität untersucht werden.“ (108) Letztlich geht es ja darum, zu klären „warum einige Jugendliche zu intensiven Gewalttätern werden und andere zu weniger schweren Gewalttätern, während wieder andere nie zu Gewalt greifen.“ (111) Dafür wird ein handlungstheoretisches Modell entworfen, das die Zugehörigkeit zu verschieden intensiven Gewalttäter-Gruppen durch ein unterschiedliches Maß an Rationalität bei der Problembewältigung erklärt.

Dazu verdichtet die Autorin im anschließenden Kapitel ihre handlungsleitenden Hypothesen mit Rückgriff auch auf klassische Kriminalitätstheorien (Sutherland, Cressey, Burgess u.a), vor allem der „Theorie der differenziellen Assoziation“.

Prägnant und plausibel entwickelt die Verfasserin sodann ein komplexes, aber relativ konventionelles quantitatives Forschungsdesign zur Überprüfung ihrer Hypothesen und skizziert die von ihr gewählten Operationalisierungen. Ausführlich erläutert sie in den folgenden Abschnitten die einzelnen Elemente ihres komplexen und anspruchsvollen Forschungsmodells und deren empirisch-methodische Relevanz und Umsetzung.

Die Ergebnisse in Stichworten: Abgesehen davon, dass – entgegen medialer Konstruktionen – nur ein relativ kleiner Teil der Jugendlichen überhaupt Gewaltdelikte begeht, ist mit ca. 2% der Anteil der sog. Intensivtäter relativ gering; diese begehen allerdings rund 60% aller selbstberichteten Gewalttaten (vgl. 277f). Klares Ergebnis der Studie: „Eine verstärkte Problembelastung wirkt sich positiv auf die Verinnerlichung gewalthaltiger Skripte aus: die wiederum verursacht eine Unterschätzung potentieller Kosten und Risiken von Gewalthandeln.“ (207)

Intensivtäter bleiben dies tendenziell auch in der Folgezeit; allerdings zeigt sich auch, dass die abschreckende Wirkung des Risikos und der Folgen mit zunehmendem Alter wirkmächtiger wird, was auf „eine zunehmende Reflexionsfähigkeit der Jugendlichen mit zunehmendem Alter hindeutet. Sie werden empfänglicher für rationale Überlegungen und damit auch für Abschreckungsmechanismen. Das Bild eines nicht abschreckbaren Intensivtäters lässt sich demnach nicht aufrechterhalten.“ (279) Außerdem belegt die Studie, „dass sich die Dispositionen, bestimmte Probleme mit Gewalt lösen zu wollen, eher nicht durch das Gewalthandeln selbst verfestigen.“ (280)

Fazit

Die Verfasserin hat mit der vorliegenden Arbeit eine empirisch komplexe und methodisch sorgfältig durchgeführte Studie vorgelegt. Gemessen an dem beschriebenen Forschungsaufwand sind die Ergebnisse allerdings eher überschaubar und wenig überraschend. Dem Charakter einer Dissertation geschuldet ist der Text streckenweise sehr weit ausholend und wirkt langatmig und stellenweise spröde – er dürfte für im Umgang mit sozialwissenschaftlicher Methodologie wenig geübten Leserinnen und Leser überkomplex und schwer verständlich sein. Insofern ist die Arbeit als Ganzes wohl eher etwas für interessierte WissenschaftlerInnen und ForscherInnen als für Praktikerinnen und Praktiker. Für die Praxis dürften vor allem die Ausführungen der Autorin zu den zugrunde gelegten Theoriekonzepten, deren kritische Diskussion und pragmatische Zusammenführung von Interesse sein.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 06.02.2012 zu: Daniela Pollich: Problembelastung und Gewalt. Eine soziologische Analyse des Handelns jugendlicher Intensivtäter. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2010. ISBN 978-3-8309-2331-2. Reihe: Kriminologie und Kriminalsoziologie - 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9768.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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