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Wolfgang Rother: Verbrechen, Folter und Todesstrafe

Cover Wolfgang Rother: Verbrechen, Folter und Todesstrafe. Philosophische Argumente der Aufklärung. Schwabe Verlag (Basel) 2010. 141 Seiten. ISBN 978-3-7965-2661-9. D: 13,80 EUR, A: 14,20 EUR, CH: 19,50 sFr.

Reihe: Schwabe reflexe - 5.
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Formen legitimer Gewalt

Es ist eine anthropologische Konstante, dass innerhalb von Gesellschaften das Tötungsverbot gilt. Dieses Tötungsverbot gilt aber nicht unumschränkt. Es haben sich verschiedenen Legitimationen durchgesetzt, die Ausnahmen von diesem Tötungsverbot gesellschaftlich akzeptabel machen.

Es gilt also: “Eine der wichtigsten und auch schwersten Aufgaben der Philosophie ist es, eine bestimmte Unterscheidung zu ziehen. Diese Linie teilt die Wirklichkeit in das Wirkliche, das vom Denken, Wollen und Fühlen des Menschen unabhängig ist, und das Wirkliche, das vom Menschen und seinem Zugriff auf die Welt abhängig ist.“ (Stemmer 2008: 11) Diese Wirklichkeit beinhalten das Maß des Verbrechens und das Maß der Strafsanktion - die Wirklichkeit von Verbrechen ist maßgeblich für die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Sanktionen, die darauf folgen – es liegt auf der Hand, dass die Deutungsmacht, die Interpretationsmacht, die menschliches Verhalten in akzeptables oder inakzeptables Verhalten kategorisiert, gleichzeitig für die Bestimmung angemessener Sanktionen sorgt. „Verbrechen“ und „Strafe“ sind gesellschaftliche Kategorien – Kategorien, die ihre Wirklichkeit durch autoritäre Verfügung erhalten. Diese Macht verfügt über individuelle Körper – diese Körper werden eingesperrt, gestraft, geschunden und geschlagen – das ist die „Materialität der Macht über den Körper der Individuen“ (Foucault 1976: 105)

Diese Gewalt über Individuen ist aber nur in einem sehr konkreten gesellschaftlichen Rahmen vorstellbar und legitimiert - “Nicht im Handeln, im Leiden liegt der Ursprung der Gesellschaft. … Was führt die Menschen zueinander? Die Antwort ist eindeutig. Gesellschaft gründet weder auf einem unaufhaltsamen Drang zur Geselligkeit noch auf den Notwendigkeiten der Arbeit. Es ist die Erfahrung der Gewalt, welche die Menschen vereinigt. Gesellschaft ist eine Vorkehrung des gegenseitigen Schutzes.“ (Sofsky 2005 [1996]: 10,11) Dieser gegenseitige Schutz muss aber die Frage klären, was mit denen passiert, die sich diesen Schutz selbst zu Nutze machen, um andere zu schädigen – Was soll also mit denen geschehen, die das gesellschaftliche Machtmonopol der Materialität der Macht tat-sächlich und wirklich in Frage stellen – indem sie andere verletzen, schädigen, töten?

„European culture rests on a relatively small number of ideas.“ (Dupré 2004: 1) – eine dieser Ideen ist, dass der Tod ein Übel ist, und die Legitimität von Tötungen daher besondere Aufmerksamkeit verlangt. Die Philosophie der Aufklärung lässt aber bestimmte Argumente nicht mehr gelten – der Verweis auf Gottes Gnaden oder die kirchliche Autorität in der Auslegung der Welt verlieren an Interpretationsmacht. Nicht umsonst wird von der Aufklärung auch als eine Form der Entdeckung gesprochen - „“Die Entdeckung der Welt und des Menschen“, ein Freiwerden der natürlich-menschlichen Kräfte und einer Hinwendung zur Welt.“ (Coreth/Schöndorf 2000 [1983]: 136) Das zu Entdeckende ist die gottlose Welt …

Das vorliegende Buch von Wolfgang Rother geht der Frage nach, ob und welchen Grenzen das Machtmonopol über die individuellen Körper der Gesellschaft unterworfen ist. Es geht um die philosophische Diskussion der Legitimität von Folter und Todesstrafe als gesellschaftliche Sanktionierung von gesellschaftlich definiertem Verbrechen.

Autor

Wolfgang Rother (http://www.philosophie.uzh.ch/institut/pd/rother.html) lehrt und forscht am Philosophischen Seminar der Universität Zürich, wo er sich auch im Jahr 2004 mit einer Arbeit zur Philosophie der Aufklärung in Nord- und Mittelitalien habilitiert hat. Seine Interessensschwerpunkte liegen in der Geschichte der Philosophie, Religionsphilosophie und Rechtsphilosophie. Im Schwabe Verlag erscheinen nicht nur Arbeiten von ihm, sondern er ist dort auch als Herausgeber diverser Reihen aktiv.

Italienische Aufklärung und gesellschaftliche Sanktionen von Verbrechen

„Das Verbot der Folter und die Abschaffung der Todesstrafe sind Errungenschaften der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts und gelten heute als wesentliche Merkmale rechtsstaatlicher politischer Kultur.“ (S.11) Das Buch von Wolfgang Rother verfolgt in der Diskussion und Darlegung dieser Errungenschaft thematisch folgenden Ansatz:

Die Definition von Verbrechen und Strafe bilden die Grundlage für die Beurteilung der Angemessenheit von Todesstrafe oder Folter. Ausgehend von der Diskussion zweier Prinzipien, dem Vergeltungsprinzip und dem Nützlichkeits- bzw. Abschreckungsprinzips, führt Wolfgang Rother anhand der historischen Diskussion aus, welche philosophischen Argumente von den Protagonisten gegen die Anwendung der Todesstrafe und der Folterung von Beschuldigten vorgebracht worden sind. Die Italiener Pietro Verri (1728-1797) und Cesare Beccaria (1738-1794) sowie der deutsche Karl Ferdinand Hommel (1722-1781) sind die Protagonisten dieses historischen Überblicks – die theoretisch anspruchsvollste Position nimmt Cesare Beccaria ein, der auch maßgeblichen Anteil an den vorgelegten Argumenten trägt.

Diese historischen Persönlichkeiten werden sowohl biographisch gewürdigt (S.14-21), als auch jeweils durch ihre Arbeiten vorgestellt.

Das Buch schließt ein umfangreiches Literaturverzeichnis ab (S.127-140), das auch aktuelle Arbeiten zu den vorgestellten Denkern enthält.

Der Übergang vom Vergeltungsprinzip (Talionsprinzip) zum Nutzens- bzw. Abschreckungsprinzip führt über eine theoretische Bedeutungsverschiebung – „[d]ie theoretische Auseinandersetzung mit dem Verbrechen verschiebt sich von der Frage, wie Verbrechen zu bestrafen seien, zu der Frage, wie sie am wirkungsvollsten zu verhindern seien.“ (S.23) – Es gilt nunmehr „Vorbeugen statt Strafen und wenn die Verbrechen nun einmal begangen worden sind – Vorbeugen durch Strafen“ (S.23). Der Präventionsgedanke verschiebt die Aufmerksamkeit von einem schuldhaften Individuum, zu einem vor Schuldhaftigkeit zu bewahrenden Kollektiv.

Anhand einiger Bemerkungen zur Folter und zur Todesstrafe sollen einige Gedanken der Protagonisten aufgezeigt werden.

Folter. Cesare Beccaria setzt sich explizit mit vier gängigen Rechtfertigungen des Einsatzes von Foltermethoden im Ermittlungsverfahren der damaligen Zeit auseinander (S.56 ff). Die Folter wurde als geeignetes Mittel angesehen, um (1) dem Angeklagten ein Geständnis abzuringen, um (2) Widersprüche in den Aussagen des Angeklagten zutage treten zu lassen, um (3) mögliche Mittäter des Angeklagten genannt zu bekommen und (4) um dem Angeklagten durch dein peinliche Befragung die Möglichkeit der Reinigung von Schmach zu erlauben (im Sinne des christlichen Dogmas „Im Schmerz zu Gott“). Cesare Beccaria argumentiert nun folgendermaßen: Ad (1): Solange kein Geständnis oder der Beweis des Verbrechens vorliegt, solange gilt der Angeklagte als Unschuldig – die quälende Folter darf nicht angewendet werden. Sollte der Angeklagte aber bereits erwiesenermaßen schuldig sein so ist er entsprechend zu betrafen – die Folter ist in diesem Falle eine ungebührliche Verschärfung des Strafrahmens. Sollte mit der Folter ein Geständnis erzwungen werden, so bedeutet das den Abschied von dem Rechtsprinzip, dass niemand zugleich Ankläger und Angeklagter sein darf. Folter würde auch bedeuten, dass Schmerzen ein Prüfstein der Wahrheit wären und nicht Tatsachen. Und schließlich führt die Folter zum Freispruch kräftiger Verbrecher und zur Verurteilung schwacher Unschuldiger. Ad (2): Widersprüchliche Aussagen sind in außergewöhnlichen Situationen nicht unüblich – einer Anklage gegenüberzustehen bedeutet zugegebenermaßen eine solche außergewöhnliche Situation für den Angeklagten – „Die Folter lässt dem Gepeinigten keine Freiheit, die Wahrheit zu sagen, sondern nur noch die Freiheit, sich der Qual zu entziehen.“ (S.57). Ad (3) Die Folter ist erwiesenermaßen kein taugliches Erkenntnisinstrument – die Ausforschung von eventuellen Mittätern ist also durch den Einsatz von Folter nicht notwendigerweise möglich. Ad (4) Der reinigende Effekt der Folter verwischt den Unterschied zwischen Ermittlung und Strafe.

Todesstrafe. Für Cesare Beccaria nimmt die Frage des gesellschaftlichen Nutzens von Strafe eine zentrale Stellung in der Auseinandersetzung um die Legitimation von Todesstrafe ein. Wenn es nicht mehr darum geht, durch Strafe zu vergelten (Talionsprinzip), sondern durch Strafe zu bessern oder Verbrechen zu verhindern, dann lassen sich zwei sehr starke Argumente anführen, um die Sinnhaftigkeit der Todesstrafe anzuzweifeln. (1) Was ist schon der kurze Augenblick des Sterbens gegen die lebenslängliche Freiheitsstrafe, verbunden mit Zwangsarbeit. Folter als Ermittlungsinstrument lehnt Cesare Beccaria ja ab, die Erschwerung des Lebens durch Freiheitsentzug und Strafarbeit führt er aber als positives Beispiel gelungener Strafprävention an. „Nicht das schreckliche aber vorübergehende Spektakel des Todes eines Missetäters, sondern das lange und elende Beispiel eines der Freiheit beraubten Menschen, der, zum dienstbaren Tier geworden, durch seine Mühsal die von ihm beleidigte Gesellschaft entschädigt, stellt die stärkste Hemmschwelle gegen die Verbrechen dar.“ (S.66) Die individuelle Strafe wird hier als Abschreckung des Kollektivs gesehen und eingesetzt. (2) Die vollzogene Todesstrafe, das institutionalisierte Töten trägt hohe Symbolkraft in sich: „Es erscheint mir als Absurdität, dass die Gesetze, die der Ausdruck des öffentlichen Willens sind und die Tötung als verabscheuenswert erachten und betrafen, sie selbst vollziehen und, um die Bürger vom Mord abzuhalten, einen öffentlichen Mord anordnen.“ (S.67) Natürlich gab es historisch gesehen einige Versuche den Vollzug der Todesstrafe nicht als gesellschaftliches Ereignis zu vollziehen – die amerikanische Praxis der „heimlichen“ Hinrichtung, in den Räumlichkeiten des Gefängnisses, in denen ja bereits die zum Tode Verurteilten von den anderen Häftlingen separiert werden, ist ein solcher Versuch öffentliche Gewalt zu privatisieren (vgl. Martschukat 2002)

Annäherungen an Formen legitimer Gewalt

Die von Wolfgang Rother angeführten Protagonisten nehmen in der philosophischen Auseinandersetzung um die Legitimität gesellschaftlicher Gewalt gegen Individuen nur zum Teil eine herausragende Rolle ein, gleichwohl ihre Argumente sich gut in die allgemeine aufklärerische Diskussion einfügen. Cesare Beccaria hat mit seinem Buch „Von den Verbrechen und den Strafen“ (1764) sicherlich den wichtigsten Beitrag zur Diskussion der Todesstrafe geleistet – schließlich darf nicht vergessen werden, dass noch in derselben Epoche prominente deutsche Denker (Kant, Fichte, Hegel, Goethe) die Todesstrafe für bestimmte Vergehen verteidigt haben. „Es gehört zu den Grundzügen der Philosophie der Aufklärung, daß sie in all ihrem leidenschaftlichen Drang nach vorwärts, in ihrem Streben, die alten Gesetzestafeln zu zerbrechen und zu einem völlig neuen gedanklichen Aufbau des Daseins zu gelangen, nichtsdestoweniger immer wieder auf die philosophischen Urprobleme der Menschheit zurückgreift. … Die Philosophie der Aufklärung faßt demnach ihre Aufgabe nicht als Akt der Vernichtung, sondern als einen Akt der Wiederherstellung.“ (Cassirer 1998 [1932]: 313, 314) Diese Wiederherstellung kann auch für das alttestamentarische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gelten.

Das Vergeltungsprinzip. Wolfgang Rother führt das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ als eine Art Vergeltungsprinzip an, als eine „Vorstellung, dass die böse Tat gesühnt, das Verbrechen vergolten werden muss“ (S.22), in diesem Zusammenhang wird auch von „archaischem Rachedenken“ gesprochen (S.22). Doch damit trifft Wolfgang Rother nicht ganz den Kern der Sache – dieser Spruch: eigentlich aus dem Hebräischen zu übersetzen mit „… so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“ ist in erster Linie ein Prinzip der Verhältnismäßigkeit – setzt es doch Schädigung mit Strafausmaß in ein Verhältnis. Wolfgang Rother verabsäumt es leider, den Unterschied zwischen Körperstrafen (Auspeitschen, Verstümmelung, usw.) und anderen Straffformen zu unterscheiden (Geldstrafen, Freiheitsstrafen, Arbeitsstrafen) – die Verhältnismäßigkeit von Delikt zu Strafe bleibt ein wichtiges Rechtsprinzip, auch wenn Körperstrafen nicht mehr akzeptabel scheinen. Die aktuelle Finanzkrise, und der damit einhergehende Versuch Schuld zuzuweisen (die Banker, die Reichen, die Anderen) hat ja auch wieder dazu geführt, über das Verhältnis von Strafsanktionen nach Sachdelikten (z.B. Vermögensveruntreuung, Diebstahl usw.) und Körperdelikten (Vergewaltigung, Körperverletzung, usw.) öffentlich nachzudenken.

Ursachen von Verbrechen. Eine angemessene Strafe nimmt Rücksicht auf die Ursachen von Verbrechen – eine Strafdiskussion, die nicht darauf eingeht, was Menschen dazu bringt, Verbrechen zu begehen, wird zahnlos bleiben. Nur als Beispiel genommen: Die Tötung von Menschen galt und gilt in allen Kulturen und Gesellschaften als das höchste Verbrechen – jede Form der gesellschaftlichen Konstitution durch Konventionen, Regeln, Grundsätze, usw. hat dem „Mord“ die schwerste Sanktion zugeteilt – dennoch ist es ein historisch konstantes Phänomen, dass Menschen einander töten – im Streit, aus Eifersucht, warum auch immer. Abschreckung, in welcher Form auch immer, hat es historisch-empirisch zu keiner Zeit geschafft, „Mord“ aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit gänzlich zu verbannen. Was sich aber gezeigt hat ist, dass in Gesellschaften, in denen Gewalt als legitimes Mittel angesehen wird, besondere Ziele zu erreichen, sprich: in denen es legitimierte Ausnahmen des Tötungsverbots gibt, das Phänomen Mord häufiger auftritt, als in Gesellschaften, in denen es keine solche öffentliche Legitimation von Ausnahmen vom Tötungsverbot gibt. Krieg, Todesstrafen, Konzentrationslager und Foltercamps können als solche gesellschaftlich tolerierten Ausnahmen angesehen werden (vgl. Martschukat 2002), besondere Armut und Ungerechtigkeit als förderliche Faktoren verstärken diese Symbolkraft noch, wie es am Beispiel Südafrikas gezeigt werden kann: „Seit Jahrhunderten herrscht in Südafrika eine Gesellschaft, die Gewalt nicht nur akzeptiert, sondern sogar befürwortet und als normales Zeichen von Männlichkeit betrachtet.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdafrika). Die Philosophie der Aufklärung steht für eine eigene Form der Selbst- und Welterkenntnis – das bereits zitierte Motto: „“Die Entdeckung der Welt und des Menschen“, ein Freiwerden der natürlich-menschlichen Kräfte und einer Hinwendung zur Welt.“ (Coreth/Schöndorf 2000 [1983]: 136), gibt einen theoretischen Rahmen vor, der schlussendlich dazu führen soll, das Zusammenleben von Menschen besser zu verstehen und schließlich gestalten zu können. Verbrechen, gesellschaftlich nicht akzeptierte Verhaltensweisen wird es immer geben – eine aufgeklärte Gesellschaft wird diese Verfehlungen aber auch als kollektives Scheitern im Detail verstehen, nicht nur als individuell zuschreibbare Verfehlungen verstehen.

Fazit

Leider verspricht der Titel des schmalen Bändchens mehr als sein Inhalt halten kann – die von Wolfgang Rother ausgewählten Akteure stehen in ihrer Bedeutung nicht für die philosophische und gesellschaftliche Bewegung der Aufklärung. Es trifft leider auch nicht zu, was Carla Del Ponte in ihrem Geleitwort über das Buch sagt: „Wolfgang Rother präsentiert uns hier eine ausführliche Studie über Folterverbot und Abschaffung der Todesstrafe …“ (S.7) – Ausführlichkeit würde Systematik voraussetzen – die Einordnung und Darstellung der Argumente, die für oder gegen die Todesstrafe und Folter spreche, eine Darlegung der Originalität der Ideen der Protagonisten, und auch eine Diskussion darüber, inwieweit die damaligen Argumente auch in der aktuellen Diskussion Gewicht haben können.

Hinzu kommt, dass es sich bei diesem Band nicht um eine Arbeit aus einem Guss handelt – er enthält überarbeitete Teile aus bereits publizierten Arbeiten, die sich zumeist an ein Fachpublikum richten, das sich besonders für die italienische Aufklärung interessiert – in den maßgeblichen Büchern zur Aufklärung kommt Italien kaum Bedeutung zu: Die Philosophie der Aufklärung ist eine französische, englische, deutsche Philosophie. „Das vorliegende Schwabe-Reflexe-Bändchen ist in weiten Teilen eine stark bearbeitete und ergänzte Neufassung des Kapitels Strafrechtsphilosophie. Mailands originärer Beitrag zur europäischen Aufklärung.“ (S.141)

Man ist besser beraten, zunächst das Buch von Jürgen Martschukat zur Hand zu nehmen, um sich über die Wirklichkeit der Todessstrafe zu orientieren, dazu den aktuellen Aufsatz von Tony Poveda anzusehen, um schließlich einen Blick auf den ausgesprochen gelungenen Aufsatz von David Sussman zu werfen, damit man auch über die philosophische Diskussion der Legitimität von Folter informiert ist. Das Buch von Wolfgang Rother ist leider nicht systematisch genug, um einen guten Überblick zu diesem komplexen Thema liefern zu können. Es fehlen wichtige Hinweise auf die aktuelle Diskussion zu diesem Thema (auf Beiträge zu den drei Protagonisten des Buches wird aber umfassend hingewiesen).

Schließlich ermöglicht das Buch von Wolfgang Rother aber die Auseinandersetzung mit aufklärerischen Ideen und Argumentationsformen – Cesare Beccaria hat sehr interessante Argumente gegen Folter und Todesstrafe entwickelt, die nicht nur im historischen Kontext Gültigkeit beanspruchen können – insofern ist das vorliegende Buch ein brauchbarer Ausgangspunkt, um sich in die Thematik zu vertiefen.

Literatur:

  • Cassirer, E. (1998 [1932]). Die Philosophie der Aufklärung. Hamburg (GER), Felix Meiner Verlag
  • Coreth, E. and H. Schöndorf (2000 [1983]). Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts. Stuttgart (GER), Verlag W. Kohlhammer
  • Dupré, L. (2004). The Enlightenment and the Intellectual Foundations of Modern Culture. New Haven, CT (USA) & London (UK), Yale University Press
  • Foucault, M. (1976). Mikrophysik der Macht - Michel Foucault über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin (GER), Merve Verlag
  • Kenny, A. (2006). The Rise of Modern Philosophy. Oxford (UK), Clarendon Press
  • Martschukat, J. (2002). Die Geschichte der Todesstrafe in Nordamerika - Von der Kolonialzeit bis zur Gegenwart. München (GER), Verlag C.H. Beck
  • Poveda, T. G. (2009). "The Death Penalty in the Post-Furman Era: A Review of the Issues and the Debate." Sociology Compass 3(4): 559-574
  • Sofsky, W. (2005 [1996]). Traktat über die Gewalt. Frankfurt/Main (GER), Fischer Taschenbuch Verlag
  • Stemmer, P. (2008). Normativität. Eine ontologische Untersuchung. Berlin (GER) & New York, NY (USA), Walter de Gruyter
  • Sussman, D. (2005). "What's Wrong with Torture?" Philosophy & Public Affairs 33(1): 1-33

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 28.07.2010 zu: Wolfgang Rother: Verbrechen, Folter und Todesstrafe. Philosophische Argumente der Aufklärung. Schwabe Verlag (Basel) 2010. ISBN 978-3-7965-2661-9. Reihe: Schwabe reflexe - 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9807.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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