Ursula Apitzsch, Marianne Schmidbaur (Hrsg.): Care und Migration
Rezensiert von Dr. Kristin Ideler, 19.01.2011
Ursula Apitzsch, Marianne Schmidbaur (Hrsg.): Care und Migration. Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit in der globalen Peripherie. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 240 Seiten. ISBN 978-3-86649-326-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 41,90 sFr.
Thema
Der Sammelband Care und Migration, von Urslua Apitzsch und Marianne Schmidbauer herausgegeben, führt zwei Forschungsschwerpunkte aus der Frauen- und Geschlechterforschung zusammen; Care und Migration. Hierbei wird ein Schwerpunkt auf aktuelle Debatten um die Problematik gesellschaftlicher Sorgearbeit gelegt, welche sich in den zwei Begriffen Care-Krise und Care-Chains widerspiegeln. Das Buch vereint sehr unterschiedliche Beiträge in englischer und deutscher Sprache, welche eine erstaunliche Bandbreite der Thematik offenbaren. Leider ist der rote Faden im Buch nicht stringent erkennbar und die Qualität der Beiträge ist heterogener als zunächst zu vermuten wäre. Positiv ist jedoch, dass der Sammelband versucht, die unterschiedlichen Stränge der Care-Debatte in der Frauen- und Geschlechterforschung systematisch zusammenzuführen und miteinander in Kommunikation zu bringen.
Entstehungshintergrund und Herausgeberinnen
Den Stein des Anstoßes für den Sammelband bildete die Konferenz Care+Migration des Cornelia Goethe Zentrums aus dem Jahr 2009, die versuchte diese beiden Forschungsschwerpunkte des Zentrums zusammenzuführen. Parallel zum Erscheinen des Buches fand im Oktober 2010 auf dem Jubiläumskongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main eine Plenarveranstaltung zur transnationalen Neuformierung der Geschlechterordnung statt, welche den bereits begonnenen Diskussionsprozess fortführen sollte.
Die Herausgeberinnen Ursula Apitzsch und Marianne Schmidbauer sind beide am Cornelia Goethe Centrum für Frauen- und Geschlechterforschung in Frankfurt am Main beschäftigt. Erstere ist dessen geschäftsführende Direktorin und letztere dort Forschungskoordinatorin. Apitzsch ist darüber hinaus Professorin für Politik und Soziologie an der Frankfurter Goethe-Universität.
Aufbau
Der Sammelband Care und Migration gliedert sich in vier Abschnitte.
- Zunächst wir unter „Care und Migration – die Hinterbühne des globalen freien Marktes“ mit zwei Beiträgen in die Thematik eingeführt.
- Es folgen drei Texte unter der inhaltlichen Klammer „Care-Debatten – Care-Defizite“, welche sich mit der Entstehung der Care-Debatte, dem Care-Begriff und dem Zusammenhang von Care und Gerechtigkeit auseinandersetzen.
- Letzteres wird weiterhin unter dem Titel „Citizenship und Geschlechtergerechtigkeit“ von drei Beiträgen vertieft.
- Zuletzt beschäftigen sich vier Aufsätze unter dem Stichwort „Haushaltsarbeit und Migration“ konkreter mit empirischen Studien und Beispielen sowie der Ebene der politischen Regulation von Sorgearbeit.
1. „Care und Migration – die Hinterbühne des globalen freien Marktes“
Der Erste Beitrag der Herausgeberinnen gibt als Einleitung einen Überblick über die Beiträge des Sammelbandes. Er führt kurz und knapp in die Thematik Care und Reproduktion ein und nennt erste Ergebnisse. Zunächst wird aufgezeigt wie groß die Spannbreite des Care-Begriffes ist und die wissenschaftliche Debatte wird anhand des VorgängerInnenbegriffs Reproduktion von Apitzsch und Schmidbauer systematisch rekonstruiert. Als die beiden Hauptergebnisse des Bandes konstatieren sie die Untertheoretisierung von Care, stellen die Komplexität des Politikfeldes Care und Migration heraus und verbinden dieses mit der globalen Ebene.
Der darauf folgende Beitrag von Arlie Hochschild in englischer Sprache legt einen Schwerpunkt auf die emotionalen Aspekte weiblicher Carearbeitsmigration. Sie verdeutlicht anhand vieler Beispiele, wie Frauen und Mütter im Herkunftsland eine Lücke in ihren Familien hinterlassen, wenn sie als Kinderbetreuerin, Haushaltshilfe oder Leihmutter arbeiten. Als eine Folge der Transnationalisierung von Care-Arbeit sieht sie die Vermarktlichung von emotionaler Arbeit.
2. „Care-Debatten – Care-Defizite“
In die „Entwicklung der Care-Debatte – Wurzeln und Begrifflichkeiten“ fasst Margit Brückner kurz die Care-Debatte der letzten drei Jahrzehnte zusammen und stellt die Verbindung zwischen Care und Gerechtigkeit her. Sie stellt nachvollziehbar die unterschiedlichen nationalen Zugänge zur Care-Debatte dar, um Ansatzpunkte für ggf. sinnvolle Weiterentwicklungen aufzuzeigen. Auch interessante Seitenstränge der Debatte lässt sie nicht unberücksichtigt und wirft am Ende ihres Beitrages Forschungsdesiderate auf.
Der folgende Aufsatz von Karin Jurczyk spitzt erstmals die Thematik des Buches zu, wenn sie fragt: Care in der Krise? Sie befasst sich damit inwiefern Versorgungsarbeit in die Krise geraten ist, auf welche gesellschaftlichen Entwicklungen dies zurückzuführen ist und welche neuen Fragen sich daraus ergeben. Sie identifiziert Bewältigungsstrategien von FamilienakteurInnen mit der Care Krise, entweder weniger Erwerbsarbeit oder mehr Unterstützung bei der Sorgearbeit; jedoch sind all diese Strategien nicht nachhaltig. Daher identifiziert sie für die heutige Gesellschaft eine vierfache Care-Lücke: individuell, familial, betrieblich und gesellschaftlich, woraus sich vielfältige Problemlagen ergeben. Sie schließt ihren Beitrag mit der Frage: „Gibt es also eine Re-Familialisierung von Gefühlen und eine De-Familialisierung von praktischem Care – und was bedeutet das?“ (S. 74)
Maria Rerrich stellt die Frage nach Care und Gerechtigkeit - wobei Ausgangspunkt ihrer Erörterungen die These ist, dass Care-Arbeit bei den derzeitigen Entwicklungen zwischen Frauen auf eine neue Art und Weise ausgehandelt und verteilt wird. Auf der theoretischen Ebene befasst sie sich weiterhin damit, dass Care als in Krise geraten unsichtbar bleibt. Daher plädiert sie dafür, die partikularistischen Debattenstränge um Care in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit (z. B. Vätermonate, Qualitätsstandards häuslicher Pflege) durch ein breites Care-Bündnis in eine offenere Debatte zu überführen.
3. „Citizenship und Geschlechtergerechtigkeit“
Nun folgen drei Beiträge, die den Zusammenhang von Care und Citizenship (Staatsbürgerschaft) darstellen. Die Autorinnen Ute Gerhard, Ursula Apitzsch und Rhacel Salazar Parreñas knüpfen an Diskussionen der Wohlfahrtsstaatenforschung an, um herzuleiten, warum Care-Arbeit in Verbindung mit der Zuordnung von Frauen zur häuslichen Sphäre heute für illegalisierte, migrantische Carearbeiterinnen bedeutet, dass ihre Tätigkeiten illegal, schlecht bezahlt und feminisiert sind.
4. „Haushaltsarbeit und Migration“
Im letzten Teil des Bandes befassen sich vier Beiträge mit eher praktischen Aspekten der Thematik Care und Migration, neben der Darstellung einzelner Länderbeispiele wird auch die Verbindung von Care und Migration stärker in den Fokus gerückt.
Der Beitrag von Helma Lutz und Ewa Palenga-Möllenbeck stellt Überlegungen zu einer Theorie der transnationalen Migration im Haushaltsarbeitssektor in Europa an und bezieht sich auf die Ergebnisse aus einem DGB-Forschungsprojekt zu Care-Chains zwischen der Ukraine, Polen und Deutschland. Sie entwerfen dabei ein Mehrebenen-Modell der transnationalen Care-Migration, welches auf der Makro-, Meso-, und Mikroebene die Migration von Carearbeiterinnen transnational und intersektional erfassen möchte. Sie heben hervor wie zentral es ist, bei einer transnationalen Betrachtung, die Perspektiven der Herkunfts- und Zielländer in die Analyse mit einzubeziehen.
Daran anknüpfend beleuchtet der Aufsatz von Juliane Karakayali wie die Pflegerbeit von migrantischen Care-Workers aus Osteuropa in bundesdeutschen Haushalten aussieht. In Zusammenfassung der Ergebnisse ihrer Dissertation identifiziert sie vier Bewältigungstypen bei den Carearbeiterinnen. Somit kann die transnationale Pflegearbeit für diese persönliche Dequalifizierungserfahrung, eine Passage der transnationalen Berufskarriere, ein gelungener biographischer Neuanfang oder die Sicherung eines besseren Überlebens sein, relativ unabhängig von den äußeren Rahmenbedingungen.
Auch Agnieszka Satola befasst sich mit dieser Thematik, am Beispiel polnischer Frauen in deutschen Haushalten, die bereits das Rentenalter erreicht haben. Sie fragt sich aus interaktionistischer Perspektive, wie sie ihre Schwierigkeiten sprachlich zum Ausdruck bringen und damit ihre soziale Wirklichkeit konstruieren. Als einen wichtigen positiven Mechanismus arbeitet sie anhand einer Fallgeschichte das Moment der Selbstermächtigung heraus.
Der letzte Beitrag des Sammelbandes von Helen Schwenken befasst sich mit der Frage wie Organisierungsprozesse und Care zusammen gehen können. Dies betrachtet sie am Beispiel der ILO-Konvention „Decent Work for Domestic Workers“. Zentral ist hierbei die Frage, ob dieses Instrument geeignet ist die Situation von Carearbeiterinnen zu verbessern und diese sowie ihre zugehörigen Netzwerke und NGO-Strukturen aktiv in den ILO-Prozess mit einzubeziehen. Eine ihrer Abschlussthesen wirft die spannende Frage auf, ob die Organisierung von Carearbeiterinnen zur Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung beitragen kann.
Diskussion
Der Sammelband Care und Migration vereint eine Vielzahl von unterschiedlichen Beiträgen aus allen Bereichen der aktuellen Debatte um Care-Arbeit in sich. Er vermittelt anschaulich den Status quo der Debatte und lässt Leerstellen nicht unerwähnt. Es ist daher sehr nützlich, die Beiträge von Autorinnen, welche die aktuelle Debatte maßgeblich prägen, gesammelt in einem Buch in sehr komprimierter Form vorzufinden. Allerdings ist dies gleichzeitig eine Schwachstelle des Buches, einige Beiträge verlieren deutlich an Qualität und Aussagekraft durch die sehr kurze und knappe Darstellungsform. Grundsätzlich ist die Mischung von englisch- und deutschsprachigen Beiträgen nachvollziehbar, jedoch sollten nur die Beiträge von nicht deutschsprachigen Autorinnen auf Englisch publiziert werden. Auch vermisst man im Band in weiten Teilen neue und innovative Ansätze v. a. zu Interventions- und Handlungsmöglichkeiten auf dem Politikfeld Care und Migration, was die geneigte Leserin, welche bereits Vorkenntnisse zu der Thematik hat, von einem solchen Band durchaus erwarten kann.
Fazit
Geeignet ist der Sammelband für einen schnellen und kompakten Einstieg in die Thematik und als Basisliteratur für die universitäre Lehre. Denn der Sammelband Care und Migration von Apitzsch und Schmidbauer ist eine gute und aktuelle Zusammenfassung des Status quo der momentanen Debatte um Care. Fortgeschrittenen LeserInnen, in Bezug auf die Thematik, ist er jedoch nur partiell zu empfehlen, einzelne Beiträge wie u. a. die von Brückner, Jurczyk, Lutz/Palenga-Möllenbeck, Karakayali und Schwenken sind jedoch in dieser Hinsicht sehr gut gelungen.
Rezension von
Dr. Kristin Ideler
promovierte Genderforscherin der Soziologie und Geschäftsführerin Wildwasser Wiesbaden e. V.
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