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Bernd R. Birgmeier: Sozialpädagogisches Coaching

Cover Bernd R. Birgmeier: Sozialpädagogisches Coaching. Theoretische und konzeptionelle Grundlagen und Perspektiven für soziale Berufe. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. 244 Seiten. ISBN 978-3-7799-1954-4. 19,00 EUR, CH: 32,90 sFr.

Reihe: Grundlagentexte soziale Berufe.
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Thema

Im Buch werden alle wichtigen theoretischen und konzeptionellen Grundlagen und Perspektiven des Coachings zusammengetragen. Der Autor setzt dabei vor allem eine sozialpädagogische Brille auf und erarbeitet dabei ein eigenständiges Modell des Sozialpädagogischen Coachings mit einem eigenen theoretischen und wissenschaftlichen Hintergrund. Daraus entwickelt er ein fundiertes Prozessmodell, stellt dieses fachlich dar und wendet es in einem dokumentierten Praxisbeispiel konkret an.

Autor

Nach Angaben des Verlags ist der Autor Privatdozent und Akademischer Rat am Lehrstuhl für Sozialpädagogik und Gesundheitspädagogik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sowie Management Coach und Coachingausbilder. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Theorien der Sozialen Arbeit, Professionalisierung- und Verwissenschaftlichungsprozesse im sozialen Bereich sowie Coachingforschung.

Aufbau

Das Buch besteht aus drei Kapiteln.

Das erste Kapitel stellt einen guten Überblick über alle wichtigen Coachingaspekte dar. Die zentralen wissenschaftlichen Hintergründe und methodischen Felder werden dargestellt. Die einschlägigen Literatur wird dabei vom Autor berücksichtig unter kontinuierlichen Einbeziehung des sozialpädagogischen Fokus beleuchtet.

Das zweite Kapitel entwirft ein eigenes Prozessmodell für die sozialpädagogische Coachingpraxis. Dieses besteht aus der Vorphase, der Hauptphase und der Endphase. Die Hauptphase setzt sich wiederum aus den Phasen „Diagnose und Analyse“, „Coaching – Ziele“ und „Methoden und Lösungen“ zusammen. Damit entwickelt der Autor auf Grundlage des ersten Kapitels ein wissenschaftlich fundiertes sozialpädagogisches Coachingprozessmodell.

Das dritte Kapitel stellt einen Erfahrungsbericht dar und widmet sich der konkreten Anwendung des von Birgmeier entwickelten Prozessmodells in der Praxis anhand einer Personalentwicklungs-maßnahme für Gruppenleiter in einer Behinderteneinrichtung. In diesem Zusammenhang wird auch auf ein Einzelcoaching mit einer Gruppenleiterin konkret eingegangen.

Kapitel 1 „Coaching und Sozialpädagogik – eine Positionsbestimmung“

Hauptgliederungspunkte sind: Diskurs und Fragehorizonte im Coaching, Coaching und Psychotherapie, Coaching und Selbstmanagement, Coaching und Gesundheitsförderung, Coaching und Sozialmanagement, Coaching und Sozialpädagogik.

Der Autor liefert für den an Coaching interessierten Leser eine gute Übersicht über die vielen unterschiedlichen und z.T. auch kontroversen Begriffsklärungen und Ansätze bzw. Konzepte im Coaching. Dies stellt eine wichtige Arbeit dar, da es doch immer schwieriger ist einen Überblick in der Vielzahl von Positionierungen auch im Kontext des Coachingmarktes zu behalten und seriöse von unseriösen Positionierungen zu unterscheiden. Dabei werden ebenso die Entstehungsgeschichte wie auch die Ausprägungen der einzelnen Einflugschneisen beleuchtet. Auf jeweils ca. 4 Seiten fokussiert der Autor die Inhalte Psychotherapie, Selbstmanagement, Gesundheitsförderung und Sozialmanagement im Zusammenhang mit Coaching. Dabei wird deutlich wie schwierig die einzelnen Begrifflichkeiten voneinander abzugrenzen sind bzw. wie sie auch z.T. fließend ineinander übergehen. Alle Versuche drücken für Birgmeier letztendlich wie er es nennt eine „Vermessungsbemühung“ aus, die es anzuerkennen und zu würdigen gilt. Dabei scheut sich der Autor auch nicht kritische Anmerkungen ins Feld zu führen, um vor pseudowissenschaftlichen Entwicklungen zu warnen. Ihm geht es nach meiner Ansicht darum, eine Wissenschaftlichkeit im Diskurs zu etablieren und ein eigenständiges sozialpädagogisches Modell von Coaching zu entwickeln.

Zum Abschluss des Kapitels spricht Birgmeier von der Trias – Institution, Professionelle und Adressaten – und sieht sie als Grundlage für alle Formen personenbezogener Beratung.

Kapitel 2 „Das Prozessmodell für die sozialpädagogische Coaching-Praxis“

Hauptgliederungspunkte sind: Die Vorphase des sozialpädagogischen Coachings, Phase 1 im Kernprozess sozialpädagogischen Coachings - Diagnosen und Analysen, Phase 2 im Kernprozess sozialpädagogischen Coachings – Ziele, Phase 3 im Kernprozess sozialpädagogischen Coachings – Methoden und Lösungen, die Endphase sozialpädagogischen Coachings.

Die genannten Hauptgliederungspunkte beschreiben gut das Phasenmodell und dienen als wichtige Orientierung im Ablauf des Coachingprozesses. Hier entwickelt der Autor das Herzstück des Buches. Birgmeier entwirft sein Prozessmodell des sozialpädagogischen Coachings. Ein wichtiger roter Faden im Kontext seines Modells, ist im Selbstmanagementansatz zu sehen. Er geht dabei davon aus, dass sein Modell sowohl wie er es ausdrückt für das „klassische“ Klientel von Managern bzw. Führungskräften im Profit und Non-Profit Bereich, als auch für die Adressaten und das Klientel der Sozialpädagogik geeignet ist. Für die zweite Zielgruppe hat er ein modifiziertes Modell vor Augen, das mehr die Lebensführungsprobleme ins Zentrum stellt.

Der sozialpädagogischen Coachingprozess teilt sich nach Birgmeier in eine „Makro- und Mikroebenen“ auf. Die Vor und Endphase ist für ihn die Makroebene, die Hauptphase beschreibt er als Mikroebene. Die Mikroebene wiederrum gliedert sich ähnlich wie in den im klassischen Coaching üblichen Phasen, in Vorphase, in die Einstiegs- und Kontraktphase, in die Kern- bzw. Arbeitsphase (Phase 1 – 3 – siehe unten) und in die Endphase.

In der Beschreibung der einzelnen Phasen im Coachingprozess nimmt Birgmeier i.d.R. die Perspektive des Klienten und des Coaches ein. Dies garantiert auch weniger im Coachingbereich erfahrenen Lesern eine fachlich fundierte Grundlage vom ersten bis zum letzten Prozessschritt. Überhaupt gibt der Autor viele inhaltliche und methodische Anregungen (z.B. durch Fragelisten). Für ihn stellen in der Vorphase des Coachings die Gesprächsführung neben der Beziehung, dem Setting und der Motivation des Klienten, die zentralen Fundamente dar. Die Darstellung ist umfassend und berücksichtigt alle relevanten Aspekte. Im Zusammenhang mit der Phase 1 „Diagnosen und Analysen“ konzentriert der Autor seine Ausführungen auf drei Bereiche, die er aus Sicht des Klienten und Coaches als zentral ansieht. Dazu gehören die Situations- und Verhaltensanalyse, die Persönlichkeitsanalyse und die Werteanalyse.

In Phase 2 „Ziele“ findet der Leser eine gute Darstellung zum Thema, auch was die Zielformulierung angeht. Birgmeier orientiert sich hier an den Ausführungen von Whitmore (SMART, PURE, CLEAR) Darüber hinaus erläutert Birgmeier ein Verfahren (GAS – Goal Attainment Scaling) zur Zielerreichung und Zielbewertung ausführlich. In der dargestellten Form ist das Verfahren für einen erfahrenen Coach anwendbar.

Viel Aufmerksamkeit widmet der Autor Phase 3 „Methoden und Lösungen“. Er beschreibt die Hauptkomponenten zur optimalen Auswahl und Planung von Interventionen. Dies sind aus seiner Sicht das Dreieck Klient, Coach (unter Einbeziehung der persönlichen Haltungen bzw. des Selbst- und Weltbildes) und die Intervention auf dem Hintergrund des aktuellen Kontextes. Diese Darstellung ist für mich als Rezensent und Coach ein bedeutsames Konzept und ein wichtiger Beitrag verantwortungsvoll mit dem Einsatz von Methoden im Coaching umzugehen. Birgmeier mahnt später selbst, das ein professionelles Coaching eben nicht ein Toolfeuerwerk abbrennt, sondern die Methodenwahl sorgfältig anhand von erlernten Grundtheorien betreibt. Dazu gehören die Aspekte Wahl, Begründung, Wirkung und Reflektion des Feedbacks vom Klienten.

In allen Phasen erfährt der Leser nicht nur Theoriehintergründe bzw. -erläuterungen, sondern auch Beschreibungen von konkreten Methoden, die zumindest für einen erfahrenen Coach mit dem angebotenen Material i.d.R. anwendbar sind.

Kapitel 3 „Das sozialpädagogische Coaching in der Praxis – ein Erfahrungsbericht“

Hauptgliederungspunkte sind:

  • Die Funktion des Erstgesprächs in Abhängigkeit der Bedarfsfeststellung eines Coachings,
  • von einer PE-Maßnahme zum Coaching für Gruppenleiter,
  • das sozialpädagogische Coaching in der Praxis: ein Fallbeispiel, Schlussbemerkung Fazit und Ausblick

Im dritten Kapitel wird anhand eines Erfahrungsberichts über Gruppenleiter eines Heims für Menschen mit geistiger Behinderung die Gesamtkonzeption eines sozialpädagogischen Coachings in allen Phasen beschrieben: Die in diesem Coachingbeispiel vollzogenen Phasen, thematisierten Inhalte und die konkret angewandten Methoden werden in nachvollziehbaren Schritten mit dem zuvor dargestellten Konzept verknüpft.

Weiter wird sozialpädagogisches Coaching durch ein konkretes Praxisbeispiel eines Einzelcoachings mit einer Gruppenleiterin veranschaulicht. Dieser Teil fundiert die beiden ersten eher theoriegeleiteten Kapitel. Der Leser bekommt so einen konkreten Einblick in die Anwendung sozialpädagogischen Coachings.

Diskussion

Ein aus meiner Sicht wichtiges Buch, das nicht nur durch den Sprachstil des Autors lesefreundlich ist (wenn ich mal von den vielen Verweisen, Zitaten etc. absehe), sondern ebenfalls etwas zu sagen hat, oder noch besser ausgedrückt ein eigenständiges und wissenschaftlich fundiertes Modell von Coaching entwickelt. Auch wenn sich der Autor dabei natürlich an vorhandene Modelle anlehnt, eröffnet sich dem Leser doch etwas Neues und in sich Schlüssiges, das es sicher verdient auch in Coachingausbildungen integriert zu werden. Für mich als Rezensent hat es Lehrbuchcharakter. Dabei zeigt auch die praktische Anwendung des Modells im Fallbeispiel, das der Autor mit seinem wissenschaftlichen Hintergrund nicht nur theoretisiert, sondern auch praktisch umsetzt. Dies erscheint mir, gerade bezogen auf die Auswirkungen von Modellen und Methoden ein entscheidender Aspekt zu sein. Und an diese Stelle sei mir eine persönliche Frage erlaubt: Unabhängig von jeglicher Redlichkeit des Autors und auch seinem wichtigen Ansinnen konkret zur Professionalisierung von Coaching beizutragen, kommt es jenseits von Theorien und Modellen nicht auf eines an: „Was kommt beim Coachee an, welche Potentiale können aktiviert werden, welche positiven Auswirkungen hat es auf ihn, welche Entwicklungen definiert er für sich? Ist es für ihn wichtig zu wissen wie das heißt, Coaching, Therapie, Supervision oder wie auch immer. Stehen in der deutlichen Abgrenzung der Begriffe nicht auch konkrete Marktinteressen im Mittelpunkt?

Fazit

Ein Buch, dem ich als Rezensent und Coach viele Leser wünsche. Als Zielgruppe sehe ich sowohl Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, als auch Wissenschaftler und Coaches. Ebenfalls halte ich es für die Ausbildung im Coachingbereich geeignet.


Rezensent
Dipl. Soz.-Arb. Bertram Kasper
Dipl. Supervisor und Supervisor (DGSv), Krisen- und Business Coach, Coaching- und Trainerausbilder, profilingvalues® Partner
www.gisa-marburg.de
Homepage www.focus-fuehren.de
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Zitiervorschlag
Bertram Kasper. Rezension vom 08.02.2011 zu: Bernd R. Birgmeier: Sozialpädagogisches Coaching. Theoretische und konzeptionelle Grundlagen und Perspektiven für soziale Berufe. Juventa Verlag (Weinheim) 2010. ISBN 978-3-7799-1954-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9850.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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