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Mark Terkessidis: Interkultur

Rezensiert von Prof. Dr. Lilo Schmitz, 03.09.2010

Cover Mark Terkessidis: Interkultur ISBN 978-3-518-12589-2

Mark Terkessidis: Interkultur. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2010. 220 Seiten. ISBN 978-3-518-12589-2. 13,00 EUR.
Reihe: Edition Suhrkamp - 2589
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Thema

Interkultur wird in Deutschland als Angelegenheit der Migrantinnen und Migranten und ihrer Nachkommen betrachtet, keinesfalls als Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Analytisch und programmatisch präsentiert in diesem Band Mark Terkessidis seinen Gegenentwurf, der nicht nach einer besseren Förderung von „ihnen“, sondern nach einem Umbau des „wir“ ruft.

Autor und Entstehungshintergrund

Mark Terkessidis ist Journalist, Autor, Migrations- und Rassismusforscher. Der 1966 geborene studierte Psychologe war neben seinem Thema Rassismus stets auch im Bereich der Populärkultur aktiv. Er war Redakteur der Zeitschrift „Spex“ und Mitbegründer des „Institute for Studies in Visual Culture“ in Köln.

Seine Dissertation über das Wissen über Rassismus in der zweiten Migrantengeneration erschien unter dem Titel „Die Banalität des Rassismus“.

Bekannt wurde er auch durch seine deutliche Position gegen die These von der gescheiterten Integration, wie sie Necla Keles vertritt.

Aufbau und Inhalt

Der Titel „Interkultur“, wie ihn Terkessidis verstanden wissen will, bezeichnet ein politisch-gesellschaftliches Programm, das weit davon entfernt ist, Menschen essentialistisch auf ihre „kulturelle“ oder „ethnische“ Zugehörigkeit festzulegen. „Interkultur“ bezeichnet dagegen ein lebendiges Projekt immer neuer aktueller Formen von Gleichzeitigkeit, Zeitgenossenschaft, Modernität und Dynamik, in dem alle Menschen „barrierefrei“ mitwirken.

Um sein Programm zu verdeutlichen, finden sich im Band „Interkultur“ 5 Aufsätze, die durchaus einzeln für sich stehen können, sich aber, umrahmt von Einleitung und Schlusswort, zu einem ganzheitlichen Plädoyer zusammen fügen für diversity als Grundlage der zeitgenössischen Gesellschaft in Deutschland, wo das Alltags-Leben besonders in den Städten vielfältig, widersprüchlich, reich, rassistisch und freundlich, chaotisch und geordnet, konflikthaft und reibungslos zugleich abläuft.

Während weiterhin die dumpfen Vorstellungen einer irgendwie „deutschen“ Leitkultur herrschen, die einen großen Teil ihrer Landsleute einfach ausschließt und in anderen Ländern verortet („Migrationshintergrund“, „Moslems“ „Türken“), haben sich die Städte schon gewandelt von der Polis zur „Parapolis“ (11ff.).

War die Idee der Polis häufig verbunden mit der Idee der Sesshaftigkeit und der einen Heimat, wird die Parapolis von vielfach unterschiedlichen Individuen gleichzeitig genutzt, die sich in ihr beheimaten und deren Zukunft sie gestalten, auch wenn ihr Aufenthalt manchmal nur vorübergehend ist und die Menschen häufig Lebensbezüge zu mehr als einem Ort haben und transnationale Netzwerke pflegen. Die Bürgerinnen und Bürger dieser Parapolis, dieses pulsierenden, reichen wie sperrigen Gebildes schaffen gemeinsam in Gleichzeitigkeit ihre Gegenwart und gestalten ihre Zukunft: „Es ist egal, woher die Menschen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Polis aufhalten, kommen und wie lange sie sich dort aufhalten. Wenn erst einmal die Zukunft im Vordergrund steht, dann kommt es nur noch darauf an, dass sie jetzt, in diesem Moment anwesend sind und zur gemeinsamen Zukunft beitragen.“ (220)

Terkessidis setzt sich ein für ein neues Selbst-Bewußtsein der Deutschen: weitab von Kuckucksuhr, Lederhose und Blutwurst soll „die Vielheit auf den Straßen“ Grundlage einer neuen Idee von Deutschsein werden. Im städtischen Miteinander sieht Terkessidis bereits Ansätze zu selbstverständlichem Nebeneinander wie zu lebendiger und gemeinsamer Aktion verwirklicht. Die Stadt ist durchzogen von Netzwerken, die sich nur zum Teil überschneiden, sich teilweise fremd sind und sich bewusst isolieren wie eine reiche weiße Minderheit, die Terkessidis gemeinsam mit dem Netzwerk Kanak Attak im Kölner Stadtteil Lindenthal erforschte.

Heimatbezogenheit wird in der Stadt oft bewusst produziert und bewusst vorenthalten: Am Beispiel Düsseldorf zeigt Terkessidis, wie einerseits markante Bauwerke finanziert werden, um Touristinnen und Touristen sowie „global players“ eine leicht zugängliche Ortsbezogenheit mit Wiedererkennungswert zu ermöglichen, andererseits Menschen jahrelang in transitartigen Wohnprovisorien wie Containern, Zelten und Hotelschiffen untergebracht und so daran erinnert werden, dass sie hier nicht willkommen sind und sich nicht beheimaten sollen (21ff.)

Terkessidis wehrt sich gegen den alltäglichen Rassismus, der Menschen, auch wenn sie in Deutschland geboren sind, in anderen Ländern verortet und mit der oft gutgemeinten Frage „wo kommst du eigentlich her?“ , wobei als Antwort die Nennung eines fremden Landes erwartet wird, ihnen das selbstverständliche Recht des Hier-sein-dürfens nimmt. Neben dieser „Entfremdung“(77ff.) kommt es auch zu einer „Entgleichung“ (83ff.), d.h. den etikettierten Menschen werden Defizite unterstellt.

Weiterhin wehrt er sich gegen den strukturellen Rassismus, der Integration nicht als politische Aufgabe des Staates, der Politik, der Gesellschaft, sondern als Aufgabe von Einwanderern und ihrer Nachkommen betrachtet. Sobald Deutschland in internationalen Studien zur Integration schlecht abschneidet, sind die Zuwanderer schuld. Diese Schuldzuweisung wird ungewollt nicht zuletzt gefördert eine „Integrationsindustrie“ (47), ein Herr von Fachleuten wie Pädagoginnen, die aufgrund der Vorurteile in Politik und Bevölkerung bezahlt werden.

Wer einmal als Migrantin oder Kind von Migrantinnen abgestempelt ist, wird ständig beobachtet und taxiert. Wer die Sprache seiner Großeltern lernt und pflegt, will sich nicht integrieren, wer sie nicht pflegt, verleugnet seine „Wurzeln“ – stets kann man Objekt abwertender Beobachtungen und Deutungen werden.

Die Lösung liegt für Terkessidis in seinem Programm „Interkultur“. Im Gegensatz zu gängigen interkulturellen Programmen, die oft nur Programme für Einwanderer und ihre Familien umfassen, ist Terkessidis‘ Entwurf ein diversity-basiertes Programm für die gesamte Gesellschaft. „Barrierefreiheit“ steht für die Möglichkeit aller Bürgerinnen, Institutionen zu nutzen, weiter zu entwickeln und Gesellschaft mit zu gestalten.

Diversity bedeutet dabei nicht, dass einzelne Menschen auf eine Herkunftskultur festgelegt werden. Das Ziel ist nicht die Anerkennung ethnischer Gruppen, sondern „die Schaffung eines barrierefreien Möglichkeitsraumes für die Individuen, die sich möglicherweise bestimmten Gruppen zugehörig fühlen oder ihnen zugerechnet werden“ (119).

Mit zahlreichen Beispielen belegt Terkessidis, wie in anderen Ländern (Britanien, Frankreich, USA) sowohl die Politik wie auch die Wissenschaft (cultural studies) in dieser Beziehung fortschrittlicher sind.

Terkessidis führt sein Interkultur-Programm auch für Institutionen und Betriebe aus und entwirft ein diversity-freundliches Bild von einem wahrhaftig bürgerorientierten Kulturbetrieb der Zukunft.

Zielgruppen und Fazit

In kurzweilig zu lesender Form ist es Mark Terkessidis gelungen, die wichtigsten Elemente zeitgenössischer deutscher Rassismuskritik zu benennen, ohne in Larmoyanz zu verfallen. Die bereits erfolgten Entwicklungen in der Parapolis und das Programm der Interkultur rechtfertigen den Optimismus und die Freude, die das Buch ausstrahlt.

Für eine breite Leserschaft – ein Muss für alle Studierenden Sozialer Arbeit und ihre Bibliotheken.

Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
ILBB – Institut für lösungsorientierte Beratung Brühl
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
ehem. Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 126 Rezensionen von Lilo Schmitz.

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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 03.09.2010 zu: Mark Terkessidis: Interkultur. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2010. ISBN 978-3-518-12589-2. Reihe: Edition Suhrkamp - 2589. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9781.php, Datum des Zugriffs 26.06.2022.


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