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Winfried Palmowski, Matthias Heuwinkel: "Normal bin ich nicht behindert!"

Cover Winfried Palmowski, Matthias Heuwinkel: "Normal bin ich nicht behindert!". Wirklichkeitskonstruktionen bei Menschen, die behindert werden - Unterschiede, die Welten machen. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2010. 3. Auflage. 312 Seiten. ISBN 978-3-86145-198-3. CH: 31,60 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch handelt von Wirklichkeitskonstruktionen im Zusammenhang mit dem Begriff Behinderung. Zentral herausgestellt wird das Phänomen, dass behinderte Menschen andere Vorstellungen von Wirklichkeit entwickeln, als Nicht-Behinderte es tun. Daher wird die gesamte Thematik aus einem konstruktivistischen Blickwinkel erörtert, wie wir Wirklichkeit erleben und was wir für wirklich halten. Die zentralen Punkte sind: Welche Vorstellungen sind Menschen, „die wir als behindert bezeichnen“, zu eigen? Worin unterscheiden sie sich von den unseren? Wie können wir Informationen über diese anderen Wirklichkeiten erlangen? Welche fachlichen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Aufbau und Inhalt

Die Annäherung an die Fragestellung erfolgt zum einen über das Sammeln von Beispielen und zum andern über den Zugang konstruktivistischer Erkenntnistheorie.

Nach der Einleitung, in welcher das Konzept des Buches umrissen wird, wird im 2. Kapitel in die wichtigsten Inhalte eingeführt. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Auffassung, dass die Unterscheidung in behindert und nicht-behindert nicht auf objektiven Kriterien beruht und folglich keine klaren Zuordnungen möglich sind. Die Dichotomie von Behinderung und Normalität, die sich dahinter verbirgt, wird insofern als obsolet bezeichnet, als Behinderung weniger das Merkmal einer Person, sondern eher als Konsequenz einer bestimmten sozialen Situation zu erachten ist.

Im 3. Kapitel werden erste Beispiele für Wirklichkeitskonstruktionen von Behinderung, etwa aus Literatur und Film sowie Gesprächen mit betroffenen Menschen, aufgelistet, wobei die Interpretation des vorgelegten Materials doch sehr an der Oberfläche verbleibt. Gerade der Subtext der in den Interviews vorfindlichen Aussagen wäre einer eingehenderen Analyse wert gewesen. Es schließt sich die Betrachtung der Sichtweise von nicht-behinderten Menschen an, wobei vor dem Hintergrund gesellschaftlich geschaffener Übereinkünfte die Mythenbildung über die Bilder von Behinderung herausgestellt wird.

Im 4. Kapitel geht es um wissenschaftstheoretische Überlegungen der Erkenntnisbildung, Vor allem der Wandel der Vorstellungen von der Moderne zur Postmoderne interessiert. Dass Psychoanalyse und Lerntheorie nur in einer Fußnote – und da überaus holzschnittartig – Erwähnung finden und ein Bezug zur Kritischen Theorie völlig fehlt, obwohl diese doch lange Zeit für die paradigmatische Debatte zur Wirklichkeitswahrnehmung prägend war – ist bedauerlich. Und unbemerkt schleicht sich, entgegen des propagierten Postulats von den allzeit zu reflektierenden Wirklichkeitskonstruktionen, die positivistische Anschauung nach vorne, wenn Empirie, Beobachtung und Experiment als alleinige Wege zur Erkenntnisgewinnung angesehen werden. Wiederum erfreulich ist der intensive Bezug zur Wissenschaftsauffassung von Kuhn, der mit seinen Ausführungen zu paradigmatischen Veränderungen den alten Anspruch auf Wahrheit und Wahrheitsfindung aufgibt. Gerade die Postmoderne, so die Autoren, sei ja gekennzeichnet durch einen Verzicht auf monistische Wahrheitsansprüche.

Das 5. Kapitel ist überschrieben mit „Konstruktivistische Perspektiven“, wobei in erster Linie Radikaler und Sozialer Konstruktivismus gegeneinander abgegrenzt werden. Ersterer geht von der Konstruktion einer inneren Landkarte aus, letzterer versteht Wirklichkeit als Ergebnis laufender Aushandlungsprozesse. Allerdings werden Wahrnehmungsprozesse sehr stark aufs Kognitive (des expliziten Wissens) konzentriert, dass aber, wie der zitierte Hirnforscher Roth ausführt, der kognitiven Dekodierung immer eine – ich möchte ergänzen: über Affekte und Beziehungserfahrungen getriggerte – Bedeutungszuweisung vorangeht, bleibt leider undiskutiert. Gleichwohl öffnet der nachfolgende Hinweis auf den autopoietischen Charakter unserer Wahrnehmung(ssysteme) erneut die Perspektive und macht deutlich, dass die Störungen, die von außen herangetragen werden, durch die individuelle Struktur der Person und nicht durch die Eigenschaften des perturbierenden Agens bestimmt werden. Der Ausflug aufs Terrain hermeneutischen Verstehens ergänzt die systemische Sichtweise, vor allem mit der dort herrührenden Absage an den Wahrheitsanspruch der so genannten exakten Wissenschaften. Durch den Verzicht auf tiefenhermeneutische Betrachtungen jenseits reinen Denkens wird indessen eine ganz entscheidende Möglichkeit der Dialektik von Fremd- und Selbstverstehen außen vorgelassen.

Das von Rolf Balgo verfasste 6. Kapitel „Es ist (nicht) normal, verschieden zu sein“ setzt sich mit dem Erklärungspfad der Objektivität und jenem der Konstruktion auseinander, wobei sogleich zu fragen wäre, warum – gerade nach den davor platzierten Ausführungen zur Hermeneutik – das Verstehen, bzw. die seit Dilthey bekannte Erkärens-Verstehens-Kontroverse ausgeblendet bleiben. Sehr gut gelungen ist hier jedoch die Kritik an den gängigen Messverfahren (wie etwa der Intelligenzmessung), mit denen man glaubt, objektive und exakte Daten zu erlangen. Unhinterfragt wird dort von einem bestimmten Grad der Entsprechung der Eigenschaften von Zahlen mit jenen von Geschehnissen, denen sie zugeordnet werden, ausgegangen. Dass und wie moralische und ethische Werte die Definition der zu messenden Phänomene beeinflussen und dass Macht im Spiel ist, bleibt das Undenkbare. Die unkritische Verwendung der Vorstellungen von Erfolg, wie sie dem Begründer des Intelligenztests Binet zu eigen waren, führt ja zum Trugschluss, das der IQ das Maß angeborener Intelligenz unmittelbar wiedergebe. Auch die Tatsache, dass Unterschiede, die wir konstatieren, ihrer Natur nach Beziehungen repräsentieren, nicht aber etwas per se Objektives, kann nicht genug unterstrichen werden. Insofern ist es stimmig, davon auszugehen, dass der Behinderungsbegriff nicht objektiv Gegebenes abbildet, sondern eine Aussage über die Konstruktion der Beobachtung macht. Damit erscheint es vollkommen plausibel, nach einer Ethik zu verlangen, die dem Anderen in bewusster Akzeptanz und in gewolltem Respekt begegnet.

Im nachfolgenden 7. Kapitel werden weitere Beispiele von Wirklichkeitskonstruktionen aufgeführt, wobei der wichtige Bezug zur Stigmatheorie Goffmans hergestellt und auch deutlich wird, dass die Festlegung auf eine bestimmte Rolle (als behinderter Mensch) passiv und wunschlos macht, also unmittelbar ins Subjekt einsickert. Im 8. Kapitel werden ausführliche Interviews mit Schülern mit einer geistigen Behinderung vorgetragen, die einen differenzierten Einblick in ihr Selbsterleben gewähren.

Im anschließenden 9. Kapitel präsentiert Silke Schlote ihre Sichtweise von Sichtweisen über Behinderung und Normalität bei geistig behinderten Schülern. Auch hier wäre eine eingehendere Diskussion über die (vom sozialen Kontext bestimmte) subjektiv erlebte Bedeutung der Beeinträchtigung sicher hilfreich gewesen, um die Ambivalenzen deutlicher herauszustellen. Milani Comparetti hat uns ja zur Verleugnung der Differenz und zur „Bekämpfung des Bösen“ wichtige Hinweise geliefert, die man hier hätte gut einbringen können. Denn es ist durchaus ein Unterschied, ob ein Mensch geistig behindert oder lediglich Nicht-Physiker ist. Immer wieder findet man nämlich Anzeichen von Traurigkeit, Scham und Empörung, die in ihrer lebens- wie sozialgeschichtlichen Bedeutung aber sicher genauer zu verorten sind. Wenn sich keiner der Schüler beklagt, dass er Probleme beim Lesen und Rechnen hat, muss dies nicht notabene für einen Mangel an Leidensdruck stehen. Ein Fazit zu ziehen, wonach Behinderung als personenbezogene Kategorie im Selbsterleben eher irrelevant sei und nur die Reaktionen der Umwelt problematisch seien, ist höchst fragwürdig zu nennen, wenn eben ein (tiefen-)hermeneutischer Zugang zu diesem Selbsterleben nicht gefunden wird. Schon Devereux hat darauf aufmerksam gemacht, dass wir Forscher gerne jenes gewonnene Material zu entgiften suchen, welches uns Angst macht.

Das 10. Kapitel – Ausblick – fasst die Ergebnisse des Buches zusammen und unterstreicht noch einmal, dass, bis hin zur Physik, die Möglichkeit konstanter Aussagen zunehmend in Frage zu stellen ist. An die Stelle von Konsens tritt der Dissens in einem Risikodialog.

Diskussion

Das vorliegende Buch schlägt sich konsequent auf die Seite der Konstruktivisten und verbannt eindeutige, d.h. objektive Aussagen über Behinderung bzw. Behinderte ins Reiche der Mythenbildung. Seit der ersten Auflage im Jahre 2000 hat sich an dieser Auffassung nichts geändert. Hier flammt die Gefahr einer zu akademisch geführten Betrachtung auf. Zum einen gehen Praxis und Rechtsprechung nach wie vor von unverbrüchlich quantifizierbaren Defekten (u.a. zur Fachleistungsfestlegung) aus, zum andern wird damit einer Euphemisierung das Wort geredet („wir sind alle ein bisschen Bluna“), was eine (oft schmerzhafte) Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen verunmöglicht. Man eiert ein wenig um die Begrifflichkeiten herum. Anstatt von behinderten Menschen oder meinethalben von Menschen mit Behinderung zu sprechen, findet man eine Formulierung wie „Menschen, die im körperlichen, geistigen oder im Sinnesbereich über Möglichkeiten verfügen oder nicht verfügen …“, gerade so, als käme die Diskriminierung von den Sprachfolien her. Dieser Gestus rührt an eine Kernthematik heutiger Heil- und Sonderpädagogik: Darf man von außen auf Behinderung schauen, darf man noch Defizite in den Blick nehmen, ohne sich selbst damit moralisch zu diskreditieren? Wohlgemerkt geht es nicht um statische Zu- und quasi metrische Festschreibungen. Kobi, der ja auch zitiert wird, hat vor Apostrophierung und Sogenanntismus gewarnt und erfrischend offen formuliert, es bedürfe einer gehörigen Portion Unverfrorenheit, Eltern eines schwerst geistigbehinderten Kindes die Aussage ins Gesicht zu lächeln, sie würden sich lediglich um ein Phantom Sorgen machen. Von derlei Nöten liest man nichts.

Geht es denn ernsthaft um den „Mut zum Annehmen der Behinderung“ – weil damit Behinderung als etwas Negatives konnotiert werde – oder nicht vielmehr um ein Trauern, um ein gekonntes Umgehen mit Enttäuschung und Wut (die selbstredend sozial verortet sind, aber eben doch auf die persönliche Beeinträchtigung verweisen)? Erst über eine (selbst)reflexive Annäherung an die Differenz lassen sich gesellschaftliche Barrieren (im Denken und in den Affekten) überwinden, nicht aber über deren Verleugnung.

Fazit

Das Werk von Palmowski und Heuwinkel problematisiert den Blick auf Behinderung aus konstruktivistischer Sicht und macht damit auf die Fragwürdigkeit objektiver Festsetzungen aufmerksam. Es wird erfrischend viel Material aus Kultur, Wissenschaft und dem Mund Betroffener zur Verfügung gestellt. Die Ambivalenz, die seit alters her mit dem Begriff Behinderung unweigerlich verknüpft ist, schafft aber ein Spannungsverhältnis, welches sich nicht so ohne weiteres aus der Welt schaffen lässt. Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen und organische und/oder soziale Behinderung sind doch einem komplexen dialektischen Wechselspiel ausgeliefert. Dieses Dilemma lässt sich nach keiner Seite auflösen. Hier bleiben Fragen offen.


Rezension von
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 27.09.2010 zu: Winfried Palmowski, Matthias Heuwinkel: "Normal bin ich nicht behindert!". Wirklichkeitskonstruktionen bei Menschen, die behindert werden - Unterschiede, die Welten machen. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2010. 3. Auflage. ISBN 978-3-86145-198-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9855.php, Datum des Zugriffs 27.01.2020.


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