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Mathias Schwabe: Begleitende Unterstützung und Erziehung [...]

Cover Mathias Schwabe: Begleitende Unterstützung und Erziehung in der sozialen Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. 159 Seiten. ISBN 978-3-497-02124-6. 14,90 EUR.

Reihe: Handlungskompetenzen in der sozialen Arbeit - Band 4.
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Thema

Menschen in ihrem Alltag begleiten, vor allem, wenn sich wesentliche Teile dieses Alltags in stationären oder teilstationären Settings abspielen, ist ein traditions- und herausforderungsreicher Handlungsmodus der Sozialen Arbeit. Der vorliegende Band beschreibt anhand von ausführlichen Fallbeispielen Dynamiken solcher Settings, die Arbeitsaufgaben und nötigen Kompetenzen der Fachkräfte.

Autor

Mathias Schwabe ist Professor an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin.

Entstehungshintergrund

Der Band ist Teil des ambitionierten Projekts von Maja Heiner, anhand zahlreicher Praxisstudien die Handlungskompetenzen der AkteurInnen der Sozialen Arbeit systematisiert zu erfassen und auszubuchstabieren. Es ist der vierte Band in einer Reihe, deren Bücher je einen Handlungstypus in den Blick nehmen und einführend aufbereiten. Dass der Text Teil eines größeren Projekts ist, wird auch durch zahlreiche Querverweise auf andere Veröffentlichungen aus der Projektreihe deutlich.

Aufbau

Der Aufbau des Textes ist vorerst ungewöhnlich: Nach einer Einführung folgt eine kommentierte Fallvignette. Den Hauptteil des Bandes bildet ein zentrales Fallbeispiel, anhand dessen ein Großteil der Herausforderungen des Handlungstyps expliziert wird. Schließlich folgt eine weitere kontrastierende Fallvignette. Gelegentlich wird der Fluss des Textes durch grau unterlegte „Wissensbausteine“ unterbrochen, die grundlegende Begriffe oder Konzepte erklären. Die Kapitel schließen mit Übungsaufgaben ab.

Inhalt

In der Einführung wird der Text theoretisch und strukturell im Rahmen des Gesamtprojekts verortet und wird die spezifische Ausgangssituation in den Blick genommen, die für den Handlungstyp charakteristisch ist. Abgeschlossen wird die Einführung durch einen Wissensbaustein „Bindungsmuster und Beziehungen“.

Die Fallvignette I führt in eine Familie, bestehend aus einer Mutter und 3 Kindern. Einige Zeit zuvor hatte der Vater die Familie verlassen, in der Folge zeigten sich bei einigen Familienmitgliedern mehr oder weniger dramatische Symptome. Eine Familienhelferin kommt – vorerst mit der Aufgabe, der 8 Jahre alten Emma bei den Hausaufgaben zu helfen – in die Familie, die sie 4 Jahre lang begleiten wird. Ausgehend von diesem Auftrag entwickelt sich der Fall im Laufe der Zeit. Die Familienhelferin gewinnt ein Verständnis dafür, inwieweit sich Emma mit ihrer Verweigerung, Lesen und Schreiben zu lernen, emotional mit ihrem abwesenden Vater verbunden fühlt. In den Kommentaren wird erläutert, welche Kompetenzen erforderlich sind, um den geduldigen und mittelfristig erfolgreichen Weg zu gehen, der Emma eine Entwicklung ermöglicht. Am Ende steht ein Wissensbaustein „Hilfeplanung“.

Das zentrale Fallbeispiel hat als Setting die Intensivgruppe „Step by Step“, in deren Konzept auch institutionelle Zwangselemente eine Rolle spielen. Der Jugendliche David kommt im Alter von knapp 15 Jahren in die Gruppe: nach einer belasteten Kindheit mit Gewalterfahrungen, dem frühen Tod seiner Mutter, einer Zeit als Pflegekind bei Verwandten, dann einer Odyssee durch verschiedene Einrichtungen der Jugendhilfe. Seine Verhaltensschwierigkeiten führten ihn schließlich in die Spezialeinrichtung.

Die Intensivgruppe weist einige Besonderheiten auf. Besonders hervorzuheben ist ein Punktesystem. Für morgendliches Aufstehen, den Schulbesuch, die Teilnahme an Nachmittagsaktivitäten, an den Mahlzeiten und an den Gruppengesprächen erhalten die Jugendlichen Punkte. Mit diesen Punkten können sie sich bestimmte „Privilegien“ erwerben und sich von einer niedrigeren auf eine höhere Stufe von akzeptierter Selbständigkeit hocharbeiten. Weitere Besonderheiten sind strukturierte Tagesabläufe und bestimmte Freiheitsbeschränkungen.

In diesem Kontext gelingt es David zumindest, für längere Zeit zu verbleiben. Auch eine alles in allem günstige Entwicklung kann beobachtet werden.

Das Interessante daran ist, wie es den MitarbeiterInnen gelingt, David auszuhalten, schwierige Zeiten durchzustehen, doch immer wieder den Kontakt zu ihm zu finden. An zahlreichen Einzelsituationen wird deutlich, dass es vielfältiger Kompetenzen der Fachkräfte bedarf. Nach dem von Maja Heiner entwickelten Modell werden Selbstkompetenz, Fallkompetenz und Systemkompetenz als bereichsbezogene Kompetenzmuster gefasst. Prozessbezogene Kompetenzmuster sind Planungs- und Analysekompetenz, Interaktions- und Kommunikationskompetenz, Reflexions- und Evaluationskompetenz. Der Fall bietet ausreichend Gelegenheit, anhand von Beispielen diese Kompetenzen zu erläutern. Besonders interessant ist das dort, wo entweder David oder die Fachkräfte sich entlang der Grenzen dessen bewegen, was geplant war oder was als Routine durchgehen könnte.

Wissensbausteine zu „Kommunikation und Interaktion“, zu „Aggression und Aggressivität“ und zu „Ressourcenorientierung“ runden diesen die Kapitel 3 bis 6 umfassenden zentralen Teil des Buches ab.

Die Fallvignette II schließlich führt in ein Wohnheim für ehemals wohnungslose Alkoholiker. Mit „Lebensinseln schaffen im Schatten des Todes“ hat dieses abschließende Kapitel einen sprechenden Titel, der die Besonderheit begleitender Sozialer Arbeit mit Menschen andeutet, die eher am Ende ihres Lebensweges stehen.

Diskussion

Mangelnden Praxisbezug kann man dem vorliegenden Band nicht vorwerfen. Die Fälle sind sehr eindrücklich und werden detailreich dargeboten. Es kann gar nicht anders sein – die Geschichten ließen auch andere Deutungen zu, als jene, die hier angeboten werden. Insofern wir der Leserin / dem Leser hier reichhaltiges Material für eigene Überlegungen und auch für Diskussionen geboten. Anhand der drei Fälle gelingt auch ein exemplarischer Überblick über das Spektrum begleitender Sozialer Arbeit und über die Komplexität der dabei zu bewältigenden Aufgaben. Nirgendwo entsteht der Eindruck, es sei bei richtiger Planung ohnehin ausgemacht, dass Interventionen gelingen müssen.

Positiv zu erwähnen ist auch, dass der Autor auf ein Übermaß an Literaturhinweisen verzichtet hat.

Trotzdem bleibt für einen Text, der ja doch für den Ausbildungszusammenhang geschrieben ist, verwunderlich, dass so selten die Perspektive der Fachkräfte eingenommen wird. Deren „Kompetenzen“ werden eher aus der Hubschrauberperspektive beschrieben und es bleibt weitgehend unklar, wie die denn erworben werden können. Immer wieder schleicht sich auch eine unkonkrete und verwaschene Sprache ein, die mehr Beheimatung im sozialpädagogischen Jargon voraussetzt, als von der Zielgruppe vorausgesetzt werden kann. So wirkt die Bezugnahme auf das Kompetenzmodell stellenweise formalistisch.

Fazit

Ausführliche und spannende Falldarstellungen sind eindeutig die Stärke des Buches. Man wird es mit Gewinn lesen können und eine realistische Vorstellung von begleitender Unterstützungsarbeit bekommen. Es bietet in Person der in den Fallbeispielen agierenden Fachkräfte auch gute „Role Models“. Eine Anleitung zum Erwerb der beschriebenen Kompetenzen ist es allerdings nur bedingt. Da sind die LeserInnen auf sich selbst und auf andere Quellen zu verweisen.


Rezensent
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 04.02.2011 zu: Mathias Schwabe: Begleitende Unterstützung und Erziehung in der sozialen Arbeit. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-497-02124-6. Reihe: Handlungskompetenzen in der sozialen Arbeit - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9801.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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