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Florian Baier, Ulrich Deinet (Hrsg.): Praxis der Schulsozialarbeit

Florian Baier, Ulrich Deinet (Hrsg.): Praxis der Schulsozialarbeit. Methoden, Haltungen und Handlungsorientierungen für eine professionelle Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 389 Seiten. ISBN 978-3-86694-194-6. 39,90 EUR.
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Thema

Trotz knapper öffentlicher Kassen boomt die Schulsozialarbeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Obwohl ihre Entwicklung nicht nur in den genannten Ländern sondern auch in deren Regionen recht unterschiedlich verlaufen ist, zeichnet sich allmählich ein Profil von Schulsozialarbeit ab. Dieses wird in dem Sammelband von Florian Baier und Ulrich Deinet nachgezeichnet, wobei sowohl theoretische Hintergründe und konzeptionelle Grundlagen als auch Handlungsmethoden und Arbeitsansätze dargestellt werden. Zugleich soll ein Beitrag zur Professionalisierung der sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Praxisformen präsentierenden Schulsozialarbeit geleistet werden, indem grundlegende Zielorientierungen und Wissensinhalte sowie gemeinsam geteilte Konzeptionen und Haltungen aufgezeigt werden. „Als Leitmotiv der Ausführung ließe sich insofern auch formulieren: ‚Gute Praxis beginnt mit guten Gedanken‘ und diese Gedanken können in abstrakter Form für alle Standorte als theoretischer Rahmen und konzeptionelle Orientierung gleich und verbindlich sein und dann auf lokale Besonderheiten bezogen werden“ (S. 12).

Herausgeber

Florian Baier ist Professor für „Jugendhilfe und Schule“ an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel; Ulrich Deinet ist Professor für „Didaktik/Methoden und Verwaltung/Organisation der Sozialpädagogik“ an der Fachhochschule Düsseldorf.

Aufbau

Der Sammelband umfasst neben Einleitung und Verzeichnis der Autor/innen 22 Kapitel. Diese sind vier Teilen zugeordnet:

  1. Entwicklungen und gegenwärtige Praxis von Schulsozialarbeit,
  2. Warum Schulsozialarbeit? Rollenklärungen, Begründungen und fachliche Orientierungen für eine innovative Praxis,
  3. Grundlegende Haltungen und Arbeitsprinzipien in der Schulsozialarbeit,
  4. Arbeitsbereiche und Methoden.

Der vierte Teil umfasst mehr als die Hälfte der Kapitel (12).

Inhalt

In den drei Kapiteln des ersten Buchteils werden die Anfänge und die gegenwärtige Situation der Schulsozialarbeit in Deutschland (Hermann Rademacker), Österreich (Karl-Heinz Braun, Konstanze Wetzel) und der Schweiz (Florian Baier) skizziert. Hier geht es um die Gründe für ihre Entstehung, um Erwartungen und Ziele, Verbreitung und Organisationsformen, Rahmenbedingungen und Probleme. Zugleich werden die Vielfalt der Ausprägungen von Schulsozialarbeit in jedem der drei Länder und widersprüchliche Positionierungen verdeutlicht.

Im zweiten Teil des Sammelbandes greift Florian Baier erneut das Thema der fachlichen Gründe für Schulsozialarbeit auf, wobei er vor allem die Orientierung an sozialer Gerechtigkeit, den Schutz vor Diskriminierung, den Anspruch auf Beteiligung und das Recht auf Bildung betont. Zusammen mit Ulrich Deinet widmet er sich dann der konzeptionellen Verortung der Schulsozialarbeit innerhalb der lokalen Bildungs- und Hilfelandschaften – sie wird als „besonderer Bildungsort und Brücke zwischen schulischen und außerschulischen Lernorten“ gesehen (S. 99). Anschließend erläutert er bildungstheoretische Fachbegriffe wie „Aneignung von Welt“ oder „Subjekt und Autonomie“ in ihrer Bedeutung für die Praxis der Schulsozialarbeit. Karl-Heinz Braun und Konstanze Wetzel befassen sich schließlich mit sozialen Desintegrationstendenzen, auf die eine „Pädagogik der Anerkennung“ integrierend zu reagieren habe.

Der dritte Buchteil beginnt mit einem Beitrag von Florian Baier zum „schulsozialarbeiterischen Habitus“, in dem der Autor Handlungsprinzipien wie z.B. „Autonomie des Subjekts gewährleisten“ oder „anwaltschaftliches Handeln“ und „Strukturmaximen“ wie „Dienstleistung“, „Freiwilligkeit“ oder „Schweigepflicht“ erläutert sowie die Bedeutung ethischer Reflexionen herausarbeitet. Sabine Ader konzentriert sich am Beispiel schwieriger Schüler/innen auf das „kollegiale Fallverstehen“, wobei sie einen differenzierten Ablauf mit einer Dauer von 60 bis 90 Minuten skizziert sowie auf Besonderheiten und Rahmenbedingungen dieser Beratungsform eingeht. Schließlich befasst sich Benedikt Sturzenhecker mit Schulverweigerung, kritisiert den Umgang mit ihr entlang von Fachbegriffen wie „Etikettierung“ oder „Separierung“ und versteht dann „Verweigerung als Selbstbildung“, auf die mit dialogischem Verstehen und dem Einräumen von Partizipationsmöglichkeiten reagiert werden könnte.

Im letzten Teil des Sammelbandes werden verschiedene Arbeitsbereiche und Methoden der Schulsozialarbeit vorgestellt:

  • Beratung von Einzelnen und Gruppen: Sabine Ader und Ursula Tölle arbeiten unterschiedliche Beratungsformen und -settings im Schulsystem heraus und gehen dann auf Beratungsziele, -inhalte, -methoden, -kompetenzen und Grundhaltungen ein.
  • Partizipation von Schüler/innen: Martin Biebricher zeigt zunächst deren Bedeutung auf und skizziert dann verschiedene Handlungsansätze für die Schule, die von der Schulsozialarbeit mitgestaltet werden können.
  • Sozialräumliche Analyse und Aktivierungsmethoden: Ulrich Deinet verdeutlicht den „sozialräumlichen Blick“ und beschreibt, wie Schulsozialarbeit Kindern ihren Stadtteil/Wohnort erschließen kann (z.B. durch Stadtteilbegehungen, Nadelmethode, Cliquenraster, Befragung, Autofotografie usw.).
  • Migrationssensibles Handeln: Thomas Geisen befasst sich mit der Migrationsforschung und mit dem biografischen Arbeiten als Handlungsansatz in der Schulsozialarbeit.
  • Erlebnispädagogik: Bernd Nödl und Magdalene Schmid klären zunächst den Begriff „Erlebnispädagogik“, bevor sie Einsatzmöglichkeiten in schulischen Kontexten, deren Grenzen und Anforderungen an die Fachkräfte abhandeln.
  • Schulsozialarbeit im Übergang von der Schule zum Beruf: Sarina Ahmed beschreibt die Bedeutung dieser Transition für junge Menschen, die lebensweltorientierte Schulsozialarbeit und deren Prinzipien.
  • Jungenarbeit: Sandro Dell‘Anna befasst sich mit dieser besonderen Form der „Beziehungspädagogik“ und mit verschiedenen Möglichkeiten, Jungen miteinander ins Gespräch zu bringen und „Männlichkeit“ zu thematisieren.
  • Mädchenarbeit: Ulrike Graff differenziert zwischen geschlechtshomogenen und -heterogenen Organisationsformen der Genderpädagogik und verweist auf verschiedene theoretische und praktische Zugänge zu den Lebenslagen und Themen von Mädchen.
  • Zusammenarbeit mit Eltern: Remi Stork befasst sich mit der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Familie, wobei er auch auf Konflikte und deren Ursachen sowie auf Grundhaltungen, Prinzipien und Methoden der Elternarbeit eingeht.
  • Konzeptionsentwicklung: Ulrich Deinet und Florian Baier unterscheiden und erläutern die fünf Konzeptebenen „Rahmenkonzepte“, „Standortkonzepte“, „Nutzer/innenorientierte und themenspezifische Konzepte“, „Konzepte für den Umgang mit Schlüsselsituationen“ sowie „Kooperationskonzepte und -vereinbarungen“.
  • Schulsozialarbeit in Kooperation mit Schule: Florian Baier widmet sich den verschiedenen Feldern der Zusammenarbeit zwischen Schule und Sozialarbeit und den Bedingungen für das Gelingen von Kooperationen.
  • Quartiers- bzw. sozialraumbezogene Vernetzung: Christian Reutlinger und Antje Sommer skizzieren den Paradigmenwechsel „von der klassischen Schulsozialarbeit im Schulhaus zum Netz von Bildungsakteuren im Stadtteil“ (S. 370) bzw. von der Einzelfallhilfe zum außerschulischen Jugendhilfeumfeld, wobei sie in der Schulsozialarbeit sowohl eine lebensweltliche Ressource als auch ein zentrales Element einer Bildungslandschaft sehen.

Der Sammelband schließt dann etwas abrupt mit dem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren, die weitgehend aus dem Fachhochschulbereich kommen.

Diskussion

Unter den Autor/innen sind deutsche Fachleute gegenüber österreichischen und schweizerischen überrepräsentiert, obwohl das Buch Entwicklungen der Schulsozialarbeit in allen drei Ländern aufzeigen und durch neue Impulse bereichern will. Das Lehrbuch ist rein aus der Perspektive der Sozialarbeit verfasst worden; Fachleute aus den Bereichen „Schule“ bzw. „Schulpädagogik“ sind unter den Autor/innen nicht vertreten. Es wäre sicherlich wissenswert, wie beispielsweise seitens der Schulleitung bzw. der Lehrer/innen die Zusammenarbeit mit Schulsozialarbeit und Jugendhilfe konzeptualisiert, verstanden und erlebt wird oder wie Schulpsycholog/innen und Beratungslehrer/innen mit Schulsozialarbeiter/innen kooperieren (könnten).

Fazit

Der Sammelband von Florian Baier und Ulrich Deinet vermittelt einen umfassenden Überblick über die Schulsozialarbeit. Entgegen dem Titel ist das Werk eher ein Lehrbuch als ein Praxisbuch, eignet sich also vor allem für die fachliche Reflexion dieses Handlungsfeldes im Rahmen der Ausbildung von Sozialpädagog/innen. So werden relevante theoretische Grundlagen vermittelt sowie Orientierungen und Handlungsprinzipien diskutiert. Stil und Layout entsprechen vergleichbaren Lehrbüchern.


Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 17.12.2010 zu: Florian Baier, Ulrich Deinet (Hrsg.): Praxis der Schulsozialarbeit. Methoden, Haltungen und Handlungsorientierungen für eine professionelle Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86694-194-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9769.php, Datum des Zugriffs 19.05.2019.


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