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Gisela Hauss, Susanne Maurer (Hrsg.): Migration, Flucht und Exil im Spiegel der sozialen Arbeit

Cover Gisela Hauss, Susanne Maurer (Hrsg.): Migration, Flucht und Exil im Spiegel der sozialen Arbeit. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2010. 311 Seiten. ISBN 978-3-258-07559-4. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 49,00 sFr.

Reihe: Studien zur historischen Pädagogik und Sozialpädagogik.
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Thema

Das vorliegende Buch konzentriert auf Migrationsprozesse des 18. + 19. Jahrhunderts und versucht anhand von vier thematischen Schwerpunkten, Forschungsarbeiten zur Geschichte der Sozialen Arbeit mit einer historischen MIgrationsforschung zusammen zu bringen, wobei auch aktuelle Fragen zum Verhältnis von Migration und Sozialer Arbeit problematisiert werden.

Herausgeberinnen

Dr. Gisela Hauss ist Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit. Dr. Susanne Maurer ist Professorin für Erziehungswissenschaft / Sozialpädagogik an der Philipps-Universität Marburg.

Aufbau und Inhalt

Das als deutsch-schweizerisches Projekt konzipierte Buch gliedert sich in vier Themenkomplexe, welche jeweils drei bis fünf Beiträge beinhalten.

Themenkomplex 1 behandelt Migration im Kontext von Armut. Im ersten Beitrag problematisiert Marco Leuenberger die Geschichte der „Verdingkinder“ in der Schweiz als eine problematische und aus heutiger Sicht skandalöse Form der Fremdplatzierung, bei der die Kinder in der Landwirtschaft als billige Arbeitskräfte missbraucht wurden. Im zweiten Beitrag thematisiert Loretta Seglias die so genannten „Bündner Schwabengängerei“, bei der es zu einer saisonalen Auswanderung von arbeitenden Kindern aus dem Schweizerischen Graubünden in das deutsche Oberschwaben kam. Der dabei für die Kinder anfallende Fußweg betrug teilweise bis zu 200 Kilometer und wurde in kleinen Wandergruppen geleistet, oftmals in Begleitung eines erwachsenen Führers. Der Beitrag verdeutlicht anschaulich, wie verbreitet es war, Kinder aus armen bäuerlichen Familien so „fremdzuplatzieren“, dass sie durch harte Arbeit ihre Lebenshaltungskosten selbst erwirtschaften mussten. Im dritten Beitrag führt Gisela Hauss am Beispiel der Schweiz aus, wie Arbeitsmigranten im 19. + 20. Jahrhundert am Migrationsort mit Hilfe eines „Heimatprinzips“ exkludiert wurden, wenn sie in Not gerieten und den Etablierten zur Last fallen drohten. Es kam dann zu „Betteljagden“ bzw. „Armenfuhren“, bei denen die hilfsbedürftigen Migranten zwischen den Gemeinden hin- und her geschoben wurden. Zentrales Kriterium für die Androhung oder Realisierung dieser speziellen Form historischer Abschiebung war die Abhängigkeit von Fürsorgeunterstützung. Ein anschauliches Beispiel illustriert die damalige Fürsorgepraxis bei „Armut und Unordnung“.

Der zweite Themenkomplex fokussiert auf „Mädchenhandel“ und Prostitution als Arbeitsbereich der Fürsorge. Anhand historischer Quellen aus Deutschland beleuchtet Anne Dietrich die Rede vom Mädchenhandel im historischen Kontext des 19. + 20, Jahrhunderts und zeigt auf, wie aktuell die bereits damals aufgeworfenen Fragen nach notwendigen Schutzmaßnahmen der Fürsorge auch heute noch sind.
Im zweiten Beitrag stellt Astrid Mignon Kirchhof die Zusammenarbeit des „Deutschen Nationalkomitees“ mit der Evangelischen Bahnhofsmission zur Bekämpfung des Mädchenhandels vor. Anschaulich beschreibt sie die konkrete Arbeitsweise speziell der Berliner Bahnhofsmission und problematisiert, wie schwer es zu fassen war, was im Einzelnen von den unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften – Gesetzgeber, Kirche, Fürsorge, Bahnhofsmission – unter „Mädchenhandel“ gefasst wurde. Im dritten Beitrag thematisiert Joëlle Turrain Prostitution in Zürich um 1920. An zwei Fallbeispielen und der Arbeit der Polizeiassistentin Lüthy wird anschaulich ausgeführt, welche problematische Gemengelage von Fürsorge und Repression diese Arbeit kennzeichnete.

Der dritte Themenkomplex widmet sich der Sozialen Arbeit im Kontext von Ausgrenzung und Verfolgung. Im ersten Beitrag fokussiert Kurt Schilde auf die Hilfebemühungen der „Internationalen Roten Hilfe“ während der Zeit des Faschismus. Anhand der Arbeit der Roten Hilfe in Deutschland, Schweden und Holland gibt der Beitrag einen Einblick in die spezifische Form kommunistischer Wohlfahrtsunterstützung. Als Gegenstück zur Ausrichtung der Arbeit der politisch linken Flüchtlingshilfe liest sich die „Überfremdungsbekämpfung und Flüchtlingspolitik in der Schweiz vor 1945“ von Patrick Kury. Wie der Beitrag anschaulich darstellt, besitzt der Begriff Überfremdung in der Schweiz eine hundertjährige Tradition und behandelt die Rolle der Experten der Armenfürsorge und der sozialpolitisch engagierten Organisationen. In einem weiteren Beitrag behandelt Kurt Schilde die Fluchthilfe und Flüchtlingsfürsorge für die von 1933 bis 1945 aus Deutschland entkommenen jüdischen Menschen und gibt einen Einblick in die Netzwerkarbeit der Fluchthilfe. In einem vierten Beitrag stellen Verena Hennings und Sabine Hering die Wanderfürsorge und sozialen Stiftungen als Grundsätze der jüdischen Wohlfahrt dar. Es wird ausgeführt, wie Vertreibung und Flucht in der Geschichte des jüdischen Volks in Form der Wanderfürsorge eine beachtliche Vielfalt von Hilfen entwickeln ließ. Christian Niemeyer stellt anschießend das Wirken von Werner Kindt in seiner Eigenschaft als Chronist der Jugendbewegung in einem fünften Beitrag dar. In der Beschäftigung mit der zwischen 1963 und 1974 erschienenen dreibändigen Dokumentation der Jugendbewegung zeichnet der kritische Beitrag sehr pointiert das durchaus problematische Wirken von Kindt und anderen Zeitgenossen der Jugendbewegung nach, welches im Kern darin besteht, ein politisch geschöntes Bild der Jugendbewegung zu vermitteln.

Der vierte Themenkomplex fokussiert auf Migration im Generationenverhältnis. In einem sehr lesenswerten ersten Beitrag stellen Rudolf Leiprecht und Helma Lutz Reflexionsgrundlagen für eine diversitätsbewusste Soziale Arbeit dar. Sie problematisieren gängige Denk- und Handlungsfiguren zu Generationen- und Geschlechterverhältnissen im Kontext von Migration. Ausgehend von den dominanten Denkfiguren der 1960er und frühen 1970er Jahren (Stichwort: Ausländerpädagogik) zeichnen sie den Weg hin zu einer Vorstellung von Interkultureller Pädagogik nach. Sie problematisieren die Begriffe Geschlecht und Generation und zeigen auf, wie sehr sich viele aktuelle Diskurse in einengenden binären Dichotomien verstricken. Sie plädieren eindrücklich für einen offenen und angemessenen Umgang mit mehreren Differenzlinien in den klärenden Auseinandersetzungen im Umgang mit Migration. Angela Seling behandelt im zweiten Beitrag am Beispiel der Migration einer sizilianischen Familie ab 1971 die Aspekte Trauma – Verheißung – Konflikt. Exemplarisch wird hier dargestellt, dass Migration ein sehr komplexes Geschehen darstellt, dem eine eindimensionale Betrachtung nicht gerecht wird. Im letzten Beitrag des Bandes thematisieren Cornelia Frey und Ulrich Reitemeier eine generationsübergreifende Biografiearbeit in russlanddeutschen Familien. Dargestellt wird hier, wie Familiengeschichtliches in Interviews zur Sprache kommen kann.

Zielgruppen

Beschäftigte und Studierende der Sozialen Arbeit sowie Menschen, die sich für historische Fragen der Sozialen Arbeit interessieren.

Fazit

Alle Beiträge in diesem Buch sind in einer gut lesbaren Sprache geschrieben und zeichnen sich durch eine fundierte Bibliografie aus, die zum Weiterlesen einladen. In der Gesamtschau wird anschaulich, dass das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Migration wohl zu keiner Zeit eindeutig war. Durch den kritischen Blick der Autorinnen und Autoren auf die historische Fürsorge, zur der eine humane Gesellschaft verpflichtet sein muss, ergeben sich viele wertvolle Hinweise, Parallelen und Anregungen für die heutige Diskussion innerhalb der Sozialen Arbeit. Im Hinblick auf die erfahrbare Tendenz einer geschichtsvergessenden Sozialen Arbeit, die ihre Daseinsberechtigung mehr in der Anpassung an marktliberale Strategien sucht, wäre es zu wünschen, dass dieses Buch vor allem viele Studierende der Sozialen Arbeit erreicht. In den wahrscheinlich anstehenden und sich verschärfenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Teilhabe und Beteiligungsgerechtigkeit kann es nur hilfreich sein, ein deutliches Bild von historischen Bezügen entwickelt zu haben, damit sich Geschichte nicht wiederholen muss. Dazu kann dieses Buch einen wertvollen Beitrag leisten.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 29.11.2010 zu: Gisela Hauss, Susanne Maurer (Hrsg.): Migration, Flucht und Exil im Spiegel der sozialen Arbeit. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2010. ISBN 978-3-258-07559-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9851.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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