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Jens-Uwe Niehoff, Bernard Braun: Sozialmedizin und Public Health

Cover Jens-Uwe Niehoff, Bernard Braun: Sozialmedizin und Public Health. Ein Wörterbuch zu den Grundlagen der Gesundheitssicherung, der Gesundheitsversorgung, des Gesundheitsmanagements, der Steuerung und der Regulation im Gesundheitswesen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2003. 296 Seiten. ISBN 978-3-8329-0118-9. 24,90 EUR, CH: 43,60 sFr.
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Die Autoren

Die Autoren des Handwörterbuchs, Jens-Uwe Niehoff und Bernard Braun, sind ausgewiesene Gesundheitswissenschaftler und Sozialmediziner. Jens-Uwe Niehoff, Medizinischer Dienst der Krankenkassen Berlin & Brandenburg, ist Professor für Sozialmedizin und Epidemiologie mit den Schwerpunkten Epidemiologie, Gesundheitssystemvergleiche, Versorgungs- und Präventionsforschung. Bernard Braun, Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, ist promovierter Soziologe mit den Schwerpunkten Gesundheitspolitik, Gesundheitssystemforschung und sozialwissenschaftliche Evaluationsforschung medizinischer Versorgung. Das Handwörterbuch erörtert 490 Schlüsselbegriffe aus Sozialmedizin und Public Health und hat einen Umfang von 296 Seiten.

Die Ziele und Zielgruppe

In Abgrenzung zu anderen Wörterbüchern liegt bewusst ein kommentiertes Handwörterbuch vor: Die Begriffe sollten in den Kontext von Meinungen gestellt werden. Auch soll die Verflechtung der Sachverhalte, Methoden, Konzepte und Theorien rezipiert werden (S. 7). Konzeptionell ist das Handwörterbuch multi- und interdisziplinär angelegt. Geschlagen werden soll eine Brücke zwischen Medizin und Sozialwissenschaften; ihre Tragpfeiler, so die Autoren, sind die Demographie, Sozialepidemiologie, Medizinsoziologie, Gesundheitssystemforschung, Gesundheitsökonomie, Versorgungsforschung und Gesundheitsanalytik. Als Zielgruppen möchten die Autoren erreichen: Studierende der Medizin, Gesundheitswissenschaften, Pflegewissenschaften und des Gesundheits- und Sozialmanagements. Ferner sollen neben den traditionellen Gesundheitsberufen erreicht werden: Betriebswirte, Politologen, Pharmazeuten, Juristen, Sozialwissenschaftler und Rehabilitationsfachkräfte, um nur einige zu nennen.

Aufbau und Inhalt

Mit der Veröffentlichung des vorliegenden Wörterbuchs verknüpfen die Autoren mehrere Motive (S. 7):

  • "Kenntnisse über die komplexen Zusammenhänge der Regulation, der Steuerung und des Management in Gesundheitssicherung und -versorgung für die öffentliche Debatte, für die gesundheitswissenschaftliche Ausbildung an den Universitäten und Fachhochschulen sowie für die Weiter- und Fortbildung anbieten;
  • den Nutzer von umfangreichen Recherchen entlasten und zugleich Anstöße zur Ergänzung und Vertiefung des Wissen setzen;
  • das Unterstützungspotenzial unserer "Fächer" für die praktische Arbeit, die politische Diskussion und die Forschungsorientierung zur Gesundheitssicherung und -versorgung transparenter machen;
  • die isolierten "Wissensinseln" so verknüpfen, dass nicht nur die Zusammenarbeit und das gegenseitige Verständnis der Akteure befördert wird, sondern auch die kontroversen tagespolitischen Diskussionen in ihren Hintergründen deutlicher konturiert werden können, um so zur wissenschaftlichen Kontextfindung und zur Wahrnehmung durch Politik, Journalistik und BürgerInnen beizutragen
  • die Begriffe so mit unseren Erfahrungen verbinden, dass, wo immer es sich anbietet oder uns besonders dringlich erscheint, den Begriffen auch ein Kommentar zugeordnet ist."

Die 490 Schlüsselbegriffe sind alphabetisch geordnet. Erfahrungen in Deutschland werden auch in Relation gesetzt zu denen in anderen Gesundheitssystemen, vor allem des britischen und des US-amerikanischen.

Kritik

Mit dem Handwörterbuch möchten die Autoren Studierende der Public-Health-Sciences erreichen. Bietet das Werk zweifelsfrei einen wertvollen Überblick über wichtige Begriffe, so ist es doch nur eingeschränkt für didaktische und wissenschaftliche Zwecke verwendbar. Ein Handwörterbuch ohne Literaturverweise bei der Abhandlung der Fachbegriffe ist für Studierende nur begrenzt zu empfehlen. Was von guten Seminar-, Magister- oder Diplomarbeiten mit Selbstverständlichkeit zu erwarten ist, müsste als Standard ein Handwörterbuch, unbedingt erfüllen. Für weitere Auflagen ist zu empfehlen, zumindest die wichtigsten Begriffe mit Literaturstellen im Text zu versehen. Ferner wird der Anspruch nicht eingelöst, eine Brücke zwischen Medizin und Sozialwissenschaften zu schlagen; es ist eine Brücke zwischen Medizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie. Das sozialwissenschaftliche Spektrum von Sozialmedizin und Public Health wird im Verhältnis zur Epidemiologie und Gesundheitsökonomie unzureichend präsentiert. So werden weder Medizin- und Gesundheitssoziologie, Medizin- und Gesundheitspsychologie, medizinische Sozialpolitik, Sozialpsychiatrie noch die Sozialarbeit erwähnt. In der angelsächsischen Medizinsoziologie wird auf die sozialepidemiologische Bedeutung der Sozialstrukturanalyse zum Verstehen der Patho- und Salutogenese verwiesen. Die Sozialstrukturanalyse zählt zu den Schlüsselthemen moderner Gesundheits- und Sozialwissenschaft, wie die aktuelle Diskussion des Zusammenhangs von Übergewicht, Bewegung, Sozialstruktur und Gesundheit belegt. Schließlich fehlen im Zuge der Gesundheitsforschung Verweise auf phänomenologisch-hermeneutische Forschungsansätze. Neben der analytisch-statistischen Modellbildung steht die herausragende Bedeutung qualitativ orientierter Ansätze in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften außer Frage. Diese Forschungstraditionen sollten in einem Handwörterbuch zur Sozialmedizin und Public Health nachlesbar sein. Anderseits wäre zu prüfen, ob eine Vielzahl technischer Begriffe aus Epidemiologie und Ökonomie nicht redundant sind um die "magische Zahl" von 500 Fachbegriffen nicht zu überschreiten.

Fazit

Die Autoren haben eine hervorragende Idee, ein kommentiertes Handwörterbuch zur Sozialmedizin und Public Health, nicht nur geboren sondern auch umgesetzt; hier ist eine Lücke geschlossen worden. Niehoff und Braun haben sich auf ein schwieriges Projekt eingelassen: die Probleme eines solchen Unterfangens werden im Vorwort dargelegt. So sind die Vielfalt der Disziplinen, die disziplinäre Abgrenzungspolitik und die beschleunigte Entwicklung in den Public-Health-Sciences mit riskanten Fallen verknüpft. Kann es zwei Autoren gelingen das Spektrum der Disziplinen so zu präsentieren, dass die Einzeldisziplinen hinreichend vertreten sind? Erinnert sei an das Public-Health-Buch, herausgegeben von Schwartz, Badura, Leidl, Raspe und Siegrist. Neben fünf namhaften Herausgebern waren über 50 Referenten an dem Werk beteiligt. Insofern hatten sich die beiden Autoren viel vorgenommen und die erwähnten Defizite können sich einschleichen.

Insgesamt ist das Buch trotz der erwähnten Einschränkungen ein Geheimtipp. Die handliche Ausgabe bei Nomos ermöglicht es, das Buch in der Hand- oder Aktentasche mitzuführen. Es ist bestens geeignet, Wartezeiten auf Bahnhöfen und Flughäfen sinnvoll zu nützen. Den Autoren bleibt, dass die erwähnte Kritik, soweit berechtigt und bereichernd, in einer 2. Auflage berücksichtigt wird. Insofern sind dem Handwörterbuch weitere Auflagen zu wünschen.


Rezensent
Prof. Dr. Bernhard Mann
MPH Dipl.-Sozialwirt. Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz


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Zitiervorschlag
Bernhard Mann. Rezension vom 29.06.2004 zu: Jens-Uwe Niehoff, Bernard Braun: Sozialmedizin und Public Health. Ein Wörterbuch zu den Grundlagen der Gesundheitssicherung, der Gesundheitsversorgung, des Gesundheitsmanagements, der Steuerung und der Regulation im Gesundheitswesen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2003. ISBN 978-3-8329-0118-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/985.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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