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Kathrin Schramm: Erziehungswissenschaft im Bologna-Prozess

Cover Kathrin Schramm: Erziehungswissenschaft im Bologna-Prozess. Zwischen Professionalisierung und Deprofessionalisierung. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 273 Seiten. ISBN 978-3-8288-2299-3. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.
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Thema

Mit dem Bologna-Prozess ist in der Erziehungswissenschaft eine Debatte aufgekommen, in wieweit die Hochschulstrukturreform zu einer Deprofessionalisierung der Disziplin führt. Hierfür gibt es sicherlich Anhaltspunkte, jedoch sind solcherlei Befürchtungen bisher weitestgehend diffus geblieben, ebenso wie der Professionalsierungsbegriff nicht immer differenziert verwendet wird. Die Autorin setzt sich intensiv mit der Bologna-Reform, der Implementierung der neuen Studiengänge in der Erziehungswissenschaft und dem Professionalisierungsbegriff auseinenander, um so eine Annäherung an die Frage zu leisten, inwieweit tatsächlich in der Erziehungswissenschaft von einer Deprofessionalisierung oder der drohenden Gefahr einer Deprofessionalisierung gesprochen werden muss. Dabei geht es ihr auch um die generelle Frage, welche Entwicklungen in der Erziehungswissenschaft durch den Bologna-Prozess angestoßen wurden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch unterteilt sich in sieben Kapitel.

1.Einführung. In der Einführung wird Fragestellung und Vorgehen vorgestellt sowie kurz auf die beiden unterschiedlichen Bezeichnungen „Pädagogik“ und „Erziehungswissenschaft“ und auf die Ausdifferenzierung der Subdisziplinen eingegangen.

2. Der Bologna-Prozess auf europäischer Ebene. In diesem Kapitel werden Geschichte und Ziele, Fortgang der Reform durch den Bologna-Folgeprozess sowie die zentralen Begriffe Employabilty, Qualifikationsrahmen, Modularisierung und Akkeditierung aufgegriffen und detailliert dargelegt. Tabellen tragen zur übersichtlichen Darstellung bei. Das weitere Unterkapitel zur Verflechtung von Bologna-Prozess und Wirtschaftpolitik am Schluss ist leider etwas knapp und oberflächlich gehalten.

3. Der Bologna-Prozess in Deutschland. Hier wird genauer auf die Situation vor der Bologna-Deklaration, die hochschulpolitische Umsetzung der Reform und landesspezifische Diskussionen rund um den Bologna-Prozess eingegangen. Auch hier tragen Tabellen und ein von der Autorin entworfenes Schaubild zur besseren Übersicht bei.

4. Der Bologna-Prozess in der Erziehungswissenschaft. Hier werden die Positionen von für die Erziehungswissenschaft relevanten Institutionen (DGfE, EWFT, BV Päd e.V., GEW) dargestellt sowie ein Überblick über die aktuelle Datenlage zur Umstrukturierung erziehungswissenschaftlicher Studiengänge gegeben. Die Debatten in der Erziehungswissenschaft zum Bologna-Prozess werden kategorisiert, beschrieben und durch ein Schaubild dargestellt.

5. Der professionstheoretische Rahmen. Da keine Theorien zur Deprofessionalisierung zur Verfügung standen, versucht die Autorin aus vorhanden Theorien zur Professionalisierung Entsprechendes abzuleiten. Hierfür verwendet sie ausgehend von der klassischen Professionstheorie die Professionstheorien von Oevermann, Koring und Nieke. Im Eilgang geht sie noch knapp auf konstruktivistische Theorien zur Professionalisierung und auf das interaktionistische Konzept von Schütze ein.Schließlich setzt sie sich mit dem Deproffesionalisierungsbegriff, wie er insbesondere in der Erziehungswissenschaft in Debatten auch vor dem Bologna-Prozess verwendet wurde, auseinander.

6. Erziehungswissenschaft und Pädagogik zwischen Professionalisierung und Deprofessionalisierung – zusammenfassende Diskussion der Ausgangsfrage. In diesem Kapitel soll schließlich die Beantwortung der Ausgangsfragestellung stattfinden. Vorab wird aber noch eine Zusammenfassung aller vorangehenden Kapitel bereit gestellt. Anschließend werden Argumente der erziehungswissenschaftlichen Deprofessionalisierungsdebatte tabellarisch mit den Fakten der sich durch den Bologna-Prozesses ergebenden Umstellung abgeglichen. Aus den drei verwendeten Professionstheorien werden nun Aspekte zusammengestellt, die in ihrer Umkehr auf eine Deprofessionalisierung hinweisen würden. Ergebnis ist eine Zusammenschau einiger problematischer Aspekte, die jedoch aus Sicht der Autorin nicht den sicheren Schluss zulassen, dass der Bologna-Prozess tatsächlich zu einer Deprofessionalisierung in der Erziehungswissenschaft führt.

7. Schluss. Die Autorin kommt zu dem Fazit, dass durch den Bologna-Prozess sowohl Risiken einer Deprofessionalisierung als auch Chancen für die Erziehungswissenschaft, wenn diese konstruktiv mit dem neuen Rahmenbedingungen umgeht, gegeben sind. Sie zeigt die Grenzen ihrer Arbeit und Forschungsdesiderata auf.

Diskussion

Die Stärken des Buches liegen sicherlich in der gründlichen Recherche und der Übersichtichkeit der Darstellung des komplexen Bologna-Prozesses mit speziellem Bezug auf die Erziehungswissenschaft. Auch die Professionalisierungstheorien sind durchaus griffig aufbereitet. Etwas enttäuschend ist allerdings, dass die Beantwortung auf die Ausgangsfragestellung wenig weiterführend ist und von der Autorin selbst in ihrer Tragweite eingeschränkt wird. Letztlich ist das theoretische Vorgehen nur bedingt geeignet, um sich der Fragestellung anzunähern, da die theoretischen Modelle nicht im Hinblick auf den Bologna-Prozess entwickelt wurden, zudem auf mögliche Deprofessionalisierungsprozesse dort kaum Hinweise gegeben werden und daher ein großes Maß an Transferleistung notwendig wird, bei der der eigentlich Gehalt der Theorien leicht verloren geht. Es ist fraglich, ob sich eine mögliche Deprofessionalisierung überhaupt an den äußeren Fakten festmachen lässt und ob hierfür die Anwendung von Theorien notwendig ist, um beispielsweise eine verkürzte Studienzeit als mögliches Risiko einer Deprofessionalisierung kenntlich zu machen. Es wurde eine sehr komplexe Fragestellung gewählt, die mit den Mitteln der Autorin bestmöglich beantwortet wurde. Für die allgemeinere Frage nach Auswirkungen des Bologna-Prozesses auf die Erziehungswissenschaft konnten aber einige wichtige Aspekte festgehalten werden.

Fazit

Möchte man tatsächlich wissen, ob man nun von einer Deprofessionalisierung sprechen kann oder nicht, gibt das Buch lediglich Hinweise, die teilweise auch ohne die Theorien selbstevident sind. Möchte man sich zunächst mit den faktischen Auswirkungen des Bologna-Prozesses auf die Erziehungswissenschaft und mit den Professionalisierungstheorien vertraut machen, gibt das Buch einen guten Überblick und kann Ausgangspunkt weiterer Überlegungen sein.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 06.10.2010 zu: Kathrin Schramm: Erziehungswissenschaft im Bologna-Prozess. Zwischen Professionalisierung und Deprofessionalisierung. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2299-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9795.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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