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Magdalena Wojcieszuk: Der Mensch wird erst am Du zum Ich

Cover Magdalena Wojcieszuk: Der Mensch wird erst am Du zum Ich. Eine Auseinandersetzung mit der Dialogphilosophie des XX. Jahrhunderts. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. 250 Seiten. ISBN 978-3-86226-012-6. 24,80 EUR, CH: 42,60 sFr.

Reihe: Philosophie - 34.
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Philosophie im Dialog – Dialog als Philosophie

Ein Grundzug der Dialogphilosophie, wie sie sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat, ist der Verweis auf die Notwendigkeit, dass wir uns einem Anderen hinwenden müssen, dass wir uns nicht selbst genügen können – dieses Defizit wird nicht immer explizit formuliert. Viel öfter finden sich Hinweise darauf, dass das eigene Erkennen-Können nur über den Umweg über das Andere stattfinden kann - „Der Mensch kann die eigene Existenz und das Sein überhaupt nur vom Anderen her, d.h. in der Begegnung mit dem Anderen verstehen.“ (S.189)

Damit stellt sich natürlich die Frage, wie Abhängigkeit und Unabhängigkeit im Denken und im Sein vorgestellt und fassbar sein kann. Diese Fassbarkeit aufzuspüren ist eine der zentralen Aufgaben philosophischen Denkens, wie es auch beim Schweizer Philosophen Peter Stemmer nachzulesen ist: “Eine der wichtigsten und auch schwersten Aufgaben der Philosophie ist es, eine bestimmte Unterscheidung zu ziehen. Diese Linie teilt die Wirklichkeit in das Wirkliche, das vom Denken, Wollen und Fühlen des Menschen unabhängig ist, und das Wirkliche, das vom Menschen und seinem Zugriff auf die Welt abhängig ist.“ (Stemmer 2008, 11) Diese Fassbarkeit aufzuspüren, von der hier die Rede ist, kann aber auch im Zuge eines philosophischen Lebens – als eine Art Lebenskunst –verstanden werden: „Our lives, whether we know it or not and whether we relish the factor bewail it, are works of art. To live or lives as the art of living demands, we must – just as artists must – set ourselves challenges that are difficult to confront up close, targets that are well our reach and standards of excellence that seem far above our ability to match. We need to attempt the impossible. And we can only hope, without benefit of a trustworthy prognosis, let alone of certainty, that with long, grinding and often exhausting effort we may still manage to meet those standards and reach those targets and to rise to the challenge.” (Bauman 2008, 17-18) Zygmunt Bauman ist die Dialogphilosophie nicht fremd, wenngleich seine philosophische Position nicht unmittelbar darin aufgeht. In dem Buch von Magdalena Anna Wojcieszuk wird der Blick auf philosophische Versuche gerichtet, die sich mit der Frage beschäftigen, wie dieses „works of art“ verstanden werden kann, wenn man die menschliche Dialogfähigkeit zum Anlass nimmt, über das Miteinandersein von Menschen nachzudenken.

Autorin

Das Buch von Magdalena Anna Wojcieszuk ist aus ihrer Doktorarbeit hervorgegangen, die sie an der Albert-Ludwigs-Universität (Freiburg im Breisgau) eingereicht hat. Sie widmete sich in ihrem Studium der Germanistik, der Philosophie und der Soziologie. Das Thema Dialogphilosophie wird in ihrer Dissertation vor allem durch die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Positionen in dieser Denkrichtung abgehandelt – „Darin besteht das innovative Moment dieser Arbeit: Sie ist der Versuch, innerhalb der Vielfältigkeit des dialogischen Denkens des XX. Jahrhunderts, Ähnlichkeiten und Differenzen zu akzentuieren und sie folglich in einem großen Umfang miteinander in Verbindung zu bringen.“ (S.9) Analyse und Synthese – damit könnte der Versuch der Autorin kurz zusammengefasst werden, die aktuelle Dialogphilosophie greifbar zu machen.

Dialogphilosophie im Überblick

Die Analyse der Dialogphilosophie im XX. Jahrhundert wird von Magdalena Anna Wojcieszuk anhand folgender Denker vorgenommen, denen sie jeweils ein eigenes Kapitel widmet.

Im ersten Teil des Buches widmet sie sich dem Österreicher Ferdinand Ebner, einem Vertreter des christlich-religiösen Denkens (S.17-50). Ferdinand Ebner hatte mit seinen Ideen unmittelbaren Einfluss auf Martin Bubner. Vor allem der Gedanke, „den Menschen aus der Polarität des Ich-Du-Verhältnisses zu begründen und zu verstehen, wurde von Martin Bubner weitergedacht und kam in seiner Lehre zur vollen Entwicklung.“ (S.51) Ferdinand Ebner stellt die Trias „Wort“, „Glaube“ und „Vernunft“ ins Zentrum seiner Überlegungen. Diese Dreiheit denkt er aber als Einheit – weil „keine dieser Komponenten alleine existieren kann.“ (S.50). Diese Trias kann besser verstanden werden, wenn man bedenkt, dass es sich beim Dialog, wie ihn Ferdinand Ebener versteht, vor allem um ein religiöses Phänomen handelt – „ Das Verhältnis von Ich und Du ist in erster Linie keine Beziehung von menschlichem Ich und menschlichem Du, sondern ein rein geistiger Vorgang, d.h. ein religiöses Verhältnis.“ (S.21) Das Du bei Ferdinand Ebener ist das Du Gottes. Das Göttliche fungiert dabei „als Geschenk der Geistlichkeit“ (S.22). In der Sprache findet nun der Mensch zu Gott – „Das Wort als Zugang zur Geistigkeit der Existenz“ (S.29) – „Das Wort des Menschen ist ein Abbild des ersten schöpferischen Wortes Gottes, durch das alles geschah.“ (S.29) Für Ferdinand Ebner ist die Wahl Gottes, den Menschen durch das sein Wort anzusprechen, die Geburt des Menschlichen – „Der Mensch ist die … angerufene Person“ (S.30) Aus dieser Erwähltheit konstruiert Ferdinand Ebner nun die Pflicht sich auf die anderen Menschen einzulassen – „Weil im Dialog mit dem menschlichen Du auch das Ich auch immer Gott, d.h dem Ursprung alles Seienden, begegnet, ist die Verschlossenheit gegenüber dem Du des Anderen ein Abfall von Gott und somit eine Sünde.“ (S.39) Somit ist nicht nur das Wort Gottes Geschenk, sondern auch die Liebe (S.41 ff.) – beide Geschenke „nimmt der Mensch im Medium der Vernunft in sich auf, die Ebner als die von Gott geschenkte, apriorische Möglichkeit, angesprochen zu sein und sprechen zu können, definiert.“ (S.50) Alles in allem versteht Magdalena Anna Wojcieszuk die Position Ferdinand Ebners, trotz ihrer religiösen Fundamente, als einen „wichtige[n] Ansatzpunkt und Impuls für die dialogische Philosophie des XX. Jahrhunderts.“ (S.20)

Im zweiten Teil des Buches wird die Position von Martin Bubner diskutiert, dem bekanntesten Dialogphilosophen (S.51-110), der im Gegensatz zu Ferdinand Ebner den Dialog auf das konkret-menschliche Gegenüber bezieht. Dieser Dialog wird bei Martin Bubner auch als „Anhauch“ oder „Ringkampf“ bezeichnet – dieses Ringen bezieht sich auf die Wahrhaftigkeit – die Wahrhaftigkeit die es beim Ich und beim Du zu entdecken gilt. Diese Wahrhaftigkeit wird in der „Ich-Du-Welt“ verortet – einer Welt, die der „Ich-Es-Welt“ entgegengestellt wird – Wahrhaftigkeit und Wahrheit sind somit die zentralen Kategorien des Denkens von Martin Buber – wahrhaftig dem Menschen gegenüber, in Welt auf der Suche nach Wahrheit. Die persönliche Teilnahme an der Welt und an den anderen konstruiert Wirklichkeit – „Wo keine Teilnahme ist, ist keine Wirklichkeit. Wo Selbstzueignung ist, ist keine Wirklichkeit.“ (S.63). Bei Martin Bubner findet sich dann auch konsequenterweise das Postulat: „Mit ihm, seinem Menschsein gibt es eine Welt.“ (S.77) Es liegt nahe, dieses Welt-Sein als Ergebnis eines pädagogischen Prozesses zu verstehen – doch das ist nicht die Auffassung von Martin Bubner – „Bubner behauptet, dass der Mensch keinen Lehrer braucht, weil das wirkliche Leben der Ich-Du-Beziehung nicht gelehrt werden kann.“ (S.93). Dennoch kann man in dieser Beziehung auch Fehler begehen – was bei Ferdinand Ebner als „Sünde“ verstanden wurde, benennt Martin Bubner als „Existentialschuld“ – „Existentialschuld geschieht, wenn jemand eine Ordnung der Menschenwelt verletzt, deren Grundhaltung er wesensmäßig als die des ihm und allen gemeinsamen menschlichen Daseins kennt und anerkennt.“ (S.108). Diese Schuld ist aber kein Mal, das ein Individuum für immer zeichnet – Martin Bubner spricht davon, dass diese Existentialschuld ein Anstoß sein kann, es künftig besser zu machen – dieses Bessermachen wird dabei als „eine größere Bereitschaft zur dialogischen Begegnung“ verstanden. „Der Mensch ist das Wesen, das fähig ist, schuldig zu werden, und fähig ist, seine Schuld zu erhellen.“ (S.109)

Im dritten Teil des Buches wird die Philosophie von Karl Jaspers untersucht (S.111-184) – Ausgangspunkt für diese Analyse ist eine Unterscheidung, auf die Karl Jaspers großen Wert gelegt hat: Er beschreibt zwei Formen der Kommunikation – Daseinskommunikation und existentielle Kommunikation. „Diese Unterscheidung zwischen der Daseinskommunikation und der existentiellen Kommunikation entspricht sinngemäß der Ich-Du- und der Ich-Es-Welt bei Bubner oder der Intersubjektivität und dem objektiven Denken bei Marcel.“ (S.111). In der ersten Form fungiert der Mensch als rationaler Akteur, er übernimmt dabei „lediglich eine Funktion als Bewusstsein überhaupt“ (S.113) und dieser Dialog kann auch als wissenschaftlicher Diskurs gesehen werden. „Die existentielle Kommunikation soll über die ratio hinausgehen, ohne sie zu vergessen oder zu zerstören.“ (S.113) Das Individuelle ist das Selbstsein des Menschen – es ist dem rein rationalen Diskurs verschlossen – ohne jedoch ohne diese Vernunft auskommen zu können – „Im Dasein ist das menschliche Ich an der Grenze des Denkbaren gefangen.“ (S.119). An diese Grenze nähert sich der Mensch prozesshaft – „Existenz, die sich erst im Prozess der Selbstwerdung vollzieht und verwirklicht.“ (S.130) Karl Jaspers hat diesen Prozess als Miteinander verstanden und dafür den Begriff „liebender Kampf“ geprägt. In ihm soll ausgedrückt werden, dass diese Aneignung sich nicht mühelos und schon gar nicht solitär vollziehen lässt – „Es ist ein gemeinsamer Kampf, bzw. ein gemeinsames Ringen nicht um Allgemeingültiges, sondern um die Wahrheit der Existenz und die Verwirklichung des eigenen Seins.“ (S.149) Diesen Kampf, dieses Ringen nicht anzunehmen, bedeutet für den Einzelnen Schuld anzuhäufen – „Der Mensch macht sich schuldig, wenn er als ein sich selbst in seiner existentiellen Freiheit geschenktes Wesen, die Chance, sich in die Dimension der Existenz zu erheben, nicht verwirklicht. Er macht sich schuldig, wenn er das Geschenk der Existenz nicht annimmt.“ (S.173) Doch Karl Jaspers kennt nicht nur die Schuld, sich gegenüber, sondern auch die Schuld einem Anderen gegenüber: „Die existentielle Schuld dem Anderen gegenüber tritt auf, wenn die eigene Haltung unaufhaltsam zum Ausbleiben der Kommunikation führt.“ (S.176)

Im vierten Teil des Buches analysiert Magdalena Anna Wojcieszuk das Denken des französischen Philosophen und christlichen Denkers Gabriel Marcel (S.184-227) Diese Position ist ebenfalls geprägt von der Auseinandersetzung um Nähe und Distanz und der Frage nach der Wahrheit in diesem Prozess – Gabriel Marcel kennt das wahre Wesen des Denkens – „Das Denken ist dem anderen zugewandt, es ist Begierde zum anderen.“ (S.189) Diese Begierde verweist auf einen zentralen Begriff in seinem Denken – die Leiblichkeit. Diese Leiblichkeit fungiert dabei als Voraussetzung für das Einbezogensein in die Außenwelt – bei Gabriel Marcel als „Engagement“ bezeichnet. Dieses Engagement vollzieht sich aber im Göttlichen: „Marcels ganzes philosophisches Denken setzt bei der Annahme an, dass jede zwischenmenschliche Begegnung nur durch Gott und in Gott vollzogen werden kann.“ (S197-198) – Folgerichtig verweist das Du nicht auf etwas Drittes, sondern: „Das Wesen, das ich liebe, ist so wenig wie möglich ein Drittes für mich.“ (S.211) – es ist das Wir, etwas, das sich nicht gegenständlich wahrnehmen lässt. Die Liebe selbst ist für Gabriel Marcel nur als „ Hinwendung des Menschen zu Gott“ denkbar (S.213).

Im fünften Teil des Buches wird auf die Philosophie von Karl Löwith Bezug genommen (S.228-268). Ein zentraler Begriff in seinem Denken ist der Begriff der „Mitwelt“ – „Die Welt ist schon immer primär Mitwelt“ (S.230) In dieser Mitwelt verbinden sich „Mitsein“, „Miteinandersein“ oder Miteinandererleben“ (S.231) – alle drei stehen für die menschliche Art des „in-der-Welt-seins“. Damit ist für Karl Löwith der ontologische Status des Menschen bestimmt – Weil die Welt primär Mitwelt ist, ist der Mensch an die Rolle des Mitmenschen geknüpft. „Der Mitmensch ist in die erste und zweite Person teilbar, weil er ein Ich ist, das sich dem anderen als ein Du mitteilt.“ (S.240) In dieser Rolle ist der Mensch aber zur Distanz fähig – „Diese Distanzierung bedeutet das Durchbrechen der fraglosen Vorgegebenheit des eigenen Seins und des Seins der Welt und fungiert somit als Voraussetzung für jegliche Selbst- und Welterschließung.“ (S.251-252) Der Modus der Distanzierung sowie des Miteinanderseins ist die Sprachlichkeit – „Nur das Miteinandersprechen ist ein verantwortliches Sprechen.“ (S.261) Dieses Sprechen muss aber gleichzeitig auf ein Zuhören treffen, um vollzogen werden zu können – für beides trägt der Mensch Verantwortung. Im gelungenen Zusammenspiel beider Formen des Sich-Verhaltens gründet sich die Selbstachtung des Menschen.

Der folgende sechste Teil des Buches ist Emmanuel Lévinas gewidmet (S.269-298) – die Analyse seiner Philosophie wird als Gegenpol verstanden: „Lévinas‘ philosophische Gedanken bezüglich der Rolle des anderen Menschen lassen sich weder im Kontext der Dialogphilosophie des XX. Jahrhunderts betrachten noch mit einem Hauptvertreter der dialogischen Richtung, wie Martin Bubner oder Karl Japers, auf Gemeinsamkeiten untersuchen.“ (S.269). Emmanuel Lévinas ist vor allem durch seine Ideen zum „Antlitz“ des Menschen einem breiten Leserkreis bekannt geworden. „Das Seiende ist der Mensch ist zugänglich als Nächster. Als Antlitz.“ (S.274) Dieses Antlitz ist aber nichts, was sich durch physische Attribute kennzeichnen ließe – das Antlitz verweist den Betrachter sogar über das Physische des Anderen hinaus – „Die beste Art, dem Anderen zu begegnen, liegt darin nicht einmal seine Augenfarbe zu bemerken … Die Beziehung zum Antlitz kann gewiss durch die Wahrnehmung beherrscht werden, aber das, was das Spezifische des Antlitzes ausmacht, ist das, was sich nicht darauf reduzieren lässt.“ (S.277) Das von Emmanuel Lévinas gedachte Antlitz ist auch der Grund dafür, dass ein Dialog keine Symmetriebeziehung ist – etwas, was die zuvor beschriebenen Autoren verneinen würden: Der Dialog beruht auf Asymmetrie. Eine wesentliche Gemeinsamkeit zwischen den Dialogpartnern besteht darin, dass jeder eine Spur im Leben und Denken des anderen zu ziehen vermag: „In diesem Sinn ist jeder Mensch die Spur des Anderen.“ (S.294) Damit verweist Emmanuel Lévinas auf die kausale Beziehung zwischen Menschen. Sie nehmen merklichen Einfluss (Stichwort Erinnerung) auf die Verfassung des Anderen.

Der letzte Teil des Buches widmet sich der Philosophie von Jean Paul Satre, dem französischen Existenzphilosophen (S.299-339). Nachdem schon die Auseinandersetzung mit den Ideen von Emmanuel Lévinas gezeigt hat, wie sehr die Frage nach Existenz das menschliche Zusammenleben beeinflusst, ist in den Überlegungen von Jean Paul Satre der Bezug auf die Frage nach eigener Existenz noch weiter vorangetrieben. „Satre sagt, dass die organische Welt zusammen mit den vom Menschen geschaffenen Dingen und der gesellschaftlichen Realität eine gemeinsame, undifferenzierbare Einheit der fremden Existenzen bildet. Mit anderen Worten: Aufgrund ihrer materiellen Trägheit und ihrer erdrückenden Massivität werden die Natur und die Welt der Dinge vom Menschen als Einheit erlebt.“ (S.306) Der Mensch sieht sich also einer Einheit gegenüber, zu der er prinzipiell keinen Zugang haben kann und die ihm unversöhnlich gegenüber tritt. „Wohin ich auch gehe, was ich auch tue, ich verändere damit nur meine Entfernungen zum Objekt-Anderen …“ (S.307) – diese Distanz ist unhintergehbar! Damit wird auch klar, dass „Satre die Möglichkeit des Heraustretens aus meinem eigenen Sein und meines Versetzens in die fremde Welt aufgrund der ontologischen Verschiedenheit des Anderen radikal ablehnt.“ (S.319) Dieses Begegnen des eigenen Ichs mit dem fremden Anderen versteht Jean Paul Satre als Konfliktsituation – mehr noch „jede Beziehung ist eine Konfliktsituation.“ (S.331) Zwei Positionen stehen damit unversöhnlich gegenüber: „Das Für-Mich-Sein“ und das „Für-Andere-Sein“

Dialog ist nicht alles

Die Zusammenschau der philosophischen Theorien zum Dialog, wie sie von Magdalena Anna Wojcieszuk vorgelegt worden ist, lässt nur wenige Punkte offen. Zum einen fehlt eine systematische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Annehmen der Philosophen, was den Dialog ausmacht, und von welcher Art der jeweils beschriebene und konstruierte Dialog eigentlich ist. So finden sich religiös geprägte Vorstellungen (z.B. bei Ferdinand Ebner und Gabriel Marcel) fast kommentarlos neben säkularen Vorstellungen (z.B. bei Jean Paul Satre) – dabei kommt es gerade auf die Prämissen an, von denen die Philosophen ausgehen und ihre Vorstellung von Dialog beschreiben. Hinzu kommt noch, dass der kritische Blick von außen auf das Phänomen Dialog fehlt – die sprachanalytische Philosophie wird nur marginal behandelt, die ethische Perspektive (was vielleicht in den beiden Phrase am besten zum Ausdruck gebracht werden kann: „Mich wählend, wähle ich den Menschen“ und „Was für ein Mensch will ich sein“) bleibt ebenfalls blass.

Das menschliche Verhalten und menschliche Kooperation bestehen aus mehr, als dem Dialog – es wäre daher sehr gut gewesen, hätte Magdalena Anna Wojcieszuk in einem separaten Teil des Buches darauf Bezug genommen.

Die Analyse der einzelnen Autoren haftet an manchen Stellen des Buches zu sehr am Text, sprich man hat manchmal den Eindruck, dass die Autorin sich zu nahe an den Texten befunden, die sie analysiert hat (zu sehen an den Zitatenfolgen). Dadurch fehlt es ein wenig an Plastizität des Denkens – sprich: es erinnert an manchen Stellen eher an eine Kompilation als eine systematische Auseinandersetzung.

Fazit

Kommunikation und Dialogführung sind Gegenstand vieler wissenschaftlicher Diszipline – überall dort, wo Menschen miteinander zu tun haben und sie selbst oder andere sich darüber Gedanken machen, was da eigentlich passiert – was diese Kommunikation wesentlich ausmacht – findet sich ein Bezug auf die Grundlagen und Voraussetzungen von menschlichem Gedankenaustausch. Das Buch von Magdalena Anna Wojcieszuk greift das Thema Dialogphilosophie im 20. Jahrhundert auf und dieser historisch-philosophische Blick hilft die gegenwärtigen Bemühungen um eine Kommunikationstheorie besser zu verstehen. Es zeigt sich in diesem Buch aber auch, dass es nicht so einfach ist, den Grundlagen von Dialog und Kommunikation auf die Spur zu kommen – der Überblick der philosophischen Theorien des Dialogs zeigt, dass von den einzelnen Philosophen zum Teil sehr starke Annahmen darüber gemacht werden, welche Stellung der Mensch in der Welt zukommt. Die Dominanz religiöser Zugänge zeigt aber auch, dass diese Systeme nicht einfach auf nicht-religiöse Kontexte übertragbar sind – es kommt einem Eklektizismus gleich, einzelne Elemente (Versatzstücke, Zitate) herauszupicken, die ungefähr einen Gedanken ausdrücken, den man selbst verfolgt.

Magdalena Anna Wojcieszuk hat eine sehr konzise Darstellung der Dialogphilosophie gegeben, hat es aber verabsäumt, den Schritt über die behandelten Autoren hinaus zu machen – es fehlt die systematische Auseinandersetzung mit den Annahmen und Implikationen der vorgestellten Theorien, es fehlt ein kritischer (philosophischer) Blick von außen (von den nicht-dialogischen Philosophien) auf diese Ansätze. Es bleibt damit hinter dem Versprechen zurück, eine Auseinandersetzung mit der Dialogphilosophie zu sein (so auch der Untertitel des Buches.)

Die Stärken des Buches machen es aber zu einem interessanten Buchtitel für all jene, die sich für Kommunikation und den sprachliche Umgang von Menschen interessieren. Anhand des Buches ist es sicherlich möglich sein Wissen über grundlegende Fragen zum menschlichen (aber auch göttlichen) Dialog zu vertiefen – und dabei verzichtet Magdalena Anna Wojcieszuk selbst großteils auf einen philosophischen Fachjargon.

Literatur:

  • Bauman, Z. (2008). Does Ethics Have a Chance in a World of Consumers? Cambridge, MA (USA) & London (UK), Harvard University Press
  • Stemmer, P. (2008). Normativität. Eine ontologische Untersuchung. Berlin (GER) & New York, NY (USA), Walter de Gruyter

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 22.11.2010 zu: Magdalena Wojcieszuk: Der Mensch wird erst am Du zum Ich. Eine Auseinandersetzung mit der Dialogphilosophie des XX. Jahrhunderts. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-86226-012-6. Reihe: Philosophie - 34. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9869.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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