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Anita Heiliger, Traudl Wischnewski (Hrsg.): Verrat am Kindeswohl

Cover Anita Heiliger, Traudl Wischnewski (Hrsg.): Verrat am Kindeswohl. Erfahrungen von Müttern mit dem Sorge- und Umgangsrecht in hochstreitigen Fällen. Frauenoffensive (München) 2003. 256 Seiten. ISBN 978-3-88104-356-4. 19,90 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Anliegen der Herausgeberinnen, Zielgruppen

Das Anliegen der Herausgeberinnen ist es, die betroffenen Mütter zu stärken und einen Beitrag zu leisten, Praxis und Gesetzgebung zugunsten des Kindeswohls zur Reflektion anzuregen und zur Veränderung ermutigen. Das Buch will Öffentlichkeit herstellen, Gerichte, Jugendämter, sowie die Politik informieren.

Gliederung, Inhalte

Nach einer engagierten Einführung der Herausgeberin Anita Heiliger in die Thematik "Verrat am Kindeswohl durch väterliches Umgangsrecht in hochstreitigen Fällen" folgen Erfahrungsberichte der betroffenen Mütter. Hier wird die Problematik in drei verschiedene Themenschwerpunkte unterteilt:

  1. Kampf gegen den Umgang bei körperlicher und sexueller Gewalt gegen die Frau
  2. Kampf gegen das Umgangsrecht beim Verdacht des sexuellen Missbrauchs durch den Kindsvater
  3. Kampf gegen den Umgang bei Psychoterror und anderen Problemen im Verhalten von Kindsvätern

Im nächsten Teil folgt auf 40 Seiten die Zusammenfassung der Ergebnisse einer schriftlichen Befragung zu Problemen von Frauen mit dem Sorge- und Umgangsrecht. (Der Fragebogen mit 14 Fragekomplexen und 68 Einzelfragen ist allerdings weder in dem Kapitel noch im Anhang abgedruckt.) Von 75 eingegangenen Fragebögen wurden 72 ausgewertet, deren Aussage zugegebenermaßen nicht repräsentativ ist. Die Auswertung gliedert sich in Aussagen über:

  • Situation der Frauen und Kinder
  • Erfahrung mit Institutionen
  • Forderungen der Frauen

Es schließt sich ein Aufsatz von Elke Ostbomk-Fischer zum Thema "Neues Recht des Kindes oder Recht auf das Kind" an (S. 190 - 218). Nach einer Einführung in die Grundlagen der Fragestellung erfolgt ein Problemaufriss zum Thema "Umgang", welches insbesondere aus entwicklungspsychologischer Sicht beleuchtet wird; die folgenden Unterpunkte thematisieren den "betreuten Umgang: Wer wird betreut?", "Qualitätsstandards für Mütter und Väter" und "Anforderungen an einen kindeswohlgerechten Umgang".

Der nachfolgende Artikel der Fachanwältin für Familienrecht Frau R. C. Strasser "Sorge- und Umgangsrecht aus anwaltschaftlicher Perspektive" behandelt die gesetzlichen Grundlagen und die gerichtliche Praxis des Sorge- und Umgangsrechts nach der Kindschaftsrechtsreform. Die Perspektiven der anwaltlichen Arbeit werden verdeutlicht - finanzielle Fragen, der Umgang mit den Mandantinnen und Wünsche an die Gerichte / Rechtsprechung in Hinblick auf eine realistische Handhabung der problematischen Fälle von Sorge- und Umgangsrecht werden konkret benannt, einschließlich eines Blicks in die Zukunft hin zu einer möglichen Interessenvertretung von Müttern selbst.

Ein kritischer Artikel zum "PAS und Kindeswille" von Anita Heiliger rundet die Umgangsrechtsthematik ab. Den Abschluss bildet eine rechtswissenschaftliche Abhandlung von Sibylla Flügge zu "Trennung von Paar- und Elternebene oder: Wer schlägt, der geht? - Familienrechtliche Bruchstellen im Gewaltschutzgesetz".

Anmerkungen der Rezensentin

Das Buch von Heiliger und Wischnewski besticht durch seine Deutlichkeit, Lebendigkeit und konkret praktische Darstellung der Thematik des "Kindeswohls". Nur so - nämlich durch die Analyse von Einzelfällen - wird die Problematik nachvollziehbar transparent. Dass das Kindeswohl nach Trennung oder Scheidung nicht allein oder besonders durch die Beibehaltung der gemeinsamen elterlichen Sorge gewahrt wird, wird hier durch die ungeschminkte Darstellung einiger hochstreitiger Fälle verdeutlicht. Kritisch wird - auch nach Meinung der Rezensentin - die Meinung der Mitarbeiterinnen in Institutionen betrachtet, die allzu oft den Zusammenhang von Partnergewalt und Kindeswohlgefährdung fatalerweise nicht erkennen.

Überzeugend sind diesbezüglich die Berichte der betroffenen Mütter, die eben diese Erfahrungen mit den Institutionen schildern. Klar wird hier auch, dass sich infolge der Kindschaftsrechtsreform die Konflikte verschieben vom Sorge- auf das Umgangsrecht - diese Fallkonstellationen entstehen insbesondere dann, wenn Väter beispielsweise das angestrebte gemeinsame Sorgerecht nicht erreichen und dann ein uneingeschränktes Umgangsrecht trotz einer Paargewaltthematik verlangen.

Das Recht des Kindes auf Umgang mit beiden Eltern wird - wie sich aus den Befragungen ergibt - unkritisch als Vehikel benutzt ohne konkret die Situation des einzelnen Kindes differenziert zu analysieren. 74 % der Angaben zu den Erfahrungen mit dem Jugendamt und 85 % der Angaben zu den Erfahrungen mit dem ASD sind negativ; insgesamt wird deutlich, dass die aktuelle Gesetzeslage die beteiligten Institutionen einschließlich der Justiz zu der Position veranlasst "Umgang muss sein" und zwar trotz massiver familiärer Konfliktlagen.

In der Auswertung der Fragebögen werden die Erfahrungen der betroffenen Mütter und Kinder mit den unterschiedlichen Professionen übersichtlich und prägnant zusammengefasst.

Daraus folgend werden Forderungen an Justiz, Sozialarbeit und Politik formuliert, u.a. wird eingefordert, mehr Rücksicht auf "die hohe Diskrepanz in den materiellen Lebensbedingungen von Männern und Frauen zu nehmen - mit der Zwangsgeldandrohung bei Umgangsverweigerung werde genau auf diese Diskrepanz gesetzt und so ein Druckmittel gefunden, die Frauen zur Aufgabe ihres Kampfes um den Schutz ihres Kindes zu bewegen (S. 187). Die Mütter fordern tatsächlich den Kindes- und nicht den Väterinteressen Priorität einzuräumen. Nach Auffassung der Herausgeberinnen kann Kindeswohl vom Wohl der Mutter nicht getrennt verstanden werden.

Beeindruckend im Theorieteil der Aufsatz von Elke Ostbomk-Fischer, der sich begründet kritisch zu den "neuen Vätern" äußert, und sodann entwicklungspsychologisch Stellung bezieht zu Fragen des Umgangs des Kindes mit den Eltern bei Trennung. Sehr ansprechend und konstruktiv folgen am Ende ihrer Abhandlung sodann 10 Punkte perspektivisch als Anforderungen an einen kindeswohlgerechten Umgang und klare Kriterien für Umgangsausschluss oder begleiteten Umgang.

Der Aufsatz von Strasser (RAin) verdeutlicht konkret und praktisch die rechtliche Situation der betroffenen Frauen und weist gut auf Risiken und Problemlagen in gerichtlichen Verfahren zum Sorge- und Umgangsrecht hin. Die Frauen werden von der Autorin direkt angesprochen und es werden brauchbare Tipps gegeben (S. 224 ff.). Sachlich und realistisch nimmt die Autorin zur Thematik der hochstreitigen Sorge- und Umgangsrechtsfälle Stellung und zeigt notwendige, interessante Perspektiven auf, die die Frauen unterstützen und ermutigen können.

Anita Heiligers Artikel zum PAS-Syndrom ist eindeutig kritisch - belegt durch die Auswertung verschiedenster Studien zur Thematik (leider fehlt die im Text verwendete Literaturquelle von Gerth (1998, S. 230) im Literaturverzeichnis) und eine äußerst hilfreiche Argumentationsgrundlage für Fälle, in denen die Thematik des sogenannten Entfremdungssyndroms insbesondere seitens der Väter und ihrer RAe zur Sprache gebracht wird, um die betreuenden Mütter zu diskreditieren und die Rechte der Väter durchzusetzen.

Last not least zeigt die Juristin Sibylla Flügge die verzwickten Abhängigkeiten des Kindes und der Mütter gegenüber den Vätern durch die neuen gesetzlichen Regelungen der Kindschaftsrechtsreform auf - sie macht deutlich, dass das Kind mit seinem Recht auf Umgang gerade kein unabhängiges Rechtssubjekt ist. Die im Anhang abgedruckte Beschlussvorlage (S. 249) fordert konsequent Ausschluss des gemeinsamen Sorgerechts gegenüber Müttern gewalttätiger Männer im Interesse des Kindeswohls und für die gleiche Zielgruppe einen zeitlich beschränkten Ausschluss des Umgangsrechts.

Fazit und Empfehlung

Das Anliegen der Herausgeberinnen betroffene Mütter zu stärken gelingt zum Teil, insbesondere durch die Forderungskataloge, Tipps und kritische Analysen - die Berichte der Mütter ermutigen nicht nur, die Einzelfälle sind so drastisch, dass sie auch entmutigen könnten, aber sie sind unbedingt geeignet, zur kritischen Reflexion zu provozieren.

Das Buch dürfte gerade für die Praxis der an familiengerichtlichen Verfahren beteiligten Berufsgruppen hilfreich sein, das eigene Handeln unter dem Aspekt einer deutlichen Fokussierung auf das Wohl des Kindes / Kindesinteresses zu reflektieren und im Interesse der Betroffenen zu optimieren. Für die politische Auseinandersetzung in Hinblick auf mögliche gesetzliche Änderungen stellt es eine interessante und aufschlussreiche Diskussionsgrundlage dar.

Ein wichtiges, lesenswertes Buch.


Rezensentin
Prof. Dr. Angelika Gregor
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Fachgebiet Rechtswissenschaft


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Zitiervorschlag
Angelika Gregor. Rezension vom 17.08.2004 zu: Anita Heiliger, Traudl Wischnewski (Hrsg.): Verrat am Kindeswohl. Erfahrungen von Müttern mit dem Sorge- und Umgangsrecht in hochstreitigen Fällen. Frauenoffensive (München) 2003. ISBN 978-3-88104-356-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/979.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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