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Christine Sälzer: Schule und Absentismus

Cover Christine Sälzer: Schule und Absentismus. Individuelle und schulische Faktoren für jugendliches Schwänzverhalten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 216 Seiten. ISBN 978-3-531-16512-7. 24,95 EUR.
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Entstehungshintergrund und Aufbau

Hintergrund der Veröffentlichung ist eine Dissertation im Rahmen eines umfangreichen Forschungsprogramms an der Universität Fribourg (Schweiz). In diesem Nachbarland befindet sich auch das Forschungsfeld, welches bereits Gegenstand mehrerer wissenschaftlicher Publikationen war. Die Autorin arbeitet als wissenschaftliche Angestellte am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen.

Die empirische Studie beginnt mit der Definition des Begriffes Schulabsentismus und führt dann in die Wirkung individueller und vor allem schulischer Faktoren bei der Verursachung von Absenz ein. Theoretische Zugänge wie z.B. die psychoanalytische Sehweise oder der sozialökologische Ansatz bezogen auf das Thema sowie der europäische und anglo-amerikanische Forschungstand werden referiert. In den Kapiteln 5 – 7 wird die Studie detailliert beschrieben und die Daten ausgewertet. Die beiden letzten Kapitel widmen sich der Interpretation und Diskussion der Befunde.

Die ausgefeilte Forschungsmethodik benutzt eine Mehrebeneanalyse, die es ermöglicht, individuelle Eingangsfaktoren wie z.B. das Geschlecht oder den sozioökonomischen Status der Schülerinnen und Schüler von schulischen Kontextfaktoren, wie z.B. die Bedeutung des Unterrichts oder die Bedeutung sozialer Beziehungen und des Klimas in der Schule, beim Schulschwänzen zu trennen.

Inhalt

Zunächst macht Sälzer darauf aufmerksam, dass in der Schulwirksamkeitsforschung sehr häufig der Absentismus ausgeblendet wird. Damit treten auch die relevanten schulmilieubedingten Einflüsse bezüglich des Absentismus nicht in Erscheinung. Dieses hängt damit zusammen, das Schwänzen auf die sogenannten und bereits oben erwähnten Eingangsfaktoren zurückgeführt wird. Hierin wird eine Forschungslücke gesehen und die Autorin formuliert: „ Um diesen Punkt dreht sich dieses Buch: Es wird versucht, unter der Kontrolle individueller Schülerfaktoren den darüber hinaus vorliegenden Zusammenhang zwischen schulbedingten Unterschiedlichkeiten und Häufigkeiten von Absenzen zu beleuchten“ (ebd., S. 53). Dementsprechend werden in der Folge drei Ebenen analysiert: Die Individualebene (Schüler), die Klassenebene (Lehrpersonen) und die Schulebene ( Schulleitungen). Befragt werden knapp 4000 Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 7 - 9, die dazugehörenden Lehrpersonen sowie die Schulleitungen der 28 untersuchten Schulen. Das Schwänzerspektrum stellt sich wie folgt dar:

  1. Nicht-Schwänzer (2399)
  2. Gelegentliche Schwänzer von einzelnen Schulstunden (409)
  3. Schwache Blockschwänzer von Stunden und sporadisch halben oder ganzen Tagen (561)
  4. Massive Blockschwänzer wie vorher und ab und zu mehr als zwei Tage (156)

Die hochdifferenzierte Studie erfasst im sogenannten Basismodell die Eingangsvoraussetzungen der Schülerschaft ( Geschlecht, sozio-ökonomischer Status, Migrationshintergrund, Klassenwiederholung, Mathematiknote, Anforderungsniveau). In sogenannten Teilmodellen wird dann die empirische Aufmerksamkeit auf die schulischen Faktoren gelenkt: Größe und geografische Lage der Schule, Umgang mit Absenzen seitens der Schule, Unterricht, Ordnung und Disziplin, soziale Beziehung und Klima, Belastungen und Ressourcen (z.B. Förderunterricht, Schulsozialarbeit) der Schule. In komplexen Untersuchungsschritten werden die zuletzt genannten Faktoren mit den Variablen des Basismodells in Beziehung gesetzt. Die Bedeutung des Geschlechts bei der Erklärung und Vorhersage des Schwänzens wird z.B. in den Teilmodellen überprüft. In diesem Fall ist der Effekt im Teilmodell „Soziale Beziehung und Klima“ sehr ausgeprägt im Teilmodell „Umgang mit Absenzen“ seitens der Schule aber wesentlich schwächer. Die Feststellung im Rahmen des Basismodells, dass Mädchen signifikant weniger Schwänzen als Jungen, wird also durch die Teilmodelle erweitert und präzisiert. Es liegt auf der Hand, dass durch ein solches Forschungsdesign ein sehr hohes Datenaufkommen entsteht. Deshalb sollen im Folgenden einige Ergebnisse dargestellt werden, die sich lediglich auf das Basismodell beziehen:

  • Alle Eingangsvoraussetzungen sind signifikant mit der Häufigkeit der Absenz verbunden
  • Der stärkste Wirkfaktor bezüglich des Schwänzens ist das Wiederholen einer Schulklasse
  • Schülerinnen und Schüler mit ausländischer Nationalität Schwänzen häufiger als ihre Schweizer Klassenkameradinnen und Klassenkameraden
  • Mädchen schwänzen, wie bereits gesagt, seltener
  • Eine schlechte Note in Mathematik erhöht die Häufigkeit des Schwänzens
  • Die Abhängigkeit des Schwänzens vom sozio-ökonomischen Status gestaltet sich nicht so, dass ein niedriger Status das Schwänzen generell erhöht. Es findet sich in dieser Studie kein klarer Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Absenz.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass unter der Kontrolle der sicherlich ausschlaggebenden Eingangsvoraussetzungen die Bedingungen des schulischen Kontextes am Schwänzen einen deutlichen Anteil haben. Damit bestätigt sich die weitverbreitete wissenschaftliche Annahme, das Schwänzen auf einem multifaktoriellen Geschehen beruht, wobei eben in dieser Studie die Zusammenhänge der individuellen und institutionellen Faktoren gemessen und analysiert werden.

Diskussion

Zweifelsohne bringt die Studie Licht in die Zusammenhänge von individuellen und institutionellen Faktoren zur Erklärung von Schulabsentismus. Ob sich diese neuen Erkenntnisse praktisch in Handlungsstrategien umsetzen lassen bleibt offen, die Studie beschäftigt sich nicht mit Präventionsmaßnahmen und macht auch keine Vorschläge zu angemessenen Schulveränderungen. Es stehen differenzierte Forschungsfragen im Vordergrund, was wahrscheinlich den Interessentenkreis am Thema eingrenzt. Trotzdem gibt die Studie Hinweise, die bei der Entwicklung von Präventionskonzepten von Bedeutung sind. So lässt sich z.B. herauslesen, dass eine geschlechtspezifische Akzentuierung bei der Prävention notwendig ist wie auch , dass schulische Ressourcen wie Fördermaßnahmen oder die Anwesenheit von Schulsozialarbeit Absenzen senken.

Fazit

Sälzer legt eine empirische Forschungsarbeit aus der Schweiz vor, die vornehmlich in der Schul- und Bildungsforschung zu verorten ist. Dementsprechend stehen Forschungsfragen und das Forschungsdesign im Mittelpunkt der Veröffentlichung. Belegt wird, dass das Faktoren des Schulkontextes Absenzhäufigkeit erheblich beeinflussen. Eine schulpädagogische oder sozialpädagogische Relevanz ist selbstverständlich vorhanden wird in der vorgelegten Arbeit aber nicht weitergehend erörtert.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 13.09.2010 zu: Christine Sälzer: Schule und Absentismus. Individuelle und schulische Faktoren für jugendliches Schwänzverhalten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-16512-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9861.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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