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Robert Langer: Rückentwicklung des Geistes

Cover Robert Langer: Rückentwicklung des Geistes. Reduktion der Komplexität um jeden Preis? ; eine Polemik. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. 112 Seiten. ISBN 978-3-8255-0769-5. 23,80 EUR.

Reihe: Philosophie - Band 32.
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Komplexität und Kommunikation

„One of the most salient features of our culture is that there is so much bullshit. Everyone knows this. Each of us contributes his share.” (Frankfurt 2005, 1) Komplexität ist Teil unserer menschlichen Existenz – so sehr Teil unserer Lebensform, dass es naheliegt, diesen Begriff, der im Grunde genommen nur ein formaler Begriff sein kann, gänzlich aus unserer Sprach- und Denkgewohnheit zu streichen.

Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (www.dwds.de) beschreibt Komplexität anhand folgender Adjektive – umfassend, vielfältig zusammenhängend, zusammengesetzt. Damit ist aber zugleich ausgesagt, dass es sich dabei um relationale Zuschreibungen handelt, also um keine starren Zuschreibungen im Sinne von Eigenschaften wie Farben (rot, blau, grün). Umfassend

Bezeichnend ist, dass das Referenzwerk über philosophische Begriffe und Ideen, „The Oxford Companion to Philosophy“ (Honderich 2005), ohne einen eigenen Eintrag zu Komplexität auskommt.

Der Begriff Komplexität, dieses Phänomen ist demnach keine selbstredende, selbstverständliche Kategorie, sondern eine Art Komplementärbegriff – Komplexität muss immer dem sogenannten Einfachen (Simplen) gegenüber gestellt werden können, um verständlich zu sein. Die Reduktion von Komplexität ist daher nichts, was für sich genommen eine Vereinfachung, Trivialisierung, Verplattung bedeuten würde – jede Form der Kategorisierung ist eine solche Komplexitätsreduktion (wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Komplexität sprechen möchte) – weil verschiedene Phänomene unter ein gemeinsames, theoretisch fundiertes Dach gestellt werden.

Wer also von Komplexitätsreduktion spricht, sich sogar gegen Komplexitätsreduktionen ausspricht, sollte ein sehr genaues Verständnis von Komplexität und Realität vorlegen, um überzeugend sein zu können – er müsste auch zeigen können, was mit der Komplexitätsreduktion an Gewinnen und Verlusten einhergeht. Ob das Robert Langer in seiner Schrift gelingt?

Soviel vorweg – weder Komplexität noch Komplexitätsreduktion noch das, was mit beiden Begriffen eigentlich gemeint ist, wird von Robert Langer thematisiert – kein guter Start in sein Thema!

Autor

Dr. Robert Langer ist Jurist – als Richter war er bis 2003 tätig. Er widmet sich einem großen Interessensspektrum, Themen aus den Bereichen Philosophie, Evolutionstheorie, Psychologie, Kosmologie, und arbeitet auch ehrenamtlich für eine Organisation zum Schutz von Verbrechensopfern mit. Beim Centaurus Verlag hat er bereits ein anderes Buch zur Subjektivität veröffentlicht.

Ansatzpunkte polemischer Kritik

Robert Langer versucht anhand der Diskussion von fünf Themen aus dem wissenschaftlichen Bereich zu zeigen, dass die heutige westliche Zivilisation vor ihrem Untergang steht. Dementsprechend beginn er seine Polemik mit der Feststellung, dass „Zivilisationen, die untergehen, [im Regelfall] implodieren. Die Implosion ist charakterisiert durch zunächst extrem anschwellende Komplexität, die in einem Phasenübergang in radikale Reduktion von Komplexität übergeht.“ (S.7)

Dieser behaupteten radikalen Reduktion von Komplexität macht sich Robert Langer in den folgenden Bereichen auf die Spur, die gleichzeitig ein jeweils eigenes Kapitel seines Buches darstellen:

  1. Zum Verhältnis von Genom und Umwelt (S.23-29)
  2. Das Wechselspiel von Philosophie und Wissenschaft (S.30-42)
  3. Über den Naturalismus als Idee (S.43-56)
  4. Zur Rekonstruktion des Logos (S.57-77)
  5. Die Bedeutung der Suche nach der Weltformel (S.78-106)

Die einzelnen Kapitel sind heterogen was Darstellung, Länge und Schärfe der Kritikpunkte angeht. Es fehlt leider ein struktureller Rahmen, innerhalb dessen, die Auswahl dieser Themengebiete nachvollzogen werden kann. Dementsprechend fehlt es an einem Fazit des Autors am Ende des Buches. Dagegen ist die Einleitung einigermaßen umfangreich ausgefallen (S.7-29) In ihr benennt Robert Langer „mehrere Begriffe von zentraler Bedeutung, die in unserer Zeit zueinander driften, obwohl vermutlich noch niemand genau den Zusammenhang zwischen ihnen begreift.“ (S.9)

  • „Die postmoderne Auslegung der Realität als Text“ (S.10)
  • „Das individualistische Projekt der Postmoderne“ (ibid.)
  • „Globalisierung“ (ibid.)
  • „Das postmoderne Nomadentum“ (S.12)
  • Die „Meta-Ideologie“ (S.13)

Diese Begriffe, wiewohl vom Autor mit zentraler Bedeutung versehen, tauchen aber nur in der Einleitung explizit auf, und werden selbst an dieser Stelle nicht ausführlich erläutert.

Nicht jede platte Kritik ist auch eine Polemik

Das allgemeine Verständnis von „Polemik“ legt einen wissenschaftlichen, meist publizistisch ausgetragenen Streit nahe – eine wissenschaftliche Diskussion also, die an manchen Stellen vielleicht etwas überspitzt formuliert, Positionen gegenüberstellt, um aus diesem Zusammentreffen neue Ideen gewinnen zu können, oder tradierte Ideen als nicht ganz zutreffend, vielleicht sogar irreführend, ausweisen kann.

Die sehr starke Ausgangsthese – die westliche Zivilisation drohe unterzugehen (S.7ff) – muss naturgemäß besonders stark untermauert sein, um tatsächlich ernst genommen werden zu können.

Hier ist demnach auch das Augenmerk dieser Rezension: Inwieweit gelingt es Robert Langer die wissenschaftlichen Positionen, auf die er sich in seiner Schrift konzentriert, seriös und umfassend darzustellen, um seine Kritik fundiert vortragen zu können?

Die augenscheinlichste Schwäche des Buches liegt sicherlich in der mangelnden Kenntnis der Diskussionen und der Positionen, die in der Polemik aufgegriffen und kritisiert werden.

Es ist schlichtweg unseriös über Positionen zu schreiben, von denen man nachgewiesenermaßen (Text, Literaturverzeichnis, ) wenig Ahnung, und schon gar kein Wissen hat – „Spektrum der Wissenschaft“, „Der Spiegel“, „Wikipedia“ sind sicherlich keine geeigneten Quellen, um sich ein umfassendes Bild über aktuelle Diskussionen komplexer wissenschaftlicher Themen zu machen, schon gar nicht, wenn die „Reduktion von Komplexität um jeden Preis“ angeprangert werden soll.

Als Beispiel soll die Diskussion des Naturalismus fungieren – Robert Langer diskutiert den Naturalismus auch an Hand der Position von Daniel Dennett, dem amerikanischen Philosophen. (bei Robert Langer findet sich diese Bezeichnung sogar in Anführungsstrichen) (S.43). Robert Langer bezieht eine zumindest klare Stellung zum Naturalismus – Ablehnung: „Der philosophische Materialismus oder Naturalismus, der seine Spätblüte eigentlich im Dialektischen Materialismus erlebt haben sollte, ist die einzig verbliebene, freilich als Grundtheorem von Wissenschaftlichkeit sich verlarvende Kampfideologie der Gegenwart, sieht man einmal von aggressiven Spielarten von Religionen wie dem Islamismus oder Sekten wie Scientology ab.“ (S.43) Diese Ablehnung nimmt aber eine skurrile Form an. Den Naturalismus als philosophische Position in die Nähe von religiösem Extremismus (Islamismus, Scientology) zu rücken ist realitäts- und rationalitätsfern. Eine solche Behauptung müsste – um tatsächlich ernst genommen werden zu können – eine ausführliche Begründung und Beschreibung dafür liefern können, was den Naturalismus als Position auszeichnet, was seine Grundannahmen sind, und aufgrund welcher Annahmen diese Position in Zweifel gezogen werden kann. Für Ulrich Steinvorth ist das „Das Geschäft der Vernunft“ (Steinvorth 2002, 17-119). Dieses Geschäft wird bei Robert Langer sehr schlecht geführt - Daniel Dennett hat in den vergangenen knapp 30 Jahren eine große Anzahl an Publikationen zu den Themen Bewusstsein, Evolution des Geistes, Willens- und Handlungsfreiheit vorgelegt – alle diese Themen firmieren bei ihm unter der Position des Naturalismus - unter anderem 12 Bücher, die in der philosophischen Fachdiskussion zwar kontrovers, aber durchaus sehr breit diskutiert werden.

Wer sich Daniel Dennett und damit mit seiner Position auseinandersetzt, der kann auf eine ausführliche Literatur zurückgreifen … die maßgeblichen Bücher zur Philosophie des Geistes der letzten Jahren widmen sich zum Teil ausführlich mit Dennetts Ideen – auch wenn ein Konsens nicht immer möglich ist (unterschiedliche Grundannahmen, unterschiedliche Diktionen, usw.) – vgl. dazu die Bücher von Christoph Horn et al., Jaegwon Kim, Robert Kirk oder Benjamin Libet.

Robert Langer zitiert keine einzige Arbeit von Daniel Dennett, kennt offenbar auch nicht die z.T. bereits angeführten maßgeblichen Auseinandersetzungen mit Dennetts Position und versteigt sich zu einer Aussage, die für sich selbst spricht: „Anschließend muss man noch einmal betonen, dass Daniel Dennetts schriftstellerische Tätigkeit eine unglaubliche Verflachung und Trivialisierung philosophisch sein sollenden Denkens darstellt; sie ist Ausdruck eines echten Niedergangs, einer Rückentwicklung des Geistes auf eine davor nicht gekannte Niveaulosigkeit.“ (S.50) Zu der von Robert Langer postulierten „nicht gekannte[n] Niveaulosigkeit“ bleibt nur der Rückgriff auf Johann Wolfgang von Goethe: „Das Unzulängliche, hier wird‘s Ereignis; das Unbeschreibliche, hier ist‘s getan“. Wie eine seriöse Kritik an der Position von Daniel Dennett aussieht, das findet man bei Richard Rorty vorbildhaft dargelegt (Rorty 2003 und 2004)

Anstelle eines Fazits

Selbst Polemiken müssen einem gewissen wissenschaftlichen Anspruch genügen, um mit Gewinn (Erkenntnis) und Genuss (Ideenspielerei) gelesen werden zu können. Die Leser dieser Polemik, die Robert Langer vorgelegt hat, müssen leider ohne Gewinn Genuss auskommen. An keiner Stelle des Buches entsteht der Eindruck, als hätte der Autor einen fundierten Überblick über die Themen, die er behandelt. Seine gewagte These von der implodierenden Zivilisation (S.7 ff.) kann so keine Plausibilität gewinnen – Aber: auf eine Weise gelingt ihm schon die Rückentwicklung des Geistes (so der Titel des Buches) zu demonstrieren – die Vorlage dieser Schritt dürfte der überzeugendste Beweis für diese These sein … “Bullshit is unavoidable whenever circumstances require someone to talk without knowing what he is talking about.” (Frankfurt 2005, 63)

Doch nicht nur Robert Langer muss sich den Vorwurf des Dilettantismus gefallen lassen, auch der Centaurus Verlag muss sich der Frage stellen, wie es ein solches Buch in den Handel geschafft hat …

Literatur:

  • Frankfurt, H. G. (2005). On Bullshit. Princeton, NJ (USA) & Oxford (UK), Princeton University Press
  • Honderich, T., Ed. (2005). The Oxford Companion to Philosophy. Oxford (UK) & New York, NY (USA), Oxford University Press
  • Horn, C. and G. Löhrer, Eds. (2010). Gründe und Zwecke - Texte zur aktuellen Handlungstheorie. Berlin (GER), Suhrkamp Verlag
  • Kim, J. (2006). Philosophy of Mind. Cambridge, MA (USA), Westview Press
  • Kirk, R. (2005). Zombies and Consciousness. Oxford (UK), Clarendon Press
  • Libet, B. (2004). Mind Time - The Temporal Factor in Consciousness. Cambridge, MA (USA) & London (UK), Harvard University Press
  • Rorty, R. (2003). Daniel Dennet über intrinsische Eigenschaften. der Kampf um intrinsische Eigenschaften. Wahrheit und Fortschritt. R. Rorty. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag: 144-178
  • Rorty, R. (2004 [1979]). Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Steinvorth, U. (2002). Was ist Vernunft? Eine philosophische Einführung. München (GER), Verlag C. H. Beck

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 25.08.2010 zu: Robert Langer: Rückentwicklung des Geistes. Reduktion der Komplexität um jeden Preis? ; eine Polemik. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-8255-0769-5. Reihe: Philosophie - Band 32. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/9870.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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