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Roland Seim, Josef Spiegel (Hrsg.): "The sun ain´t gonna shine anymore"

Rezensiert von Dr. Hubert Kolling, 15.07.2010

Cover Roland Seim, Josef  Spiegel (Hrsg.): "The sun ain´t gonna shine anymore" ISBN 978-3-933060-26-6

Roland Seim, Josef Spiegel (Hrsg.): "The sun ain´t gonna shine anymore". Tod und Sterben in der Rockmusik ; [zur Ausstellung "The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore" - Tod und Sterben in der Rockmusik im Rahmen des gleichnamigen Projektes ; u.a. im Rock´n´Popmuseum Gronau und im M. Telos Verlag (Münster) 2009. 272 Seiten. ISBN 978-3-933060-26-6. 16,80 EUR.
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Thema

Musik gilt als eine besonders flüchtige Kunstform. Kaum erklungen, ist sie mitunter auch schon verweht. Als Symbol für die Vergänglichkeit kann sie daher auch mit dem Thema Sterben und Tod in Verbindung gebracht werden. Erstaunlich dabei ist, dass auch das populärkulturelle und vorwiegend an Jugendliche gerichtete Unterhaltungsgenre der Rockmusik seit Mitte der 1950er Jahre sich vielfältig damit befasst. Dies jedenfalls dokumentiert eindrucksvoll der Band „The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“, der als Begleitkatalog einer gleichnamigen Ausstellung erschien.

Herausgeber

Für die Herausgabe des vorliegenden Begleitkataloges zeichnen sich Roland Seim und Josef Spiegel verantwortlich, die auch maßgeblich die dem Band zugrunde liegende Ausstellung initiierten und betreuten.

Roland Seim (Jahrgang 1965) legte nach dem Studium der Kunstgeschichte, Philosophie und Soziologie in Münster und Berlin 1993 sein Magisterexamen in Kunstgeschichte ab, bevor er 1997 in Soziologie mit einer Arbeit über Zensur in der deutschen Populärkultur promovierte. Noch im selben Jahr gründete er den Telos Verlag (www.telos-verlag.de) in Münster. Neben seiner Tätigkeit als Verleger und Online-Redakteur betreute er im Wintersemester 2006/07 mit Philip Akoto, Josef Spiegel und Hanns Wienold am Institut für Soziologie der Universität Münster das Projekt „Tod und Sterben in der Rockmusik“. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Zensur und Medienverbote, Populärkultur, Kunst, Filme, Musik und Comics, wozu er – zum Teil mit Josef Spiegel – auch eine Reihe von Fachzeitschriften und Monographien veröffentlicht hat.

Josef Spiegel (Jahrgang 1954) studierte Geschichte, Sozialwissenschaften, Germanistik und Theologie in Münster sowie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Promotion legte er an der Universität Münster ab. Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrbeauftragter an der Universität Münster und künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter des Kultursekretariates NRW (in Gütersloh) ist er seit 1996 Geschäftsführer der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen. Im Wintersemester 2006/07 betreute er mit Roland Seim, Philip Akoto und Hanns Wienold am Institut für Soziologie der Universität Münster das Projekt „Tod und Sterben in der Rockmusik“. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Zensur, Jugendkultur, Kulturgeschichte des Alltags, Musiksoziologie, Comics und zeitgenössische Kunst, wozu er – zum Teil mit Roland Seim – auch eine Reihe von Fachzeitschriften und Monographien veröffentlicht hat.

Entstehungshintergrund

Die Ausstellung, die von der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen konzipiert wurde, entstand aus dem im Wintersemester 2006/07 von Roland Seim, Josef Spiegel, Philip Akoto und Hanns Wienold am Institut für Soziologie der Universität Münster durchgeführten Projekt „The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“ – Tod und Sterben in der Rockmusik.

Zu sehen war die erfolgreiche Ausstellung mit ihren rund 300 Exponaten im Sommer 2009 in Europas erstem Rock- und Popmuseum im westfälischen Gronau (www.rock-popmuseum.de); vom 29. Mai bis 12. September 2010 präsentierte sie das renommierte Museum für Sepulkralkultur in Kassel (wwww.sepulkralkultur.de).

Neben rund 200 Platten- und CD-Cover, die die dunkle und morbide Seite des Glitzerbusiness zeigen, dokumentiert die Ausstellung auch etwa 30 Videos und rund 60 Liedtexte von Musikern wie den Rolling Stones, „Doors“-Sänger Jim Morrison („Light My Fire“) und US-Rocker Alice Cooper.

Aufbau

Entsprechend der Ausstellung beschäftigen sich die Beiträge des vorliegenden Begleitkataloges mit folgenden Themen:

  1. Vorwort (Josef Spiegel) (S. 5-6)
  2. Einleitung (Josef Spiegel) (S. 7-34)
  3. Gewalt, Tod und Sterben in der Rockmusik – (k)ein Risikothema für Schulen? (Michael Sylla) (S. 35-50)
  4. When the music´s over – turn out the lights. Psychedelische Utopien und Ernüchterungen, Höhenflüge und Abstürze (Anna Wassum mit Beteiligung von Julia Pennig) (S. 51-65)
  5. Der bluesige Psychedellic Pock der DOORS – Aufforderung zu Chaos und Tod (Jalanta Sidorowicz) (S. 67-77)
  6. No Sun, No Fun, No Future – Zur Todesthemaitik in Punk- und Independent-Musik (Roland Seim mit Beteiligung von Anna Bea Burghard) (S. 79-105)
  7. Tod und Sterben im US-Hardcore – als provokative Gesellschaftskritik und als spielerische Ästhetisierung und Gewissheit der Morbidität (Matthias Gorontzy mit Beteiligung von Britta Tekotte) (S. 107-120)
  8. Rock and Roll is here to stay – Selbstmord und Todessehnsucht in der Rockmusik (Tim Arnold) (S. 121-132)
  9. Tod und Sterben in der neueren Rockmusik (Tobias Brändle) (S. 133-144)
  10. Gott ist ein Popstar, aber was ist der Tod? Zwischen Provokation und Intention – Tod und Sterben bei OOMPH (Torsten Neumann) (S. 145-162)
  11. Tanz mit dem Schnitter – Der Tod als Teil einer Kritik an der postmodernen Gegenwartsgesellschaft – Und warum Gothics trotzdem alles andere als moderne düstere Blumenkinder sind (Philip Akoto) (S. 163-176)
  12. Das Sterben ist ästhetisch – Die deutsche Gothic-Szene (Bettina Volk) (S. 177-182)
  13. Carcass: Exhume to Consume – Die Faszination von Leichenphotos (Dominik Irtenkauf) (S. 183-196)
  14. Leben und Sterben im HipHop – Repräsentationen von Tod in einer schwarzen Musik (Dennis P.B. Luh) (S. 197-214)
  15. The Day Everything Became Nothing – Rockmusikalische Vergänglichkeits- und Untergangsphantasien am Beispiel der Popoi Memento mori und „Apokalypse“ (Dieter Hiebing) (S. 215-244)
  16. Lieder vom Spiel mit dem Tod – Musik und Cover Art-Work (Ben Binkle) (S. 245-256)
  17. Live fast, die young and leave a good-looking corpse! (Patrick Findeis) (S. 257-262)
  18. How does it feel? – Das letzte Konzert (Claudia Rusch) (S. 263-267).

Inhalt

Zu Inhalt und Intention der Ausstellung beziehungsweise des Begleitkataloges schreibt Josef Spiegel im Vorwort: „Gegenstand der Untersuchung ist das Verhältnis von Musikstil, Szene und Jugendbewegung einerseits und der existentiellen Erfahrung des Todes andererseits. Der Frage nach dem Zusammenhang von Tod und Rockmusik wird also weniger unter dem Gesichtspunkt des frühen Ablebens vieler Rockgrößen nachgegangen. Im Vordergrund steht vielmehr die These, dass Zeitgeist und Genre jeweils einen ganz eigenen Umgang mit dem Thema Tod bestimmt haben. Entsprechend werden markante Stationen der Rockgeschichte nachgezeichnet. Beginnend in den sechziger Jahren mit der psychedelischen Bewegung über die klassische Rockmusik der frühen siebziger Jahre und später dem Punk bis zu den heutigen Spielarten des Rock werden die jeweiligen Nuancierungen und Besonderheiten mit Blick auf das Thema Tod ansatzweise herausgearbeitet“ (S. 5).

Nach der sehr gelungenen Einleitung – einem kursorischen Streifzug durch die Rock- und Pop-Geschichte zum Thema Tod – von Josef Spiegel zeichnen verschiedene Autoren in einzelnen Beiträgen markante Stationen der Rock- und Popgeschichte vom Ende der fünfziger Jahre bis heute anhand dieses wichtigen und häufig verwendeten Themas innerhalb der Rockmusik nach. Leitlinie ist dabei jeweils das Verhältnis von Musikgenre, Szene und Jungendbewegung auf der einen Seite und der existentiellen Erfahrung von Tod auf der anderen Seite. Hierbei wird sehr anschaulich gezeigt, in welcher Form und unterschiedlichen Stilrichtungen sich die Rockmusik mit dem Thema auseinander setzte. Vom Psychedelic Rock der 1960er Jahre über Punk, Death Metal, Gothic bis hin zu HipHop werden anhand von relevanten „Leitfossilien“ markante Stationen der Rockgeschichte nachgezeichnet, wobei rund 200 vorwiegend kleinformatige Farbabbildungen von themenrelevanten Plattencovern, Flyern usw. die einzelnen Aufsätze illustrieren.

Wie die Darstellung zeigt, war noch zu Beginn der sechziger Jahre der Tod als Motiv in der populären Musik nur in Ausnahmefällen präsent. Erst der Psychedelic Rock ab Mitte der sechziger Jahre mit seinen Abstechern in die Sphären von Bewusstseinserweiterung und „neuen höheren Wirklichkeiten“ nutzte bestimmte Potentiale und Stufungen des Todesthemas zum ersten Male ganz gezielt.

Gegen Ende dieser weitgehend von „metaphysischen Sehnsüchten“ und „Flower Power“ geprägten Jahre trat dann mit dem durch exzessiven Lebensstil und Drogen verursachten Tod vieler Supergrößen des Rock, von Jimi Hendrix über Janis Joplin bis hin zu Jim Morrison, der real erlebte Tod in die Welt des Rock ein. Mit den brutalen Todesfällen unter den Zuschauern beim berühmt-berüchtigten „Altamont-Rock-Festivals“ der Rolling Stones war die Illussion des „Summer of Love“ dann endgültig von der Realität des Todes und auch der tödlichen Gewalt eingeholt worden. Auf den Covern und in der Rockmusik veränderte sich damit auch die Art der Darstellung und der Inhalte. So zeigte beispielsweise die Superband „Cream“ auf dem Cover ihre Songtitel als Inschriften auf einem Grabstein.

War die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod bis dahin noch weitgehend auf das eigene Bezugssystem der Musiker und ihrer Welt ausgerichtet, grenzte sich der Punkrock in der Folge davon klar ab. Unter Bezug auf Bildmaterial aus realen politischen Ereignissen wurden Tod und Sterben mit dem Schockpotential grausamer Kriegsbilder angeprangert. Leidenschaft, Freiheit und Romantik verbindet dagegen der Musikstil des Gothic-Rock mit dem Tod. Auf entsprechenden Covern sieht man Gräber, Ruinen, Grabsteine und Kirchen als Attribute einer Lebenshaltung, die auf eine existentielle Fragestellung abzielt.

Ganz anders dagegen nutzt der Hard-Rock und Death-Metalrock das Todesthema. Eindeutig stehen hier Schock- und bizarre Horroreffekte im Vordergrund. Eine Sonderstellung in diesem Genre die spezielle Ausprägung der „Neuen deutschen Härte“ mit auch international bekannten deutschen Gruppen wie „Rammstein oder „Oomph!“ ein. Besonders Letzere setzte das Todesthema vielfach und oft auch mit provokativer und herausfordernder Gestik in ihren Songs ein.

HipHop und Rapmusik wiederum kommuniziert in szenegriffigen Freund-Feind-Bildern die Probleme von Getto und Straße, wie Bandenkriege und Drogen, aber auch gewaltsamen Tod und Mord.

Zu den scheinbar zeitlosen Registern der Rockmusik gehören, so die Ausstellung beziehungsweise die entsprechenden Beiträge, auch die Themen „Todessehnsucht und Selbstmord“. Daneben spiegeln sich in den Themen mancher Musiker und Gruppen aber auch die Sorgen um kollektive und globale Vernichtungsszenarien, wie nukleare Zerstörung, Umwelt-GAUe oder Klimakatastrophen.

Diskussion

Das Wissen um die Vergänglichkeit alles Irdischen begleitet die Menschheit durch alle Epochen ihrer Geschichte und wurde vielfach in Kunst, Literatur, Film und Musik reflektiert. So auch intensiv in der Rockmusik, wie der vorliegende Begleitband „The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“ – Tod und Sterben in der Rockmusik zur gleichnamigen Ausstellung eindrücklich belegt.

Die einzelnen Beiträge machen deutlich, dass Zeitgeist, Genre und Stilart der Musik jeweils einen ganz eigenen Umgang mit dem Thema bewirkt haben. Zugleich zeigen sie anschaulich, dass auch der „Kosmos Rockmusik“ gerade jungen und jugendlichen Menschen eine umfassende und komplexe Sprache bereitstellt, mit der sie auch so wesentliche und wichtige Lebensthemen wie Sterben und Tod in einer ihr nahen und eigenen Ausdrucksform betrachten, werten und verbreiten können.

Der von Roland Seim und Josef Spiegel herausgegebene Band „The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“ erlaut über die Zeit der Ausstellung hinaus, sich über das Thema „Tod und Sterben in der Rockmusik“ in einem breiten Spektrum kompetent, umfassend und auf äußerst kurzweilige Art zu informieren.

Fazit

„The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore“ ist ein gelungenes, lesenswertes Buch für alle, die sich über das Thema „Tod und Sterben in der Rockmusik“ kompetent, umfassend und kurzweilig informieren möchten.

Rezension von
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 15.07.2010 zu: Roland Seim, Josef Spiegel (Hrsg.): "The sun ain´t gonna shine anymore". Tod und Sterben in der Rockmusik ; [zur Ausstellung "The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore" - Tod und Sterben in der Rockmusik im Rahmen des gleichnamigen Projektes ; u.a. im Rock´n´Popmuseum Gronau und im M. Telos Verlag (Münster) 2009. ISBN 978-3-933060-26-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9779.php, Datum des Zugriffs 14.08.2022.


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