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André F. Zimpel (Hrsg.): Zwischen Neurobiologie und Bildung

Cover André F. Zimpel (Hrsg.): Zwischen Neurobiologie und Bildung. Individuelle Förderung über biologische Grenzen hinaus. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 192 Seiten. ISBN 978-3-525-70125-6. 16,90 EUR.
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Thema

„Hauptgegenstand des Buches ist […] die Bedeutsamkeit des subjektiven Erlebens in pädagogischen Situationen. Sie zeigt sich besonders klar bei bestimmten genetischen oder auch sozial verursachten Syndromen: Führt die Diagnose eines Syndroms zur sozialen Ausgrenzung oder zu mehr Verständnis? Zieht die Diagnose mein Selbstbewusstsein nach unten oder finde ich neue Vorbilder, die mich ermutigen, meinen eigenen Weg zu gehen?“ (S. 15)

Dieses Buch steht in einem Kontinuum, Andre Zimpel führt damit seine human­mathematischen Überlegungen aus dem Buch „Der zählende Mensch“ weiter, wobei nun die „Systemische Syndromanalyse“ in den Vordergrund tritt.

Aufbau und Inhalt

Die Abgrenzung der „Systemischen Syndromanalyse“ von der „Rehistorisierenden Diagnostik“ (Jantzen) erfolgt in den zu vollziehenden Schritten der Syndromanalyse: vom Allgemeinen zum Einzelnen hin zum Besonderen.

Im ersten Teil des Buches – dem Allgemeinen – widmet sich Zimpel den Grundlagen des Erlebens und Verhaltens. Er thematisiert die „Verobjektivierung des Subjektiven“ u.a. über die mathematische Herleitung und die Frage nach der Aussagekraft der Normalverteilung. „Das große Spektrum der Verschiedenheit mittlerer Werte untereinander zeigt, dass die Vorstellung von einem einheitlichen normalen Typus wie zum Beispiel „Lieschen Müller“ oder „Otto Normalverbraucher“ (S. 29) eine Täuschung ist. Daran anschließend legt Zimpel die „Biologische Bedeutung des Erlebens“ unter Bezugnahmen der Kybernetik und die Darlegung von Prozessen der Selbststabilisierung und Selbstbeschreibung dar. Anhand der Geschichte von Ralph bündelt er die in Kapitel 1 und 2 skizzierten Theorien und zeigt die Möglichkeiten einer systemischen Syndromanalyse auf.

Im zweiten Teil des Buches – dem Einzelnen – wird der Blick in die Praxis gerichtet, an „Fallgeschichten“ werden „Bildungsverläufe unter schwierigen biologischen Bedingungen“ (S. 17) geschildert. Die fünf Beiträge in diesem Teil des Buches zeigen anhand der individuellen Lebensgeschichten die zentralen Elemente und die „Nützlichkeit“ der Syndromanalyse auf. Es wird die Geschichte von Norma, einer jungen Frau nachgezeichnet, die aufgrund ihres Verhaltens immer wieder im Gefängnis leben muss und auch dort leben möchte. Sie ist ohne Eltern aufgewachsen und sie stand seit früher Kindheit unter Medikation aufgrund des Verdachts auf ADHS. Margaretha Hein, die den Lebensweg von Norma nachgezeichnet hat, zeigt, wie sie mit der systemischen Syndromanalyse die Symptome von Norma neu deutet als ein Tourette-Syndrom. Silke Marr-von Ostrowski zeichnet Anna`s schwierigen Weg zum Abitur nach, damit verweist sie auf die Bedeutsamkeit des Verstehens des Lernprozesses durch Lehrer und Lehrerinnen. Franziska Noack kennzeichnet mit der Geschichte von Nele die Relevanz des Dialoges, seiner Spielarten und die notwendigen Bedingungen des Dialogpartners, sich auf einen Dialog einzulassen. Die Zentralität des Dialoges in pädagogischen Unterstützungen wird auch in der Geschichte über Marie von Julia Schwering nochmals betont. Sie arbeitet mit dieser Fallgeschichte heraus, dass Marie unbedingt als eigene Expertin für ihre Krankheit anerkannt werden muss. In der fünften Geschichte nähert sich Maren Wächter der Geschichte von Kevin an, dessen „Medizinische Diagnose enthielt eine bloße Aufzählung von Symptomen“ (S. 117), indem Sie danach fragt „Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Gedächtnis keine lebensgeschichtliche Kontinuität herstellt?“ (S. 125).

Im dritten Teil des Buches steht das Besondere im Mittelpunkt, so wird im ersten Beitrag durch Michael Macykowski die Entstehung und die Besonderheiten der systemischen Syndromanalyse hervorgehoben. Er betont die Notwendigkeit der Reflexion und das Ziel der Methode: „die eigene Wahrnehmung so lang zu verändern, bis sich Achtung vor noch so unverständlichen Verhaltensweisen einstellt“ (S. 131). Die aus einer Syndromanalyse resultierende pädagogische Idee ist demnach zu unterscheiden von Fördermaßnahmen und pädagogischen Interventionen, denn sie ist „keine Aufzählung von Maßnahmen zur Überwindung von Abweichungen einer mehr oder weniger bewusst erwarten Norm“ (S. 141). Andre Zimpel arbeitet in diesem Abschnitt des Buches das Besondere der systemischen Syndromanalyse mit der expliziten Unterscheidung zwischen Innen- und Außensicht heraus. Er betont vor allem die Bedeutsamkeit des Erlebens und dessen Tragweiten für die pädagogischen Prozesse, die auf dieses rekurieren. Am Beispiel des freien Willens zeigt er die Notwendigkeit von Bildung und Erziehung auf und leitet pädagogische Konsequenzen für die Pädagogik ab, die zugleich Konsequenzen für die Bewertung des Lebens haben. Seine Referenzpunkte sind in erster Linie die Konzepte von Foerster und Maturana „Biologie der Bildung“.

Die letzten beiden Beiträge in dem Buch widmen sich dem Pädagogen als Lernforscher. Nachdem Zimpel die Bedeutsamkeit und Notwendigkeit des Pädagogen als Lernforschers herausgearbeitet hat, bestimmt er drei Regeln für den Lernforscher:

  1. „ Es gibt keine Rezepte. Menschen kann man nicht entwickeln. Entwickeln können sie sich nur selbst“. (S. 183)
  2. „Wenn Bildungsangebote keine Zufallstreffer sein sollen, kommt es auf das subjektive Erleben an.“ (S. 184)
  3. „Jede Spekulation über den Sinn eines Verhaltens, […] kann ihren Wert erst in der pädagogischen Praxis zeigen“ (S. 185)

Diskussion

Alle Beiträge in diesem Buch sensibilisieren den Leser, die Innenperspektive von Menschen nachzuvollziehen. Dieses durch den Autor erklärte Ziel ist unseres Erachtens gelungen, vor allem auch an Hand der Vielzahl und Unterschiedlichkeit der dargestellten „Fallgeschichten“. Am Beispiel dieser wird unseres Erachtens sehr gut deutlich, dass es sich bei einer systemischen Syndromanalyse um eine „diagnostische Methode mit pädagogischer Zielsetzung, die den Perspektivwechsel bewusst reflektiert“ (S. 65), handelt. Die zentralen Elemente sind Objektivität, gedankliche Simulation der Innensicht durch den Diagnostiker mit dem Ziel des Verstehens und der „Achtung des Menschen und die aktive Auseinandersetzung mit seinen Entwicklungsmöglichkeiten“ (S. 182), wie auch die ständige Selbstreflexion des eigenen Vorgehen.

Dieses Denkgerüst wurde u.a. von Andre Zimpel für pädagogische Situationen entwickelt, in denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Mit dem Verweis, dass „auch extreme Formen des Erlebens … eine biologisch sinnvolle und damit zugleich eine allgemeinmenschliche Grundlage (besitzen, d.A.)“ (S. 182), machen die Autoren Mut „vermeintlich unabänderliche biologische Grenzen als Herausforderung anzunehmen“.

Fazit

Beim Durcharbeiten des Buches werden die Leser von einem Optimismus ergriffen, der letztlich dazu führt, sich auf einen Perspektivwechsel einzulassen, denn dieser „ist das Wesen jeder Form dialogischen Lernens“ (S. 18) und ermöglicht das individuelle Erleben nachzuvollziehen, welches der „Schlüssel jedes Bildungsangebotes“ ist.

Wir empfehlen dieses Buch jedem angehenden und bereits ausgebildeten Pädagogen ebenso, wie interessierten Eltern.


Rezensentin
Dr. Anke Langner
Universität Köln, Modellkolleg Bildungswissenschaften

Rezensentin
Prof. Dr. Kerstin Ziemen
Universität Köln
Pädagogik und Didaktik bei Menschen mit geistiger Behinderung
Homepage www.competens.de
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Zitiervorschlag
Anke Langner/Kerstin Ziemen. Rezension vom 25.06.2010 zu: André F. Zimpel (Hrsg.): Zwischen Neurobiologie und Bildung. Individuelle Förderung über biologische Grenzen hinaus. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-70125-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9788.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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