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Benjamin Kuntz, Rebecca Thier u.a. (Hrsg.): Bildung und Gesundheit

Cover Benjamin Kuntz, Rebecca Thier, Angela Reichelt (Hrsg.): Bildung und Gesundheit. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. 184 Seiten. ISBN 978-3-940529-27-5. 18,90 EUR.

Reihe: Prämierte Beiträge des BKK-Innovationspreises Gesundheit - 2008.
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Thema

Das Buch umfasst drei Beiträge, die sich – zumindest dem Anspruch nach – dem komplexen Verhältnis von Bildung und Gesundheit aus unterschiedlicher Perspektive nähern. Es lässt sich verorten als ein Beitrag zum übergreifenden Thema sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheiten. Konkret geht es im ersten Beitrag um die Erklärung von unterschiedlichen gesundheitsbezogenen Größen wie Tabakkonsum, Übergewicht/Adipositas und sportliche Inaktivität. Der zweite Beitrag basiert auf einer Unternehmensbefragung und adressiert den Bereich der Erforschung betrieblicher Gesundheitsbedingungen. Der dritte Beitrag erarbeitet einen konzeptionellen Vorschlag für die Einrichtung einer Gesundheitsfördernden Hochschule Fulda, speziell aus oecotrophologischer Sicht.

Autorinnen und Autor - Entstehungshintergrund

Der Band enthält drei durch eine Jury ausgezeichnete Beiträge von Benjamin Kuntz, Rebecca Thier und Angela Reichelt und wird herausgegeben von der BKK Hessen.

Die BKK Hessen organisiert regelmäßig den Nachwuchswettbewerb BKK Innovationspreis Gesundheit. Das vorgelegte Buch enthält die Gewinner der thematischen Ausschreibung Bildung und Gesundheit. Teilnehmen konnten Studierende an deutschen Hochschulen.

Aufbau und Inhalt

Bei den drei Beiträgen von Kuntz, Thier und Reichelt handelt es sich um bearbeitete, vermutlich gekürzte Abschlussarbeiten. Nur im letzten Beitrag wird klar ersichtlich, dass er auf einer an der Fachhochschule Fulda eingereichten Masterarbeit fußt. Gerahmt werden die Beiträge von einem Vorwort des Vorstandsvorsitzenden der BKK Hessen sowie vom Schirmherren, dem Hessischen Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit.

Der Beitrag von Benjamin Kuntz trägt den Titel Bildungsdisparitäten im Gesundheitsverhalten. Er basiert auf einer Sekundäranalyse des telefonischen Gesundheitssurveys aus dem Jahr 2002/03, der vom Robert Koch-Instiutut durchgeführt wurde. Die empirischen Auswertungen werden zunächst solide gerahmt durch einen insgesamt 20-seitigen Forschungsüberblick, der den Zusammenhang zwischen sozialen und gesundheitlichen Ungleichheiten ebenso umfasst wie eine Analyse der deutschen Bildungsexpansion. Ferner werden nationale und internationale sozialepidemiologische Daten vorstellt, die das Verhältnis von Bildung als individueller Ressource einerseits und den individuellen Krankheitsrisiken andererseits abbilden. Auf der Grundlage eines Erklärungsmodells zum Verständnis gesundheitlicher Ungleichheiten von Mackenbach wird das Gesundheitsverhalten als besonders zentrale Stellgröße extrahiert. Der Forschungsüberblick und die Hinleitung zur Sekundäranalyse sind kompetent verfasst und liefern – abgesehen von einigen Unschärfen – einen guten und brauchbaren Überblick über den Forschungsstand.

Nach dieser ausführlichen theoretischen Vorbereitung werden die verhaltensbezogenen Größen sportliche Inaktivität, Übergewicht/Adipositas und schließlich Tabakkonsum mit ungleichheitsbezogenen Variablen in Verbindung gebracht. In den anschließenden bi- und multivariaten Analysen finden sich höchst interessante Ergebnisse:

  1. die üblichen ungleichheitsbezogenen Analysen, die mit einem addierten Schicht- bzw. SES-Index arbeiten, sind zu grob, weil die einzelnen Indexbereiche Bildung, Einkommen und beruflicher Status je nach Variablen- bzw. Verhaltensbereich ganz unterschiedlich starke Korrelationen aufweisen.
  2. der Zusammenhang zwischen Bildung und verhaltensbezogenen gesundheitsrelevanten Größen ist – entgegen häufiger aktueller gesundheitspolitischer Stellungnahmen – nicht immer der stärkste, sondern tritt je nach Verhaltensbereich (und nach Geschlechtszugehörigkeit!) hinter Einkommen und beruflichem Status zurück.

Der Beitrag von Kuntz zeigt insbesondere, wie komplex der Zusammenhang zwischen verhaltensbezogenen gesundheitsrelevanten Bereichen einerseits und vorhandenen Ressourcen andererseits ist. Er kann damit zeigen, dass ein alles überragender Fokus auf den Zusammenhang zwischen Gesundheitsverhalten und Bildung gar nicht angemessen ist. Insofern sind denn auch die letzten beiden Abschnitte von Kuntz nicht recht überzeugend, wenn sie die anderen maßgeblichen Einflüsse auf das Gesundheitsverhalten – Einkommen und beruflicher Status – ausblenden und das Abschlussplädoyer engführen auf die Forderung nach gleichen Bildungschancen für alle.

Der zweite Beitrag von Rebecca Thier trägt den Titel Auswirkungen gesamtgesellschaftlicher Prozesse auf die psychische Gesundheit Beschäftigter – arbeitsbedingte Belastungen und personelle Ressourcen im Fokus. Der Beitrag, der sich damit im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung verortet, ist gut und nachvollziehbar strukturiert und hebt ebenfalls mit der Darstellung des Forschungsstandes an. Der Forschungsstand ist allerdings nicht besonders ansprechend, insbesondere der Abschnitt „Wandel der Arbeitswelt“ ist zu unterkomplex angelegt. Es folgt die Beschreibung des methodischen Vorgehens, die Beschreibung des Samples – es handelt sich um eine Betriebsbefragung eines mittelständischen ostwestfälischen Betriebs – sowie die Beschreibung des Erhebungsinstruments.

Thier überprüft im anschließenden empirischen Teil die vier folgenden Hypothesen (S. 84):

  • Angestellte sind stärker psychisch belastet als gewerblich Beschäftigte (widerlegt).
  • Frauen leiden stärker unter allgemeinem Stress als Männer (bestätigt).
  • Es besteht ein Zusammenhang zwischen einem als positiv wahrgenommenen Betriebsklima und dem persönlichen Wohlbefinden (bestätigt).
  • Es besteht ein Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und allgemeinem Stress (bestätigt).

Vor dem Hintergrund der empirischen Ergebnisse, die dann ausführlicher (fast 15 Seiten) diskutiert werden, endet der Beitrag mit Handlungsempfehlungen, deren Zusammenhang mit den vorherigen Ausführungen nicht unmittelbar deutlich wird (vor allem bei den ersten beiden Punkten).

Der dritte und letzte Beitrag von Angela Reichelt trägt den Titel Konzeptionelle und praktische Überlegungen zum Aufbau einer gesundheitsfördernden Hochschule Fulda – unter besonderer Berücksichtigung des Aspekts Ernährung. Reichelt kann zunächst mühelos verdeutlichen, dass die Schaffung gesundheitsfördernder Hochschulen, vor allem aus der Perspektive gesundheitsförderlicher Ernährung, kein Randthema darstellt, sondern auf der Folie eines konsequent in Anschlag gebrachten Setting-Ansatzes sehr folgenreich ist. Sie argumentiert, dass an den Hochschulen ca. 20% eines jugendlichen Jahrgangs vertreten sind und dass das Ernährungsangebot der Hochschule maßgeblichen Einfluss nimmt auf das Ernährungsverhalten und die Alltagsgestaltung von jungen Erwachsenen – und sie folgert: „Mit zwei Millionen Studierenden und 500 000 Bediensteten stellt das Setting ‚Hochschule‘ in Deutschland eine wichtige und große Zielgruppe für gesundheitsfördernde Interventionen dar“. (S. 128) Auf dieser Basis wird der Stand der Entwicklung gesundheitsfördernder Hochschulen ausführlich dargestellt. Das Ergebnis ist eher ernüchternd. Deutschland hinkt im internationalen Vergleich, vor allem gegenüber den USA, deutlich hinterher, was die Konzeptionalisierung und Umsetzung von gesundheitsfördernden Hochschulen betrifft. Der Forschungsstand zum Setting Hochschule ist von Reichelt sehr nachvollziehbar präsentiert. In einem lesenswerten Abschnitt formuliert Reichelt Potenziale der Hochschule Fulda aus, sich zu einer gesundheitsfördernden Hochschule zu entwickeln. Besonders detailliert werden die vorhandenen Ressourcen der Hochschule Fulda abgebildet – im Unterschied zu den identifizierten Stessoren, die eher im Dunkeln bleiben. Auch wenn Reichelt sicher zu optimistisch ist in Hinblick auf die positiven Konsequenzen eines etablierten gesundheitsförderlichen Ess- und Ernährungsverhaltens an Hochschulen (zum Beispiel in der zum Ausdruck gebrachten Erwartung, dass dadurch Absolventenzahlen ansteigen oder Studienabbrecherquoten sinken), so kann sie dennoch einen überzeugenden Ansatzpunkt für die konkrete Umsetzung einer Settingperspektive liefern. Genauer: Sie kann nachweisen, dass die Hochschule Fulda über vielfältig nutzbare Ressourcen verfügt, den Schritt zu einer gesundheitsfördernden Hochschule zu wagen. Der Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit liegt in diesem Beitrag im übrigen darin, dass der institutionelle Umbau von Bildungsinstitutionen in Richtung Gesundheitsförderung tatsächlich mit einem Mehr an Gesundheit einhergehen dürfte.

Diskussion

Das Buch enthält drei unterschiedlich gute Beiträge, die durch den Buchtitel Bildung und Gesundheit missverständlich geklammert werden. Der Beitrag von Kuntz, der den Zusammenhang am direktesten adressiert, kann zeigen, dass eine Verkürzung auf das Verhältnis von Bildung und Gesundheit nicht einmal im Kontext von Gesundheitsverhalten zulässig ist. Andere Strukturvariablen wie Einkommen oder beruflicher Status sind teilweise wesentlich bedeutsamer als das Bildungsniveau. Geradezu fremd wirkt der Beitrag von Thier über die psychische Belastung am Arbeitsplatz unter dem Gesamtthema Bildung und Gesundheit. In diesem Beitrag sind zudem zum Teil deutliche Schwächen erkennbar. So werden erstens nicht signifikante Ergebnisse in Hinblick auf die geschlechtsspezifische Differenz überintepretiert (S. 105). Zweitens ist das Verhältnis von Entwicklungsprozessen und Querschnittsanalyse im Beitrag von Thier problematisch. Die gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse, die entlang der Schlagworte Globalisierung, Tertiarisierung und Wissensgesellschaft präsentiert werden, lassen sich nicht ohne weiteres im Kontext einer Querschnittsanalyse als zunehmende psychische Belastung am Arbeitsplatz übersetzen. In dem Beitrag werden ganz allgemeine (nicht unumstrittene) ökonomische Entwicklungstrends mit der eigenen empirischen Erhebung auf recht abenteuerliche Weise verknüpft.

Der dritte Beitrag ist ein gutes Beispiel für eine konsequent durchgezogene Gesundheitsförderungsperspektive. Er lässt sich sicher in der Lehre einsetzen, wenn es in Seminarveranstaltungen um das Thema Setting bzw. settingbezogene Handlungsperspektiven geht. Aber auch dieser Beitrag ist nur mit Mühe auf den Titel Bildung und Gesundheit rückzubeziehen.

Die Einleitung der Beiträge durch Vorwort und Geleitwort soll abschließend angesprochen werden. Erwähnenswert ist zunächst, dass der Vorstandsvorsitzende der BKK Hessen, Jürgen Thiesen, in seinem Geleitwort der Entwicklung von Humankapital das Wort redet und gegen die Besuche von Fitness-Centern in Anschlag bringt. Deutlicher noch wird der Hessische Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit Jürgen Banzer. Banzer stellt sich zunächst mutig gegen die Sozialepidemiologie, die Pflegewissenschaft und die Forschung über sozial bedingte gesundheitliche Ungleichheit: „Ich glaube nicht, dass sich zwangsläufig aus jahrelangen berufsspezifischen Expositionen zweifelsfrei Rückschlüsse auf typische gesundheitliche Konstitutionen oder Anfälligkeiten ableiten lassen. Ich stimme auch der These nicht zu, wonach der Zugang zu medizinischen Kapazitäten von finanziellen Ressourcen abhängig ist, die wiederum auf den Bildungsgrad zurückzuführen sind.“ (S. 10) Damit zeigt der Minister souverän, dass er von der Materie, um die es in diesem Buch – zumindest dem Titel nach – geht, wenig Kenntnis hat. Andererseits war und ist ein Glaube prinzipiell durch Wissenschaft schwer zu erschüttern.

Fazit

Dieses Buch hinterlässt einen merkwürdigen Eindruck. Auf der einen Seite präsentiert es prämierte Arbeiten von NachwuchswissenschaftlerInnen – und das ist natürlich ganz prinzipiell unterstützenswert. Auf der anderen Seite haben die drei Beiträge keine inhaltliche Klammer – garantiert keine, die im Verhältnis von Bildung und Gesellschaft zu finden wäre – und weisen eine ganz unterschiedliche Qualität auf. Vor dem Hintergrund galoppierender Veröffentlichungslisten (und jenseits von schwadronierenden Ministern) ist diese Publikation für mich tendenziell ein Beispiel dafür, dass nicht alles, was durch eine Jury prämiert wird, auch als Buch veröffentlich werden sollte –, und zwar ganz unabhängig vom sicher vorhandenen Potenzial der NachwuchswissenschaftlerInnen.


Rezension von
Prof. Dr. Uwe Bittlingmayer
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Zitiervorschlag
Uwe Bittlingmayer. Rezension vom 25.10.2010 zu: Benjamin Kuntz, Rebecca Thier, Angela Reichelt (Hrsg.): Bildung und Gesundheit. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2010. ISBN 978-3-940529-27-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9856.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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