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Doris Allhutter: Dispositive digitaler Pornografie

Cover Doris Allhutter: Dispositive digitaler Pornografie. Zur Verflechtung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. 314 Seiten. ISBN 978-3-593-38858-8. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 59,00 sFr.

Reihe: Politik der Geschlechterverhältnisse - Band 39.
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Thema

Die Verbreitung und – damit einhergehend – die ethische Betrachtung der Pornografie hat sich mit dem Eroberungsfeldzug, der das Internet an die Spitze der alltäglichen Informationsmedien bugsiert hat, merklich gewandelt. Der vereinfachte Zugang zu pornografischen Darstellungen wirft Fragen nach einer zeitgenössischen Informationsethik auf. Als Bereich der Massenkultur steht die Pornografie zwar ohnehin regelmäßig in der Debatte, bislang ist die Produktion von spezifisch für das Internet geschaffenen Artefakten aber noch wenig untersucht worden. Die vorliegende Studie greift diesen Punkt auf und versteht die Schnittstelle zwischen Technologie, Ethik, Diskurstheorie, Wissensansprüchen und Schutzinteressen als ein Dispositiv, das gesellschaftliche Stellungnahmen erzwingt.

Autorin

Doris Allhutter arbeitet am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt die überarbeitete Fassung von Allhutters politikwissenschaftlicher Dissertation dar, die 2007 an der Universität Wien bei Birgit Sauer und Edeltraud Hanappi-Egger eingereicht wurde. Es erscheint als Band 39 der seit 1994 publizierten Reihe „Politik der Geschlechterverhältnisse“.

Aufbau

Die fünf Hauptkapitel des Bandes sind jeweils in kürzere Abschnitte unterteilt; zudem werden in 19 Abbildungen „Screenshots“ von Internetseiten geboten. Die Arbeit gliedert sich in einen Eröffnungsteil, der den Diskurs über Pornografie thematisiert, ein Kapitel zur Verbindung von Pornografie und Informationsethik, ein Kapitel zum „Artefaktcharakter“ digitaler Pornografie, schließlich ein Kapitel zur (EU-)politischen Debatte zum Thema und in einen Schlussabschnitt, der die Verflechtung der zuvor angesprochenen Stränge bündig nachzeichnet.

Inhalt

Das „Kulturgut“ Pornografie – hier verstanden als „kommerzielle Hardcore-Pornographie, d.h. mit sexuell expliziten Darstellungen“ (20) – wird von Allhutter einer Analyse unterzogen, die die Gender-Perspektive, aber auch Neoliberalismuskritik und politikwissenschaftliche bzw. dekonstruktivistische Sichtweisen involviert (16). Eine wiederkehrende Frage, die heutzutage nahezu jede wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema tangiert, ist der Widerstreit zwischen zwei vermeintlich divergenten Lesarten: Einerseits steht Pornografie für inszenierte Diskriminierung, andererseits für „legitimes“ Unterhaltungsmaterial. Gerade die feministische Debatte ist sich uneins, changiert sie doch zwischen Zensur und Interpretationsfreiheit und zwischen klassenspezifischer Rezeptionsweise und poststrukturalistischer Deutung (28 ff.) – derweil die (kommerziell dominierende) Mainstream-Pornografie von einer Tendenz zur Normalisierung und Idealisierung von Heteronormativität und natürlicher Geschlechterdifferenz gekennzeichnet ist (33).

Die Wissensansprüche, die sich mit dem Internet und der dort vorfindlichen Präsenz pornografischen Materials verbinden lassen, können auf keine etablierte ethische Leitlinie zurückblicken. Abseits solcher Diskurse wie Kinderpornografie (55 f.) kommt Internetpornografie folglich wie ein „offenes Feld“ daher, bei dem die Schutzinteressen kollidieren: Was wiegt nun mehr, „free speech“ oder die „Unbedrängtheit“ der Produzenten und Rezipienten? Kann das Freiheitsrecht der einen Gruppe gegen die Prävention von Angriffen auf die andere aufgerechnet werden (83 f.)?

Wie Allhutter zeigt, korreliert die Wertung der Pornografie schon immer mit den technischen Möglichkeiten ihrer Verbreitung (110). Auf eine interessante Kurzdarstellung der Geschichte der Pornografie folgen daher Einblicke in die Entwicklung von sexual content im Internet. Die Vielzahl an Genres, Kategorien und Zugangsmöglichkeiten lässt sich nur bedingt beschreiben, und Websiteanalyse können – wie hier – zwangsläufig nur Kurzeinblicke bieten. Die Autorin will damit den Einfluss der „unterschiedliche[n] Praktiken der Verbreitung und Regulierung [auf] die Hegemonie mainstream-pornografischer Artikulationen“ sichtbar machen (132). Besonders aufschlussreich sind ihre Darstellungen zur User-Autonomie bei computergenerierten Szenarien. Computeranimationen mit Spielecharakter bieten im Internet photorealistische 3D-Körperbilder, die die Nutzer interaktiv steuern und in pornografische Konstellationen bringen können. Diese „leere Oberflächen“ (168) lassen die Projektion von sexistischen, rassistischen und gewalttätigen Vorstellung nicht nur ausdrücklich zu (wobei stets die heteronormative Perspektive dominiert), sondern ermöglichen es den Usern explizit, solche Fantasien virtuell auszuleben. Die Einbindung zweier Körper – des realen und des virtuellen, die beide Lust generieren sollen (232) – macht den Rezipienten im gleichen Moment zum Akteur und zum Voyeur. Ausgehend von der zugrunde liegenden „doppelten Kodierung“ (200) – doppelt insofern, als über die Gestaltungsmöglichkeit am Computer die eigenwillige Realität der Pornografie nochmals reproduziert und vereinfacht wird – will Allhutter den Einfluss solcher Technologien „auf die Konstituierung von Geschlechterbeziehungen“ (179) untersuchen.

Mit Blick auf die EU-Ebene folgt abschließend eine „Framing-Analyse“ zur Rolle der Informationsethik im politischen Prozess und zur Relevanz von Technikinnovationen (245). Die Förderung der „Informationsgemeinschaft“ ist ein politisches Ziel, das sich mit dem Schutz der Grundrechte, aber auch mit dem Schutz vor Ausbeutung verbinden lassen muss; klar ist jedoch auch, dass eine diesbezügliche Internetpolitik nicht den realen „abuse“, sondern bestenfalls dessen Abbildung unterbinden kann (279). Ein abschließendes Resümee über die „diskursive Verwobenheit“ (283) der angesprochenen Themen rundet den Band ab.

Diskussion

Sexualität im Internet ist ein schnelllebiger Untersuchungsgegenstand, wenn die Analyse nicht der „Sache an sich“, sondern den Rahmenbedingungen und Implikationen der aktuellen Präsentationsformen gilt. Das vorliegende Buch liefert eine Bilanz des multimedialen state of the art und lässt durchblicken, dass die Entwicklungsgeschichte der Online-Pornografie noch lange nicht an ihr kreatives Ende gekommen ist. Den Anspruch, einen kritischen Überblick über die zentralen Probleme und Tendenzen eines überaus vielschichtigen Phänomens zu geben, erfüllt die Studie zweifellos. Die Festschreibung auf ein spezifisches (hier: das Gender-)Paradigma, häufig eine lähmende Strategie bei der anschließenden Untersuchung empirischer Sachverhalte, ist im vorliegenden Fall eher bereichernd als störend. Es wäre angesichts der Fülle des Materials und der gebotenen scharfsinnigen Nachforschungen allerdings spannend gewesen, tatsächlich mehr über die „Design-Entscheidungen“ (209) zu erfahren, die die Hersteller entsprechender Produkte treffen; aber das hätte der Arbeit einen anderen Charakter verliehen. Zwangsläufig bleibt somit aber auch die Wirkungsperspektive unterbelichtet, obwohl die Rezeptionsseite und vor allem: die Wunschökonomie der Nutzer solcher „informationstechnologischen“ Angebote auf deren Errichtung einen immensen Einfluss ausübt. Die Autorin deutet mit ihrem Erstaunen darüber, dass bei den vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten im virtuellen Raum des Internets doch an „tradierte[n] Darstellungskonventionen“ (230) festgehalten wird, selbst an, dass die Produktionsprinzipien sich nicht lediglich vom Gestaltungsrahmen und von den technischen Möglichkeiten her denken lassen.

Fazit

Ein lesenswerter Beitrag zu einem bislang aus sozialwissenschaftlicher Sicht wenig untersuchten Phänomen, der durch die Mixtur aus Beschreibung und Analyse im Zusammenspiel mit vielsagenden Bebilderungen einen guten Einblick in das Dispositiv „Internetpornografie“ gewährt.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 18.08.2010 zu: Doris Allhutter: Dispositive digitaler Pornografie. Zur Verflechtung von Ethik, Technologie und EU-Internetpolitik. Campus Verlag (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-593-38858-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9803.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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